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Im Schweinsgalopp

Gemeinsam Jagd erleben - Autor
am
Donnerstag, 01.01.2015 - 11:37
Jäger zielt aus Hochsitz © gemeinsam Jagd erleben

Für mich gab es in den vergangenen Wochen zwei Premieren. Eine Ansitzjagd mit einem jungen Jäger in seinem Revier und die Einladung auf eine Drückjagd. Zwei Ereignisse, die mir viele neue Eindrücke vermittelten, mich aber auch nachdenklich stimmten.
Seit ich denken kann, bin ich stark mit der Natur verbunden. Keine zehn Meter von dem Haus entfernt, indem ich aufwuchs, fließt ein Bach und der Waldrand ist ebenfalls nicht weit. Eine Kindheit geprägt von Schürfwunden und Abenteuer. Damals in jugendlichem Leichtsinn ging es dort nicht selten auf Forellenpirsch. Heute kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass das die Grundsteinlegung für meinen heutigen Angelschein und einen bewussteren Umgang mit dem Lebewesen Fisch war. Selbst wenn ich heute an den Rhein gehe und Erfolg habe, heißt das für mich noch nicht, dass ich den gefangenen Fisch auch mitnehme. Ich wäge ab. Ist er zu klein oder zu groß, um ihn zu verwerten? Ist die Verletzung durch den Haken nur im schnell heilenden Fischmaul? Dann kann es durchaus sein, dass ich das Tier schonend zurücksetze. Was habe ich davon, wenn ich eine 15 Jahre alte Hechtdame abschlage, sie mitnehme und dann nicht vollständig verwerte? Nichts außer einer guten Mahlzeit und einem schlechten Gewissen.
Soviel zu meiner Vorgeschichte. Aktuell beschäftige ich mich privat sehr intensiv mit dem Thema Genuss und guter Qualität von Lebensmitteln. Das Thema Fleisch spielt dabei eine große Rolle und wer sich intensiv damit auseinandersetzt, dem kann in unserer konsumverwöhnten Welt dann doch das günstige Schnitzel im Halse stecken bleiben. Vor allem dann, wenn man weiß, was man da eigentlich gerade zu sich nimmt. Deshalb hat auch hier ein Umdenken bei mir stattgefunden. Ich habe meinen Fleischkonsum verringert, lege möglichst Wert auf Qualität und Regionalität und bin grundsätzlich der Meinung, dass man das Lebensmittel Fleisch in seiner Gänze betrachten muss. Heißt im Klartext: Wer Fleisch isst, sollte sich auch darüber im Klaren sein, dass dafür ein Tier sein Leben lassen muss.
Und jetzt sind wir an des Pudels Kern. Ich esse gerne Fleisch, war vor einigen Wochen aber schon an dem Punkt, mir zu überlegen, ob ich das noch mit mir selbst ausmachen kann. Deshalb diese Art Selbstversuch: Bin ich grundsätzlich in der Lage ein größeres Tier als einen Fisch zu erlegen, es zu verwerten und dann noch Genuss beim Verzehr zu verspüren?
Es ist Herbst. Die Zeit, in der die Jungtiere aus den Sommermonaten ihren Kinderschuhen entwachsen und selbstständig werden. Die Zeit, in der nahezu alle Schonzeiten beendet sind und sich die Jagdgesellschaften versammeln um ihre Reviere zu bejagen. Und die Zeit, in der ich mich ihnen anschließe um festzustellen, ob auch ich ein Jäger sein könnte.
