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Winterfüchse zählen mehr


Der eine oder andere Meister Reineke, der im Laufe des Jagdjahres mehr als 'Beifang' auf Ansitz oder Pirsch erlegt wird, fällt nicht sonderlich ins Gewicht. Erst die gezielte, flächendeckende und intensive Bejagung der 'Standfüchse' bringt gewissen Erfolg – und das geht am besten im Winter und noch besser in der Ranzzeit. Reineke ist nämlich, im Gegensatz zu seinem entfernten Vetter, dem Dachs, nur zu ganz bestimmten Jahreszeiten mit einigermaßen Gewissheit im Bau anzutreffen.
Die weitaus größte Zahl ihrer Tage verschlafen die Roten nachweislich an einem ruhi­gen, windgeschützten Plätz­chen irgendwo im Freien. Nur zu zwei Zeiten treffen wir die Sippe regelmäßig im Bau an: während der Heckzeit und während der winterlichen Notzeit, und genau dann findet die Ranz statt. Wenn im Januar die Rollzeit beginnt (erfahrungsgemäß in Süddeutschland etwas eher als im Norden unserer Republik), steht anfangs die Fähe noch nicht und es gelingt ihr nur durch Zurückziehen in den Bau, sich die aufdringlich lästigen Freier zunächst vom Leibe zu halten.
Spätestens wenn die weihnachtlichen Festtage vorbei sind, beginnt die Stunde des Baujägers auf den Roten Freibeuter. Jetzt hält ihn nichts mehr daheim. Manchmal gelingt es ihm und seinen Mitjäger, an einem Tag während der Ranz eine ganze Hochzeitsgesellschaft zu sprengen. An solchen Tagen kehren die Jäger stolz heim mit reicher Beute, sie haben den örtlichen Bodenbrütern und dem Niederwild so lange zu einer Verschnaufpause verholfen, bis Rotröcke aus anderen, weniger gut ­gehegten und bejagten Revieren nachgerückt sind.
Einen befahrenen Heckbau im Frühjahr kann man normalerweise durch platt gespielte Vegetation und Beutereste leicht als solchen ­erkennen. Die sogenannte Eberswalder Jungfuchsfalle hat sich bei der Bejagung von Jungfüchsen am besten bewährt, besser jedenfalls, als dem Geheck mit Hund und Spaten zu Leibe rücken zu wollen. Häufig unterschätzt man allerdings bei unvorsichtiger Bau-Kontrolle die Umsicht der Fähe und steht am Tag darauf vor der verlassenen Behausung.
Woran erkenne ich im Winter nun, ob Reineke wirklich im Bau steckt? Nur eine Methode ist absolut sicher: Das Abspüren bei Neuschnee, in dem man weiträumig die Spuren zum Bau hin und vom Bau weg auszählt. Alles andere wie beispielsweise die typische Duftwolke pene­tranter Fuchswittrung aus dem Bau oder sandige Schüttelstellen davor sind trügerisch und oft irreführend. Pardon, da gibt es ja noch eine zuverlässige Möglichkeit: Der erfahrene, firme Bauhund wird die leere Erdburg ignorieren und nur befahrene Baue annehmen. Ob dann am Ende Meister Reineke selbst, ein Dachs, ein Waschbär oder ein Marderhund steckt, das stellt sich später heraus.
