Tag der deutschen Einheit: Deutschland einig Jägerland?

Gilt mehr als ein viertel Jahrhundert nach der Wiedervereinigung immer noch: Typisch Wessi, typisch Ossi?


Im Sommer 2015 trat die uj-Redaktion an den Autor mit der Bitte herantrat, 25 Jahre nach der Wende etwas über noch bestehende Vorurteile diesseits und jenseits der ehemaligen Grenze zu schreiben. Nach einigen Telefonaten mit befreundeten Jägern aus Ost und West willigte dieser schließlich ein, obwohl er am Anfang nicht sehr begeistert schien.

Mittlerweile sind drei weitere Jahre vergangen, die Betrachtungen von damals lassen es jedoch sinvoll erscheinen, am Tag der Deutschen Einheit das Thema noch einmal aufzugreifen.

Praktiker vs. Katalogjäger

Die ersten Recherchen trieben mir dann doch die Schweißperlen auf die Stirn. Neben unzähligen Ossi-Witzen stieß ich auf Umfragen, die mich wirklich überraschten. So wird behauptet, dass sich 50 Prozent der Ostdeutschen als Ossis sehen würden. 70 Prozent der Westdeutschen fühlten sich jedoch nicht als Wessis, sondern als Bundesbürger. Während letztgenannte zu den Besserverdienern gehörten, müssten die Menschen in den neuen Bundesländern jeden Euro zweimal umdrehen. Wessis eile allerdings auch der Ruf voraus, spießig zu sein und immer alles besser zu wissen – Besserwessis eben! Zudem würden sie gern im Mittelpunkt stehen. Die Liste der Vorurteile ist lang. Zu lang, um hier auf alle Punkte einzugehen.

Selbstverständlich gibt es auch unter Jägern zahlreiche Vorurteile, die gern an ihrer Herkunft festgemacht werden. Um weiterzukommen, rief ich bei der Pressestelle des Deutschen Jagdverbandes in Berlin an. Pressesprecher Torsten Reinwald konnte mir bezüglich der Vorurteile zwar nicht weiterhelfen, lieferte mir jedoch ein paar interessante Zahlen. Anhand der Statistiken wurde deutlich, dass von 369 314 Jagdscheininhabern 308 592 aus dem Westen und 60 722 aus dem Osten stammen. Das Verhältnis beträgt demnach 1:5! Kein Wunder, dass im Herbst so viele Gäste in den ostdeutschen Revieren angetroffen werden. Denn die gelten nach wie vor als besonders wildreich, wenngleich die Schalenwildbestände in den vergangenen 25 Jahren zum Teil deutlich reduziert wurden.

Zudem bescheinigen die westdeutschen Jäger den Weidgenossen zwischen Oberwiesenthal und Kap Arkona, über besonders viel Jagdverstand zu verfügen. Und das will was heißen. Begründet wird das damit, dass ihnen im Arbeiter- und Bauern-Staat oft nur Flinten zur Verfügung standen. Wer mit dem Brenneke Weidmannsheil haben wollte, musste vor allem eins – nah ans Wild heran. Und das gelang nur, weil das Verhalten von Reh oder Schwarzkittel ganz genau studiert wurde. Das nächtliche Angehen einer im Gebräch stehenden Schwarzwildrotte wurde in den ostelbischen Gefilden daher von der Pike auf gelernt. Hinzu kommt, dass diese Jäger sicherer beim Ansprechen des Wildes waren. Fehlabschüsse waren in der DDR kaum zu verheimlichen und wurden streng bestraft.

Viele Jäger im Osten glauben hingegen, dass Jäger aus den alten Bundesländern eher auf ihre Ausrüstung Wert legen. Hinter vorgehaltener Hand werden solche Jagdgäste gern als Frankoniajäger bezeichnet, weil sie wie Models durch den Wald stiefeln würden.

Wie groß die Unterschiede bezüglich der jagdlichen Kompetenz sind, vermag ich nicht zu beurteilen, obwohl ich in vielen Revieren gejagt habe. Anhand der Bekleidung auf die Herkunft zu schließen, gelingt mir auch schon lange nicht mehr. Feiner Loden, Funktionsbekleidung und Tarnanzüge in Blaze-Orange haben „Ein-Strich-kein-Strich“ längst abgelöst. Und eine Doppelflinte mit Ziel 4 von Carl Zeiss Jena habe ich schon ewig nicht mehr gesehen. Der Jäger von Welt führt heute moderne Präzisionsbüchsen mit Premiumoptik – in Ost und West!

Reiche Wessis, arme Ossis

Goldener Osten: Die Reviere in den neuen Bundesländern gelten bei westdeutschen Jägern als ausgesprochen wildreich.


Kein reines Vorurteil, weil statistisch belegt ist, dass die Menschen im Osten deutlich weniger verdienen als ihre Kollegen im Westen. Während sich Angestellte in Sachsen beispielsweise im Durchschnitt mit 16 Euro Stundenlohn begnügen müssen, verdienen ihre Kollegen in Hessen oder Baden-Württemberg knapp 23 Euro pro Stunde. Nicht berücksichtigt wird dabei jedoch, dass die Lebenshaltungskosten in Städten wie Leipzig niedriger sind als in Frankfurt oder Stuttgart.

