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Wolf und Auswirkungen auf das Schalenwild: Nimmt der Verbiss ab?

Dr. Armin Winter
am
Sonntag, 11.04.2021 - 16:09
Wolf mit gerissenem Reh im Fang. © ©Jearu - stock.adobe.com
Wolf mit gerissenem Stück Rehwild im Fang.

Nach Berechnungen des Deutschen Jagdverbandes (DJV) stieg die Zahl der Wölfe in Deutschland von 1.300 in 2019 auf 1.800 im Frühsommer 2020. Dies ist ein Zuwachs von 35 %. Die Auswirkungen auf unsere Kulturlandschaft sind immens. Nutztierrisse nehmen zu, es entstehen hohe Kosten für Präventions- und Herdenschutzmaßnahmen. Zeitgleich haben die Bundesländer durch eine Änderung des Bundesnaturschutzgesetztes mehr Möglichkeiten, ein aktives Wolfsmanagement zu entwickeln. Einige Waldbesitzer begrüßen das Großraubtier und sind der Meinung, dass der Wolf die Jagdbemühungen unterstütze, den Verbiss an jungen Forstpflanzen minimiere und die Entstehung eines klimastabilen Waldes fördere. Doch kann diese Vermutung in der Praxis bestätigt werden?

Die Anwesenheit des Wolfes führt bekanntermaßen zu einer Bildung von Großrudeln bei Rot- und Damwild und erhöht den Jagddruck auf alle im Revier lebenden Wildarten enorm. Es besteht die Gefahr, dass wiederkäuendes Schalenwild in die Einstände, die gleichermaßen die Verjüngungen sind, zurückgedrängt wird und gezwungen ist, dort zu äsen. Der Einfluss des Wolfes auf wildlebende Huftierarten und damit auch die Vegetation ist vielfältig. Immer wieder verbinden forstliche Interessenvertreter daher die Rückkehr des Wolfes mit der Vorstellung, dass eine Schalenwildbejagung langfristig weniger intensiv erfolgen könne und dennoch ein klimastabiler „Wald der Zukunft“ heranwachse.

Wölfe sind ausgesprochene Nahrungsgeneralisten mit breitem Nahrungsspektrum. In Mitteleuropa machen Reh- (52 %), Rot- (25 %) und Schwarzwild (16 %) den überwiegenden Teil ihrer Nahrung aus (Wagner et al. 2012). Die bundesweiten Strecken–entwicklungen dieser Schalenwildarten zeigen kaum sinkende Tendenz, von regionalen bzw. lokalen Ausnahmen abgesehen (DJV 2020). Der Einfluss des Wolfes wird allerdings besonders beim Mufflon spürbar: Fehlendes Feindvermeidungsverhalten führte bereits lokal zu seiner Ausrottung (u.a. in der Göhrde, der Muskauer Heide oder den Königshainer Bergen).

Schälendes Stück Rotwild. © imago images/Reiner Bernhardt

Gestresstes Rotwild holt sich die verlorene Energie gerne durch Schälen wieder.

Sehr komplexe Zusammenhänge

Da die räumliche und zeitliche Nutzung des Lebensraums der Beutetiere von der Verbreitung und Häufigkeit des Wolfes abhängig ist, kann nicht davon ausgegangen werden, dass generell weniger Verbiss an Gehölzpflanzen auftreten wird. Dies wäre auch nur durch ein aufwändiges Monitoring nach Baum- und Straucharten feststellbar. Zudem sind Wechselwirkungen zwischen Herbivoren und der Waldvegetation allgemein sehr komplex. Der Wald in unserer Kulturlandschaft ist waldbaulich und jagdlich stark beeinflusst, was die Wirkung von Großraubwild auf den Wald per se begrenzt (Herzog 2019, Miller 2019). Zahlreiche Studien haben unabhängig davon bereits in den 1980er und 1990er Jahren belegt, dass Verbiss insbesondere an beliebten Wild–äsungspflanzen häufig wilddichteunabhängig entsteht. Auch die letzten verbliebenen Rehe suchen diese Pflanzen gezielt auf und verbeißen sie (siehe u.a. Winter 1996). Derartige „Schäden“ können nicht durch verstärkten Abschuss oder durch die Zunahme von Prädatoren verhindert werden.

Insgesamt haben sich die Hoffnungen der forstlichen Interessenvertreter nach 20 Jahren Wiederbesiedlungsgeschichte durch den Wolf nicht erfüllt. Es ist von kaum einem Forstbetrieb bekannt, dass er die Bejagung von Schalenwild auch nur signifikant reduziert hätte, weil der Verbiss zurückgegangen ist (AFN 2019, Okarma & Herzog 2019). Im Gegenteil: Vermehrt werden Befürchtungen geäußert, dass die Anwesenheit des Wolfes zu einer Zunahme von Verbiss und Schäle führen könne. Das Auftreten des Wolfes führt – zumindest zeitweilig – zu Verhaltensänderungen des Schalenwildes (u.a. permanentes Sichern des Rehwildes, hastiges Äsen; Bildung großer Rudel bei Rot- und Damwild; Großrotten bei Sauen) mit veränderten räumlichen Nutzungen. Ein ständiges Wechseln der Streifgebiete erschwert die Möglichkeit eines konkreten lenkenden Jagddruckes, was sich letztlich auf den Zustand der Waldverjüngung auswirken wird (Herzog 2016).

Anspruchsvolle Jagd

Wild reagiert im Allgemeinen mit größerer Heimlichkeit auf die Anwesenheit von Wölfen – eine echte Herausforderung für die Jagd.

Sofern Großraubtiere als Retter der Biodiversität dargestellt werden, entstammen die Ergebnisse zumeist aus Studien, die in noch relativ naturnahen Landschaften durchgeführt wurden und oft methodische Schwächen aufweisen (Heurich 2015,  Kuijper et al. 2016). Eine Übertragung der Ergebnisse auf unsere Kulturlandschaften ist fraglich. Hier stellen sich die Auswirkungen von Großraubtieren deutlich differenzierter dar (Hackländer 2019). Mehrere größere Forschungsprojekte versuchen derzeit, diese Wissensdefizite für Ökosysteme in Mitteleuropa weiter abzubauen. Insofern trifft die Gleichung „Wo der Wolf jagt, wächst der Wald“ nach aktuellem Kenntnisstand nur sehr bedingt zu. Was aber in jedem Falle zutrifft: Die Schalenwildbejagung wird durch die Anwesenheit des Wolfes anspruchsvoller, weniger planbar und sicherlich auch interessanter.


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