Häufig wird die Frage kontrovers diskutiert, wann denn die Füchse als nicht typische Baubewohner mit gewisser Wahrscheinlichkeit im Bau anzutreffen sein werden. Es gibt hierzu keine absolut verbindliche Aussage, denn Reineke ist launisch und das ist aus seiner Sicht ein Glück für ihn. Säße er nämlich wie der Dachs regelmäßig in seiner Burg Malepartus, dann wäre ihm leichter beizukommen, dann gäbe es entschieden weniger Füchse auf der ganzen Welt. Aber vielleicht ist es gerade diese Ungewissheit, welche die Baujagd zu einem so spannenden Unterfangen und den Fuchs zu einem nur schwer zu kalkulierenden Faktor macht. Es gelten jedoch folgende Grund­regeln für eine erfolgversprechende Baujagd: (Diese Informationen sind wie die Lottozahlen ohne Gewähr) Füchse sind in der Regel eher im Bau anzutreffen:
  • Stets während der Aufzucht der Welpen von April bis Juni (Heckzeit). Die zur Aufzucht der Jungen notwendigen Elterntiere dürfen dann allerdings nicht bejagt werden. Man weiß inzwischen, dass auch Rüden, die nicht die leiblichen Väter des Gehecks sein müssen, ebenso Fraß zutragen.
  • In Feldbauen oft nach dem sogenannten Ernteschock, wenn vor allem die Jungfüchse noch nicht so recht wissen, wo sie sich jetzt verbergen sollen.
  • Manchmal bei ausgesprochenem Unwetter wie orkanartigem Sturm und starkem Dauerregen (nicht wenn‘s nur mal regnet, wie immer wieder zu hören und zu lesen ist). Die These ­'Sauwetter ist Bauwetter' wurde in der Praxis bereits oft wider­legt, zum Beispiel wenn bei strahlendem Sonnenschein und hohen Temperaturen die Füchse 'zu Hause' sind und springen wie die Karnickel …
  • Grundsätzlich ein paar wenige Tage während der Ranz im Januar und Februar, meist kurz bevor und während die Fähe steht.
Doch nun zur Praxis der Baujagd auf den Fuchs, deren Hauptzeit – wie gesagt – die relativ lang dauernde Paarungszeit der roten Freibeuter von etwa Weihnachten bis weit in den Februar hinein ist. Um die Bandbreite zu belegen, ein Beispiel: Am selben Tag, dem 18. Februar 2008, erlegten wir bei der Baujagd im Revier Ebersdorf zuerst eine noch deutlich ranzige Fähe sowie eine weitere, die ganz kurz vorm Wölfen stand. Sie wollte nicht mehr springen, wir mussten graben.
Über wenige Themen gibt es wohl unter Jägern mehr voneinander abweichende und kontroversere Meinungen wie über Schrotstärken und Jagdhunderassen. Da werden persönliche Vorlieben oft fast zu 'Glaubensfragen'. Hierzu meine ganz persönliche Meinung, die sicher manche Zeitgenossen im grünen Rock widerlegen wollen oder können. Ob man nun beim Fuchssprengen grobe oder weniger grobe Schrote verwendet, hängt nicht zuletzt von der Geländebeschaffenheit ab und wo die Jäger abgestellt sind. Für Schüsse, selbst im dichten Pflanzen­bewuchs mit einem Sichtfeld von unter 20 Metern, reichen Schrote unter 3 mm aus. Für weite Distanzen wird es damit schon knapp. Ich lade deshalb den rechten (unteren) Lauf meiner Doppelflinte mit 2,5 mm und den linken (oberen) Lauf mit 3,5 mm starken Schroten einer bekannten Marke mit schwarzen Hülsen. Das hat sich bewährt. Die irrige Ansicht, mit 4 mm-Schroten zur Baujagd zu gehen, ist immer noch latent vorhanden, aber nicht zu empfehlen.
Was geeignete Hunde für die Baujagd angeht, kann ich etwas präzisere Angaben machen. Ob Teckel oder Terrier, bei beiden Rassen mit allen Haararten gibt es einerseits große Könner, Naturtalente und Taktiker und andererseits mindestens ebenso viele 'Blindgänger'. Der Terrier hat mit seinen langen Läufen ohne Zweifel Vorteile in Bauen mit Kaminen, Absätzen von Felsenbauen und in Strohdiemen. Der Teckel bietet gewisse Vorteile in der Enge von Flachlandbauen. In beiden Fällen kann ich jedoch den 'Flieger-Fuchs' am besten mit einem 'Flieger-Hund' dazu bewegen, sich vom vierläufigen Jagdhelfer an die frische Luft komplimentieren zu lassen. Ein Erdhund, der als 'Steher' stumpf, wenn auch meistens laut, vorm Raubwild im Endrohr vorliegt und nichts von der Stelle bewegt, wird in seinem Leben nicht viel Füchse sprengen, denn auf ihn muss meistens gegraben werden.