Zusammen mit Philipp, einem 26 jährigen Jäger begebe ich mich in das Revier, das er bejagen darf. Ansitzjagd ist das Stichwort. Wir bewegen uns möglichst leise durch den Wald an einen Hochsitz, der vielversprechend ist. 'Gegen Abend kommen gerne Wildschweine und Rehe aus dem Wald und bedienen sich am reichhaltigen Angebot der Obstwiesen', sagt Philipp. Er zeigt mir mit dem Fernglas einige offensichtliche Spuren von Wildschweinen, die den Boden um einen Apfelbaum aufgewühlt haben. Wir machen es uns - so gut es auf dem beengten Raum geht - gemütlich und harren der Dinge die da kommen mögen. Ich muss mir eingestehen, dass ich ziemlich aufgeregt bin. Im Wald saß ich zwar schon häufig, aber noch nie mit einem Jäger, der eine geladene Waffe an seiner Seite hat. 'Falls sich etwas zeigt, halt dir beim Schuss die Ohren zu, dass rumst ganz ordentlich', rät mir Philipp, dem ich gerade dabei zusehe, wie er etwas Baby-Puder in die Luft stäubt und damit prüft, wie der Wind steht. Uns entgegen, perfekt! Ich spähe gespannt zum nahen Waldrand und jeder Vogel, der aus dem Dickicht auffliegt und jedes Knacken im Unterholz lässt mein Herz schneller schlagen. Ich stelle fest, wie ich viel bewusster die Umgebung wahrnehme. Da versucht sich ein Eichelhäher daran, eine Esskastanie zu öffnen, unter uns toben zwei Mäuse durch das Laub und irgendwo hackt ein Specht an einem Baum. Von Reh oder Wildschwein am gegenüberliegenden Waldrand ist allerdings nichts zu sehen.
Es wird langsam dunkel und ich muss feststellen, dass ich mich wohl doch etwas zu dünn angezogen habe. Die Kälte zieht mir langsam in die Knochen. Seit zweieinhalb Stunden sitzen wir nun mehr oder weniger schweigend hier. Suchen die Umgebung mit Augen und Fernglas ab. Die anfängliche Aufregung hat schon vor einiger Zeit nachgelassen. Ich werde etwas schläfrig und nicke für einen Moment ein. Philipp grinst, als ich aufwache und den Kopf dabei ruckartig hochreiße: 'passiert mir auch regelmäßig', flüstert er. Das Ganze hat aber auch etwas Meditatives. Man kommt gut zur Ruhe und kann seinen Gedanken freien Lauf lassen - wenn es nur nicht so kalt wäre. Philipp scheint zu merken, dass es mir langsam aber sicher etwas zu ungemütlich wird und prüft noch einmal den Wind. Rückenwind, verdammt. Wenn jetzt ein Stück Wild vor uns wäre, dann hätte es unsere Witterung aufgenommen und würde sich ganz sicher nichtmehr zeigen. 'Wir packen zusammen', sagt Philipp. 'Ohne Vollmond wird es jetzt sowieso zu dunkel, um noch einen sauberen Schuss abzugeben.' Gesagt getan. Etwas ernüchtert, aber irgendwo auch froh, dass es heute kein Wildbret gibt, klettere ich vom Hochsitz und wir machen uns auf zum Auto. Zuhause gönne ich mir eine heiße Badewanne und während sich mein Körper wieder aufwärmt hänge ich meinen Gedanken nach. Noch vier Tage, bis es auf die Drückjagd geht… Da wird sicher etwas geschossen. Wie werde ich wohl darauf reagieren?
Diese Gedanken nehme ich mit und in der Nacht vor der Jagd schlafe ich unruhig und träume seltsame Dinge. Um sechs Uhr klingelt mein Wecker. Ich fühle mich gerädert und muss mir eingestehen, dass mich das Alles doch wesentlich mehr beschäftigt, als ich es mir zuerst eingestehen wollte. Mal sehen, was der Tag bringt.
Heute habe ich vorgesorgt. Lange Unterwäsche, Thermokombi von der Bundeswehr und dicke Winterstiefel sollen mich vor der Kälte schützen. Mit dem Auto geht es über eine sich durch die hügelige Landschaft des Schwarzwalds schlängelnde Landstraße hinter Oberkirch. Um kurz vor Neun bin ich am ausgemachten Treffpunkt. Reges Treiben erwartet mich. Etwa fünfzig in Grün und knalligem Orange gekleidete Jäger und Treiber haben sich hier versammelt. Ich werde freundlich und mit Handschlag begrüßt und halte Ausschau nach meinem Ansprechpartner, Kreisjägermeister Georg Schilli. Zusammen mit seiner Hündin Bella, einer Deutschen Bracke, kann ich ihn mitten unter den Versammelten ausfindig machen.

