Testbericht: Zielfernrohre

Mit den bewährten Recknagel- Brückenschwenkmontagen wurden die Zieloptiken auf die Waffen montiert (außer das Burris-ZF, da dieses fix auf einer Waffe montiert geliefert wurde).<br>(Foto: M. Costantini)


Wohl jeder Jäger, der sich schon einmal selber eine Waffe gekauft hat, wird sich auch seine Gedanken zum richtigen Zielfernrohr (ZF) gemacht haben. Zugegeben, die richtige Wahl ist nicht ganz einfach, hängt diese doch sehr von dem geplanten Einsatz ab. Unbestritten ist, dass für den jagdlichen Schuss über 100 Meter ein variables Zielfernrohr mit einer 2,5-10-fachen oder gar 3-12-fachen Vergrößerung ideal ist. Bei Drückjagden andererseits sind wegen ihres ­weiten Sehfelds variable ­Zielfernrohre mit 1-4-facher Vergrößerung im Einsatz.
Als klassische ­Allround-Zielfernrohre haben sich schon seit Jahrzehnten variable Gläser mit 1,5-6-facher ­Vergrößerung und einem ­Objektivdurchmesser zwischen 36 bis 42 Millimetern bewährt. Auf ­Drillingen, den klassischen Mehr­zweck-­Jagd­waffen schlechthin, finden wir sehr oft solche ­Zielfernrohre.
Wo die Sonne scheint, fällt bekanntlich auch Schatten. Selbstredend können Viel­zweckgläser 1,5-6-42 nicht die Extremleistungen bieten, wie sie Spezialgläser aufweisen, sei es das extreme ­Gesichtsfeld eines 1-fachen Drückjagdglases oder die Dämmerungsleistung eines Ansitzglases mit 50er oder 56er Ob­jektiv.

Leichtgewichte

Alle Angaben ohne Gewähr!




1,5-6-fache variable Zielfernrohre mit einem Ob­jektivdurchmesser von 36, 40 oder 42 Millimetern sind allesamt eher Leichtgewichte. Das relativ große Objektiv erlaubt durchaus noch einen Einsatz in der Dämmerung. Die Austrittspupille von sechs bis sieben Millimetern ermöglicht es dem erfahrenen Jäger, diese Zieloptiken auch beim Mondscheinansitz auf Schwarzwild einzusetzen. Bei der „Nachttauglichkeit“ ist jedoch zwischen den Zielfernrohren des mittleren und oberen Preissegmentes ein deutlicher Unterschied erkennbar.
In den vergangenen Jahren haben verschiedene Her­steller eigene Befestigungssysteme entwickelt. Neben der klassischen Prismenschiene hat Schmidt & Bender die „Konvexschiene“, Swarovski die gezahnte „Swarowski Rail“ („SR“) und Zeiss nun schon seit Längerem die „Zeiss-Innenschiene“ auf den Markt gebracht.
Diese neuen Schienensysteme haben Vorteile: Während eine klassische Prismenschiene verbohrt und verschraubt werden muss, erfolgt die Montage bei den genannten Innenschienen lediglich durch Verschrauben. Gegenüber der Ringmontage haben diese neuen Schienensysteme den Vorteil, dass sie ohne­­ ­jedes Kleben absolut schussfest sind.
Dank der Innenschienen gibt es keine Wert mindernden (Klebe-) Spuren am Zielfernrohr und den Montage-­Elementen. Eine „Wiederverwertung“ auf einer ­anderen Waffe oder ein ­Wiederverkauf ist leichter möglich. Und ein handwerklich geschickter Jäger kann seine Waffe leichter mit einem Zielglas ­selber bestücken. Für unsere Test­zwecke ­wurden alle Zielfernrohre auf Brückenschwenkmontagen der Firma Recknagel montiert. Diese haben sich bereits in ver­gangenen Tests als äußerst spielfrei und einfach zu handhaben er­wiesen. Zudem sind Reck­nagel-Brückenschwenkmontagen in allen Schienen­varianten erhältlich.

1. oder 2. Bildebene?