Derjenige jedoch, der durch kontinuierliches Wechseln der Einfahrten, mit kurzen, aber heftigen und lauten Attacken das Raubwild bedrängt, wird es eher schaffen, den Fuchs nervös zu machen und zum Ausweichen zu bewegen. Und wenn der Rote dann sein Schelmengesicht mit den schwarzen Gehören aus der Ausfahrt steckt, bevor er vom Hund bedrängt springt, wenn er draußen nichts Verdächtiges wahrnimmt, dann hat sich für die wartenden Jäger alle Mühe gelohnt.
Ähnlich verhält es sich mit der Raubwildschärfe. Ein überscharfer Hund, der meint 'Attacke und Zupacken' sei alles, imponiert bestenfalls einem eitlen Besitzer. Er wird kopflos dem Kontrahenten in den Fang laufen und sich immer wieder schwer schlagen lassen, weshalb er längere Zeit gerade dann ausfällt, wenn er dringend gebraucht wird. So einer taugt viel weniger für die Baujagd als ein Taktiker, der schneidig, aber mit Jagdverstand kämpft.
Es ist jedoch nicht möglich, dieses Thema auch nur annähernd erschöpfend in Kurzform zu behandeln. Es gäbe viel mehr dazu zu sagen, denn die kleinen Kämpfer mit dem Löwenherzen sind die eigentlichen Haupt­akteure bei der Baujagd. Hans Lux meinte: 'Erdhunde haben unter den Gebrauchshunden das härteste Los gezogen', weshalb unsere ganze Sorgfalt ihnen gehört, gehören muss. Sie entscheiden durch ihr Können darüber, wann und ob das Raubwild springt. Ihre Arbeitsweise hat zur Folge, ob kalte Füße und frustrierte Jäger oder Waidmannsheil durch herrliche Erlebnisse einen Jagdtag bestimmen.
Man bedenke: Im Bau unter der Erde ist es stockfinster, eng und meistens feucht. Man kann sich nur wage vorstellen, was einen jungen Teckel oder Terrier überhaupt dazu bewegt, sich in die Ungewissheit dieser Unterwelt hinabzu zwängen, anstatt draußen im hellen Licht herumzutollen. Ohne Passion ist dieser Tatendrang nicht vorstellbar. Das, was man selbst in einschlägiger Fachliteratur über die Bodenjagd-Ausbildung von Hunden findet, entspricht ­sicher nicht der Bedeutung, die eine intensive Raubwildbejagung heute lobenswerterweise wieder hat.
Kunstbaue, das heißt künstliche Revierbaue, sind heute 'in', was grundsätzlich eine erfreuliche Tendenz dokumentiert. Diese Anlagen haben den Vorteil, dass auch in Revieren, die selbst über ­keine oder wenig Naturbaue verfügen, die Baujagd intensiv ausgeübt werden kann. Ferner lassen sich diese simplen Anlagen auch mit einem nur wenig passionierten und erfahrenen Erdhund erfolgreich bejagen. Mancherorts kontrollieren (was nicht öfter passieren sollte als maximal alle zehn Tage) die örtlichen Jäger die Kunstbaue mit ­ihren eigenen Hunden und holen sich zur Bejagung der großen Dachsburgen dann Spezialisten. Letztere verfügen im Idealfall über vierläufige Jagdhelfer, die den Dachs meiden und sich allein um die Füchse kümmern. Dabei handelt es sich um 'weiße Raben' unter den Bauhunden, die lediglich durch Erfahrung klug geworden sind. Solche Spe­zialisten kann man nicht erziehen, die fallen einem durch Zufall in die Hände. Während die Bejagung der Kunstbaue relativ leicht zu handhaben ist, erfordern die großen Naturbaue mit Dachs in der Regel erfahrenere Hunde, mehr Geduld und größeres Risiko.

