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Testbericht: Torpedo-Geschosse

Die oft gerühmte blitzartige Wirkung der TIG- und TUG-Projektile mag an der großen Zahl der bei der ­Deformation ­abgegebenen Splitter liegen: 9,3  mm TUG nach Schuss in Wasser. (Foto: P. Pulver)


Bei aller Vorliebe für Modernes, von der sich auch die gern als ­bodenständig bezeichnende Jägerschaft nicht freizusprechen vermag, findet sich in unserer Jagdausrüstung, und zumal im Schießwesen, manches, das sich teils mehr oder annähernd ein Jahrhundert ungebrochener Beliebtheit erfreut. Denken wir nur an das Seitenschloss, den Kerstenverschluss oder das 98er ­System. Eben – weil sie sich bewährt haben. Aber auch im Munitionssektor gibt es dieses Phänomen: TIG- und TUG-Geschosse sind die ältesten noch auf dem Markt befindlichen Zwei-Kern-Geschosse. Sie basieren auf einer Entwicklung des Munitionskons­trukteurs Wilhelm Brenneke (1865-1951). Das Torpedo Ideal Geschoss (TIG) kam um 1910, das Torpedo Universal Geschoss (TUG) 1935 auf den Markt.
Für die damalige Zeit stellten diese Geschosse eine bahnbrechende Neuerung dar. Das Zwei-Kern-Prinzip sollte das Problem der Anpassung an unterschiedliche Zielwiderstände lösen. Der vordere Geschossteil wurde mit einem weichen Bleikern und dünnem Stahlmantel ausgestattet. Der hintere Geschossteil wurde als Durchschlagskörper mit härterem Bleikern und dickeren Mantelstärken konzipiert. ­Typisch für Brenneke-Büchsenprojektile ist der kegelförmige Heckkonus. Daher rührt die Bezeichnung 'Torpedo'.

Für unterschiedlichste Kalibergrößen

Torpedo Universal Geschosse (TUG) sind die Fortsetzung der TIG-Reihe in den größeren Kalibern. Es sind ebenfalls Zwei-Kern-Geschosse. Im Gegensatz zum TIG greift der vordere Geschossteil nicht in eine Vertiefung des hinteren Teils. Der hintere Bleikern ist nach zwei Seiten konisch ausgebildet. Details sind auf den Fotos links problemlos zu erkennen. Von 1955 bis 1972 fertigte die damalige DWM Patronen mit Brenneke-Geschossen. In jener Zeit wurden beispielsweise von den 10,5 g 7-mm-TIG rund acht Mil­lionen Stück hergestellt.
TIG und TUG sind mit Stahlmänteln versehen. Diese sind relativ spröde und neigen wesentlich mehr zum Absplittern als weiche Tombakmäntel. Das ist auch aus den Geschossresten deutlich erkennbar. TIG und TUG bilden keine pilzförmigen Geschossrestkörper. Die da­raus resultierende Tiefenwirkung ist bei großen Wild­körpern mit entsprechendem Zielwiderstand vorteilhaft.
TIG und TUG werden – zu Unrecht – oft als hart bezeichnet. Dabei wird ihnen nachgesagt, dass sie, speziell bei schwächerem Wild, (Dam- und Rotwildkälber), die sofortige Wirkung vermissen lassen. Diese Aussage ist so eindeutig falsch. Für die Energieabgabe in dünnen Wildkörpern sind aufpilzende Geschosse gewiss vorteilhafter. (Zwischenbemerkung: 'Die Energieabgabe ist nicht mit der Tötungs­wirkung gekoppelt').
Stahlmäntel sind zwar vergleichsweise wesentlich härter als Tombakmäntel. Teile des Stahlmantels splittern in kleinen Stücken ab, die Geschossfläche wird – vorerst – nicht vergrößert. Dafür ist aber die Abbremsung geringer. Und das ergibt größere Durchschlagskraft!
So wurde etwa ein 150-kg-Keiler von vorne nach hinten (also längs) von einem 10,5 g 7-mm-TIG durchschlagen. Der Geschossrest steckte im Beckenknochen.
TIG- und TUG- Projektile besitzen einen so genannten Scharfrand. Das ist eine scharfkantige ringförmige Abstufung am Geschossmantel. Der Scharfrand wirkt wie ein Stanzwerkzeug und erzeugt einschussseitig auf der Decke ein sauber ausgestanztes kalibergroßes Loch.
Die Torpedo Ideal und Torpedo Universal Geschosse erfreuen sich nach wie vor ­einer hohen Reputation in Jägerkreisen. Es sind ohne Zweifel gute Geschosse, auch wenn die neueste Zeit mit den Zwei-Kammer-Geschossen Moderneres bringt. Bei sehr hohen Geschwindigkeiten oder bei sehr hohem Zielwiderstand zerlegen sich die TIG und TUG trotz härterem hinteren Bleikern fast vollständig – unter Abgabe von vielen Splittern.
Das Einsatzspektrum dieser Geschosse auf europäisches Wild geht vom Reh über Rot- und Schwarzwild bis zum Elch (Letzterer wird in Schweden auch mit 6,5-mm-Geschossen erlegt). Bei gutem Sitz des Schusses wird die Wirkung der TIG und TUG auch bei schwachem Wild zuverlässig sein.
Unter Auftreff-Geschwindigkeiten von weniger als 450 m/s wird nur die Bleispitze gestaucht, die Bremskraft reicht nicht aus, um die Geschosse zu verformen. Zwischen 450 und 500 m/s ist bereits eine Stauchung und Splitterabgabe zu beobachten. Bei Auftreffgeschwindigkeiten von 500 bis 600 m/s findet eine erhebliche Deformation der Geschosse mit reichlicher Splitterab­gabe statt.

