Auf Rebhuhn mit dem Falken

Kurz vor dem Abreiten orientiert sich der Beizvogel auf der Faust des Falkners.


Wenngleich der Jäger an sich schon sehr speziell ist, sind Tom und Willi besonders „schräge Vögel“ dieser Gattung. Sie haben seit vielen Jahren ihre jagdliche Nische im Abtragen, der Jagd und auch der Zucht des Wanderfalken und anderer Greifvögel gefunden und sich dieser Thematik verschrieben – und sie beherrschen ihr Metier in Perfektion! Aber als wenn das alleine nicht schon mehr als zeitaufwendig ist, führt Willi neben Deutsch Kurzhaar Vorstehhunden auch die englische Setterhündin Emma (Daisy vom Falkemoat). Es ist nicht nur verblüffend, dass sie in dem eingespielten Team nahezu wortlos „funktioniert“ und sich in den Weiten eines typischen Stadtrandreviers mit ungezäunter Autobahn, ICE Trasse, einem dichten Straßennetz zwischen unzähligen Spaziergängern, Traktoren und Hochspannungsleitungen selbstsicher und gehorsam bewegt, sondern zudem eine Kondition an den Tag legt, die ihresgleichen sucht.

Traumhafte Feldmanieren

English-Setter-Hündin „Emma“ begeistert mit ihrer flotten und raumgreifenden Suche.


Während Falkner und Korona auf dem Wirtschaftsweg warten, „fliegt“ die hübsche Engländerin nur so über die Feldflur, wirft sich in vollem Lauf plötzlich herum, korrigiert sich und steht schließlich bombenfest vor. Und dies in einer Entfernung von mehreren hundert Metern zu ihrem Herrn! Minutenlang erstarrt die Feldspezialistin in ihrer typischen Vorstehhaltung, zieht wie ein Gepard in geduckter Haltung nach und erstarrt erneut, wenn sie Witterung von den in der niedrigen Deckung liegenden Rebhühnern bekommt. Mit bayerischer Gemütlichkeit gehen die Falkner den vorstehenden Hund an, prüfen den Wind und besprechen sich. Eile scheint hier ein Fremdwort zu sein. Sobald sie sich sicher sind, am vorstehenden Hund zu erkennen, dass er Hühner vor sich hat, nimmt Tom seinem jungen Wanderfalken, den übrigens Willi erst in diesem Jahr gezüchtet hat, die Falkenhaube ab. Außerhalb der eigentlichen Jagd wird der Falke am Jagdtag verkappt auf der Faust getragen, damit er ruhig bleibt und nicht durch viele optische Reize irritiert und gestresst wird. Zur Sicherheit ist der Falke mit einem GPS-Sender ausgerüstet, damit ihn der Falkner rasch wiederfinden kann, sollte er sich einmal verstoßen.

Falkner und Wanderfalkenterzel. Ein eingespieltes Team. © Matthias Meyer

Falkner und Wanderfalkenterzel. Ein eingespieltes Team.

Eingespieltes Team

Tom und Willi fliegen ihre Falken als Anwarter, die nach einer kurzen Orientierung von der Faust abstreichen und sich dann mit kraftvollen Schwingenschlägen in die Höhe schrauben. Der Anwarterfalke ist darauf trainiert, in einer Höhe von 100 bis 200 Metern über dem Falkner zu kreisen und abzuwarten, bis dieser mit seinem Hund das Wild unter ihm hochmacht. Der junge Wanderfalke bekommt gleich bei den ersten Kreisen Gesellschaft von einem kleineren Verwandten, dem Turmfalken, der sein Jagdrevier zu verteidigen sucht.

Manchmal passiert es, dass Beizvögel von wilden Greifvögeln belästigt werden. Oft sind es Revieransprüche, hin und wieder aber auch die Absicht, dem Beizvogel seine vermeintliche Beute abzujagen, denn die wilde Verwandtschaft hält das Geschüh, die Lederfesseln an den Fängen des Beizvogels, immer wieder für dessen Beute.

Einspringen auf Kommando

Steht der Wanderfalke über dem vorstehenden Hund, gibt der Falkner seinem Hund den Befehl, die Hühner zu heben.


