Home Praxis Zweifelsfälle der Jägersprache: Bestand oder Besatz?

Zweifelsfälle der Jägersprache: Bestand oder Besatz?

Klarer Fall: Bei Rotwild spricht man von Bestand.


Ein Blick auf die Bedeutungsentwicklung und den -inhalt der jagdlichen Begriffe Bestand und Besatz hilft, um sie bewusst zu gebrauchen: Der erweiterte Begriff Wildbestand bezieht sich auf alles vorhandene Hochwild in einem bestimmten Gebiet (Hegegemeinschaft, geschlossener großer Waldkomplex). Während Bestand die einzelnen Wildarten näher bezeichnet (z.B. Rotwildbestand), bezieht sich der erweiterte Begriff Wildbesatz auf alles Niederwild – zumeist in einem Jagdgebiet, da es sich um Arten mit kleinerem Raumanspruch handelt.

Die ältere Waidmannssprache kannte die beiden Begriffe Bestand und Besatz nicht. Es wurde von Stand gesprochen, von Wildstand, der als Rechtsbegriff räumliche Bedeutung hatte: ein vor Übergriffen geschützter Ort, in dem sich Wild häufig oder ständig aufhielt. Bedeutungsgleich mit Stand wurden die Wörter Wildbretstand, Wildstand und Wildunterstand benutzt.

"Besatz" steht für Niederwild

Bei Fasanen spricht man von einem „guten Besatz".


Der Begriff Besatz geht in seiner Bedeutung auf Satz in der Bedeutung „Anzahl zusammengehöriger Gegenstände“ ­zurück. Er wurde im 19. Jahrhundert Jägerwort für einen Wurf von Hasen beziehungsweise Kaninchen. ­Deshalb nennt man die innehabende Häsin auch Satz- oder Setzhase, die ihre ­Jungen setzt (abgeleitet von der Grundbedeutung des Wortes sitzen = an einen bestimmten Ort hingesetzt werden).

Mit der Vorsilbe „Be“ zu Besatz er­weitert, gilt der Begriff für die Gesamtheit des Hasen- beziehungsweise Kaninchenbesatzes eines Revierteils bzw. Reviers oder einer Landschaft. Schließlich wurde Besatz erweitert auf alles Niederwild, Rehwild eingeschlossen, da es nach alter Einteilung zum Niederwild zählt.

Da Rehwild aber zum Schalenwild gehört, sich also vom „kleinen“ Niederwild unterscheidet, spricht man heute vom Rehwildbestand, nicht vom Rehwildbesatz.

Im jagdlichen Sprachgebrauch heißt es: Ein Niederwildrevier ist gut oder schlecht besetzt, oder der Nieder­wildbesatz ist gut beziehungsweise schlecht. Das bedeutet, die Gesamtzahl des Niederwildes ist hoch oder niedrig.

Woher kommen die Begriffe „Hochwild" und „Niederwild"?

Die heute verblassten Begriffe Hohe Jagd und Niedere Jagd haben ihren Ursprung im Mittelalter, also zur Zeit landesfürstlicher Jagdhoheit – ebenso wie die Bezeichnungen Hochwild und Niederwild.  Wie weit diese Trennung zurückgeht, zeigt ein Diplom für das Jagdrecht auf Hochwild, das Otto I. der Kirche zu Utrecht 944 verlieh. Unter Kaiser Maximilian I. (1459 - 1519) wurde ein umfassendes Jagdregal, also jagdliches Hoheitsrecht eingeführt. Jeder Regent konnte nun nach seinem Ermessen über die Zuordnung der Wildarten entscheiden. Die Einteilung erfolgte willkürlich und wich daher in den einzelnen deutschen Ländern voneinander ab. Aus der Trennung der Jagd in Hohe Jagd und Niedere Jagd sind die Begriffe Hochwild und Niederwild zu erklären.

In ­„Riesenthals Jagdlexikon“ heißt es: „Im Allgemeinen teilt man die Jagd ein in hohe und niedere, zum Teil früher auch in hohe, mittlere und niedere, wofür man auch Hohejagd, Mitteljagd und Niederjagd sagt. Diese Einteilung hatte in älteren Zeiten, wo die Jagd noch Regal war, mehr Bedeutung als jetzt. Wenn der oberste Jagdherr an der Jagd oder dem Geschmack eines Wildes Gefallen fand, so nahm er dessen Jagd einfach für sich in Beschlag, wodurch es der ‚hohen Jagd‘ einverleibt war. Daher kommt es, dass die Einteilung in den verschiedenen Ländern voneinander abweicht.

Um Einheitlichkeit in der gedachten Richtung zu erzielen, hat das Institut für Jagdkunde (Neudamm) im Jahre 1914 Vorschläge gemacht, die fast überall angenommen worden sind. Zum Hochwild zählte danach Rot-, Elch-, Dam-, Reh-, Stein-, Gams-, Ren- und Schwarzwild sowie Wisent, Wildziegen, Bär, Luchs, Wolf, Auer- und Trutwild, Trappe, Kranich, Schwan, Adler und Uhu. Alles übrige Wild gehörte zum Niederwild.“

Rehwild ist eine Ausnahme und zählt zum Niederwild © wildpixproductions - stock.adobe.com

Rehwild ist eine Ausnahme und zählt zum Niederwild

Gesetzgeber hat das letzte Wort

Was auffällt: Rehwild gehört nach eben zitiertem Expertenrat zum Hochwild. Liest man in alten Jagdordnungen nach, wird sichtbar, dass Rehwild teils zum Hochwild, teils zum Niederwild gerechnet wurde. Unterschied man darüber hinaus noch eine Mitteljagd, fiel das Rehwild in diese Kategorie.

Carl Emil Diezel hat in seiner „Niederjagd“ von 1849 das Rehwild als Niederwild behandelt. Und diese Zuordnung wurde in den Nachauflagen dieses Jagdklassikers beibehalten.

Ob eine Wildart dem Hochwild oder dem Niederwild zugerechnet wurde beziehungsweise wird, entschied und entscheidet bis heute letztlich das Recht. Dem heutigen Bundesjagdgesetz nach zählen zum Hochwild: Wisent, Elch-, Rot-, Dam-, Sika-, Stein-, Gams-, Muffel-, Schwarz- und Auerwild sowie Steinadler und Seeadler. Rehwild und alles übrige jagdbare Wild werden zum Niederwild gerechnet.