Home Hingucker und Allesfresserin – die Sauer SL 5 Select im Test

Hingucker und Allesfresserin – die Sauer SL 5 Select im Test

Die SL 5 Select ist die erste Selbstladeflinte aus dem Hause Sauer.


Als ich die Selbstladeflinte Sauer SL 5 Select erstmals in den Händen hielt, waren meine ersten Gedanken „einfach, schön und elegant“. Es handelt sich nicht nur um ein technisches Gerät für die Jagd auf Niederwild. Die SL 5 Select unterscheidet sich schon auf den ersten Blick von Selbstladeflinten anderer Hersteller, die meistens mit Kunststoff- oder einfachen Holzschäften ausgestattet sind. Ihre schlanke, elegante Form, gepaart mit dem augenfälligen, schön gemaserten Holzschaft, spricht auch traditionelle Flintenjäger an, genau wie die glatte Oberfläche mit mattem Ölfinish. Die Komposition aus hochwertigem Metall mit samtmatter reflexarmer Oberfläche und auffällig gemasertem Holz ist stimmig.

Schlank und stromlinienförmig ist die Form der Selbstladeflinte. Kein klobiger Kasten, keine scharfen Kanten stören das Bild. Alle Teile sind ansprechend und wohlgerundet in teils geschwungener Form gearbeitet. Zum Gesamtbild passt der Abzugsbügel aus Aluminium. Das 22,5 Zentimeter (cm) lange Aluminium-Gehäuse ist gerade mal 6,6 cm hoch und wurde harteloxiert. Auf der linken Seite ist es mit einem Falz versehen. Das Auswurffenster wird mittels hellem Verschlussträger bei geschlossenem System sehr gut „abgedichtet“. Das schützt zumindest etwas vor Verschmutzung im Inneren.

Sehr zuverlässiges Intertia-System

Die Sauer SL 5 Select besticht nicht nur durch ihre Optik.


Nach dem Abschrauben des federbelasteten Vorderschaft-Abschlusses lässt sich der Vorderschaft abziehen. Man kann nun den Lauf reinigen oder tauschen. Der Lauf ist mit dem Gehäuseoberteil aus Aluminium verbunden. Im Verschlussbereich wurde ein massives Stahlteil eingesetzt, das auch die Verriegelungskulisse beinhaltet. Der Verschlussträger und Öffnungshebel sind matt und altsilberfarben gehalten. Das Gehäuseoberteil wird hinten in den unteren Kasten gesteckt und vorne am Magazinrohr mit schmalem Laufring gehalten. Eine Prisma-Ausfräsung auf dem Gehäuseoberteil ermöglicht die Montage eines optischen Visiers. Verriegelt wird mit zwei Warzen am Drehkopf des Verschlusses direkt in einem Stahleinsatz im verlängerten Oberteil am Lauf.

Natürlich lässt sich auch der Verschluss entnehmen. Die Verschluss­feder liegt wie üblich in einem Rohr am Gehäuseende. Es handelt sich um ein Inertia-System nach Bruno Civolani aus dem Jahr 1967. Civolani arbeitete lange bei Breda, aber auch bei Benelli, die das System ebenfalls nutzen. Die SL 5 ist somit ein Rückstoßlader. Das Inertiasystem mit seiner auf den Drehkopfverschluss wirkenden Inertiafeder ist extrem langlebig. Es verdaut mehrere hunderttausend Schuss und arbeitet zuverlässig. Ferner verschmutzt es kaum. Da kein Gas abgezapft wird, erzielen die Patronen auch ihre volle Leistung.

Das System funktionierte sehr zuverlässig; egal, ob mit einer 12/70 mit 24, 28, 32 oder 36 Gramm Schrotvorlage oder einer 12/76 mit 56 g Schrot geschossen wurde. Die Funktion war stets einwandfrei. Sauer brachte ein Federn-Set-Up in die Konstruktion ein. Die empfohlene Einlaufzeit von 200 Schuss für die Federn war nicht nötig. Schon die ersten Schüsse gab ich mit unterschiedlich starken Schrot-Patronen von 24 bis 56 g ab, was tadellos funktionierte. Auch setzte beim Aufstauchen der Flinte der Verschluss nicht zurück, sodass keine Patronenzündung mehr möglich wäre. Diese „Unart“ lässt sich bei einigen Selbstladern feststellen, nicht bei der SL 5.

Der Abzug stand recht trocken. Er kroch kaum und löste im Mittel nach 2340 g Widerstand aus. Nach 2 Millimetern Vorzug stand er sehr trocken. Es handelt sich um einen sehr guten Abzug für eine Selbstladeflinte. Die Druckknopfsicherung hinten im Abzugsbügel wirkt auf den Abzug. Rechts vorne am Gehäuse sitzt der Druckknopf zur Verschlussentriegelung. Vorne rechts neben dem Abzugsbügel ist der Patronenfallhebel platziert. Das Röhrenmagazin fasst 4 Patronen in 12/70 und 3 Patronen in 12/76. Zur Begrenzung kann vorne im Magazin ein Stab zur Magazinbegrenzung auf 2 Patronen eingeführt werden (in der BRD ist keine Magazinbegrenzung mehr vorgeschrieben; zur Jagd dürfen jedoch nur 3 Patronen geladen werden).

Schlank, formschön, reflexarme Oberflächen – so präsentiert sich die SL 5 Select.


