Schießen oder schonen?

<b>Eine Verletzung am linken Licht: Während der nächsten Brunft wird der Damhirsch ziemlich beeinträchtigt sein. </b>


Laut Definition nach Haseder und Stiglwagner (1984) in Knaurs Großem Jagdlexikon ist ein ­Hegeabschuss „Der Abschuss alles kranken, schwachen, verletzten und überalten Wildes, das sich nicht vermehren soll“ – die sogenannte „Hege mit der Büchse“. Diese relativ allgemeine Beschreibung wirft allerdings Schwierigkeiten in der Interpretation der Ausdrücke „krank, schwach oder verletzt“ auf und mischt sich für heutige Begriffe zu sehr in die Erbbiologie ein. Mittlerweile weiß man jedoch, dass das äußere Erscheinungsbild bei Weitem nicht sämtliche Erbinformationen widerspiegelt und jahrzehntelange „Wahlabschüsse“ längst nicht die in sie gesetzten Erfüllungen bewirkten.

Schwerkranker Keiler: Der Abschuss muss erfolgen, die Räude hat voll zugeschlagen.


Der alte Begriff „Hegeabschuss“, der zwar oft verwendet, aber selten definiert wird, wirft zudem in der Jagdpraxis immer wieder Unsicherheiten auf und gibt vereinzelt sogar Stoff für Strafverfahren – man denke hier z.B. an Abschüsse von (vermeintlich) kranken Hirschen über den festgesetzten Abschussplan hinaus. Sind solche Stücke nicht offenkundig krank, kommt es oft zu Diskussionen, ob das scheinbare „Leiden“ nicht als Abschussmöglichkeit genutzt wurde.

Offene Unterschenkelfraktur bei einem Stück Rotwild: Keine Frage – ein eindeutiger Hegeabschuss!


Aufgrund mehrerer Anlassfälle wurde ein Hegeabschuss vom Autor (Deutz, 1999) als „Abschuss von Stücken, die deutlich kümmern, erhebliche Verletzungen oder Krankheitserscheinungen zeigen, sodass ein Verenden zu befürchten ist bzw. hochgradige Schmerzen vorliegen; weiters mutterloses Jungwild im ersten Lebensjahr bis zum Ende der gesetzlichen Schusszeiten“ ­definiert.

Nicht alle Krankheiten sind Abschussgrund

Ein verfangenes Seil im Geweih ist nicht akut lebensbedrohend. Bleibt der Hirsch damit jedoch hängen, kann er elend verenden.


Unabhängig von der oft missverständlich aufgefassten Bezeichnung „Hegeabschuss“, wo in Diskussionen häufig der Wunsch nach einer Umbenennung in „Krankabschuss“ (Schwierigkeiten: beispielsweise ist mutterloses Jungwild nicht „krank“, bereits geringer Wurmbefall ist aber eine „Krankheit“) laut wird, erlaubt hier eine gewisse Differenzierung (deutlich, erheblich, befürchtetes Verenden, hochgradige Schmerzen) sowie die nachfolgende Aufzählung eine nähere Einschränkung dieser auch aus dem Tierschutzaspekt notwendigen Abschüsse. Jedenfalls muss natürlich auch klar sein, dass ein Hegeabschussgrund bereits vom Schützen am lebendem Stück im Zuge des ­Ansprechens deutlich erkannt wurde und nicht erst nach dem Herantreten an das Stück oder sogar erst beim späteren Aufbrechen.

Gamsblindheit ist nur in hochgradigen Stadien ein Abschussgrund, in leichten Fällen ist die Selbstheilungsrate hoch.


Durchfall ist beispielsweise nur bei gleichzeitiger deutlicher Abmagerung ein Hegeabschussgrund, denn kurzfristiger Durchfall tritt im Frühjahr oder am Nachaufwuchs im Herbst auch durch die junge, rohfaserarme und relativ eiweißreiche Wiesenäsung auf. Bei Durchfall und gleichzeitiger Abmagerung muss jedoch an einen hochgradigen Parasitenbefall oder an eine Infektionskrankheit (z.B. Paratuberkulose oder Tuberkulose) gedacht werden.
Mit der Festlegung im Kasten (unten) sollte es möglich sein, sogenannte Hegeabschüsse – für die im Übrigen durchaus nach einer treffenderen Bezeichnung gesucht werden kann – möglichst exakt einzuschränken und dadurch zukünftig den einen oder anderen nicht gerechtfertigten Abschuss zu verhindern.

Leistenbruch bei einer Rehgeiß: Eine sehr schmerzhafte Erkrankung. Die Erlegung ist ein klarer Hegeabschuss.


Neben eindeutigen Hegeabschuss­gründen gibt es immer wieder eine Reihe von Fällen, die zu Diskussionen um die „Abschussnotwendigkeit“ führen. Beispiele dafür sind etwa Hirsche oder Gamsböcke, die (meist im Brunftkampf) ein Licht verloren haben und wo die Verletzung schon wieder abgeheilt ist. Spätestens in der nächsten Brunft sind diese Stücke jedoch stark behindert und unterliegen einem höheren Verletzungsrisiko. Ein weiteres Beispiel sind Hirsche mit Zaunteilen im Geweih, die beim Geweihabwurf wieder mit verloren gehen würden. Zwischenzeitig könnte der Hirsch aber mit diesen Drähten oder Seilen hängen bleiben und verludern. Ein nächstes Beispiel ­betrifft einen Hirsch mit einer Unterkieferverkürzung. Falls der Hirsch nicht abgekommen ist, bestünde kein Grund für einen Hegeabschuss.

Ein bösartiger Knochentumor am Lauf eines Rehbocks: Hier ist ganz klar – das Stück muss erlöst werden.


Fazit: Unterm Strich muss immer der Jäger im Revier die Einzelfall-Entscheidung ­treffen, ob ein Stück als „Hegeabschuss“ entnommen werden muss oder nicht. Dabei spielen unter anderem die individuellen ­Erfahrungswerte, aber natürlich auch die Ausbildung eine entscheidende Rolle.