Bis vor wenigen Jahren wurden in Europa fast ausschließlich variable Zielfernrohre mit Absehen in der ­ 1. Bildebene (Objek­tiv­bild­ebene) ver­kauft. Dies hat den Vorteil, dass bereits konstruktionsbedingt eine wesentlich höhere Präzi­sion möglich ist. Auf diese legen die Europäer auch heute noch sehr viel mehr Wert als etwa Nordamerikaner. Beim Absehen in der 1. Bild­ebene vergrößert und verkleinert sich das Absehen (und der Leuchtpunkt) beim Zoomen mit dem anvisierten Objekt mit. Zwar wird dadurch vergleichsweise viel Sehfeld oder der Wildkörper verdeckt, doch ermöglicht der Abstand zwischen den horizontalen Absehen­balken ein (ungefähres) Entfernungs­schätzen.
Beim Absehen in der 2. Bild­ebene (Okularbildebene) erscheinen dem Schützen bei ­allen Vergrößerungen das ­Absehen und der Leuchtpunkt stets gleich groß. Der Vorteil hierbei ist, dass die Balkenstärke des Absehens optimal gestaltet werden kann. Auch der Leuchtpunkt bleibt immer gleich groß und erscheint somit immer gleich hell. Mit den neuen, hoch ­präzisen Fertigungstechniken spielt die Problematik der mangelnden Präzision und der Rückkehrgenauigkeit nur noch eine untergeordnete Rolle. Die technisch unvermeidbaren Abweichungen beim Zoomen von wenigen Millimetern sind für die Jagd kaum von Bedeutung. Alle getesteten Optiken wiesen Abweichungen von weniger als 30 mm/100 m auf, wobei die Spitzenmodelle eindeutig das bessere Ergebnis erzielten.
Noch ein Wort zu den Ab­sehen selbst: Für den präzisen Schuss auf Wild genügt ­eigentlich der Leuchtpunkt voll und ganz. Viele Jäger ­ziehen jedoch noch ein Ab­sehen mit feinen Balken vor, so auch der Autor dieser ­Zeilen. Für welches Absehen man sich beim Kauf eines Zielfernrohrs entscheidet, ist letztlich Geschmackssache. Absehen mit feinen Hilfs­linien oder Balken sind in Kombination mit Leucht­absehen den klassischen, ­etwas groben Absehen vor­zuziehen.
Bei der Auswertung der Test­ergebnisse wurde schnell klar, dass neben dem Preisunterschied auch ein kleiner, aber dennoch nicht zu unterschätzender Qualitätsunterschied zwischen den Zielfernrohren aus dem mittleren (Preisspanne etwa 500 bis 1000 €) und oberen Preissegment besteht.
Bei den Zieloptiken des mittleren Preissegmentes (nur ein Modell mit Leuchtabsehen) muss klar gesagt werden: Es handelt sich in keinem Fall um Billigprodukte, und das Wichtigste, was ein Zielfernrohr können muss, nämlich das Ziel vor dem Schuss präzise anzeigen, können alle Geräte sehr gut.

Unterschiede

Die High-End Zielgeräte, allesamt mit Leuchtabsehen, kosten bis zu 1900 Euro, wobei das günstigste Glas dieser Serie, das Nickel Isodot, ausschließlich via Internet beim Hersteller selbst zu beziehen ist, daher der günstigere Preis. Wo aber liegen die ­wesentlichen Unterschie­de zwischen den güns­tigeren und teureren Zielfernrohren? Das sind die Verarbeitungs­qualität und die Auswahl der Materialien an sich, die ­Qualität der Schmierung, Leichtgängigkeit bei kalten Temperaturen, die optische Qualität auch unter schlechten Bedingungen und die Rückkehrgenauigkeit der Absehenverstellung. Klar zu sagen ist, dass auch die ­günstigeren Geräte jagdlich noch sehr gute Resultate erzielen und durchaus brauchbar sind.
Nur in Grenzsituationen ­haben die Optiken aus dem mittleren Preissegment das Nachsehen. Um hier Klartext zu reden: Beim Hereinbrechen der Nacht ist das letzte Büchsenlicht bei den günstigeren Modellen in mitteleuropäischen Breiten fünf bis 15 Minuten früher vorbei. Bei ­einem Mondscheinansitz kann es passieren, dass der Besitzer eines günstigeren Zielfernrohrs sein Ziel nicht mehr erfassen kann, während sein Reviernachbar mit einem High-End-Zielfernrohr noch Sauen auf die Schwarte legt. Die Unterschiede in diesen Grenzsituationen sind in der Revierpraxis deutlich nachvollziehbar.
Die High-End-Optiken sind insgesamt vom Resultat her sehr ähnlich. Man könnte hier meinen, „dass man Mercedes-Wagen mit BMW’s vergleicht“. Niemand wird wirklich sagen können, das eine oder andere Fahrzeug sei wirklich das Bessere oder Schlechtere – bei den Zielfernrohren verhält es sich ähnlich: Letztlich entscheidet hier der ganz persönliche ­Geschmack und das Vertrauen in eine bestimmte Marke. Wir versuchen, mit unseren Aufstellungen die Besonderheiten der einzelnen Zielfernrohrmodelle zu erläutern. Ein wertender Vergleich wäre der Sachlage nicht angemessen. Er wäre auch nur in Kombination mit sehr teuren Messungen sinnvoll, die das Wahrnehmungsvermögen des menschlichen Auges zudem überträfen.

Fazit

(Fotos: M. Costantini)














Unser Testteam hat lange um die Frage „günstig oder high-end“ diskutiert und weitere – außenstehende, erfahrene – ­Jäger zurate geholt. Diese Frage kann also nicht abschließend beantwortet werden. Tatsache bleibt, dass ein Zielfernrohr der mittleren Preisklasse in 85 bis 95 Prozent der Fälle jagdlich voll und ganz genügt. Wie bereits gesagt, Zieloptiken aus dem mittleren Preissegment reichen für die Jagd zumeist aus. Wer jedoch regelmäßig bei Nacht oder bei schlechten Lichtverhältnissen jagt, sollte auf jeden Fall zu einem High-End-Zielfernrohr mit beleuchtetem Absehen und einer größeren Formel (z. B. 2,5- 10x56) greifen.