Home Praxis Vom Welpen zum Nachsuchenhund (Teil I)

Vom Welpen zum Nachsuchenhund (Teil I)

Bis zum fertigen Jagdhelfer ist es ein weiter Weg.


Wenn wir den Erfahrungswert nehmen, dass etwa 15 Prozent der Strecke einer Nachsuche bedürfen, sind 200.000 Nachsuchen nicht zu hoch gegriffen. Die etablierten Schweißhunde (HS und BGS) decken davon jährlich etwa 25.000 ab. Es bleibt also ein nennenswerter Anteil, den andere Gespanne bedienen müssen, insbesondere beim Reh- und Schwarzwild.

Immerhin gehört die Nachsuche zu den anspruchs- und verantwortungsvollsten Teilen der Jagdausübung. Insofern besteht dauerhafter Handlungsbedarf, ergänzende Nachsuchen-Kapazitäten zu schaffen, was spezielle Ausbildungsaktivitäten voraussetzt. Der Focus ist hier auf die Schweißarbeit-Ausbildung des vielseitig eingesetzten Jagdgebrauchshundes gerichtet. Auch wenn seine Verhaltensweisen bei der freien Suche (Feld, Wald, Wasser) zunächst der Einstellung entgegen stehen, die bei der Riemenarbeit gefordert werden muss, lässt er sich dennoch auch zum anspruchsvollen Nachsuchen-Spezialisten ausbilden.

Verhaltensmuster kanalisieren

Jagdkynologisch gesehen liegt in der Nachsuchen-Ausbildung des im Übrigen vielseitig eingesetzten Hundes eine enorme Faszination. Es gilt, aus seinem facettenreichen Verhaltensmuster jenes zu fördern und zu kanalisieren, welches dem der konzentrierten Riemenarbeit entspricht. In erster Linie muss dem Hund die hohe Motivation für diese Arbeit vermittelt werden. Gleichgewichtig ist der selbstverständliche Gehorsam, der sowohl für die Führungstechnik als insbesondere für die Überwindung von Verleitungen durch anderes Wild unabdingbar ist.

Im Übrigen dient die Ausbildung zu konzentrierter Riemenarbeit darüber hinaus auch anderen Nachsuchen-Einsätzen (Hase, Fasan, Ente, …), weil der Hund unter anderem lernt, dass konzentrierter Nasengebrauch, beherrschte Gangart und Durchhaltewille zur Beute führen.

Früherziehung

Beispiel: Hindernis Wassergraben.


Im Folgenden beziehe ich mich auf mein Ausbildungs-Konzept, eingehend dargestellt im Buch „Auf der Schweißfährte“ (ISBN 978-3-440-13196-1), in welches die Früherziehung des Welpen im Alter von 8 bis 16 Wochen, jener Zeit zielgerichteter Prägungsmöglichkeit, in besonderem Maße eingeschlossen ist. Einige allgemeine Empfehlungen stelle ich voran. Tägliche Reviergänge mit dem frei laufenden Welpen in unterschiedlichen Revierteilen sind außerordentlich hilfreich. Vielfältige Gerüche finden dabei das Interesse des Welpen, welches ich im Falle von Wildspuren/-Fährten mit ihm teile, ihm dabei ruhig zuspreche, gewissermaßen aus seiner Sicht „mit ihm rieche“. Das heißt, ihm mein Interesse an der Quelle der Neugierde bekunde.

Je vielseitiger und häufiger das angebotene Geruchsspektrum ist, desto schneller lernt das Hundekind, das für ihn Wesentliche (Wild) vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Im Revier wähle ich vor allem Wege querfeld-wald-wasser-ein, damit der Welpe alle Hindernisse in unwegsamem Gelände souverän zu überwinden lernt. Natürlich ist dabei ein schrittweises Vorgehen angezeigt, sind die Schwierigkeitsgrade dem Lernerfolg anzupassen. Niemals darf ich ihm unmittelbar helfen, sondern muss gegebenenfalls auf die Stelle geringerer Anforderung zurückgehen.

Führerfährte

Die Übung auf der Führerfährte fördert den Gebrauch der Nase und die Selbstsicherheit des Welpen. Aber auch das lernt er schrittweise. Zuerst findet er seinen Führer nach zehn Metern, dann nach kontinuierlich zunehmender Entfernung von 20, 50, 100, … Metern. Am Anfang nutze ich die Verlassenheitssorge des Welpen, indem eine neutrale Hilfsperson, zu der er keinerlei Bindung hat, ihn festhält und nach dem Verschwinden des Führers freilässt.

Die „gefeierte“ Wiedersehensfreude mit dem Führer ist der Grundstein der Prägung zum passionierten Folgen auf der Führerfährte. Der Fährtenverlauf führt bei den Übungen auch quer über Feld- bzw. Waldwege, über Haken und Hindernisse (steile Wegeböschungen, liegende Baumstämme, Brombeerfelder, Brennnessel, usw.).

Nach regelmäßigen Übungen mit kontinuierlich ansteigenden Anforderungen sucht und findet der elf Wochen alte Welpe seinen Führer über mehr als 100 Meter selbstsicher und zudem mit großer Passion.

