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Siegeszug im Tal

Suhler Graveurskunst: Das 'Beutespektrum' dieses Bergstutzens reicht vom Raubwild... (Foto: Merkel)


Die Waffenart Bergstutzen stammt aus dem Alpenraum und bezeichnete ursprünglich eine leichte und führige Kipplaufbüchse in einem hochwildtauglichen, doch nicht übertrieben starken Kaliber für Reh, Gams und Berghirsch, oft 6,5 x 57 R oder ältere, ähnlich verhalten wirkende Patronen wie die 7 x 57 R. In der verstärkten Laufschiene dieser frühen Bergstutzen untergebracht war eine Randfeuer- oder eine kleine Zentralfeuerpatrone von der .22 lfB über die 'Vierlingspatrone' 5,6 x 35 R bis zur 5,6 x 52 R. Diese galt Raubwild und den gelegentlichen (Schnee-)Hasen sowie den Hahnen.
Der Bezug zur Jagd im ­Gebirge und damit zur Be­zeichnung wird hergestellt über die ergonomischen Attribute 'leicht', 'führig' und 'kurz'; denn ein 'Stutzen' ist die laufkurze, 'gestutzte' Version eines längeren Gewehrs. So waren die ersten Bergstutzen oft Hahnschlossversionen mit höchstens 60-cm-Läufen oder noch kürzeren. Der Bergstutzen ist für den oft tagelang im Gebirge waidwerkenden, einsamen Bergjäger die vielseitigste ­Alleinwaffe. Je eine Patrone aus den genannten Kalibergruppen 'leichtes Hochwild und Kleinwild' genügen allen Ansprüchen. Am Berg braucht man weder die große Feuerkraft eines Magazin­gewehrs noch eine 'dicke' Hochwildpatrone. Und einen Schrotlauf eh nicht.
 

Auch quer garniert

Bergstutzen kamen früher vor allem von den alteingesessenen Meisterbetrieben in Ferlach (Kärnten). Interessant ist allerdings, dass zwar bereits lange vor dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Bockbüchsen und Doppelbüchsen der Laufkonfiguration 'große Kugel – kleine Kugel' auch in Suhl (Thü­ringen) und anderswo in Deutschland gebaut wurden. Die erste Nachkriegsausgabe des 'Krebs' zeigt zwar die Mündungsskizze eines Bergstutzens, aber ohne Text. Erst die 1963er Ausgabe des BLV-Waffenlexikons beschreibt den Bergstutzen mit 'vorwiegend gefertigt als Bock­gewehr. Auf dem unteren Kugellauf für eine leistungsfähige Patrone guter Rasanz ist in eine erhöhte Schiene ein Lauf für eine kleinkalibrige Patrone eingelassen, die als Schonzeitpatrone dienen soll…'. Diese Formulierung schließt 'Bergstutzen mit seitlich gelagerten Läufen' ein, also eine Doppelbüchse mit großer und kleiner Kugel, wie sie noch heute auf Kundenwunsch in Ferlach und Suhl gefertigt werden.
Schlägt man zum Bergstutzen freilich in der 1996er Auflage des BLV-Jagdlexikons nach, so wird trotz der knappen Beschreibung schnell klar, welchen Werdegang und welche Veränderung dieser Waffentyp seit der Wiedererlangung der Jagdhoheit in deutschen Landen vollzogen hat. Dort steht: 'Kipplaufgewehr mit zwei Kugelläufen unterschiedlicher Kaliber, unten groß, oben klein, auch als Großkaliber-Bergstutzen'. War er früher also eine 'Bergjagd Kipplaufbüchse mit Kleinkaliberlauf für Kleinwild beziehungsweise den Großen und Kleinen Hahn', so ist er heute eine 'eine für alles'-Kipplauf­waffe mit dem deutlichen Schwerpunkt auf Schalenwild und lediglich der Option auf gelegentliches Niederwild. Das breite Kaliber­angebot von der .22 Hornet bis zur hochwildtauglichen 6,5 x 65 R bereits im 'kleinen' Lauf trägt der Einstufung deutlich Rechnung.
 

