Dschungelfieber – auf Hirschjagd im Spreewald

Alle in einem Kahn (v. l.): Oliver, Karl-Heinz und Mario samt erlegtem Hirsch.


Monoton tuckert der Außenborder des Kahns, und der Motorlärm zerreißt die Stille des Herbstmorgens. Im Nu lassen wir das Örtchen Lehde hinter uns und tauchen ins Spreewald-Labyrinth ein. Hunderte Kanäle, die sogenannten Fließe, bilden ein Wirrwarr aus winzigen Wasserstraßen mit einer Länge von insgesamt etwa 2000 Kilometern!

Umrisse riesenhafter Pappeln ziehen schemenhaft an uns vorbei. Steuermann André kennt hier jeden Baum. Obwohl es noch so düster ist, dass er das Fließ kaum erkennen kann, lenkt er seinen Jagdkahn sicher um die zahlreichen Biegungen. Der 48-jährige Spreewälder jagt seit fast 30 Jahren in seiner Heimat. Er hat 500-Hektar in der Kernzone gepachtet und ist Vorsitzender der Hegegemeinschaft.

Auch sein Vater und sein Urgroßvater weidwerkten bereits hier. Allerdings erstreckte sich damals vor den Toren Lehdes zum Großteil noch ein undurchdringlicher Sumpf. Der heutige Spreewald ist Ergebnis langfristiger Kultivierung, mit der die Spreewälder vor 200 Jahren begannen. Hauptwildarten in diesem einzigartigen Biotop sind Rot-, Schwarz-, Reh- und Wasserwild. Wir haben es heute Morgen in erster Linie aufs Rotwild abgesehen. Es ist Brunft. Ein Hirsch der Klasse 2 ist noch offen. Aber auch Sauen sind frei.

Dschungelbuch mal anders

1 Das einfallende Licht der Morgensonne und Nebelschleier auf dem Fließ sorgen für eine traumhafte Kulisse.


Als André den Außenborder ausschaltet, umgibt uns mit einem Mal Stille – endlich! In der Ferne melden drei Hirsche. André taucht das sogenannte Rudel (Stange zum Staken) ins Wasser, drückt es einen Meter hinunter bis zum Grund und schiebt den Kahn mit Muskelkraft und viel Geschick in ein kleines Seitenfließ.

Mittlerweile dämmert es, und der Himmel färbt sich im Ostenrosa. Nebelschwaden wabern über die Wasseroberfläche. Lautlos gleiten wir dahin. Es fühlt sich unwirklich, fast meditativ an. Kein Knacken, kein Rascheln – wie sonst beim Pirschen üblich – übertönt die Umgebungsgeräusche. Ich habe schon einiges erlebt, aber die Morgenpirsch mit dem Kahn ist einmalig! Glücklicher und zufriedener kann ein Jäger in diesem Moment kaum sein.

Meine Konzentration gilt jetzt ausschließlich der Umgebung. Links und rechts des schmalen Fließ sind etwa 30 Meter einsehbar. Dahinter beginnt undurchdringliches Erlengestrüpp vermischt mit Schilf und Weiden. „Da vorne links sind Sauen“, flüstert André. Er steht im Heck des Bootes und hat von dort aus gute Sicht. Jagdgäste sitzen im Bug bequem auf einer Bank mit Rückenlehne. Jetzt sehe auch ich die Schwarzkittel. Geschickt manövriert mein Begleiter den Kahn zum Ufer. Vorsichtig steige ich aus und streiche an einer Pappel an, deren Borke bis in Hüfthöhe vom Biber rundherum abgenagt wurde. Doch das Schussfeld ist mit Schilf und Ästen gespickt, sodass ein Schuss nicht möglich ist. Die Sauen ziehen weiter, wir auch.

2 Bis auf 30 Meter kommen wir an dieses äsende Stück Kahlwild heran.


Hinter der nächsten Biegung wartet schon eine neue Überraschung. Ein Schmaltier äst vertraut am Rand des Fließ. Mir gelingen einige Fotos. Erst als wir nur noch 30 Meter entfernt sind bekommt es uns spitz und springt ab. Mein Jagdführer stakt weiter.

An mehreren Stellen raschelt es noch verdächtig. Doch der „Urwald“ gibt seine Geheimnisse nicht preis. Nach zwei Stunden werfen wir schließlich den Motor an und fahren Richtung Frühstück. Ich bin immer noch ganz benebelt von der Schönheit der Landschaft und genieße jeden Atemzug.

Karl-Heinz erreicht vieler seiner Kirrungen nur mit dem Kahn. © FS

Karl-Heinz erreicht vieler seiner Kirrungen nur mit dem Kahn.

Heger und Jäger mit ganzem Herzen

Mittags bin ich mit Andrés Onkel Karl-Heinz verabredet. Der Hotelier hat angrenzend an das Revier seines Neffen 850 Hektar gepachtet. Gemeinsam besteigen wir seinen Kahn, der mit Eimern voller Äpfel beladen ist.