Wir sind gleich beim Du. 'Wenn Dir danach ist, kannst Du mich nach der Jagd wieder Siezen', sagt er schmunzelnd. 'Jetzt sind wir hier aber alle beim Du.' Er stellt mich der Jagdgesellschaft vor und wir überlegen gemeinsam, wie ich wohl am besten Eindrücke sammeln kann. Zu Beginn geht es mit Georg und Bella an den Platz an dem wir von einem Ortskundigen 'angestellt' werden. Sobald die erste Treiberwehr vorbei kommt, schließe ich mich ihr an und soll dafür sorgen, das Wild aus dessen Unterständen zu treiben.
Bevor es losgeht, gibt Revierförster Siegfried Huber eine Sicherheitseinweisung und erläutert den Ablauf der Jagd. Zu erwarten sind Reh-, Schwarz- und Raubwild. Also Rehe, Wildschweine, Füchse sowie Marder. Es wird noch einmal eindringlich darauf aufmerksam gemacht, dass der zugewiesene Standplatz bis auf fünf Meter nach rechts und links während der Jagd nicht verlassen werden darf und nur sichere Schüsse abzugeben sind. Danach werden wir unserem Ansteller zugeteilt und es geht in das zu bejagende Revier.
Ich merke, wie meine Anspannung wächst, als Georg und ich an unserem Platz angekommen sind, er sein Gewehr auspackt und es lädt. Auch bei Bella macht sich der Jagdtrieb bemerkbar. Ihr ist klar, dass es bald losgeht und sie tänzelt aufgeregt um uns herum. Georg erklärt mir, was jetzt gleich passieren wird: 'Um halb Elf beginnen die Treiberwehren laut rufend und in einer Reihe durch den Wald zu laufen und das Wild in Bewegung zu bringen.' Im Idealfall läuft uns dann ein 'Stück' vor die Büchse und Georg kann einen sauberen Schuss abgeben. Soweit die Kurzfassung. Pünktlich um halb Elf ertönen die ersten Rufe, Hundegebell und nur wenige Augenblicke später gellen die ersten Schüsse. Drei kurz hintereinander. 'Das könnte eine Rotte Wildschweine sein', sagt Georg. 'Wenn die im Schweinsgalopp sind, dann kommen sie bei guter Aufstellung der Jäger gleich an mehreren vorbei.' Es folgen noch weitere Schüsse, dann hört man lange Zeit nur noch den Lärm der Treiber. Zeit, sich ein bisschen mit Georg zu unterhalten. In den Medien stehen Jäger meist nicht so gut da und werden recht offen angegangen. Für mich stellt sich die Frage, wie er zur Jagd steht und die Antwort klingt so überhaupt nicht nach schießwütigem Fleischkonsument: 'Es kommt natürlich immer auf die Betrachtungsweise an. Die Jagd, die wir hier betreiben dient zur Bestandsregulierung in einem Nutzwald. Zuviel Rehwild sorgt dafür, dass Jungpflanzen nicht nachwachsen können und insgesamt betrachtet bietet ein zu hoher Wildbestand die Gefahr der Seuchenverbreitung wie beispielsweise der Wildschweinepest. Aber alles in Kürze aufzuschlüsseln geht nicht, dafür müssen wir uns mal einen Abend zusammensetzen.' Besonders gefällt mir aber seine Aussage, dass er durchaus auch nur auf einem Hochsitz sitzt und die Tiere beobachtet. Es ist also ähnlich wie beim Angeln, nicht jeder Tag endet mit einem erlegten Tier aber jeder Tag in der Natur endet mit neuen Eindrücken und Erlebnissen.