Kaliberkombination

Wer vor allem Rehwild und Niederwild jagt sowie Raubwild kurzhält, wird bei geringem Schwarzwildbestand die nach wie vor beliebte Kombination .22 Hornet – 6,5 x 57 R führen. Auch die klassische Kaliberpaarung 'Rehwild/Fuchs plus gelegentliches Hochwild' ist mit der 5,6 x 50 R Mag. – 7 x 65 R weit verbreitet. Der Kombina­tionen sind jedoch viele: Wer im weiten Feld neben Rehwild vornehmlich Sauen zu bejagen hat und 'alles in einer' haben will, wird vielleicht nur mit der umfassenden 'Großkaliber'-Kombination 6,5 x 65 R – 9,3 x 74 R so richtig zufriedengestellt sein. Der 'große' Lauf bis hin zur 9,3 x 74 R (oder gar .375 H & H) liegt wegen der stabileren Verschlussbelastungsgeometrie meistens unten im Kasten und wird vom vorderen Abzug bedient. Bergstutzen haben fast immer zwei Abzüge. Das ist wegen der schnellen Laufwahl 'kleine – große Kugel' vorteilhaft (auch im Hinblick auf mögliche Bockbüchsflinten-Wechselläufe) und viel praktischer als ein Einabzug mit seiner womöglich anfälligen oder unzuverlässigen Umschaltung. Plant man, auch mal mit (Bock-) Doppelbüchs-Wechselläufen auf wehrhaftes Wild zu gehen, verbietet sich ein Einabzug sowieso. Waren früher in Ermangelung besserer Technik noch Stecherabzüge in Gebrauch, so sind moderne Bergstutzen sämtlich mit hervorragend stehenden Feinabzügen ausgestattet, die jedweden Stecher in puncto Abzugs­charakteristik und Handhabung (Sicherheit!) deklassieren.
 

Bewusst ohne Schrot


Somit hat sich der Bergstutzen im Lauf der vergangenen drei Jahrzehnte aus den schroffen und steilen Hängen des Hochgebirges herausbegeben und ist bis weit in das Flachland hineingewandert. Die Bezeichnung 'Berg- und Tal'-Stutzen für ein bekanntes Blaser-Modell ist ­eine treffliche Formulierung für die beschriebene Ent­wicklung. Der Bergstutzen kann als die Revierwaffe des Ansitz- und Pirschjägers be­zeichnet werden, der einerseits stets 'einen für alles dabei' haben will, andererseits aber auf den Schrotschuss verzichten will oder kann. Somit stehen die Bergstutzen-Freunde in ­leichtem Kontrast zu den Freunden des Bockdrillings sowie zu denen des mit einem Einstecklauf komplettierten Drillings.
Die Frage nach dem Schlosstyp 'Einschloss oder Zweischloss' muss nicht mehr so ideologisiert betrachtet werden wie vor gut 40 Jahren zur Premiere der CNC-vorgefertigten Einschloss-Kipplaufwaffen. Denen sprachen die seinerzeiten Gralshüter der Jagdwaffentradition schlichtweg das Existenzrecht ab. Unterdessen gibt es praktisch keine seriell gefertigte Jagdwaffe mehr (auch keine aus obersten 'Handwerkssegmenten'), die nicht irgendwie mit CNC-Maschinen in Berührung gekommen sind. Und praktisch alle marktgängigen Bergstutzen sind in Handspannerversion zu haben, dieser Typ überwiegt bei ­Weitem. Insofern bleibt die früher drängende Frage nach 'Einschloss' oder 'Zweischloss' nur eine Frage der Gewöhnung und der Praxis: Soll beim Einschloss-System der zweite Schuss abgegeben werden, muss der Spannschieber zurückgenommen und wieder vorgeschoben werden. Das geht vergleichsweise leiser und schneller als ein Repetieren per Kammer­stängel. Beim Einschloss fährt der auf dem Kolbenhals sitzende Spannschieber beim Öffnen der Waffe in die Position 'ungespannt' zurück.
Dies alles schließt nicht aus, dass jemand, der bereits eine Zwei-Schloss-Waffe in Form einer Doppelkugel führt, vernünftiger Weise nicht (mehr) umdenken will und auch ­seinen Bergstutzen in Zwei-Schloss-Version nimmt, sei es als Neuwaffe oder weil er ein Doppelbüchs-Wechsellaufbündel besitzt oder noch darauf spart. Dass dann ein Doppelabzug von Vorteil ist, wurde schon erörtert.
 

