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Wissen und Wollen

Geballtes Fachwissen auf dem Podium: Prof. Paul Ingold, Dr. Armin Deutz und Dr. Anna Kübber-Heiss. Foto: LFZ Raumberg-Gumpenstein


Mitte Februar drängt es die Jäger Österreichs ins beschauliche obere Ennstal in der Steiermark. Dort können sie es sich aber nicht bei "grüner Wellness" auf vermeintlichen Lorbeeren bequem machen. Die Organisatoren der Tagung haben es zum Programm der immer hochkarätig besetzten Veranstaltung gemacht, unangenehme Wahrheiten zielsicher anzusprechen, den Finger auf kritische, aktuelle Themen zu legen und stets auch ein bisschen am grünen Selbstverständnis der Jägerschaft zu kratzen.

<div align=center> Gefahr im Gamsrevier<p></div> </p>

Dr. Peter Meile: Gamswild kann durch falsche jagdliche Eingriffe nachhaltig geschädigt werden. Foto: LFZ Raumberg-Gumpenstein


Seit Jahren gehen in Österreich die Gamsstrecken zurück. Die Zahlen der Abschussstatistiken sind eindeutig – das Wissen der Jäger darüber ganz und gar nicht. Prof. Dr. Werner Beutelmeyer zeigte in seiner neuesten Befragung, das selbst erfahrene Gamsjäger – zumindest nach eigener Einschätzung – diese mögliche Gefährdung der Art nicht erkennen. Der Landesjägermeister der Steiermark, Dipl.-Ing. Heinz Gach, befürchtet sogar eine Halbierung des Gamsbestandes in seinem Bundesland. Der Schweizer Wildbiologe Dr. Peter Meile – ein profunder Kenner dieser Wildart – zeigte, dass im gesamten Alpenbogen, von Frankreich bis in den Osten, sowohl Strecken als auch Bestandeszahlen schrumpfen. Für diese Entwicklung sind nach seiner Ansicht, die von weiteren Experten in der Tagung bestätigt wurden, vor allem drei Faktoren verantwortlich: In den offenen Bergweiden und Einständen erleben die Gams einen massiven Verlust an Lebensraum, durch zunehmende Störungen und steigende Konkurrenz bei immer stärkeren Auftrieb von Weidevieh.
Prof. em. Dr. Paul Ingold (Universität Bern) zeigte wie erst durch die konsequente Umsetzung von Ruhezonen und dem Verbot von Überfliegung mit Paraglidern sowie Lenkung von Freizeitaktivitäten die Erosion des Gamslebensraumes gestoppt werden kann – zumindest in der Schweiz, wo man sich darum bemüht hat. Auch durch starke jagdliche Eingriffe in die biologische Mittelklasse, die später endet als die meisten Abschussrichtilinien vorgeben, wird die Zuwachsleistung eines Bestandes entschieden geschwächt. „Der Mythos des erfolgreichen, zünftigen Gamsjägers hat vielerorts zu einer Übernutzung der Bestände geführt“, so Peter Meile. Und nicht zuletzt verlangen auch eine Reihe neuer, zum Teil nicht untersuchter Krankheiten einen hohen Blutzoll beim Gams. Viel zu wenig kranke oder tote Gams werden untersucht. Deshalb der Appell etlicher Referenten: Fallwild und kranke Tiere – nicht nur Gams – regelmäßig zur fachgerechten Untersuchung zu schicken!


<div align=center>Knochenarbeit Niederwildhege<p></div></p>

Die Jägertagung lebt vor allem durch angeregte und kontroverse Diskussionen. Foto: LFZ Raumberg-Gumpenstein


Damit war auch die Brücke zum Niederwild geschlagen. Die Leiterin der Pathologie am Forschungsinstitut für Wildtierkunde in Wien, Ass.-Prof. Dr. Kübber-Heiss, berichtete als Referentin über den aktuellen Stand des Krankheitsgeschehens von Hase & Co. Du glückliches Österreich, da solche effizienten Strukturen den Jägern zur Verfügung stehen! Beim Niederwild sind Jäger Hiobsbotschaften gewöhnt. Doch Prof. Dr. Klaus Hackländer vom Institut für Wildtierkunde und Jagdwissenschaft in Wien gab leichte Entwarnung: Die Wurzeln der Niederwildmisere liegen in der Landwirtschaft, und zwar bereits durch das Ende der Drei-Felder-Wirtschaft vor mehr als hundert Jahren. Doch sobald die Vorgaben der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) mit einer Bracheverpflichtung konsequent umgesetzt werden, konnte der weitere Niedergang in Österreich zumindet gebremst werden. Die neuen Richtlinien der GAP ab 2015 lassen hoffen, dass sie zu mehr „Flächen mit Umweltnutzen“ beitragen.
Trotzdem bleibt Niederwildhege Knochenarbeit, wie Mag. Erich Klansek von der Veterinärmedizinischen Universität Wien anhand der von ihm betreuten Musterreviere zeigte. Knochenarbeit, mit Biotoppflege, Verhandlungen mit Grundeigentümern, laufender Bestandeserfassung und Prädatorenbejagung. Bekannt sind alle dieses Dinge schon lange, aber sie müssen auch umgesetzt werden. Deshalb beschwor Univ.-Doz. Dr. Karl Buchgraber vom Lehr- und Forschungszentrum Raumberg-Gumpenstein, einer der Mitinitiatoren der Tagung, die Teilnehmer, ihr Wissen raus ins Revier und zu den Menschen zu tragen. Unter dem Motto „Aussi muss ma“ stellte er seine Erfahrungen mit gemeinsamen Reviertagen von Landwirten, Jägern und Wissenschaftlern vor. Im offenen Dialog auf Augenhöhe lässt sich für das Wild und für die Jagd wieder etwas bewegen.
Dass sie keine Denkverbote oder Berührungsängste mit kritischen Themen kennen, haben die österreichischen Jäger auch dieses Jahr wieder unter Beweis gestellt. In Aigen findet alljährlich die beste Veranstaltung dieser Art für Jagd und Jäger im deutschsprachigen Raum statt. Davon sind nicht nur die über 700 Teilnehmer überzeugt, sondern auch die mehr als Hundert, die sich zu spät angemeldet hatten und keinen Platz mehr fanden. Dafür gibt es alle Beiträge und Referate auf der Internetseite des LFZ zum Herunterladen und Nachlesen (siehe Link).
CM

Link: Alle Vorträge der Jägertagung sind hier zum Download bereitgestellt