Raubwild kurz halten

Verhalten sich alle Teilnehmer vorschriftsmäßig, ist Baujagd ein lohnendes und unter Umständen sogar geselliges Unterfangen. Aber eben nur dann … (Foto: R. Kröger)


Zu Recht nimmt uns Jägern sicher keiner ab, Kunstbaue nur deswegen anzulegen, um durch Überpopulation bei Füchsen bedingte Seuchen, Tollwut, Räude- und Fuchsbandwurmbefall bekämpfen zu wollen. Zweifelsfrei hat die Reduzierung der Fuchsbe­sätze jedoch diesen positiven Nebeneffekt. Ähnlich wie viele Singvogelarten in Notzeiten von Kirrungen, Fasanenschütten und Wildäckern profitieren. Oft wird verkannt, dass die intensive Bejagung des Raubwildes nicht nur der Niederwildhege dient, sondern Seuchenschutz und vor allem auch praktizierter ­Artenschutz ist.
Wer an Naturbauen jagt, kommt um gelegentliche Einschläge nicht herum. Das heißt jedoch nicht, dass einfach drauflos gegraben wird, wenn der Fuchs einmal nicht innerhalb kürzester Zeit springt. Geduld gehört nun mal zu diesem Geschäft! Gegraben wird erst, wenn es gilt, dem Hund zu helfen oder wenn sonst 'überhaupt nichts anderes' mehr geht, beispielsweise, weil Reineke sich im Endrohr festgesetzt hat und nicht für Geld und gute Worte springen will.
Verantwortungsbewusste Jäger gehen heute mit ihren Hunden nicht ohne Bauhundsender zur Jagd. Die Zahl unter der Erde zu Schaden gekommener Vierläufer hat sich, seitdem diese segens­reiche Erfindung ein 'Muss' geworden ist, gravierend verringert. Vor verantwortungslosen, schussgeilen Teil­neh­mern schützen sie allerdings auch nicht.
Weder auf den Naturbau noch auf den Kunstbau darf vorm Einsetzen des Hundes auch nur eines Menschen Fuß gesetzt werden. Das Hörvermögen der Füchse übersteigt das des Menschen ums Vielfache. Das wird oft unterschätzt, vor allem bei der ­Bejagung von Kunstbauen. Hat ­Reineke erst mal wahrgenommen, dass sich da draußen irgendwas zusammenbraut, tut er sich auch im Kunstbau schwer zu springen. Er wird sich – solange es irgend möglich ist – zur Wehr setzen. Die Rechnung bezahlt nicht selten der Hund.
Noch eines möchte ich mit auf den Weg geben: Um Himmels Willen nie einen Hund bei der Bauarbeit auch noch anrüden! Ein passionierter Erdhund am Raubwild (oder an Sauen) steht so schon unter Strom! Dem Hund noch durch Anhetzen, auf dem Bau trampeln oder Fasskommandos den Adrenalinspiegel hochzutreiben, kann dazu führen, dass er dem wehrhaften Gegner in den Fang springt oder Fassversuche unternimmt, die er sonst aus taktischen Gründen unterlassen hätte.
So kommt es unweigerlich zu vermeidbaren Verletzungen beim Hund, und nichts bewertet ein Hundeführer mit Herz höher als das Wohl seines vierläufigen Jagdhelfers. Zudem weiß auch hier der Fuchs sofort, was 'oben' gespielt wird. Also unterbleibt solcher Unfug. Erst wenn man sich zum Graben entschließt, wird der Bau betreten. Aber auch im Einschlag wird der vorliegende Hund aus den genannten Gründen nicht verbal animiert!
Baujagd macht Sinn und ist spannendes Waidwerk, doch sind die Grundregeln zu beachten.