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Windkraftanlage: Todesfalle für Vögel

Leonie-Engels © Leonie-Engels
Leonie Engels
am
Freitag, 13.05.2022 - 11:30
Seeadler-Windrad © Dennis Gajek
Immer wider werden in der Nähe von Windrädern verendete Greifvögel gefunden.

Als der Jäger Dennis Gajek mit seinem Jagdhund in seinem Revier in der Nähe des Spreewaldes in Schönwald (Brandenburg) unterwegs ist, steht sein Hund plötzlich vor: Teile eines zerstückelten Seeadlers liegen vor dem Gespann im Gras verteilt. „Dieser Anblick ist für uns keine Seltenheit. Häufig finden wir verendete und zerstückelte Bussarde, Milane und diverse andere Vögel“, gibt der Jäger gegenüber der Redaktion bekannt. Grund für die Funde seien die in der Nähe stehenden Windräder.

Wer ist der richtige Ansprechpartner bei durch Windkraft getöteten Vögeln? Viele Jäger sehen da den Naturschutzbund Deutschland (NABU) in der Pflicht, sich für die Greifvögel einzusetzen. Wir haben dazu bei dem NABU nachgefragt und ein Gespräch über den Zusammenhang zwischen Vogelsterben und Windkraftanlagen geführt.

Nach der Kollision mit dem Windkrad blieben nur noch Ständer und Stoß des Seeadlers übrig.

Ökologisch wertvolle Windkraftanlagen und ihre Schattenseiten

PIRSCH: Wie viele Vögel werden jährlich durch Windkraftanlagen getötet?

NABU: Das Ausmaß von Vogelverlusten an Windenergieanlagen genau zu beziffern ist schwierig, denn die toten Tiere werden kaum systematisch erfasst, es gibt wenig konkrete Untersuchungen dazu. Kommen Vögel in freier Natur um, werden die Kadaver schnell von Prädatoren verschleppt. Hinzu kommt, dass nur selten Spaziergänger unter Windrädern entlang gehen - und selbst wenn jemand einen toten Vogel findet, ist meist leider nicht bekannt, dass (und wo) man einen solchen Fund melden kann.

PIRSCH: Wer registriert verendete Vögel?

NABU: Die Vogelschutzwarte Brandenburg erfasst Schlagopfer an Windenergieanlagen in Deutschland. Hierbei handelt es sich allerdings um Zufallsfunde, sodass die realen Verluste viel höher liegen. Nach einer Schätzung von Hermann Hötker vom Michael-Otto-Institut im NABU liegt die tatsächliche Zahl der getöteten Vögel zwischen 10.000 und 100.000 pro Jahr.

Da die Anzahl der Anlagen seit seiner Aussage weiter zugenommen hat, muss inzwischen von höheren jährlichen Verlusten ausgegangen werden, also eher von mindestens 100.000 pro Jahr an Windenergieanlagen umgekommenen Vögeln. Diese Zahlen erscheinen eher klein im Vergleich mit den Millionen Vögeln, die Katzen, Glasscheiben oder dem Verkehr zum Opfer fallen.

Unter anderem der Rotmilan ist von Windkraftanlagen gefährdet.

PIRSCH: Welche Vogelarten sind besonders betroffen?

NABU: Betroffen sind vor allem größere, langlebige Vogelarten mit geringen Nachkommenzahlen, die Verluste nicht schnell ausgleichen können –  die Verluste können bestandsrelevante Auswirkungen haben. Wenn ein Brutvogel umkommt, sterben meist auch seine Jungen, da der verbliebene Partner die Aufzucht nicht allein schafft.

Im Helgoländer Papier, der anerkannten Fachempfehlung zu Schutzabständen zwischen Vogelbrutstätten und Windenergieanlagen (LAG VSW 2015: Abstandsempfehlungen für Windenergieanlagen zu bedeutsamen Vogellebensräumen sowie Brutplätzen ausgewählter Vogelarten (Stand April 2015)) werden 34 Vogelarten und drei Vogelgruppen als windenergiesensibel aufgeführt, darunter folgende Greifvogelarten: Fischadler, Wespenbussard, Steinadler, Schreiadler, Kornweihe, Wiesenweihe, Rohrweihe, Rotmilan, Schwarzmilan und Seeadler; außerdem Baum- und Wanderfalke, aber auch andere Gruppen wie beispielsweise Störche, Eulen, Dommeln, Raufußhühner, störungsempfindliche Wiesenvogelarten und Koloniebrüter wie z. B. Möwen.

Zu dieser Liste sollte mindestens noch der Mäusebussard hinzugefügt werden, denn laut Schlafopferkartei der Vogelschutzwarte Brandenburg ist er der am meisten von Windenergieanlagen betroffene Greifvogel, gefolgt von Rotmilan und Seeadler.

Ganze Vogelzüge können durch Winkraftanlagen gestört werden.

PIRSCH: Gibt es Maßnahmen, die die Kollision zwischen Windkraftanlage und Vogel minimieren können?

NABU: Wenn bereits bei der Planung von Windparks bedeutende Lebensräume, Nahrungs- und Rastgebiete sowie Zugkorridore freigehalten werden, können von vornherein Konflikte minimiert werden. Es gilt, ausreichend Abstand zu windenergiesensiblen Arten einzuhalten. Zudem müssen wirksame Vermeidungsmaßnahmen angewendet werden. So kann z. B. der Bereich direkt an den Anlagen unattraktiv gestaltet werden und helfen Ablenkflächen, die Vögel aus der Gefahrenzone wegzulocken.

Das Abschalten der Anlagen während Phasen besonders hoher Flugaktivität, z. B. während Mahd-Ereignissen, die viele Vögel anlocken, und u. U. auch während der Brutsaison kann darüber hinaus Kollisionen verhindern.

PIRSCH: Wie können Windkraftanlagen nachhaltig in die Natur integriert werden?

NABU: Aus Klimaschutz- und aus politischen Gründen brauchen wir den Ausbau der erneuerbaren Energien - auch den der Windenergie. Dies muss allerdings unbedingt naturverträglich erfolgen, denn wir haben nicht nur eine Klima-, sondern auch eine Artenkrise - und beide Krisen können nur zusammen angegangen werden.

Ein naturverträglicher Ausbau der Windenergie ist nur mit einer smarten Regionalplanung möglich, die bei der Ausweisung von Flächen für Windenergieanlagen Rücksicht auf den Naturschutz nimmt, also bedeutende Lebensräume, Nahrungs- und Rastgebiete sowie Zugkorridore frei lässt. Bei der Planung müssen auch Anwohner*innen und Verbände beteiligt werden, um Konfliktpotentiale rechtzeitig zu erkennen und die Akzeptanz zu erhöhen. Standardisierungen des Artenschutzes, welche die Grundlage für Windenergieplanungen bilden, müssen fachwissenschaftlich fundiert und dürfen nicht rein politisch motiviert sein. 


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