Thermostabil

Bei den Bergstutzen haben sich heute mit weitem Abstand solche mit thermo­stabilem Laufbündel durchgesetzt. Das ist der 'Stand der besten Technik' und bedeutet, dass die beiden Läufe nicht mehr verlötet sind. Die Justierung der Läufe zueinander ist also ohne empfindlichen Kostenaufwand (kein Neuverlöten, keine Neubrünierung) veränderbar. Der Vorteil liegt auf der Hand und besteht vor allem darin, dass weder ein Laborierungswechsel noch ein Warmschießen signifikante Auswirkungen auf die Treffpunktlage einerseits und auf die Präzision andererseits haben. Moderne Bergstutzens können derart präzise sein, dass die jeweilige ­Streuung der Einzelläufe bei richtiger Werksjustierung – an der der Jäger tunlichst nicht herumpfriemeln sollte – in der Gesamtstreuung der Waffe untergeht.
Bergstutzen mit fest verlöteten Läufen sind zur langfristigen Erhaltung von Treffpunktlage und Präzision der beiden Läufe auf die Verwendung der bereits beim Garnieren (Verlöten) des Laufbündels verwendeten Patronen angewiesen. Oder zumindest auf solche Laborierungen, welche die Eigenschaften der ursprünglich verwendeten zumindest annähernd aufweisen. Das lässt sich nur durch Probieren/Kontrollschießen ermitteln. Ist eine solche Ladung nicht (mehr) am Markt oder will man aus anderen Gründen auf eine neuere, womöglich ballistisch befriedigendere Ladung umsteigen, so kann es Schwierigkeiten durch schlechtere Präzision oder abweichende Treff­punkt­lage(n) geben.
 

Munition horten

Das bedeutet: Wer sich als Traditionalist in einer Waffenmanufaktor einen Bergstutzen nach wie vor mit verlöteten Läufen in Auftrag gibt, sollte jeweils eine dreistellige Patronenzahl aus den Fertigungslosen der Einschießmunition seiner Wahl mitordern. Und wer mit solch einer Gebrauchtwaffe lieb­äugelt, sollte die Waffe un­bedingt probeschießen und da­rauf achten, dass ebenfalls eine größere Pat­ronenzahl dieser Lose zum Kaufpaket gehört! Denn man ist in beiden Fällen an die Laborierungs­kombina­tion gebunden und kann zu­allermeist nicht mal so eben auf einen anderen Geschoss­typ (bzw. Laborierung) umsteigen.
 

Nachträglicher Einbau

Abhilfe schaffen 'je nach Fall' vielleicht kundige (gewerbliche) Wiederlader mit 'maßgeschneiderten' Laborierungen. Mittlerweile gibt es aber auch Mündungsverstellungen für fest verlötete Laufbündel, die sich ebenso in Gebrauchtwaffen nachträglich einbauen lassen. Darauf hat sich etwa Peter Fortner (83101 Rohrdorf, Tel. 08032-5935) spezialisiert. Ein Nachteil bleibt auch dann: Die fest verlöteten Laufbündel lassen keine rasche Schussfolge zu, weil durch das Warmschießen Laufbündelverspannungen entstehen, die Folgeschüsse dadurch streuen und nicht sofort wieder die alte Treffpunktlage haben.
Sofern jagdsituationsbedingt mit einem Bergstutzen mehr als ein Schuss – entweder aus dem kleinen oder aus dem großen Lauf – notwendig sein sollte, ist dies zwar typen­gemäß wegen seiner praktischen Folge 'erster Schuss kleine Kugel, zweiter Schuss große Kugel' (z.B. Doublette Kitz/Ricke) weniger tragisch als bei den großkalibrigen (für schnelle Doppelschuss­folgen konstruierten) Bock- oder Doppelbüchsen. Trotzdem sollte der negative Umstand eines Warmschießens des festen Laufbündels nicht außer Acht gelassen werden.
Wer als Einzeljäger im Schalenwildrevier eine leise zu bedienende Waffe führen möchte, die als Alternative eine kleine Kugel parat hält, ist mit einem Bergstutzen gut ausgerüstet, so man auf den Schrotschuss verzichten mag.