Nach kurzer Zeit hat sich der Vogel in rund 150 Meter Höhe geschraubt und steht nun direkt über dem Falknerduo. Als Willi Emma das Kommando zum Einspringen gibt, wirft sie eine kleine Kette von fünf Hühnern aus dem Raps, die in Bodennähe pfeilschnell zum Konturenflug ansetzen. Selbst hervorragende Flintenschützen hätten hier richtig zu tun, wollten sie treffen! Der Falke greift sofort an und schießt mit angelegten Schwingen kerzengerade in Richtung Boden, um so bis zu einer Geschwindigkeit von nahezu 200 km/h zu beschleunigen bis er fast auf den Erdboden schlägt. Erst kurz zuvor öffnet er die Schwingen halb und fliegt mit unverminderter Geschwindigkeit und ganzem Schwung in die Flugbahn des zuvor ausgewählten und verfolgten Rebhuhns, bindet es sicher und trägt es zu Boden. Überglücklich lässt sich Tom neben seinem Schützling nieder und lässt ihn in aller Ruhe seine bereits abgenickte Beute rupfen. Es ist schon eine stramme Leistung, denn er hat mit dem diesjährigen Jungfalken in dessen ersten Beizsaison stolze fünf wilde Rebhühner erfolgreich gebeizt!

Als nächstes setzt Willi seinen dreijährigen Wanderfalkenterzel ein, nachdem diesmal seine alte DK Hündin „Wera von der Reiterstadt“ Hühner fest im höheren Raps vorsteht. Der erfahrene Terzel schraubt sich in wenigen Schleifen hoch in den blauen Himmel und ist nur noch schwer als winziger Punkt auszumachen. Willi gibt mir noch den Tipp, beim Fotografieren nur auf den Falken zu achten. In Zusammenarbeit mit der braven Vorstehhündin hebt Willi das Wild. Eine gute Kette Hühner von knapp zehn Stück purrt wie eben mit etwa 30 Zentimeter Abstand zum Boden pfeilschnell in Richtung Hecke und Aussiedlerhof. Der Falke sieht das abstreichende Federwild aus der Anwarte heraus und schießt im Steilstoß senkrecht zu Boden, so dass das harsche Pfeifen des Gefieders zu hören ist.

Nach einem rasanten Jagdflug kann der Terzel seine Beute am Rand einer Hecke binden. © Matthias Meyer

Nach einem rasanten Jagdflug kann der Terzel seine Beute am Rand einer Hecke binden.

Falken töten ihre Beute mit einem Nackenbiss

Es ist absolut unmöglich, diesen rasanten Jagdflug mit dem Fotoapparat zu erfassen, denn schon beim ersten Ansatz ist der Falke aus dem Sucher verschwunden! Bis zur Hecke haben wir ihn noch im Sturzflug gesehen. Garten, Hofstelle und die im rechten Winkel gestellten Maschinenhallen versperren aber den Blick. Wo ist der Falke? Als ein abseits stehender Betrachter berichtet, er habe den Falken einen Looping fliegen sehen, hellt sich Willis Miene zu einem Lachen auf, denn er weiß, dass sein Terzel diesen nur dann fliegt, wenn er zuvor ein Huhn mit den kraftvollen „Händen“ touchiert und damit zu Boden geschlagen hat. Diese harte Berührung ist für das Beutetier ein derart heftiger Impuls, dass es außer Gefecht gesetzt ist, und der Falke die Beute am Boden binden kann.

Selbst die reichhaltige Deckung und enge Verbauung nützt dem Huhn nichts. Als wir um den Hofgarten herumgehen, sehen wir den Falken mantelnd am Rand der dichten Hecke auf seiner Beute sitzen. Der Rebhahn ist bereits durch einen Nackenbiss des Wanderfalken verendet. Falken sind Bisstöter und töten ihre Beute durch einen gezielten Nackenbiss. Dabei werden mithilfe des Falkenzahns die Halswirbel durchtrennt und die Beute verendet schlagartig.

Harmonisches Zusammenspiel von Falke, Hund und Jäger

Kleine aber feine Tagesstrecke: Zwei Rebhühner wurden vom eingespielten Beizjagd-Quartett erbeutet.


Greifvögel apportieren ihre Beute nicht. Willi nähert sich deshalb ruhig und vorsichtig seinem Beizvogel, bietet ihm das frische Wildbret einer Taube als Ersatz an und lässt ihn sich auf der Faust satt atzen. Der herrliche Rebhahn wird am Sonntag von Willi verzehrt werden und bei jedem Bissen dieser Delikatesse wird er an die tollkühnen Jagdflüge seines Wanderfalken in der letzten Saison zurückdenken dürfen.Die Anwarterfalknerei, das harmonisch aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Falke, Hund und Jäger ist die schönste, aber gleichzeitig wohl auch anspruchvollste Form der Beizjagd überhaupt! Wir haben sie hier heute vom allerfeinsten dargeboten bekommen vielen Dank an alle Beteiligten. Falknersheil!


Wildmeister Matthias Meyer Als Berufsjäger leitet er den Jagdbetrieb in der Fürst zu Oettingen-Spielberg’schen Forstverwaltung in Oettingen/ Bayern. Er ist außerdem erfahrener Schweißhundeführer und langjähriger PIRSCH-Autor.
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