Der 75-Jährige ist ein Heger und Naturpraktiker alter Schule. An mehreren Stellen im Spreewald forstet er Ein-Hektar-Parzellen mit Eichen und einzelnen Obstbäumen alter Sorten auf. Die Äpfel im Boot kommen also nicht von ungefähr. „Bäume absägen kann jeder, aber was fürs Wild tun, ist auch wichtig. Wir fahren jetzt zu meinem ‚Garten Eden‘. Da zeige ich Dir mal so eine Fläche“, erklärt mir das Spreewälder Urgestein.

Auf dem Weg dorthin passieren wir verwachsene Streuobstwiesen und kleinparzellige landwirtschaftliche Flächen, die den Menschen im Spreewald früher ein bescheidenes Auskommen bescherten. Einzelne Alt­eichen sorgen im Erlenbestand für Abwechslung und Äsung fürs Wild. Vor  unserem Kahn flüchtet ein großer Fisch und schiebt eine Bugwelle vor sich her. „Der Fischfang war natürlich auch immer wichtig für die Einheimischen. Neben Hecht ist Aal eine Spreewälder Spezialität“, erzählt Karl-Heinz. 

So schön ist der Spreewald

Abends bin ich wieder mit André unterwegs. Doch auch diese Fahrt beschert uns keine Beute, dafür aber ein tolles Erlebnis. André lenkt unser Gefährt im letzten Licht an den Rand einer kleinen Wiese, auf der ein starker Hirsch mit einigen Stücken Kahlwild brunftet. Der Recke ist so nah, dass wir uns kaum trauen zu atmen. Gänsehautstimmung pur!

Beim Morgenansitz kam dieser IIer-Hirsch zur Strecke. © FS

Beim Morgenansitz kam dieser IIer-Hirsch zur Strecke.

Jagderfolg auf einen Hirsch der Klasse 2

Am nächsten Morgen steige ich erneut bei Karl­-Heinz in den Kahn. Diesmal wollen wir beim Ansitz unser Glück versuchen. Ich beziehe am ­„Garten Eden“ Stellung.

Mein Begleiter sitzt ein paar hundert Meter weiter an einer Freifläche. Außerdem sind heute noch die Begehungsscheininhaber Oliver und Mario mit von der Partie. Sie sitzen außerhalb der Kernzone im sogenannten Poldergebiet, in dem großflächige Überschwemmungswiesen das Landschaftsbild prägen. Es ist fast hell, als es im Schilf raschelt. Stängel wackeln, die Geräusche werden lauter. Da, eine Bewegung! Schmalzmann trottet in aller Seelenruhe aus dem Dickicht und vergeht sich gierig am Fallobst. Ich atme durch und stelle die Waffe wieder in die Kanzelecke, als es aus Karl­-Heinz’ Richtung kracht.

Eine Stunde später höre ich den Außenborder und baume ab. „Hast Du geschossen?“, frage ich neugierig. Dann erst sehe ich den Bruch an seinem Hut. „Ja, ich habe ­einen ungeraden Eissprossenzehner gestreckt“. „Waidmannsheil“, entgegne ich glücklich. „Spring rein“, sagt der Schütze.

Weidmannsheil – ich komme hoffentlich wieder!

4 Romantik pur – der erlegte Hirsch auf seiner letzten Fahrt im Spreewald-Kahn.


Wenig später legen wir am Ort des Geschehens an. Nach kurzer Begrüßung gehen wir zum gestreckten Hirsch, der bereits versorgt auf der Wiese liegt. Der Himmel strahlt blau, Tau benetzt die Grashalme, und die aufgehende Sonne taucht die ersten Baumkronen in sanftes Licht. Schöner kann ein Herbstmorgen kaum sein.

Mit vereinten Kräften ziehen die beiden Jagdhelfer den Eissprossenzehner Richtung Boot. Vorher gilt es jedoch, einen „Brückenkahn“ zu überqueren. Oli und Mario ist die Sache nicht ganz geheuer, denn das Holz ächzt unter ihrer und der Last des Hirsches. Doch alles geht gut. Schließlich sitzen wir zu viert samt Hirsch im Kahn. Vorbeifahrende Kanufahrer schauen uns mit großen Augen und offenen Mündern nach.

Auf dem Wasserweg machen wir uns  auf den Rückweg. Während der Fahrt bin ich fast ein wenig sentimental, lasse alle Eindrücke noch einmal Revue passieren. Die Gastfreundschaft von André und Karl-Heinz, ihre Einstellung zur Jagd, die sympathischen Jagdhelfer und das einzigartige Erlebnis, im Spreewald waidwerken zu dürfen, werden unvergesslich bleiben. Ich komme bald wieder, so viel ist sicher.


Florian Standke Redakteur bei unsere Jagd seit 2012, Diplom Sportwissenschaftler, Jagdschein seit dem Jahr 2000, Angelscheininhaber, Führer eines Kleinen Münsterländers („Jasko“), Pächter eines Hochwildreviers.
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