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Zecken: Diese Rolle spielt Rehwild bei der Verbreitung

Robin Sandfort
am
Montag, 01.03.2021 - 12:24
Zecke-Detail © Anja Götz – stock.adobe.com
Zecken verbreiten sich in Deutschland immer mehr.

Es wird Frühjahr. Die Zecken werden nach der Winterzeit wieder aktiv und beziehen hungrig ihre Ansitzwarten auf der Vegetation. Es könnte ja eine Waldmaus, eine Drossel, ein Reh oder aber auch ein Jäger sein, der als Nächstes angezapft wird. In den vergangenen Jahren wurde viel diskutiert über das vermehrte Auftreten von Zecken und die von ihnen übertragenen Krankheiten. Sind wir als Gesellschaft nur aufmerksamer geworden oder hat sich tatsächlich etwas verändert in unserer Landschaft? Was könnten die Gründe für eine Zunahme der Erkrankungen sein? Die Auswirkungen des Klimawandels, Kleinsäuger, zu hohe oder zu niedrige Schalenwildbestände, ein veränderter Lebensraum und gar eine veränderte Freizeitnutzung der menschlichen Wirte? All diese Elemente spielen ihre Rolle in diesem großen komplexen Zusammenspiel von Erregern, Zecken und deren Wirten. Folgen wir also einem Gemeinen Holzbock auf seinem Weg vom Ei bis zu seiner letzten Blutmahlzeit. In Mitteleuropa vergehen dabei zwei bis drei Jahre.

Drei unterschiedliche Stadien mit je einer Mahlzeit

Die Zecke durchläuft nach dem Schlupf drei Stadien: Sie beginnt als Larve, entwickelt sich zur Nymphe und danach zur erwachsenen Zecke. Bei jedem Stadienwechsel benötigt die Zecke eine neue Blutmahlzeit. Jede Zecke muss so an mindestens drei verschiedenen Wirten saugen und kann dabei Krankheitserreger aufnehmen und übertragen – auch an uns Menschen. Die unterschiedlichen Stadien bevorzugen dabei unterschiedliche Wirtsarten und Körperstellen. Für Zeckenlarven sind Mäuse und kleinere Vögel die wichtigste Nahrungsquelle. Nymphen suchen dann z.B. Drosseln, Mäuse, aber auch schon Rehe auf. Eine verstärkte Suchaktivität beginnt in unseren Breiten ab zirka 7 °C Bodentemperatur und zeigt zwei jahreszeitliche Höhepunkte: Das Frühjahr und den Herbst. Bei ihrer Suche klettern die Zecken immer wieder auf niedrige Pflanzen und strecken das vordere Beinpaar mit seinen Sinnesorganen aus. Dabei lassen sie sich von vorbeiziehenden Wirten von der Vegetation abstreifen. In einem heißen trockenen Sommer ist die Gefahr einer Austrocknung für die Zecken zu hoch, und sie verkriechen sich in der Laubstreu.

Bei der letzten Blutmahlzeit der erwachsenen Weibchen vor der Eiablage werden dann besonders Rehe selektiert. Die Larven und Nymphen saugen dabei bevorzugt am Rehhaupt und an den Vorderläufen. Die erwachsenen Zecken hingegen konzentrieren sich am Träger. Bis zu 2.000 Zecken wurden bereits an einem einzigen Stück gefunden. Gesunde Rehe werden dabei weniger befallen als kranke oder geschwächte Stücke. Interessanterweise konnte bei frisch gesetzten Rehkitzen keine höhere Sterblichkeit bei stärkerem Zeckenbefall festgestellt werden. Das vollgesogene Zeckenweibchen lässt sich nach der Blutmahlzeit fallen und legt dann in unmittelbarer Nähe bis zu 5.000 Eier am Boden ab. Rehwild spielt also mindestens zwei wichtige Rollen bei der Entwicklung der Zeckenpopulation: Erstens stellt es bei uns flächendeckend die wichtigste Nahrungsquelle der erwachsenen Holzbockweibchen vor der Eiablage dar. Zweitens transportieren die Rehe angesaugte Zecken von einem geeigneten Lebensraum zum anderen. Bei Anwesenheit von ausreichend Rehwild kann die lokale Zeckenpopulation folglich stark anwachsen. Dieser Zusammenhang zwischen Zecken und Rehen ist noch relativ einfach. Kompliziert wird die Situation erst, wenn einer der zahlreichen von Zecken übertragenen Erreger mit ins Spiel kommt.

