Home Praxis Nach Wolfsangriff auf Kinder: Droht Niedersachsen ähnliches?

Nach Wolfsangriff auf Kinder: Droht Niedersachsen ähnliches?

Dass ein Wolf beim Menschen auf Tuchfühlung geht, ist zwar ungewöhnlich, mittlerweile aber Realität


Es geschah im Dorf Strzebowiska: Ein Wolf hatte im Juni 2018 ein achtjähriges Mädchen gebissen. Später noch einen zehnjährigen Jungen auf einer Straße im Dorf Przysłup. Beide Kinder hatten beim Anblick des Raubtier so reagiert, wie die meisten ihrer Altersgenossen reagieren würden: Sie liefen weg.

„Ein wilder Wolf hätte einem Menschen nicht nachgesetzt, sondern wäre ihnen aus dem Weg gegangen“ – sagte ein erfahrener Jäger, der schon etliche Male mit Wolfsrudeln zusammengestoßen war, im Nachgang. „Dieses Individuum hat sich völlig anders verhalten. Das könnte darauf hinweisen, dass er bereits Kontakt mit den Menschen hatte und vielleicht von jemandem gehalten und gefüttert worden war.“

Zuvor hatte dasselbe Tier schon eine 52-jährige Touristin im Dorf Wetlina angegriffen. Anwohner hatten Isegrim auch durch Gehöfte schleichen sehen. Er zeigte keinerlei Angst vor den Menschen, sondern fiel eher durch Aggression auf. Nach mehreren Anrufen bei den Behörden beantragte das Gemeindeamt Cisna am 13. Juni 2018 bei der Warschauer Generaldirektion für Umweltschutz eine Genehmigung zum Abschuss des Wolfes. Einen Tag später lag sie vor.

Für die Erlegung wurden zwei Mitarbeiter der staatlichen Oberförsterei Cisna bestimmt. Am 26. Juni stieß Piotr Szczepański, Revierförster der Försterei Kalnica, auf das streunende Raubtier. „Es war am selben Tag, an dem der Wolf die Kinder biss“ – erzählt Szczepański.

„Ich suchte zusammen mit einem Polizisten nach ihm. Immer wieder bekamen wir Hinweise. Dann auf einmal kam das Tier in Anblick. Der Polizist trieb ihn in meine Richtung, doch plötzlich war der Wolf wieder weg. Als ich mich instinktiv umdrehte, sah ich ihn sechs oder sieben Meter hinter mir. Er kam direkt auf mich zu und zeigte nicht die geringste Angst. Ich schoss sofort.“ Experten untersuchten den Kadaver und stellten fest, dass das Tier weder an Tollwut litt, noch ein Hybride aus Wolf und Hund war. Es stammte aus der Population aus den Ostkarpaten.

Der Wolf: ein Schädling?

Wölfe und Nutzvieh auf einer Koppel – in vielen Regionen Polens kein seltenes Bild. Oft hat es dramatische Folgen …


Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es in Polen keinen Fall, in dem sich Canis lupus gegen den Homo sapiens gewandt hätte. Obwohl sich Wölfe immer wieder an menschliche Siedlungen heranschlichen und Schafe, Fohlen oder Hunde rissen, wagten sie sich nie weiter.  Franciszek Kaźmierczyk, ein Jäger und Buchautor aus derselben Gegend, sieht durchaus die Möglichkeit, dass in einer extremen Situation ein Wolf den Menschen angreifen kann.

Eine noch größere Gefahr stellt aber ein tollwütiges Tier dar. Anfang der 2000er griff ein kranker Wolf immer wieder Autos an, die in Dörfern parkten. Vorfälle dieser Art sind in den vergangenen 50 bis 70 Jahren zwar immer wieder aufgetreten, Menschen kamen dabei aber nie zu Schaden. Das trifft auch auf jene Zeit zu, als es noch deutlich mehr Wölfe in den Waldkarpaten gab. Man entschloss sich damals, den Bestand drastisch zu reduzieren. Auch weil sie massiv Rotwild rissen.