Der 70 cm lange Lauf wurde innen hartverchromt und ist mit mündungsbündigen Wechselchokes ausgestattet. Selbstverständlich sind Lauf und Chokes bis einschließlich Halbchoke stahlschrottauglich. Der Lauf weist dementsprechend einen Stahlschrotbeschuss auf. Auf dem Lauf sitzt eine 7 mm breite, ventilierte Visierschiene mit rotem Leucht-Perlkorn. Zur Reflexvermeidung wurde die Kastenoberseite fein gerillt und die Visierschiene guillochiert.

Der schlanke Semi-Beavertail-Vorderschaft endet mit angedeuteter Nase. Oben finden die Finger guten Halt. Der leichte Bauch sorgt für einen satten Griff. Formschön ist der Übergang zum Gehäuse gelöst. Der Hinterschaft kommt klassisch mit geradem Rücken und fülligem, langem Pistolengriff daher. Auch große Hände finden dort gut Platz. Er schließt nach Zwischenlage mit einer genarbten Gummischaftkappe ab. Die Oberseite ist glatt und sorgt für einen reibungslos gleitenden Anschlag. Mit den drei Ergofit-Inlays lässt sich der Hinterschaft in Senkung und Schränkung für Rechts- und Linksschützen justieren. Die klar beschrifteten Inlays werden zwischen Hinterschaft und Gehäuse eingesetzt.

Bei der augenfällig hochwertigen Maserung des Nussbaumschaftes griff Sauer in die Trickkiste. Die schöne schwarz-braune, fast schon flammende Maserung (Select-Laser-Maserung) ist nicht die natürliche Holzmaserung. Sie wurde auf das einfache Schaftholz per Laser aufgebracht. Die dunkle Maserung sorgt zusammen mit dem matten Metallfinish dafür, dass Flugwild die Waffe nicht schon von Weitem erspähen kann.

Sicher ist die Selbstladeflinte mit 125 cm Gesamtlänge bei 70 cm Lauflänge lang. Dafür wiegt sie mit 3 kg sehr wenig. Die SL 5 liegt ausgewogen zwischen den Händen und hat eine gute Balance. Daher gleitet sie schnell an die Schulter und schwingt gut mit. Dank Selbstlademechanismus fällt das Rückstoßverhalten gering aus – selbst mit 12/76er Magnum-Patronen.

Sanfter Rückstoß, hohe Deckung

Das Schloss mit Schlaghebel samt Verschlussträger.


Die Schussleistung wurde auf 35 m auf die 16-Felder-Scheibe mit ½–Choke bei den Bleischroten und ¼-Choke mit Stahlschroten geprüft. Die Treffpunktlage mit aufsitzendem Korn ergab leichten Hochschuss. Mit Rottweil Waidmannsheil 12/70 (3 mm Schrote, 36 g) wurden bei hervorragender Deckung 63 Trefferprozente erzielt. Mit Winchester Super X 12/76 (3,25 mm, 53 g) waren es im Mittel 61 %. Mit den ­bleifreien Rottweil Stahlschrotpatronen Steel Game HV 12/70 (3,75 mm, 32 g) wurden sogar 66 % erreicht. Das entspricht der angestrebten Leistung mit den verwendeten Chokes. Zudem waren die Gleichmäßigkeit und Deckung mit allen Patronen sehr hoch. Der SL 5 kann eine hervorragende Schussleistung bescheinigt werden.

Die Sauer SL 5 ist aufgrund ihres eleganten Aussehens nicht die typische Wasserwild-Flinte. Ich finde sie für Gänseliege und feuchtes Klima eigentlich viel zu schade. Geeignet ist sie dafür allemal. Spaß macht sie dementsprechend bei der Gänsejagd. Sie lässt sich im Liegen oder Sitzen besser handhaben als eine Bockflinte. Sicher ist sie ebenso bei High-Volume-Taubenjagden, Fuchs-, Fasan- und Hasenjagd sehr gut einsetzbar. Auch bei der Krähenjagd aus dem Schirm punktet die SL 5.

Die meisten Jäger schätzen die Riementragweise. Vor allem am Stand möchte ich jedoch keinen Riemen an der SL 5 haben – kein Problem! In den Hinterschaft- und Vorderschaftmuttern lassen sich die abnehmbaren Riemenbügel sicher ver- und entriegeln.

Laden und entladen etwas umständlich

Die Ergofit-Inlays ändern Senkung und Schränkung des Schaftes und passen die SL 5 somit für Links- und Rechtsschützen an.


Ein Laden ist nur bei gespannter Waffe möglich. Der Patronen-Freigabehebel ist dabei an der vorderen Abzugsbügelseite sichtbar. Das Magazin lässt sich nur bei geschlossenem Verschluss laden. Nach dem letzten Schuss kann durch das offene Auswurffenster eine Patrone auf den Ladelöffel gelegt werden. Mittels Drücken des Verschluss­fangdrückers vorne am Gehäuse schließt der Verschluss und nimmt die Patrone mit ins Lager. Danach lässt sich das Magazin bestücken.

Das Entladen des Magazins ist etwas fummelig. Dank des Patronenfallhebels kann eine Patrone aus dem Lauf schnell mit einer Patrone aus dem Magazin getauscht werden. Vermisst habe ich ein Laden des Magazins bei offenem Verschluss, sodass dieser die erste Patrone ins Lager schiebt. Dabei würde es sich um eine schnelle Lademöglichkeit handeln. Sie wird vor allem bei hohen Schusszahlen, wie sie bei High-Volume-Taubenjagden üblich sind, bevorzugt.
 


Roland Zeitler Er ist ständiger freier Mitarbeiter der PIRSCH und Buchautor mit den Themenschwerpunkten: Waffen, Munition, Wiederladen, Optik und sonstige Jagdausrüstung. Darüber hinaus verfügt er über Jagderfahrungen auf fünf Kontinenten.
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