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Zecken im Aufwind

Die Auwaldzecke ist leicht an Größe und auffälligem Rückenschild zu erkennen.<br>(Foto: www.zeckenfilm.de)


Der Klimawandel hat nicht nur Verlierer. Im Unterholz unserer Wälder, in den Wildwiesen und Altgrasstreifen, lachen sie sich in die acht Fäustchen: Für die Wärme und Feuchtigkeit liebenden Spinnentiere, die Zecken, wird das Leben in Mitteleuropa immer besser. In den milden und feuchten Wintern entfällt nun oft die übliche Ruheperiode. Zecken überleben bei Kälte in den obersten Laub- und Streuschichten. Bei Minusgraden verkrümeln sie sich tiefer in frostfreie Bereiche (Obwohl es auch Spezialisten gibt, die sogar in sibirischen Permafrost- Gebieten überleben). Selbst wenn es nur kurzfristig wärmer als sieben Grad Celsius ist, werden die Zecken wieder aktiv und gehen auf Nahrungssuche. Deshalb werden heute auch im Winter Mensch und Tier vermehrt befallen. Richtiges Zecken-Wohlfühlwetter herrscht bei etwa 17 bis 20 Grad Celsius – und 70 bis 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Unter diesen Bedingungen gibt es kein Halten mehr.
Auch ihre beliebtesten „Beutetiere“, Mäuse, profitieren vom wärmeren Klima und nehmen deutlich zu. Krankheitserreger, die im Mäuseblut schlummern, werden von einer Zecke zum nächsten Wirt weitertransportiert. Zeckenmütter geben die Erreger ihren Nachkommen bereits bei der Eiablage mit. Mehr Mäuse bedeutet gleichzeitig mehr Zecken – das wiederum vergrößert den Lebensraum für die gefährlichen Krankheitserreger und eine schnellere Verbreitung. Fazit: Es gibt nicht nur mehr Zecken, sondern auch mehr gefährliche Zecken!
Ein trockener Sommer dagegen trifft die Zeckenpopulation empfindlich und beeinflusst auch die Nachwuchsrate im folgenden Frühjahr. Trotzdem! In günstigen Jahren kann sich der „Bestand“ vervielfältigen und „Zeckenalarm“ herrscht das ganze Jahr über.

Zecken werden schneller

Nachweis von Babesia canis bei Hunden 2005/06 - Mitwirkende: PD Dr. Dr. D.&#8201;&#8201;Barutzi, Prof. Dr. E. Schein, M. Reule, R.&#8201;&#8201;Scheunemann<br>(Karte: zeckenfilm.de)


Die Blutmahlzeiten der Zecken sind vor allem für die Produktion der Eier wichtig. Sobald die deutlich kleineren Männchen „erwachsen“ sind, gehen sie auf Brautschau: ­Haben sie eine Partnerin gefunden, klammern sie sich an deren Unterseite fest und „übergeben“ nicht nur ein kleines Samenpaket. Sie in­jizieren der Braut auch einen Appetitanreger, der die Weibchen dazu veranlasst, besonders viel Blut zu saugen. Nur wenn das begattete Weibchen einen Schwellenwert an Gewicht und Protein erreicht, macht sie sich an die Eiablage. Bis zu 3000 Eier kann ein einzelnes Weibchen legen. Dann ist sein Körper derart geschwächt, dass es stirbt. Sind die Bedingungen für Fortpflanzung und Eiproduktion aber nicht ausreichend, kann eine Zecken-Jungfrau auch mehrere Jahre leben und auf Männchen und ausreichende Blutmahlzeiten warten.
In der Regel beginnt die Zecken­saison mit passendem Klima im März. Bis sich nach zwei Häutungsstadien erwachsene Tiere entwickeln, ist es meist schon Herbst. Die Männchen überleben die ­Zeckenhochzeit nicht lange; die Weibchen legen eine Winterpause ein, um dann im kommenden Frühjahr ihre Eier abzulegen.
Unter sehr günstigen Bedingungen kann dieser Zyklus auch schneller ablaufen: warme Winter, feuchte Sommer beschleunigen die Zecken auf bis zu drei Generationen pro Jahr.
Aus den Eiern entwickeln sich kleine Larven. Diese sechs­beinigen Minizecken können zwar schon Blut saugen. Sie sind aber noch so klein, dass sie weder bei Mensch noch Haustier richtig zubeißen können. Das nächste Entwicklungsstadium, die sogenannte Nymphe, ist als schwarzer, krabbelnder Punkt bemerkbar. Mit den kleinen Doppelkrallen an den Beinen können sich die Insekten an Gräsern und Halmen festklammern. Bemerkt der ­Parasit dann mit seinen „Beinnasen“ – Riechorgane an den Vorderbeinen – den typischen Geruch von Buttersäure, Ammoniak (beides im Schweiß enthalten) und Kohlendioxid (aus der Atemluft), streckt er seine Beinchen aus und klammert sich am vorbeistreifenden Tier fest. Die kleinen Nymphen können dabei oft zu Dutzenden beieinander sitzen und so im Verband den neuen Wirt befallen. Er­wachsene Tiere klettern im ­Gestrüpp und Dickicht bis zu einem Meter hoch, die jüngeren sitzen in tieferen Vegeta­tionsschichten.
Für Menschen sind vor allem die Nymphen gefährlich. Sie können mit ihren Mundwerkzeugen bereits durch zarte Hautpartien in Achselhöhle, Hals und Leistengegend oder am Bauchnabel sägen. Auch sind sie unauffälliger und – vor allem sie stellen das Gros der gesamten Zeckenpopu­lation. An Hunden fallen vor allem die erwachsenen Weibchen als Parasiten auf.
Weltweit gibt es 800 Zeckenarten, jeweils angepasst an verschiedene Lebensräume und Wirtstierarten. In Mitteleuropa kommt neben dem häufigen Holzbock noch die Schafzecke oder die braune Hundezecke vor. Die große Auwaldzecke, die vor zehn Jahren vor allem südlich der Alpen und in Österreich bekannt war, hat ihr Vorkommen nach Norden und Westen ausgedehnt – wahrscheinlich als Folge der günstigeren Klimabedingungen. Sie wird heute sporadisch in vielen warmen Regionen Deutschlands gefunden. Ihre Besonderheit ist neben ihrer Körpergröße und der auffälligen Fleckenfärbung am Rücken vor allem ihr Verhalten: Sie begibt sich aktiv auf die Suche nach Opfern.

