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Testbericht: Drückjagdoptik

Der sechsfache Zoomfaktor macht das Swarovski Z6 i 1 - 6 x 24 zu einem noch universeller einsetzbaren Drückjagdglas; hier montiert auf einer Heym Bockbüchse B 26. (Foto: W. Reb)


Zur Eindämmung überhöhter Schwarzwildbestände sind auch Drück- und Bewegungsjagden unerlässlich: Diese unterscheiden sich voneinander aufgrund unterschiedlicher Taktik, Organisation und Ausführung. Auch wegen der daraus folgen­den Schlüsse für die jeweils bestmögliche waffentech­ni­sche und (ziel-) optische ­Ausrüstung sind die beiden Jagdarten vielschichtig zu ­erörtern.
Fast alle für Pirsch und Ansitz auf Repetierer, Doppelbüchse oder Kombiwaffe geführten Zielfernrohre sind auch für Bewegungsjagden geeignet. Letztere unterscheiden sich insofern von der Ansitzjagd, als das Schalenwild nicht aus eigenem Antrieb anwechselt. Vielmehr wird bei Bewegungsjagden das Wild von – wenigen – Treibern ­oder durchgehenden Hunde­führern und selbstständig ­suchenden, kurzläufigen Hunden auf möglichst großer Fläche möglichst langsam angerührt. Die Beute kommt bei bestem Tageslicht oft als leicht ansprechbarer Sozialverband vor die Büchsen der sinnvoll im Gelände verteilten, gut gedeckt ansitzenden Jäger. Diese können genau die gleiche Waffe und Zieloptik verwenden wie auf der Ansitzjagd und Pirsch.
Klassische Drückjagden stellen hingegen von Aufbau und Ablauf her eigentlich getriebene Jagden dar. Die dabei schnell hingeworfenen Schüsse auf schmalen Schneisen sind nur mit 'flintenmäßiger' Reaktion der Schützen und einer speziellen Ausrüstung zu meistern. Dort überzeugen firme Schützen mit einer Doppel- oder Selbstladebüchse oder dem schnellen Repetierer mit offener Visierung oder Rotpunktvisier eher als mit einer langsamen, da wenig führigen, mit 'Ofenrohr'-Zielglas bestückten Ansitzwaffe. Wobei bereits – wegen des begrenzten (sicherheits­relevanten!) Sehfelds – ein gängiges 8x56, aber auch ein 2,5-10x56 oder 3-12x56 trotz der Möglichkeit, auf kleinste Vergrößerung zu stellen, 'zu viel des Guten' sein können.

