Home Praxis Wildunfälle verhindern: App warnt Autofahrer vor Wildwechseln

Wildunfälle verhindern: App warnt Autofahrer vor Wildwechseln

GPS macht’s möglich: Die „wuidi“-App erkennt wildunfallgefährdete Streckenabschnitte.


Am Anfang stand die persönliche Betroffenheit eines jungen Niederbayern: Dieser befand sich eines Nachts ohne genauere Ortskentnisse neben einer Landstraße, nachdem er zuvor auf einem Wildwechsel ein Reh angefahren hatte. Das Tier lebte noch, und es begann das, was Alfons Weinzierl heute die „üblichen Probleme“ für Autofahrer nennt. Der 29-Jährige ist einer der Erfinder und Gründer von „wuidi“, einer Smartphone-App zur Verhinderung von Wildunfällen und zu deren Abwicklung, wenn es dennoch passiert.

Bei einem Ortstermin in seinem Heimatlandkreis Straubing-Bogen, der gleichzeitig die erste Projektregion bildete, erläutert er gegenüber den dlv-Jagdmedien seinen Ansatz und dessen Umsetzung: „Hallo, ich bin der Alfons, ich bin ein Wildunfallverursacher“, stellt er sich vor. Damit umschreibt er genau das Problem: Es kann jedem Verkehrsteilnehmer passieren, und viele hat es schon getroffen. Dagegen will „wuidi“ mit modernster Technik und Big-Data antreten: „Wildunfälle intelligent vermeiden, effizient abwickeln“, umschreiben die Macher der App ihre Vision. Ein Bedarf ist zweifellos gegeben.

Wildunfälle sind in Deutschland an der Tagesordnung; statistisch gesehen kollidiert alle 2,5 Minuten bei uns ein Kraftfahrzeug mit einem oder gar mehreren Wildtieren. Rund 250 000 Wildunfälle registrierten die Versicherer in Spitzenjahren. Über 200 000 sind es seit langem schon. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Jagdkritiker führen gerne angeblich von der Jägerschaft verursachte „überhöhte“ Wildbestände an. Seit verstärkt auch der zurückkehrende Wolf unter die Räder kommt, gilt die vermeintliche Regel, wonach „zu viel da ist, wenn viel überfahren wird“, scheinbar nicht mehr. Jetzt heißt es, das Land sei durch Straßen zerstückelt. Wohl wahr.

Gleichzeitig hat sich die Zahl der in Deutschland betriebenen Kraftfahrzeuge in den vergangenen 40 Jahren mit heute mehr als 50 Millionen praktisch verdoppelt. Die Jägerschaft versucht, sich mit hohem Aufwand dagegen zu stemmen. Egal ob kilometerlange Duftbarrieren, nicht eben kostengünstige Wildwarnreflektoren oder Plakat­aktionen: Der Erfolg scheint nicht eben durchschlagend. Den Baulastträgern des Straßennetzes fällt noch weniger ein. Querungshilfen dringen erst langsam ins Bewusstsein und gelten als zu teuer. Wildschutzzäune, die eigentlich „Verkehrsschutzzäune“ heißen sollten, werden gerade vom Schwarzwild immer wieder überwunden und werden dann zur Todesfalle mit katastrophalen Folgen für Mensch und Tier.

Pauschale Wildwechsel-Warnungen bringen nichts

Das Team der „wuidi“-Entwickler (v.l.): Jozo Lagetar, Alfons Weinzierl, Alexander Böckl und Florian Wilhelm. Sie gewannen den 1. Preis in einem Gründerwettbewerb.


Bleibt das gute alte Verkehrszeichen Nr. 142, „Wildwechsel“. Neuerdings auch in der Version mit wechselndem Schwarzwild zu sehen. Alfons Weinzierl winkt ab: „Das können Sie vergessen, die Wirkung ist inflationär!“ Die optische Warnung werde irgendwann nicht einmal mehr wahrgenommen, geschweige denn, dass sie zu einer angepassten Fahrweise führe. Die grundsätzliche Überlegung, beim Menschen anzusetzen, anstatt auf eine Verhaltensänderung beim Wild zu hoffen, halten die „wuidi“-Leute für richtig. Das Problem kann jedoch nur digital gelöst werden, war sich Alfons Weinzierl nach der Erfahrung mit seinem Wildunfall sicher. Eine Idee hatte er auch: Wie wäre es, wenn man alle verfügbaren Daten, die bei Wildunfällen relevant sind – also den Ort sowie die Tages- und Jahreszeit, zu der sich der Unfall ereignete – in einer Datenbank sammeln würde, um daraus die jeweils aktuelle Wildunfallwahrscheinlichkeit für einen Streckenabschnitt zu berechnen und gegebenenfalls eine Warnung auszusenden?