Tiefenwirkung und Durchschlagskraft

Das Querschnittprofil hat sich wenig verändert, die Geschwindigkeitsabnahme des Geschosses im Wild wird vor allem durch den Gewichtsverlust beeinflusst. Das erklärt nun die enorme Tiefenwirkung und Durchschlagskraft. Bei noch höheren ­Geschwindigkeiten bleibt der hintere harte Geschossteil erhalten und bildet nun einen Querschnitt vergrößernden und damit bremsenden Pilz. Das Märchen von den (zu) harten Geschossen lässt sich auch hier nicht erhärten. Das gilt speziell für die sehr schnellen Laborierungen mit 7-mm-TIG.
Sogar in diesem Bereich ist das Deformationsverhalten der betrachteten Geschosse für den vorgesehenen Zweck einwandfrei. Rehwild kann problemlos mit den aufgeführten Patronen bejagt werden. Bei Knochentreffern (Blatt oder Vorderlauf) ist bei den sehr schnellen Laborierungen im Nahbereich mit reichlich Sekundärgeschossen (= Knochensplitter) zu rechnen.
Heutzutage werden die Teilzerlegergeschosse TIG und TUG, bei ihrer Markt­ein­führung Anfang des 20. ­Jahrhunderts aufgrund der raffinierten Zwei-Kern-Phi­losophie bahnbrechenden Brenneke-Konstruktionen, durch neue Entwicklungen wie Doppelkammergeschosse et cetera bedrängt.

Reines Deformations-projektil – das TOG

(Quelle: Brenneke GmbH)


'Der Beginn einer Legende' – so stellte Brenneke an der IWA 2003 das neue Torpedo Optimal Geschoss, sprich TOG, erstmals der Fachpresse vor. Das für Brenneke neue Konzept zeigt ein reines Deformationsgeschoss.
Schon in den späten 1930er Jahren brachte DWM (Deutsche Waffen- und Munitionswerke) erstmals sogenannte Starkmantelgeschosse auf den Markt. Diese Geschosse, denen die Jäger noch lange nachtrauerten, als DWM seine Fabriktore schloss, dienten bei Brenneke als Vorbild für die Neuentwicklung.
Nach dem Motto 'das Rad nicht neu erfinden, … wenn der Karren fährt' wurde es verbessert. Brenneke hat den rückwärtigen TOG-Mantel aber richtigerweise noch verstärkt. Am Übergang zum zylindrischen Geschossteil wird der Mantel mit einer Rille von innen her dünner. Das erleichtert das Deformie­ren der Geschossspitze.
Nach hinten anschließend folgt eine längere Einschnürung bis zur – äußeren – Crimprille. Diese Einschnürung ist wichtig: Sie dient als Bleischloss und verhindert, dass sich der Geschosskern unter dem Einfluss der ungeheuren Bremskräfte nach vorne aus dem Geschossmantel verabschiedet. Das würde er zwar ohnehin nicht tun, da er durch Verlötung kraftschlüssig mit dem Mantel verbunden ist. Aber sicher ist sicher.
Bekanntlich werden moderne Geschossmäntel aus Tombak – einer auch Messing genannten Legierung von Kupfer und Zink – gefertigt. Das gilt auch für das neue TOG. Für Brenneke ist das ein großer Schritt, wurden bisher doch ausschließlich Stahlmäntel verwendet. So ganz nebenbei bemerkt, hat das TOG eine exzellente aero­dynamische Form mit schlan­ker Hohlspitze. Besonders präzise Matchgeschosse weisen normalerweise solche feinen Hohlspitzen auf. Das Geschossgewicht lässt sich so sehr genau ­einregeln.
Mancher Jäger schüttelt den Kopf beim Reizwort 'Hollow Point', weil er mit Hohlspitzen schlechte Erfahrungen gemacht hat. Die Verlötung von Bleikern und Mantel, die Mantelstärke an der Spitze und die dehnbare Legierung des Mantels verhindern aber eine Geschosszerlegung. Die neudeutsch als 'Bonding' bezeichnete Methode der thermischen Verbindung von Bleikern und Geschossmantel hält, was sie verspricht.
Das TOG weist einige Attribute auf, welche auf hohe Eigenpräzision schließen ­lassen. Das zeigen auch ­unsere 100-m- und 200-m-Schussbilder. Es kann nicht garantiert werden, dass jeder Schütze solche Streukreise zu schießen vermag. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ­solche Schussbilder nur aufgelegt (mit Schießgestell) zu erzielen sind.