Absehen-Frage

Das Zielfernrohr für die Bewegungsjagd und die Drückjagd sollte ein deutlich abgegrenztes, visuell klar zum Zentrum des Sehfelds und damit zum Ziel hinleitendes Absehen aufweisen. Gegenüber den normalen unbeleuchteten Absehen wie das Balken/Spitze-Absehen '1' oder das Balken/Kreuz-Absehen '4' sowie gegenüber den Flüchtigschuss-Spezial­absehen '2' konnten sich vor allem die kräftig beleuchteten 'Tag und Nacht'-Absehen in verschiedenen Formen und Versionen durchsetzen.
Das nach Meinung vieler Experten technisch wohl beste, da in Gebrauch und Ausführung einfachste Absehen für Bewegungs- und Drückjagden ist ein unbeleuchtet schwarzer und beleuchtet roter Zentralpunkt ohne jede weitere Zutat 'drum herum'.
Leider werden dazu mit dem Schlachtruf 'der Punkt allein genügt nicht' marken­ideologische Kleinkriege geführt, welche niemandem nützen am wenigsten dem Endverbraucher! Doch auch der trifft manchmal Entscheidungen, die zwar nachvollziehbar, aber nicht einleuchtend sind. So wollen manche in Ergänzung zum optimalen 'nur Punkt' des von fast allen Herstellern angebotenen Absehens '0' ('Null') zusätzliche Horizontalbalken (Abs. '54'), ja sogar mit Horizontal- und Vertikalbalken (Abs. '56'). Mit der Begründung, dass dem 'Verkanten' der Waffe begegnet wird. Da­gegen ist unstrittig, dass 'Verkanten' sich erst bei größeren Kippwinkeln auf großen Distanzen praktisch auswirkt und dies das Treffen jagdlicher Ziele kaum be­einflusst.
Auch angesichts des im ­Zeitalter rasanter Ladungen und präziser Laser-Entfernungsmesser überkommenen Wunschdenkens 'Entfernung mit Absehen schätzen' stellen die genannten Zusatzbalken Zierrat dar. Dass sie gewünscht werden, wie die Verkaufszahlen des Absehens '0' im Vergleich zu denen der Absehen '54' und '56' belegen, spricht eher für die Trägheit von Kunde König.
Daher dürfen auch andere Absehen ihre dankbaren Abnehmer finden, wie etwa das Abs. '60', das in dem Zeiss Varipoint den bewährten Zentralpunkt in der 2. Bild­ebene (BE) mit Balken und Fäden in der 1. Bildebene kombiniert. Die Punktgröße bleibt wie üblich über den ganzen Vergrößerungsbereich konstant. Der Punkt ist gut erkennbar und deckt bei praxisgerechten Vergrößerungen und Distanzen nicht zu viel vom Ziel ab.
Die Punktgröße auf 100 Meter ergibt sich beim Varipoint aus '22 Zentimeter geteilt durch Vergrößerung' (3x = Punkt-Ø 7,3 cm/100 m; dto. 10x = 2,2 cm). Ausgeschaltet ist anstelle des Rotpunkts ein schwarzer Punkt sichtbar. Die Balken und Fäden des Absehen '60' liegen in der 1. Bildebene, werden daher mitvergrößert. So sind sie bei hoher Vergrößerung dicker und deutlicher sichtbar. Das liefert ein gutes Gefühl für die Entfernung und gibt dem sich nicht alleine auf den Punkt verlassen wollenden Jäger ­eine gewisse 'Sicherheit'.
Ähnliches sagen Liebhaber des Schmidt & Bender FlashDot-Absehens: Das jeweils schwarze Normalabsehen in der 1. Bildebene (Ausnahme Zenith 1,1-4x24: 2. BE) verändert seine Stärke beim Vergrößerungswechsel mit; der in der 2. Bildebene bedarfsweise eingeblendete Leuchtpunkt bleibt stets gleich groß. Auch die HighGrid-Absehen­tech­nik von Swarovs­ki findet ­Befürworter.
Versuche bestätigen, dass der einfache Zentralpunkt ohne weiteren Zierrat das für den Schuss auf bewegte Ziele optimale – dazu bei Bedarf beleuchtete – Absehen darstellt. Als beliebtes unbeleuchtetes Absehen für den Flüchtigschuss hat sich das Absehen '2' herauskristallisiert, welches zusätzlich zum vertikalen Balken einen horizontalen Faden aufweist.

Alternativen

*Der Tabellenwert vor dem Schrägstrich erfasst den Leuchtpunktdurchmesser in cm auf 100 m, der Wert dahinter die Sehfeldbreite in m auf 100 m (BE = Bildebene). Bei Swarovski beziehen sich die Angaben auf das Absehen 4-I bei den 24er Gläsern beziehung


Auch der selbst unter erklärten Fachleuten schwelende Streit 'einerseits Zielfernrohre mit einem Tag- und Nacht-Leuchtabsehen (etwa Schmidt & Bender FlashDot, Zeiss Varipoint) und andererseits Rotpunktzielgeräte (z. B. Aimpoint, DocterSight II oder Zeiss Z-Point)' ist in der Praxis längst entschieden. Die Wahl des richtigen Zielmittels läuft nämlich auf eine Spezia­lisierung hinaus: Einer­seits die Rotpunktzielgeräte, die aber nur dann ihren unbestrittenen Vorteil der gewollt schnellen Zielerfassung ausspielen können, wenn die anvisierte Beute nicht vorher exakt angesprochen werden muss. Das ist nur etwa auf der Nachsuche der Fall oder wenn es im Winter ausschließlich Frischlingen gilt, die auch der weniger Erfahrene nach Farbe und Größe ansprechen kann.Bei anderen Gemeinschaftsjagden auf Schalenwild ist sauberes Ansprechen (Sozialstruktur, Geschlecht und ­Alter ) dagegen unabdingbar. Weil das Ansprechen bewegten Wildes jagdartbedingt mit dem Fernglas nicht immer leicht ist oder manchmal überhaupt nicht erfolgen kann, ist beste Qualität und ausreichende Vergrößerung des Zielfernrohrs dazu unbedingt nötig. Welchen Zielglastyp man nun für die Drückjagd oder die Bewegungsjagd auswählt, hängt von taktischen und örtlichen Gegebenheiten ab und das ganz unabhängig davon, ob ein 'Erstglas' auf eine Drückjagdwaffe oder ein 'Zweitglas' auf die Alltagswaffe montiert werden soll.
Trotz des unglücklich herabstufenden Begriffs 'Zweitglas' müssen die Schussfestigkeit und Rückkehrgenauigkeit des Absehens sowie eine verlässliche Mechanik vo­rausgesetzt werden. Andererseits bedingt seine Nutzung bei Taglicht keine so hohen optischen Ansprüche, was es etwas preisgünstiger werden lässt.
Die Standard bildenden, fest vergrößernden 1,5- und 2,5-fachen Zielgläser mit oft
nur 15- oder 18-mm-Ob­jektiven sind inzwischen den 1,1-/1,5-fachen bis 4-/4,5-fach Va­riablen mit 20- oder 24-mm-Objektiv gewichen.
Die Anwendung der 'jeweils bestmöglichen Technik' dient allerdings nicht primär der Steigerung des Beuteerfolgs. Vielmehr ermöglicht die op­timierte Technik eine noch bessere Umsetzung des Tierschutzgedankens und damit der Waidgerechtigkeit: Wild rasch und ohne unnötige Schmerzen der Wildbahn ­entnehmen zu können.