Die gefährlichen Drei


Zecken sind als immer häufigere Überträger von gefährlichen Krankheiten in die Schlagzeilen gekommen. Nach einer Untersuchung in Österreich tragen 3/4 aller ­Zecken mindestens einen ­Erreger. Bei jedem Stich injizieren sie ein leichtes Betäubungsmittel in die Haut ihrer Opfer, sodass die nichts von der Blutmahlzeit bemerken. Damit und mit dem Speichel ­gelangen auch Mikroorganismen in die Wunde.
Die häufigsten Krankheits­erreger sind Borrelien, Bakterien, die bei Mensch und Hund leichte bis lebensbedrohliche Infektionen aus­lösen können. Sie kommen heute überall vor, wo es auch Zecken gibt – also je mehr Zecken, desto mehr Borrelien werden übertragen. Wahrscheinlich ist schon jeder dritte Mensch einmal mit Borrelien in Kontakt gekommen, ohne Symptome zu zeigen. Ein kleiner Teil der Befallenen erkrankt jedoch ernstlich. Forscher befürchten, dass Borrelien mit der Zeit auch gegen die zur Behandlung eingesetzten Antibiotika immun werden können.
Die zweite Gefahr geht von den Viren aus, die FSME (Frühsommer-Hirnhautentzündung) übertragen, nicht nur im Frühsommer. Die ­Risikogebiete, in denen das Virus häufig übertragen wird, haben sich in den vergangenen Jahren deutlich und schnell ausgebreitet. Nicht nur die Risikogebiete nehmen zu, auch das Erkrankungsrisiko nach einem Biss ist in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen: 1997 wurden insgesamt 172 Fälle in Deutschland registriert, zehn Jahre später waren es 547.
Schließlich warnen immer mehr Tierärzte vor der Gefahr, die durch Babesiose, der sogenannten „Hundemalaria“, ausgeht. Diese Infektion kann für Hunde lebens­bedrohlich sein, weil sie im Anfangsstadium meist nicht erkannt und behandelt wird. Übertragen werden die Er­reger durch den Stich der ­Auwaldzecke, außerdem der Hundezecke, die im Mittelmeergebiet heimisch ist, sowie durch Mücken.
Natürlich gibt es noch Dutzende andere Krankheiten, die durch Zecken und blutsaugende Insekten übertragen werden können. Zum Beispiel wird die „Ehrlichiose“ immer häufiger genannt. Mit dem für diese Erkrankung verantwortlichen Erreger hatten bereits 14 Prozent von im Bayerischen Wald untersuchten Waldarbeitern Kontakt – ohne das bemerkt zu haben. Die Liste der „neuen Infektionen“ ist lang und wächst: Anaplasmose, Mittelmeer-Fleckfieber, Q-Fie­ber, Krim-Kongofieber oder Tularämie tauchen öfter in Schlagzeilen als in Deutschlands Wäldern und Wiesen auf. Panik ist nicht angebracht.
Bis jetzt ist die Übertragung dieser meist tropischen Krank­heiten durch heimische Zecken nur hypothetisch. Allerdings sollten bei Jagdreisen mit und ohne Hund an Vorsorge­impfungen und Zeckenschutzmittel gedacht werden. In heimischen Revieren gelten weiterhin die üblichen Vorsichts­maßnahmen. Wer in den neuen Risikogebieten lebt und jagt, muss jetzt ernsthaft an eine Schutzimpfung denken.