Ein leidiges Thema ist auch das „Wegpachten von Jagdrevieren“. In diesem Punkt gilt vielen leidgeprüften Jagdfreunden im Osten meine Solidarität. Wie es sich anfühlt, wenn Fremde die Reviere vor den Nasen der ortsansässigen Jäger wegpachten, können immer mehr Jäger im Westen nachvollziehen, die das Bietergefecht gegen finanzstarke Holländer verloren haben. Leider regiert in manchen Regionen auch bei der Jagd das Geld die Welt.

Ein weiteres Vorurteil ist, dass die Jagd im Osten nichts kostet – Reviere sozusagen für einen Apfel und ein Ei zu haben sind. Auch wenn es hier und da noch Reviere für 1,50 Euro pro Hektar gibt – die werden übrigens fast ausschließlich an ortsansässige Jäger verpachtet –, sind die Preise in den vergangenen Jahren auch in Ostdeutschland gestiegen. Rotwildgebiete bekommt der Jäger auch in Brandenburg nicht geschenkt. Ostdeutsche Jäger glauben hingegen, dass die Reviere in den alten Bundesländern klein und unerschwinglich seien. Auch das ist ein Trugschluss. Natürlich gibt es Reviere, für die über 50 Euro pro Hektar gezahlt werden. Es gibt jedoch auch Pächter, die gerade einmal 2,50 Euro pro Hektar bezahlen.

Goldener Osten und leerer Westen?

Dass es im Osten vornehmlich wildreiche Paradiese, dagegen im Westen weitgehend leergeschossene Reviere gäbe, ist – wie bereits erwähnt – ein in ost- und westelbischen Gefilden gleichermaßen weitverbreiteter Irrglaube. Ein Blick in die Streckenlisten zeigt, dass beispielsweise die meisten Schwarzkittel in Rheinland-Pfalz und die meisten Rehe in Bayern erlegt werden. Beim Niederwild (Hase, Taube, Ente und Fasan) hat der Westen sogar deutlich die Nase vorn. Richtig ist allerdings, dass die neuen Bundesländer nicht selten die stärkeren Trophäen vorzuweisen haben. Während meiner Recherchen zu den stärksten Keilern Deutschlands („Keilerjagd“; Verlag Neumann-Neudamm) wurde beispielsweise deutlich, dass in den vergangenen 60 Jahren die meisten hochkapitalen Goldmedaillen-Bassen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt erlegt wurden. Ähnlich sieht es bei den Rehböcken und den Muffelwiddern aus. So stammen sieben der zehn stärksten Widder aus Sachsen! Beim Dam- und Rotwild hat allerdings der Westen wieder den Windfang vorn.

Ich habe jedoch auch festgestellt, dass es in den neuen Bundesländern nicht nur den „Reichen“ möglich ist, starke Trophäenträger zu erlegen. Viele kapitale Rothirsche wurden in den vergangenen 25 Jahren von ganz normalen, bodenständigen Jägern erlegt.

Kammer- und Blattschuss

Forstmann Harald Griesbach (1948-2015) war von 1987 bis 2012 Leiter der Oberförsterei Beeskow und Leiter der Arbeitsgruppe Schalenwild im Vorstand der Beeskower Hegegemeinschaft. Harald war nicht nur in forstlichen Fragen beschlagen. Wildbewirtschaftung, Weidgerechtigkeit und Brauchtumspflege waren ihm ebenso wichtig. Ein Vollblutjäger durch und durch. Als wir einmal zusammen auf einen reifen Rothirsch ansaßen, sagte er zu mir: „Wenn der Hirsch kommt, dann mache bitte keinen ‚Wessi-Schuss‘!“. Mit der Kugel hinterm Blatt würde der Recke vielleicht im Moor verschwinden. Sein Rat: „Schieß aufs Getriebe, dann liegt er auch.“ Ich hatte zuvor noch nie etwas vom „Wessi-Schuss“ gehört. Da der Forstmann sehr viele Jagdgäste geführt hatte, glaubte ich ihm, dass es regionale Unterschiede bezüglich des Haltepunktes gibt.

Was mir und anderen Jägern außerdem noch aufgefallen ist, dass immer noch viele ostdeutsche Jäger bei Wild über 40 Kilogramm die Blätter lüften – im Westen macht das kaum einer. Alles nur Vorurteile oder gut beobachtet? Entscheiden Sie selbst!


Dr. rer. nat. Wolfgang Schulte Dr. Schulte ist promovierter Biologe. Er begann seine berufliche Laufbahn im Forstbereich und war viele Jahre in Bonn auf Bundesebene tätig. Thematische Schwerpunkte bilden die uJ-Rubriken Jagdpraxis und Jagdkultur.
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