Wölfe galten als Schädlinge und wurden bekämpft. Eine Methode war, Welpen aus Wurfhöhlen zu nehmen, sie zu töten oder an Zoos und – in seltenen Fällen – an Landwirte abzugeben! Jene hielten die Tiere dann als eine Art Schutzhund.

Ein vermeintlich gezähmter Wolf ist aber viel gefährlicher für den Menschen als ein wilder. Er behält seine wilden Instinkte, gleichzeitig erlernt er auf den Höfen aber das Verhalten eines Hundes: Den Bauernhof zu verteidigen, dass der Mensch ihm zu fressen gibt und Gesellschaft leistet. Aber auch, dass es Menschen gibt, die aggressiv sind.

Manche versuchen, den Tieren gewisse Verhaltensweisen mit Gewalt beizubingen. Wie ein domistizierter Hund merkt sich auch ein Wolf all das und passt sein Verhalten entsprechend an. Es ist durchaus möglich, dass der Wolf, der die Kinder gebissen hat, ein ähnliches Schicksal erlebt hatte. So deuten z.B. stark abgenutzte Krallen auf eine Zwingerhaltung hin.

Isegrim fasziniert viele Menschen - solange er auf Abstand bleibt. © ramoncarretero - stock.adobe.com

Isegrim fasziniert viele Menschen - solange er auf Abstand bleibt.

Wolfsangriff auf Kinder und die Folgen

Die Nachricht, dass ein Wolf Kinder gebissen hat, elektrisierte die Wolfsgegner. Endlich hatten sie ein weiteres Argument für eine Bejagung. Kommunen und Jägerschaft unterstützen das. Die polnischen Jäger vertreten dabei den Standpunkt, dass Wölfe zwar keine Gefahr für die Menschen darstellen, aber ihre Zahl zunehme. Schätzungen zufolge leben derzeit allein etwa 600 Individuen im Zuständigkeitsbereich der Staatsforst-Regionaldirektion Krosno. Naturschützer behaupten, es sei nur die Hälfte. Diese Diskrepanzen bestehen seit Jahren.

Für die Interessen der geschützten Raubtiere trat der WWF. Vielleicht gewinnt der WWF Polen mit Aufrufen zur Ruhe wie sie nach dem Übergriff auf die Kinder erfolgten diesen, einen Teil der polnischen Gesellschaft für sich. Schwer hat die Organisation es aber bei der Landbevölkerung. Wölfe, die Schafe oder Hunde reißen, sind meist hungrige Einzeltiere. Und das machen sie äußerst effektiv: Beinahe jeder Angriff führt zum Erfolg. In Gegenden, in denen vor wenigen Jahren Wölfe nur sehr selten auftraten, werden sie nun zu einem Problem.

Besuchermagnet und Bauernschreck

Die polnischen Kommunen werden immer die Partei der Landwirte ergreifen. Die Bewohner von Dörfern und Städten sind schließlich potentielle Wähler. Naturschützer hingegen werden immer für den Wolf als geschützte und für das Waldökosystem äußerst wichtige Spezies eintreten.

Aber es gibt ein Interesse, das Naturschützer, Schafzüchter und lokale Behörden verbindet: die Förderung ihrer jeweiligen Heimat. In diesem Fall der polnischen Waldkarpaten. Nicht umsonst werden dort die Winterveranstaltungen „Im Land des Wolfes“ oder „Auf der Wolffährte“ organisiert. Und das Bild des grauen Raubtiers erscheint auf Karten, Fahnen und anderem Werbematerial.

Die Bevölkerung rühmt sich also einerseits mit dem Wolf, fordert aber gleichzeitig eine Bestandsbeschränkung oder sogar – in extremen Fällen – deren völlige Vernichtung. Ohne Frage geht es darum, dass man ein Gleichgewicht findet. Ideal wäre eine Situation, in der der Wolf satt wird und das Schaf verschont bleibt. Doch wie soll das funktionieren?

Text: Krzysztof Potaczała


Redaktion jagderleben Tagesaktuell, multimedial, fachlich kompetent – jagderleben.de versorgt täglich Jägerinnen und Jäger im deutschsprachigen Raum mit Neuigkeiten rund um die Themen Jagd und Natur.
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