Ruhig etwas größer

Zielfernrohre für die Bewegungsjagd ermöglichen das 'sichere' Ansprechen – und zudem die richtige Auswahl der 'richtigen' Stücke. Wobei hier keinesfalls einem gefährlichen 'Abglasen' des Geländes mit dem auf der Waffe sitzenden Zielfernrohr das Wort geredet wird! Gemeint ist vielmehr das richtige Ansprechen im Zuge des Zielens. Dazu trägt die wahlweise vorhandene hohe Vergrößerung bei, welche wegen der im Wald öfter mangelnden Helligkeit einen größeren Objektivdurchmesser erforderlich macht. Der wiederum ver­größert die wichtige Austritts­pupille, und das ist vorteilhaft für gutes Sehen.
Waren früher für Drückjagden die kleineren Objektive Trumpf, so führten auch die Anforderungen an die Austrittspupille zu größeren Objektiven, zumal neue 'Lichtrechnungen' und dickere Okulare zu immer größeren Sehfeldern verhelfen. Als speziell für bewegte Jagden geeignet – mit einem Schwerpunkt auf Drückjagden – erweist sich die Nenngröße 1,5-6x42. Die lässt zwar noch eine leichte Zielfernrohrdimension zu, liegt aber bei entsprechender Qualität bereits im Segment der mittleren Pirsch- und ­Ansitz-Zielfernrohre.
Alles in allem stellen 1(,5)-4 (oder 6)-fache Vergrößerungskombinationen bei jeweils 24- bis 42-mm-Objektiven also die Allrounder beim Flüchtigschießen dar. Bei geringen Vergrößerungen (zirka 2,5-fach und weniger) ist das Korn im Sehfeld zu sehen, was stören und eine schnelle Zielaufnahme behindern kann.
Wer allerdings keine ausgesprochenen Drückjagden in Aussicht hat oder deren Anforderungen mit einem Rotpunktzielgerät abdeckt, der könnte für auf großer Fläche weit abgestellte – und wie ­beschrieben – 'einzeljagd-­ähnliche' Bewegungsjagden sogar (s)ein 2,5-10x42, 2,5-10x50, 3-12x50 oder sogar 3-12x56-Ansitz-Zielfernrohr verwenden. Dazu ein prägnanter Sehfeldvergleich am Beispiel verschiedener Premium-Zielfernrohrmodelle (siehe Tabelle).
Unsere große Tabelle zeigt einerseits die Begrenztheit des Sehfelds der Gläser bei Vergrößerungen ab 6x, andererseits die Spezialisierung verschiedener Modelle. Aufschlussreich ist auch ein Vergleich aller Gläser in der für Waldjagden beliebten vier­fachen Vergrößerung: Hier haben Gläser mit größerem Objektiv gegenüber 'kleinen' Drückjagdgläsern sogar die Nase vorn.
Wer also bei Drück- und ­Bewegungsjagden nur an niedrigbauende, pfeilschlanke Zielgläser mit Vergrößerungsspannen von 1- bis 4-fach denkt, mag sich doch einmal bei 42er Universalgläsern umschauen. Wie immer führen auch auf der Jagd 'viele Wege nach Rom'.