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Weihnachtliche Stimmung im Revier: Herbergssuche

Dr. Jörg Mangold © dlv
Dr. Jörg Mangold
am
Donnerstag, 24.12.2020 - 12:00
Herbergssuche © Jörg Mangold
"Am anderen Morgen sah ich sie am Horizont mit ihrem bepackten Esel, wie einst Maria und Josef, dahinziehen."

Es mag wohl der großen Leistung des Langzeitgedächtnisses geschuldet sein, dass sich Kindergebete wie „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich den Himmel komm“ und Reime wie „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie Du den Schmerz!“ unauslöschlich in meinen Hirnwindungen verankert haben. Spätere, selbst verfasste Gedichte dagegen lassen sich für mich nur reproduzieren, wenn ich diese für irgendwelche Geburtstage oder andere Festivitäten zusammengereimten Zeilen in irgendwelchen Ordnern zufällig wiederfinde.

Bruchstückhaft sind mir unlängst Textpassagen aus einem fast sechzig Jahre zurückliegenden, vorweihnachtlichen Krippenspiel wieder eingefallen. Ich hatte damals nur eine kleine Rolle zu spielen, aber der Text des kurzen Dialogs hatte sich nach so vielen Jahren aus irgendeiner Hirnzelle wieder „zu Wort“ gemeldet. Nicht etwa beim Besuch eines Weihnachtsmarktes nach Genuss von Glühwein, sondern auf dem Heimweg von der Jagd.

Nachdem sich herbstlicher Bodennebel breit gemacht hatte und ein weiteres Warten auf Rehe sinnlos erschien, baumte ich im letzten Dämmerlicht ab und begab mich auf den Heimweg. Ich hatte den Blick gesenkt, war in Gedanken schon bei den Planungen für den weiteren langen Abend und sah mich plötzlich mitten im Wald, soviel ließ das Licht noch zu, einem Esel gegenüber. Einem Esel – jawohl, einem Esel!

Ich hatte im Revier schon mehrfach unverhoffte Begegnungen mit Haustieren. Einmal war es ein Schaf, das offenbar den Anschluss an die Herde verloren hatte; dann ein gut genährter Schäferhundmischling, der wohl von der Brautschau auf einem der umliegenden Höfe, wo man ihn mit der Mistgabel vertrieben hatte, mit eingezogener Rute dem heimatlichen Hof zuschlich.

Seltsame Begegnung

Der Esel war schon etwas Besonderes. Er hatte weder ein Zaumzeug angelegt noch einen Führstrick um den Hals. Er stand einfach da, als warte er auf den Hund, die Katze und den Hahn wie bei den Bremer Stadtmusikanten. Etwas ratlos leuchtete ich mit der Taschenlampe die Umgebung ab, entdeckte ein Zelt, gut getarnt ins Unterholz eingeschmiegt. Kein Wunder, dass sich die Rehe heute Abend nicht zeigten. Wilde Camper mit Esel! Ich war verärgert, aber auch neugierig und schritt forsch, extra viel Lärm machend durch das Falllaub und das trockene Reisig auf die aus zwei Planen notdürftig zusammengeknüpfte Behausung zu. Ein Landstreicher, Einsiedler, Aussteiger? Wer wohl hat sich da zur Nachtruhe niedergelassen?

Im Schein meiner Lampe sah ich, wie eine schmale Hand vorsichtig die den Eingang verhängende Plane beiseiteschob und mich in das Gesicht einer hübschen, jungen Frau blicken ließ. Das Licht blendete sie. Sie wandte sich ab, und nun kam ein junger Mann zum Vorschein, der sich wie schützend vor seine Begleiterin schob. Eben noch erbost, bemühte ich mich, die Situation schnell in den Griff zu bekommen. Ich grüßte freundlich und fragte, eine dümmere Frage ist mir in diesem Augenblick nicht eingefallen: „Gehört ihnen der schöne Esel?“ Bereitwilligst gaben mir die beiden Auskunft, sichtlich erleichtert, dass ich nichts Böses im Schilde führte und man mir offenbar anmerkte, dass ich sie auch gar nicht aus dem Wald vertreiben wollte.

Ich setzte mich zu ihnen und erfuhr, dass sie auf dem weiten Weg seien, um mit dem Esel als Packtier in Etappen die Alpen zu überqueren. Eine Etappe (sicherlich die einfachste durch das Rottal) hatten sie schon gemeistert. Es war ein nettes, kurzes Gespräch, und mit einer gewissen Hochachtung verabschiedete ich mich respektvoll von den beiden, denen ich für ihre Suche nach der großen Glückseligkeit meine besten Wünsche mit auf den Weg gab.

Wie einst Maria und Josef

Am anderen Morgen war ich wieder im Revier und sah sie am Horizont mit ihrem bepackten Esel, wie einst Maria und Josef, dahinziehen. Das Krippenspiel fiel mir wieder ein, die Herbergssuche. Und da war plötzlich auch wieder der Text, den ich als der böse, Maria und Josef keine Unterkunft gewährende Wirt zu sprechen hatte: „Nein, nein, nein, das kann nicht sein. Da geht nur fort, ihr kommt nicht rein!“

Ich musste bei dem Anblick des mit dem Esel dahinschreitenden Pärchens lächeln und war fast ein wenig gerührt. Noch etwas fiel mir ein. Ein Spruch aus der Lutherbibel, den ich einmal über der Eingangstüre einer Jagdhütte im Gebirge fand: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt“.


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