Die bleifreie Alter­native – das TAG

.300 Win. Mag. TOG: Schussbild auf 100 und auf 200 Meter. (Fotos: P. Pulver)


2007 schließlich hat Brenneke auf der IWA 2007 ein neues bleifreies Geschoss namens TAG = Torpedo Alternativ Geschoss vorgestellt. Das ist erstaunlich. Vor etwa zwei Jahren hat sich Firmen­inhaber Dr. Peter Mank noch vehement gegen bleifreie ­Geschosse gestemmt. Da scheint ein marktbezogenes Umdenken stattgefunden zu haben.
Das Geschoss beziehungs­weise die Patronen sind vorerst in den Kalibern .30-06, 8x57 IRS und 9,3x62 erhältlich. Definitionsgemäß ist das TAG ein Teilzerleger. Der in der Hohlspitze eingesetzte Aluminiumstift verbessert die Strom­linienform des Geschosses und wirkt zugleich als De­formationsstarter.
Den Starterstift, den Scharf­rand, das Torpedoheck und den grünen reibungsmindernden Belag hat Brenneke in die neue Konstruktion eingebracht. Gleichwohl, Kennern dürfte es längst auf­ge­fallen sein – und allen ­anderen Waffenfreunden sei es hiermit endlich verraten: Das TAG ist im Übrigen ein Fremdprodukt aus Hand eines auf Reinkupfergeschosse für die Jagd spe­zialisierten deutschen Geschossherstellers.
Das TAG ist nicht unbedingt ein 'schönes' Geschoss, wie beispielsweise ein auf Hochglanz poliertes Scheiben­geschoss. Torpeo Alternativ Geschosse werden spanabhebend auf Dreh­automaten gefertigt. Riefen von diesem Vorgang sind mit der Lupe deutlich erkennbar. Das mindert aber den Einsatz(-nutzen) dieser Geschosse nicht. Auch auf die Schusspräzision hat es keinen Einfluss.
Die Torpedo Alternativ Geschosse sind wirksam und zuverlässig. Wie bei den anderen hier vorgestellten Geschoss-Konstruktionen TIG, TUG und TOG hat der ­Verfasser das TAG durch ein ballistisches Medium gejagt: Vier Zentimeter starke Gelantine – das entspricht nach seiner Erfahrung dem bal­listischen Äquivalent eines halben Rehs.
Das 10 g TAG in .30-06 pilzt kräftig auf um sich bei kürzeren Schussdistanzen (= höhere Auftreffgeschwindigkeit) in die vorgesehenen vier Teile zu zerlegen. Das sind ein zylindrisches Heckteil sowie drei große Splitter aus der Geschossspitze.
Die Geschwindigkeiten entsprechen bei der .30-06 Brenneke TAG-Werkslaborierung etwa folgenden Schussent­fernungen:
  • 515 m/s ca. 280 bis 300 m
  • 620 m/s ca. 190 bis 200 m
  • 685 m/s ca. 150 m
  • 733 m/s ca. 120 m
Das Prospektblatt von Brenneke verweist auf einen Streukreisdurchmesser von 2,8 cm/100 m. Bei der Gestaltung dieses Blattes hat übrigens die Vernunft, beruhend auf einem hohen Maß jagdlicher Erfahrung mitgewirkt. Denn neue Geschosse werden sonst üblicherweise immer mit dem Zusatz 'keine ­Hämatombildung' angepriesen. Das Fehlen dieses Prädikats begrüßt der Autor dieses Beitrags daher mit Wohlwollen.


Jedem das Seine

Ob nun TIG, TUG, TOG oder TAG: Neben 25er Geschosspackungen für Wiederlader bietet Brenneke vermehrt eigene Werksmunition in verschiedenen Kalibern und Laborierungen an (s. Kasten oben). Im gleichen Atemzug wurde übrings auch das einst mit Recht so ­beliebte Universalkaliber 8x64 S Brenneke wieder ins Programm genommen (siehe auch PIRSCH 23/2007, S. 54) – ­eine ernsthafte Alternative zur 7x64 oder .30-06.
Das jeweils aktuelle, kontinuierlich wachsende Patronen- und Geschoss-Sortiment findet sich unter der Homepage www.brenneke.de
Alles in allem bietet Brenneke, Langenhagen, mit seinen vier Büchsengeschoss-­Kons­truktionen eine Palette von 7 mm bis zur .375", die beim heimischen Schalenwildjäger, aber auch bei vielen Auslandsjägern schwerlich Wünsche offen lässt.