Home Praxis Welpen-Bindungsreise

Welpen-Bindungsreise

Wohnwagen: Ruheplatz für Mensch, Napoleon, Diana und Xandro. Foto: Werner Stief


Die Mutterhündin, seine Geschwister sechs Rüden, eine Hündin und vor allem die gewohnte Umgebung mit seinen menschlichen Bezugspersonen, musste nun verlassen werden. Die Natur sieht eine Vereinzelung nicht vor! Letztendlich ist die Trennung von seiner Mutter und Wurfgeschwistern ein naturwidriger Umstand, der eine tiefgreifende Veränderung im Leben des Welpen darstellt. Ich hatte nun die Pflicht sein verlorengegangenes Urvertrauen wieder herzustellen. Nun war viel Einfühlungsvermögen und vor allem Zeit der Schlüssel zu einer harmonischen Annäherung „Mensch – Hund“. Keinesfalls darf der Welpe der tiefgreifenden Angst des Verlassenseins ausgesetzt werden.

Entscheidende Prägungsphase

Beschnuppern: Erste Kontaktaufnahme. Foto: Werner Stief


Als erfahrener Rüdemann wusste ich ganz genau, dass jetzt von der 8. Woche bis zur 14. Woche, vielleicht noch bis zur 16. Woche, die entscheidenste Prägungsphase im Leben meines neuen Hundewelpen Xandro ist. Dieser Zeitraum, man spricht auch von Zeitfenstern, ist nicht wiederholbar. Das in dieser Zeit Erlebte verankert sich und bildet immer mehr das so komplexe Wesen des Hundes. Voraussetzung für ein gutes Gelingen ist vor allem die richtige Rassenwahl.

Nur wer einen Jagdhund führt mit Anlagen, die der Rüdemann auch befriedigen kann, wird eine harmonische Beziehung aufbauen können. Für mich als anerkannter Schweißhundeführer ist die Alpenländische Dachsbracke genau die richtige Wahl. In den nächsten Wochen setze ich gezielt dementsprechende Umweltreize ein, um uns zu einer Einheit zusammen zu schweißen. Schon auf der Heimreise in den Westerwald, 550 Kilometer waren zu bewältigen, lernte Xandro seine neuen Hundegefährten kennen. Zum einen Diana im 9. Behang und Napoleon im 4. Behang. Beides Alpenländische Dachsbracken, die in meiner anerkannten Schweißhundestation anfallende Nachsuchenarbeiten verrichten. Eins stellte sich sofort heraus, gute Nerven hatte Xandro. Einmal in der Transportbox gelandet, schon schlief er die ganze Heimfahrt ohne Pause. Zu Hause angekommen, erstmal fressen, dann sich lösen und die Umgebung erkunden. So sind Welpen! Stellen Sie sich einmal vor, sie nehmen einen Menschen und verfrachten ihn in ein ganz neues Umfeld. Kommt der Mensch auch so unproblematisch damit klar?

Meine momentanen Lebensumstände machten es möglich eine interessante, vielleicht auch etwas verrückte Idee zu verwirklichen. Ich blieb zuerst eine Woche zu Hause, damit Xandro sich an sein neues Umfeld gewöhnen konnte. Dann ging es auf große Fahrt quer durch Deutschland. Mit dem Wohnwagengespann und meinen drei Hunden begann das Projekt „Prägungstour – Welpe Xandro“. Wir hatten 240 Stunden Zeit uns aufeinander einzustellen.

Viele Umweltreize ermöglichten eine intensive Prägung auf sein späteres Leben, als Schweißhund. Auch meinen „alten Hunden“ tat das richtig gut! Zuerst ging es für zwei Tage in die Eifel. In der Nähe von Ettringen konnte ich mein Gespann am Waldrand an der dortigen Jagdhütte aufstellen. Viele Abläufe lernte nun Xandro ganz nebenbei. Das Mitfahren im Auto, natürlich in eigener Transportbox, das Tragen eines Lederhalsbandes und die ersten Schritte an der Leine. Das allabendliche Ritual Kuscheln auf der Liege mit mir am Lagerfeuer. Die Körpernähe der Bezugsperson spüren, das erzeugt Geborgenheit und Bindung zwischen Hund und Mensch.Ein kleiner Abstecher in Richtung Laacher See ermöglichte mir den ersten Geruchskontakt mit frischen Schwarzwildfährten. Starke Wechsel führten vom Waldrand in einen großen Rapsschlag. Diana und Napoleon zeigten sofort die frischen Fährten an. Das erregte natürlich Xandros Interesse und er folgte, wie die Alten einige Meter der Fährte.

Eindrücke sammeln

Intensive Kampfspiele zwischen den Geschwistern Xandro und X. Foto: Werner Stief


Welpen lernen sehr schnell von Artgenossen. Alte erfahrene Hunde können bei der Prägung unbewusst mithelfen. Jedoch auch nicht erwünschte Verhaltensweisen schauen sich Welpen ab. Sie saugen alle Eindrücke auf, wie ein Schwamm. Die nächste Etappe ging ins Münsterland nach Schöppingen. Dort stand eine Wurfabnahme von Alpenländischen Dachsbracken Welpen auf dem Terminkalender. Meine Hunde befanden sich im Auto am Ortsrand. Mittlerweile war es völlig normal auch für Xandro, schon einige Stunden in der Hundetransportbox auf mich zu warten. In der Mittagspause ging es zum Spaziergang. Die Freude meiner Vierbeiner war groß! Abreise war nachmittags 160 Kilometer in Richtung Paderborn, genauer gesagt nach Bad Driburg. Hier fand vom 21.-22.05.2016 mein Seminar „Spurtreue dank Fährtenschuh-Einarbeitung des Jagdhundes“ statt. Drei Tage Wohnwagenaufenthalt auf einem Hochplateau mitten im Eggegebirge. Die noch nicht gemähte Wiese ein Abenteuerspielplatz für meinen Welpen.