Gesagt, getan. Was sich einfach anhört, war jedoch alles andere als trivial. Es mussten nicht nur die Daten beschafft, sondern auch die Wirksamkeit des Systems überprüft werden. Ohne das Wohlwollen des Bayerischen Staatsministeriums des Inneren, der Bayerischen Polizei und die Unterstützung aus dem Heimatlandkreis wäre dies kaum möglich gewesen. Aber nicht nur beim „Klinkenputzen“ hat das Team um Alfons Weinzierl ein glückliches Händchen bewiesen. Zum Einspielen der akustischen Wildwechselwarnung, die im Auto ertönt, sobald man sich einer Gefahrenzone nähert, hat man sich den Radiomoderator Bernhard Fleischmann von Bayern 3 geangelt und ihn zu Werbezwecken in ein „Fleischi-for-wuidi“-T-Shirt gesteckt. Natürlich wurde das Projekt, das für zwei aus dem Team gleichzeitig die Abschlussarbeit für ihr Studium bildet, auch bei einem Gründerwettbewerb angemeldet. Und siehe da, es belegte den 1. Platz.

Nach einer umfangreichen Beta-Test-Phase wurde die App im Herbst 2016 für das Gebiet des Freistaats Bayern aktiv geschaltet; sie kann von Autofahrern kostenfrei heruntergeladen werden. Damit alles auch einwandfrei funktioniert, haben sich die beiden „wuidi“-Gründer Alfons Weinzierl und Alexander Böckl weitere Experten mit an Bord geholt: Jozo Lagetar verantwortet die technische Entwicklung des Systems.

Autofahrer bei Wildunfällen oft überfordert

Jeder Wildunfall sollte ordnungsgemäß abgewickelt werden.


Richard Stadler jun., Mitpächter im Jagdrevier Atting I, hat an dem Projekt bereits in der Testphase mitgearbeitet. Beim Ortstermin schildert er, was ihn dazu veranlasst hat: „Für uns als Jäger ist es ein Riesenaspekt, dass wir dadurch so schnell wie möglich zu einem Wildunfall gelangen, um das Wild von seinem Leiden zu erlösen.“ Und auch von anderer Seite her äußert man sich positiv dazu: „Die Vorteile sind vielschichtig. Zum einen wirkt die „wuidi“-App präventiv, um Wildunfälle erst gar nicht entstehen zu lassen! Wenn es doch zu einem Unfall gekommen ist, dann greift die App ein und leitet den Verkehrsteilnehmer Schritt für Schritt bei der Abwicklung an“, bringt es Polizeikommissarin Birgit Obermeier vom Polizeipräsidium Niederbayern auf den Punkt. Die erfahrene Polizistin schildert, dass Autofahrer im Falle eines Wildunfalles oft überfordert seien. Dann dächten sie weder an die Sicherung anderer Verkehrsteilnehmer noch an die Eigensicherung. Was mit dem Wildtier zu geschehen habe und wann wir kontaktiert werden müssen, sei vielen noch weniger klar. Hier helfe die App ungemein.

Wuidi-App: Warnt vor Wildwechseln und hilft, wenn dennoch ein Wildunfall passiert. © wuidi

Wuidi-App: Warnt vor Wildwechseln und hilft, wenn dennoch ein Wildunfall passiert.

Weiterentwicklung

Eine Einschätzung, die Alfons Weinzierl nur unterstreichen kann, ging es ihm selbst doch nicht anders. Der eingangs geschilderte nächtliche Wildunfall war für ihn ein Schlüsselerlebnis. Über eine Stunde hat es damals gedauert, bis das Reh von seinen Leiden erlöst werden konnte. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren. Mit der ihm eigenen Energie machte er sich gemeinsam mit seinen Teamkollegen daran, seine Vision vom Wildwechsel-Radar Wirklichkeit werden zu lassen.

Und so ist aus einem Studentenprojekt mittlerweile eine respektable technische Anwendung geworden, der zu wünschen ist, dass sie sich durchsetzt. Das „wuidi“-Team will jedenfalls dranbleiben. Derzeit werden Fördermöglichkeiten für die zukünftige Finanzierung ausgelotet. Denn auch nach dem Studienabschluss wollen die Gründer mit ihrer Heimathochschule, der Technischen Hochschule Deggendorf, zusammenarbeiten. Dort soll das System dann die Basis für weitere Forschungen an dem Thema bilden.

 

Solautete der Plan Ende 2016. Mittlerweile ist wuidi schon wieder einen Schritt weiter. Ein Anschlussprojekt ist aufgelegt worden. Dort arbeitet das Team gemeinsam mit weiteren Partnern weiter an seinem obersten Ziel: Wildunfälle verhindern!

 

Link: Wuidi-App

Link: Wuidi-Revierportal

 

Nachfolgend ein Video über die Entstehungsgeschichte und die Funktionsweise des Wildwarn-Radars "wuidi":

 



Josef-M. Bloch JAGDERLEBEN.DE-Redaktionsleiter. Jagdscheininhaber seit 1987, ab 1997 in verschiedenen Funktionen für die dlv-Jagdmedien tätig.
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