Der Gemeine Holzbock ist eine der häufiger auftretenden Zeckenarten.

Eine besondere Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Erreger der Lyme-Borreliose. Sie ist die häufigste durch den Gemeinen Holzbock übertragene Infektionskrankheit beim Menschen und in Mitteleuropa weit verbreitet. Die schraubenförmigen Borrelienbakterien befinden sich im Darm der Zecke und können bei einer längeren Blutmahlzeit auf einige Wirtstiere und den Menschen übertragen werden. In diesem Fall unterscheiden sich die häufigsten Wirtsarten, die Waldmaus und das Rehwild, in einem wichtigen Detail: Waldmäuse sind ein sogenannter kompetenter Reservoirwirt. Sie können sich bei einem Biss einer infizierten Zecke leicht mit Borrelien anstecken, die Bakterien über einen längeren Zeitraum in sich tragen und bei einem weiteren Biss einer noch nicht infizierten Zecke weitergeben. Der Erreger zirkuliert so zwischen den Zecken und den Waldmäusen. Das Rehwild hingegen ist wahrscheinlich ein nicht-reservoirkompetenter Wirt. Bei einem Biss einer infizierten Zecke verhindert ein bisher nicht bekannter Prozess – bei anderen Wiederkäuern übrigens auch – eine Infektion, und der Erreger kann nicht an eine weitere noch nicht infizierte Zecke weitergegeben werden. Für den Erreger ist das Rehwild damit eine Sackgasse.

Rehbock-wechselnd-Winter © Erich Marek

Adulte Zecken saugen gerne am Träger von Rehwild.

Zu viele oder zu wenige Rehe?

Dieser entscheidende Unterschied zwischen den beiden Wirtsarten ist die Basis einer intensiven Diskussion zwischen Experten. Die eine Gruppe argumentiert, dass bei einem sehr hohen Rehwildbestand mehr Zecken an gesunden Rehen und nicht an infizierten Waldmäusen saugen. Die Erreger können so schlechter an nicht infizierte Zecken weitergegeben werden, und die Infektionsrate der Zecken – und somit die Gefahr für uns Menschen – sollte zurückgehen. Die andere Gruppe hält dagegen, dass höhere Rehwilddichten zu einer starken Vermehrung der Zecken führen. Diese vielen Zecken können sich dann bei Mäusen mit dem Erreger infizieren und so zu mehr Erkrankungen bei Menschen führen.

Entscheidend wäre bei Letzterem eher das zahlenmäßige Verhältnis von Rehen zu infizierten Mäusen. Vieles spricht heute dafür, dass eine starke jagdliche Reduktion des Rehwildbestands bei uns nicht zum Erlöschen der Erkrankung führen würde. Zu viele andere Wirtsarten und Umwelteinflüsse spielen in diesem System eine Rolle. Die Jagd auf Rehwild kann jedoch indirekt zur Erkennung und Vermeidung einer weiteren, durch Zecken übertragbaren Erkrankung beitragen.

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist eine Viruserkrankung, die sich in Deutschland von Süden her ausbreitet und gegen die eine wirksame Impfung möglich ist. Die Impfempfehlungen basieren hier auf Karten der klinischen Fälle bei Menschen. Der Erreger kann aber unerkannt schon in der Zeckenpopulation zirkulieren. Rehe reagieren auf das Virus mit der Bildung von Antikörpern, die im Blut nachgewiesen werden können. Durch Proben erlegter Rehe kann das Vorkommen der Erreger relativ kleinräumig festgestellt werden, ohne erst auf menschliche Erkrankungen warten zu müssen. Die Jägerschaft hat so in Europa bereits mitgeholfen, ein besseres Verständnis des Zusammenspiels von Erregern, Zecken und deren Wirten zu erreichen. Unser Ökosystem verändert sich ständig. Es bleibt noch viel zu tun.


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