Pfui Spinne! – Rehe jagen im Juni

Angesprochen: Ob Schmalreh oder junge Ricke ist aus diesem Blickwinkel kaum zu sagen.


Ein Blick zwischen die Läufe, und man weiß sofort Bescheid“, hatte der Pächter des kleinen Rehwildrevieres seinen zögerlichen Mitjägern gesagt und betont, dass Schmalreh und Ricke gar nicht zu verwechseln sind. Nicht im Mai und auch nicht im Juni. Die Spinne eines führenden Stückes sei schließlich nicht zu übersehen. Zudem habe jeder vernünftige Jäger so etwas wie Habitusgefühl. Bereits am folgenden Abend hing sein „Schmalreh“ in der Kühlung – gut 17 Kilogramm schwer, trotz abgeschärfter Spinne und heruntergekauter Backenzähne. Da hatte dem Fachmann sein „Habitusgefühl“ einen gehörigen Streich gespielt. Er hatte eine Ricke erlegt und die Kitze dem Siechtum preisgegeben.

Natürlich ist er nicht der Erste, der ein führendes Stück erlegt. Und er wird auch nicht der Letzte sein. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang allerdings die Frage: War es wirklich nötig, Mitte Juni weibliches Rehwild zu erlegen? Bundesländer wie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (Jagdzeit: 1.5.–31.5. und 1.9.–31.1.) verneinen dies. Denn sie wissen um die Gefahren des falschen Ansprechens und nehmen den Jägern sozusagen die Entscheidung aus der Hand.

Auch Hamburg weicht vom Bundesjagdgesetz (1.5.–31.1.) ab und räumt den Schmalrehen vom 16. Juni bis 31. August eine Schonzeit ein. In diesen Ländern wäre daher kein Jäger auf die Idee gekommen, das Stück zu erlegen. In Bremen und in Schleswig-Holstein sind die "Schmalen" im Juni ebenfalls "zu". In den neuen Bundesländern, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland überlässt es der Gesetzgeber den Jägern, zu entscheiden, ob sie im Juni Schmalrehe erlegen. Einige machen davon Gebrauch, andere lehnen es kategorisch ab.

Blick zwischen die Läufe

Hier ist die Sache klar: Die pralle Spinne verrät die führende Ricke.


Warum kommt es trotzdem immer wieder zu solch verhängnisvollen Fehlabschüssen? Mitte Juni haben – von wenigen Ausnahmen abgesehen – alle Ricken gesetzt und ziehen mit eingefallenen Flanken durchs Revier. Dieses Merkmal bildet sich jedoch relativ schnell zurück. Sicherer ist da der Blick auf die Spinne. Am besten erkennt man diese spitz von hinten. Putzt sich das Reh mit dem Hinterlauf, bleiben auch beim breit stehenden Stück kaum Fragen offen.

Kann ja gar nicht schiefgehen, möchte man meinen. Diese Einstellung wird jedoch schnell bestraft. Das Problem: Einjährige Ricken wirken aufgrund ihrer schlanken Statur manchmal wie Schmalrehe. Sitzt der Finger allzu locker, beispielsweise weil „unbedingt“ der Abschussplan erfüllt werden muss, ist das Unglück passiert. Auch hohe Vegetation (Wiese oder Naturverjüngung) und schlechtes Licht lassen kein sauberes Ansprechen zu. Das Stück sollte zudem nicht zu weit entfernt sein. Denn auf über 100 Meter übersieht man schnell ein paar entscheidende Details.

Vor Jahren wäre ein guter Freund auch fast in die Schmalrehfalle getappt. Beim Ansitz zog damals eine Ricke auf den Wildacker. Ein schwächeres Stück folgte ihr dabei. Da die Wildackermischung nicht allzu hoch war und er von hinten zwischen die Keulen schauen konnte, sprach er das erste Stück zweifelsfrei als Ricke an. Das zweite musste das Schmalreh sein. Seiner Sache sicher, konzentrierte er sich auf das schwächere, bereits völlig verfärbte Stück. Es konnte nur ein junges Stück sein. Denn während Schmalrehe bereits Anfang Mai verfärben, schimmern bei Ricken oft erst nach dem Setzen die ersten roten Stellen.

Kein unnötiges Risiko eingehen!

Führende Ricke oder Schmalreh? Im Zweifel muss der Finger gerade bleiben.


An einen Schuss war vorerst nicht zu denken, denn das Reh zog spitz von ihm weg. Zum Glück, denn als es endlich an der Waldkante verhoffte und sein Blatt präsentierte, wurde im Gras ein Kitz hoch und begann sofort zu saugen! Die Spinne der führenden Ricke sei weder vor noch nach dem Säugen zu sehen gewesen, versicherte der erfahrene Rehwildjäger.

Wer regelmäßig weibliches Rehwild beobachtet, wird bestätigen, dass sich die Größe der Spinne nicht nur von Mai bis November ändert, sondern dass es auch individuell große Unterschiede geben kann. Während die Spinne der einen Ricke zum Teil nach hinten über die Keulen hinaussteht, ist sie beim nächsten Stück nur mit Mühe zu erkennen – unabhängig davon, wie viele Kitze das Stück führt oder wie alt es ist.

Natürlich sind Schmalrehe, die weniger als zehn Kilogramm wiegen, leicht als solche zu erkennen. Und nichts spricht dagegen, sie zu erlegen. Beim leisesten Zweifel muss der Finger jedoch gerade bleiben! Das Jagdjahr ist lang genug, den Abschussplan zu erfüllen. Am einfachsten verhindern Rehwildjäger Fehlabschüsse, indem sie im Herbst (September) rechtzeitig mit der Kitzbejagung beginnen. Denn wer im September in die Jugendklasse eingreift und Anfang Mai des folgenden Jagdjahres die verbliebenen schwachen Schmalrehe streckt, kann sich im Juni entspannt der Bockjagd widmen.


Christian Schätze Seit März 2011 Redakteur bei UNSERE JAGD, seit Mai 2013 Chefredakteur; Bankkaufmann, Jagdschein seit 1996
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