Jetzt ist es soweit, die Treiberwehr von Manuel kommt an unserem Platz vorbei und ich schließe mich ihm, Stefanie und Helena an. Etwa fünf Meter Abstand lassen wir zwischen uns und es geht ab durchs Unterholz. Anfänglich habe ich etwas Hemmungen laut zu rufen, aber Manuel treibt mich an und kurz darauf grölen wir gemeinsam, während wir uns durch den dichten Bewuchs aus  Nadelbäumen und Brombeergestrüpp kämpfen. Schnell wird mir klar, heute war die dicke Kleidung ein Fehler. Mein Zwiebeloutfit verwandelt sich schon nach einer knappen Stunde in eine mobile Sauna und ich habe einen hochroten Kopf. Zum Glück legen wir an Manuels Auto eine kurze Pause ein. Grinsend werde ich bestaunt, als ich Schicht für Schicht ablege und die Drei nicht glauben können, dass ich verpackt wie das 'Michelin-Männchen' durch den Wald marschiert bin. Ich exe fast einen Liter Wasser und dann geht es schon weiter.
In einer Fichtenschonung springt plötzlich ein Reh keine fünf Meter vor mir aus seiner Deckung als einer unserer Treiberhunde es aufstöbert. Manuel geht mit dem Gewehr in Anschlag, kann aber keinen sauberen Schuss setzen und lässt es wieder sinken. Die Hunde machen sich bellend auf die Fährte und wir warten gespannt auf einen Schuss. - PENG! Unterhalb von uns scheint es passiert zu sein und ich würde nur zu gern nachsehen, ob der Schuss saß, darf aber nicht.
Wir treiben insgesamt dreieinhalb Stunden und als um halb zwei Nachmittags die Jagd endet, ist meine Treiberwehr an dem Punkt, an dem wir zuvor das Reh weiter oben aufstöberten. Der hier platzierte Jäger bestätigt mir den Abschuss und wir gehen gemeinsam an die Stelle, an der das erlegte Tier liegt. Ein kleines Loch kurz hinter dem Schulterblatt zeigt an, dass es wohl ein guter Schuss war. Herz oder Lunge. Ein schneller Tot, der auch keine größeren Schäden für das Wildbret bedeutet. Gemeinsam tragen wir das Reh zum Waldrand und warten bis wir abgeholt werden. Seltsam, aber ich verspüre den Drang das Tier zu streicheln. Es ist noch warm. Weiches Fell unter meiner Hand und da dieses kleine Loch, aus dem ein dünnes Rinnsal Blut läuft. Ich muss mir eingestehen, dass mich der Moment bewegt. Zugleich mache ich mir aber auch bewusst, dass dieses Tier bis vor ein paar Minuten im Vergleich zu Tieren aus der Massenzucht ein gutes Leben hatte. In meinem Kopf beginnt ein Denkprozess. Auch während der Fahrt zurück zum Sammelpunkt bin ich ruhiger als zuvor. Nehme mich etwas zurück und betrachte die Aussagen von Georg, das gesehene und Erlebte und meine vorangegangene Recherche zum Thema Fleischkonsum. Am Sammelpunkt angekommen gibt es Getränke und ein Vesper. Hungrig greife ich zu und gehe ein paar Schritte weiter, wo gerade die ersten Tiere aufgebrochen und ausgenommen werden. Insgesamt erlegt die Jagdgesellschaft an diesem Tag 20 Rehe und 7 Schweine. Der Geruch und die Bilder sind gewöhnungsbedürftig. Aber das ist es ja schließlich um was es mir ging. Es ist nun einmal nicht so, dass ein Tier einfach umfällt und dann eingeschweißte Fleischstücke auf dem Boden landen. Es sind die Vorgänge dazwischen, die wir heutzutage ausblenden - Leider.
Ich nehme das gesehene auf, unterhalte mich mit Georg über meine Eindrücke und stelle zunehmend fest, dass ich mich damit anfreunden kann. Es bewegt mich, was hier passiert. Zeigt mir auf, dass auch ich, obwohl ich durch die Angelei schon wesentlich näher am Thema bin, als viele andere Mitmenschen, mich viel zu wenig mit dem Lebensmittel Fleisch beschäftigt habe. In mir beginnt ein Entschluss zu reifen. Ich möchte tatsächlich selbst vor der Wahl stehen, meinen Fleischkonsum selbst zu decken. Mit mir selbst ausmachen zu können 'jetzt gehe ich jagen' und wenn sich die Möglichkeit bietet die Entscheidung zu treffen, ob es bald Wildbret oder Salat gibt.