Die Freude an dieser Arbeit wird so ausgeprägt, dass der Welpe dann auch im Wechsel mit einer ihm bekannten Person die Fährten beider mit Freude ausarbeitet. Die Übung festigt zudem die Hund-Führer-Bindung und das Selbstvertrauen des Hundes, seinen beispielsweise gelegentlich bei einer Jagd verloren gegangenen Führers wieder zu finden.

Futterschleppe


Die Futterschleppe ist der unmittelbare und ein höchst effektiver Ausbildungs-Weg zur Riemenarbeit, welche der Welpe am normalen Schweißriemen bereits nach relativ wenigen Übungen als Übernacht-Fährte meistert. Unter der Voraussetzung, dass der Welpe davor stets hungrig, d.h. mindestens die letzte Normalmahlzeit ausgefallen ist, und am Ende ein Stück vom geschleppten Material (Pansen, Lunge, etc.) erhält, wird ihm über das höchst lustvoll Erlebte die Motivation für diese Arbeit tief eingeprägt.

Die Futterschleppe wird nur dem besonders hungrigen Welpen angeboten und am Ende bekommt er nur ein kleines Stück des geschleppten Materials. Sein allgemeiner Hunger einerseits, sowie der nach dem Finden der Beute nicht voll gestillte Hunger andererseits, begründen die Prägung. Gefüttert wird er erst wieder ohne Zusammenhang mit der Futterschleppe. So empfindet der Welpe die Futterschleppe als bleibendes Lusterlebnis. Er schöpft daraus die anhaltende Motivation für die Arbeit am Schweißriemen!

Nach einigen Übungen löst allein der Schweißriemen in Verbindung mit meinem ruhig-situationsgerechten Zuspruch „verwundt“ die Motivation des Welpen für die Riemenarbeit aus.

Schleppe

Der Welpe lernt im ersten Schritt auf nur zirka 10 Meter langer Schleppe der Duftlinie per Nasengebrauch zu folgen. Das nimmt in der Regel nur einige Minuten in Anspruch. Danach arbeitet er nur noch am Schweißriemen. Absolviert er die frisch gelegte Schleppe zügig über 30 bis 50 Meter, werden weitere Übungen nur noch nach Stehzeiten der Futterschleppe von mehr als drei Stunden angeboten. Nasenmäßig hat der Welpe damit keinerlei Probleme. Es muss aber so schnell wie möglich seiner Gewöhnung allein an die menschliche Fährtenleger-Spur vorgebeugt werden.

Gemäß unseren Erkenntnissen aus den Versuchen in den 1950er Jahren im Vorfeld der Entwicklung der VSwP (1961) ist das nach etwa drei Stunden Stehzeit erreicht, weil dann offensichtlich der Reiz der Schweiß- bzw. Futterschleppen-Fährte den der menschlichen Spur überlagert.

Auch sitzenbleiben gehört dazu. © Uwe Tabel

Auch sitzenbleiben gehört dazu.

Vertiefen

Die Folgeübungen führe ich etwa zweimal wöchentlich durch und komme so zügig nach zunehmenden Stehzeiten von fünf, sieben, zehn Stunden zur Übernachtfährte. Von diesem Übungsstand aus verlängere ich kontinuierlich die Fährten-Länge, so dass der 12 bis 14 Wochen alte Welpe die Länge von etwa 400 Metern mit mehreren Haken souverän meistert. Gleich zu Beginn strebe ich eine möglichst langsame Gangart an!

Der Riemen ist meine Verständigungsbahn, gewissermaßen meine verlängerte Hand zum Hund. Einfühlsam reduziere ich Schritt für Schritt die stürmische Arbeitsweise bis zum verhalten-langsamen Tempo. Bricht der Welpe aus oder will er gar zurückkommen, gebe ich blitzschnell etwas Riemen nach, bei gleichzeitigem Zuspruch „verwundt“.


Führungstechnik

Die permanent leichte Riemenspannung zwischen mir und dem Hund gehört zu meiner Führungstechnik. Selbst bin ich voll konzentriert auf die Verhaltensweise des Zöglings, halte fest und gebe nach, je nach der Situation, in der Wirkungsweise einer „schleifenden Kupplung“. Das setzt natürlich voraus, dass ich den genauen Verlauf kenne, das heißt dass klare Markierungen meine zielgerichteten Führer-Reaktionen stützen.

Bei dieser Führungstechnik lasse ich dem Welpen im Falle seines Abkommens von der Fährte auch nicht viel Raum zum Bögeln, bleibe vielmehr sofort stehen, so dass er rasch wieder den Anschluss findet und gebe dann mit verhalten lobendem „verwundt“ wieder nach. Die Prägung auf eine sorgfältige, „metergenaue“ Arbeit ist gerade für den vielseitig eingestzten Jagdgebrauchshund besonders zielführend.

Die Belohnung des Welpen am Ende der Schleppe mit Material des Schleppstückes fördert auf Grund der Identität von Schleppspur und Beute zugleich die Fährtentreue. Die Anforderungen bei der Futterschleppe werden kontinuierlich gesteigert (Länge, Haken, Stehzeit, Schleppstück-Größe, …).