Pirsch im Schnee: Sauen im Kessel angehen

Im lichten Kiefernaltholz hatte sich der Überläufer auf einer leichten Erhöhung ein sonniges Plätzchen gesucht. Der Kessel ist noch warm. © FS
Im lichten Kiefernaltholz hatte sich der Überläufer auf einer leichten Erhöhung ein sonniges Plätzchen gesucht. Der Kessel ist noch warm. © FS

Im lichten Kiefernaltholz hatte sich der Überläufer auf einer leichten Erhöhung ein sonniges Plätzchen gesucht. Der Kessel ist noch warm.

Als ich abends aus dem Fenster schaue, fallen endlich die ersten Flocken. Bislang war Frau Holle ja eher zurückhaltend. Mehr als einen Zuckerguss hat sie uns noch nicht gegönnt – zu wenig, um eine spannende Jagdart in die Tat umzusetzen: Sauen im Kessel angehen. Schnell greife ich zum Hörer und rufe Förster Lutz Hamann an, mit dessen Hilfe ich den Sauen auf die Schwarte rücken möchte. Er weiß, wo in seinem Revier mit Erfolg zu rechnen ist.

Am nächsten Morgen sind wir vor Ort und entwerfen einen Schlachtplan. „Die zweite Nachthälfte war trocken, sodass die frischen Fährten nicht zugeschneit sind. Im pappigen Schnee stehen sie gut“, sagt Landesförster Hamann und zeigt auf eine frische Fuchsspur neben dem Auto. „Bei Pulverschnee ist das Beurteilen der Fährte schwerer, da die Trittsiegel viel undeutlicher sind“, ergänzt der passionierte Saujäger und mahnt zur Eile. „Wir müssen uns jetzt aber ranhalten. Bald wird es tauen. Dann sind alte und neue Fährten nicht mehr zu unterscheiden, weil sich die Konturen auflösen“. Schon sitzen wir im Auto, rollen im Schritttempo über verschneite Waldwege und fährten ab. Mit dieser Methode lässt sich in kurzer Zeit ein relativ großes Areal abspüren.

Dank Schneehemd und schussbereiter Büchse ist Förster Hamann gut gerüstet. © FS

Dank Schneehemd und schussbereiter Büchse ist Förster Hamann gut gerüstet.

Die Schorfheide: Kiefern, Schnee und Brombeeren

Das Revier in der Schorfheide eignet sich perfekt, um Saufährten auszugehen. Der an diesem Morgen sonnendurchflutete Kiefernhochwald gewährt uns weiten Einblick. Große Dickungen, in denen die Schwarzkittel vor dem angehenden Einzeljäger sicher sind, finden sich kaum.

„Wo sollen hier Sauen stecken?“, würde sich mancher Jäger fragen. Doch hier und da bieten kleine Brombeerverhaue Deckung, in denen sich die Borstenträger einschieben. „Gerne kesseln sich Sauen auf kleinen Hügeln ein. Da haben sie einen guten Überblick und finden auf den Erhebungen in der Regel ein sonniges Plätzchen“, erklärt mir mein Begleiter.

Am Rande einer kleinen Wiese kreuzt eine einzelne Fährte den Waldweg. Förster Hamann hält erneut an und öffnet die Fahrertür. „Aha, das sieht gut aus“, sagt der 50-Jährige und lenkt seinen Wagen an den Wegrand. Der Motor verstummt. Wir steigen aus. Der Schnee knarzt unter unseren Schuhsohlen. Wir atmen tief ein und genießen die schneeerfüllte Luft.

Nach kurzem Innehalten sind wir wieder bei der Sache und inspizieren die Trittsiegel, die wie genagelt im nassen Schnee stehen. Kleine Laubpartikel liegen wie vor einem Augenblick hingestreut auf der dünnen Schneedecke. „Die Fährte ist taufrisch und stammt von einem Überläufer. Etwa 40 Kilogramm. Der könnte passen“, resümiert der Fährtenleser. „Der Wind ist auch gut", fügt er entschlossen hinzu.

Im Gänsemarsch folgen wir der Überläuferfährte in den Kiefernhochwald. Sie lässt sich in dem offenen Gelände gut halten, doch es beginnt bereits leicht zu tauen. Hier und da ist der Schnee schon lückig. Ein wenig kniffelig wird es allerdings, wenn sich unsere Fährte mit anderen kreuzt. Dann geht es mit tiefer Nase zunächst nur langsam voran, bis wir in Schweißhundemanier den Abgang finden. Der weiße Leithund macht‘s möglich.