Während dieser Tage stellte sich eine innige innerartliche Bindung zum Rüden Napoleon ein. Er war unser Wächter und Beschützer. Ein richtiger Kumpel halt. Zu meinem Erstaunen ging meine Hündin Diana auf Distanz. Spielaufforderungen von Xandro wurden mit Knurren und Zähnefletschen quittiert. Äußerst wichtig war es mit Xandro die ersten Erkundungen durchzuführen. Ohne meine Zwei anderen. Die Fokussierung soll überwiegend auf mich als Rudelführer erfolgen.

Auf einem nahe gelegenen Bauernhof war ein Schwimmteich, teilweise veralgt, aber mit vielen Kaulquappen. Diese erregten großes Interesse und es kam wie es kommen musste. Beim Fischen nach den Algen fiel Xandro in den Teich. Emsig versuchte er aus dem Wasser zu gelangen, doch das Ufer war zu steil. Jetzt stellte sich für mich die Frage: Wie wird der Welpe mit dem Konflikt fertig und meidet er fortan Wasser? Kurzer Hand half ich ihm aus dem Wasser heraus, er schüttelte sich und weiter ging es.

Wiedersehen mit “X“

Gemeinsames Spielen der beiden Dachsbracken-Welpen. Foto: Werner Stief


Einige Tage später stand er wieder unbeeindruckt mit den Pfötchen in einen Bachlauf. Die spannendste Passage unserer Rundreise rückte immer näher. Wir entschlossen uns 200 Kilometer weiter nördlich nach Visselhövede zu fahren. Ein Besuch beim Wurfgeschwister „X“. Allein der Name war ja schon außergewöhnlich. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf: Werden Xandro und X sich wiedererkennen? Lief die Weiterentwicklung der beiden seit der Übernahme ähnlich ab? X ist noch eine Woche länger beim Züchter geblieben und nun seit zirka zwei Wochen bei seiner Familie. Xandro war bereits drei Wochen in meiner Obhut. Ähnlich wie bei mir, gab es auch dort zwei ältere Jagdhunde. Einen Alpenländischen Dachsbracken Rüden im 12. Behang und einen Deutsch Stichelhaar Rüden im 10. Feld. Wichtig war mir, dass der Erstkontakt ohne die älteren Kameraden stattfand.

Nun war es soweit. In einem ein Hektar großen eingezäunten parkähnlichen Anwesen trafen die Geschwister auf einander. Beide Welpenrüden bewindeten erstmal gegenseitig den Fang. Dann würde intensiv das Waidloch beschnuppert und langsam begann der Ringkampf. Immer wieder abwechselnd versuchten sie ihr Gegenüber in die Unterwerfungsposition zu drängen. Mit dem ganzem Körpergewicht wurde versucht den anderen auf den Boden zu drücken. Standen beide wieder, ging es einträchtig zur Wasserwanne und der Durst wurde gestillt. Weiter ging es Schulter an Schulter. Es wurde geschoben und gedrückt bis einer wieder umfiel. Völlig normal war ein lautstarkes Getöse, manchmal knurren oder bellen. Für Rüdemänner war dieses Verhalten absolut in Ordnung. Abwechselnd wurde an der Rute, am Behang oder einfachheitshalber an der Kopfhaut gezogen. Ein ganz normales Welpenspiel, das gut 1,5 Stunden andauerte. Mich beeindruckte die Ausdauer und auch die Intensität des Spieles. Eine Pause passte nicht in den Ablauf. Absolut faszinierend, was Welpen im Alter von zehn Wochen für Kräfte entwickeln können.

Fazit des Aufeinandertreffens:

X und Xandro - friedlich vereint. Foto: Werner Stief


Meiner Meinung nach erkannten sich die Welpen nicht wieder. Sie waren drei Wochen voneinander getrennt. In dieser Zeit haben beide eine sehr unterschiedliche Entwicklung durchgemacht. X war seit zwei Wochen in seiner Familie und hatte Heimrecht. Das Territorium spielte keine Rolle. Es kam nicht zu sichtbarer Verteidigung oder Bewachen des Umfeldes. Nach meinem Dafürhalten sind sie dazu noch zu jung.

Es kam zu erneutem Aufeinandertreffen der Geschwisterrüden, wobei die Spielintensität der ersten Begegnung nicht mehr erreicht wurde. Weiterhin wurde leidenschaftlich gekämpft und gespielt. Abwechselnd wurden herumliegende Bälle oder Blumentöpfe durch die Gegend getragen. Nun kam eine Verhaltensweise, die man auch von Kindern her kennt, zum Vorschein. Es war immer das Spielzeug interessant, dass der andere gerade herumtrug.

Während meines ausgiebigen Fahrradtrainings mit Diana und Napoleon, blieb Xandro in einer Transportbox im Wohnwagen. Vorher gefüttert und ausgeführt, war er nun müde und schlief bis ich nach zwei Stunden wiederkam. Nach zehn Tagen toller Erlebnisse und vor allem intensiver Beschäftigung mit meinem zehn Wochen alten Welpen Xandro ging es wieder nach Hause. Diese außergewöhnliche Prägungsreise werden wir „Vier“ niemals vergessen!

Nur wer viel Zeit mit seinem Welpen verbringt, wird eine notwendige intensive Bindung zwischen Mensch und Hund erreichen. Die ersten Wochen sind die wichtigsten im Leben eines Welpen.
Werner Stief