Lichte Kiefernalthölzer mit Brombeerunterwuchs sind bei gutem Wetter aufgrund der wärmenden Sonnenstrahlen beliebte Tageseinstände. © FS

Lichte Kiefernalthölzer mit Brombeerunterwuchs sind bei gutem Wetter aufgrund der wärmenden Sonnenstrahlen beliebte Tageseinstände.

Überläufer im Anblick

Während der Jäger die Fährte im Auge behält, sucht sein geschulter Blick den weiteren Verlauf bereits nach möglichen Einständen ab. Plötzlich bleibt der Brandenburger stehen und deutet auf einen kleinen Brombeerverhau etwa 80 Schritt vor uns. „Auf den Blättern liegt an einer Stelle kein Schnee mehr. Da könnte sich Wild eingeschoben haben“, erklärt er mir flüsternd. Mir wäre der Unterschied gar nicht aufgefallen, doch jetzt bemerke auch ich die dunkle Stelle. Alle paar Meter verhoffen wir und versuchen, das Stück im lückigen Verhau auszumachen. Mein Vordermann hält den alten Stutzen im jagdeichen Voranschlag.

Sauen brechen gerne vor dem Einschieben

Eine Bewegung lässt uns zusammenfahren. Falscher Alarm, eine Meise sucht das Weite. Schließlich haben wir die Stelle erreicht, an der die Fährte in die Brombeeren eintaucht. Zu sehen ist nach wie vor nichts. Also umschlagen wir vorsichtig das Gestrüpp und müssen feststellen, dass die Sau durchgewechselt ist. „Weit kann sie nicht mehr sein. Sie sucht schon nach einem geeigneten Lagerplatz“, flüstert mit der Förster zu. Behutsam folgen wir weiter der Fährte, doch schon nach etwa 200 Metern stoppt mein Führer erneut.

„Sehen Sie das Gebräch da vorne?“, fragt er und zeigt auf einige dunkle Stellen am Boden. Ich mache einen langen Hals, um besser sehen zu können, und nicke schließlich eifrig. „Bevor sich Sauen einschieben, stupsen sie gerne noch mal hier und da. Jetzt ist Vorsicht geboten!“ sagt er und pirscht weiter. Von den Kiefern fällt zusehends getauter Schnee herunter. Die Fährte ist immer schwerer zu halten. Die Temperatur ist mittlerweile deutlich über den Gefrierpunkt geklettert.

Nach nur 200 Metern Fährtenarbeit bricht der Überlaufer plötzlich hochflüchtig weg. © FS

Nach nur 200 Metern Fährtenarbeit bricht der Überlaufer plötzlich hochflüchtig weg.

Eine Bewegung vor uns reißt mich aus den Gedanken. Adrenalin schießt durch meinen Körper. Der alte Mannlicher-­Stutzen fliegt an Hamanns Wange. Hochflüchtig bricht der Überläufer-Keiler halbspitz vor uns weg. In Nu verschwindet er hinter einer Kiefer. Dann ist er weg.

„Ich hab ihn zu spät gesehen und war dann nicht richtig drauf“, erklärt der Förster zähneknirschend. „Ich habe es schon oft erlebt, dass die Sauen vor mir hoch werden und erst mal unschlüssig verhoffen. Dann hat man meistens die Chance, einen sicheren Schuss loszuwerden. Das war heute leider nicht der Fall. Jetzt schauen wir erstmal, wo er gelegen hat“, sagt der Sauenjäger und stapft los.

Auf einem kleinen, sonnigen Hügel etwa 40 Meter links von uns finden wir den warmen Kessel. Mit dem Gebrech hatte die Wutz den Schnee weggeschoben und sich dort häuslich eingerichtet. „Wahrscheinlich hat sie uns von hier oben früh kommen sehen“, sagt der Forstmann. Schweren Herzens beschließen wir, die Jagd für heute abzubrechen. Es ist unmöglich, eine weitere Fährte im Schneematsch auszugehen. Die Bedingungen passen einfach nicht mehr. Uns bleibt nur zu hoffen, dass die nächste Neue nicht all zulange auf sich warten lässt. Mit leeren Händen aber frohem Herzen treten wir schweigend den Rückweg zum Auto an.


Florian Standke Redakteur bei unsere Jagd seit 2012, Diplom Sportwissenschaftler, Jagdschein seit dem Jahr 2000, Angelscheininhaber, Führer eines Kleinen Münsterländers („Jasko“), Pächter eines Hochwildreviers.
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