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Wald weg - was nun?

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Dienstag, 30.07.2013 - 17:40
Foto: DIT © DIT

Orkan „Kyrill“ entwurzelte im Januar 2007 vor allem in NRW zum Teil flächendeckend ganze Fichtenbestände. Foto: DIT

Waldbesitzer, Förster und Jäger standen im wahrsten Sinne des Wortes vor einem Trümmerhaufen, denn fast genau vor zwei Jahren fegte einer der schwersten Orkane über weite Teile Deutschlands. Vor allem in Nordrhein-Westfalen entwurzelte und brach „Kyrill“ oft flächen-deckend ganze Waldbestände. Die Orkane „Vivien“ und „Wiebke“ schufen 1990 ähnliche Szenarien, „Lothar“ tobte 1999 insbesondere über Süddeutschland. Die Zahl und vor allem das Ausmaß von Sturmereignissen hat deutlich zugenommen. Der Grund dafür wird in einem sich abzeichnenden Klimawandel vermutet. Weite Teile der Forstwirtschaft arbeiten an einem Waldbau, der zu stabilen Mischwäldern führen soll. Auf dem Weg dorthin werden die vergangenen Orkane nicht die letzten gewesen sein, die das Erscheinungsbild ganzer Reviere verändern.
Somit stehen auch Jagd und Jäger weiter vor nicht unerheblichen Herausforderungen.Sturmflächen sind aus wildbiologischer Sicht dabei kaum eine Katastrophe. Mit Ausnahme des Rotwildes, bei dem sich sturmbedingte Einstandsverluste am stärksten auswirken, kommen vor allem Reh- und Schwarzwild mit „Störungen“ im Waldgefüge meist problemlos zurecht. Selbst während der Stürme sind nur selten Wildverluste zu verzeichnen, da das Wild - scheinbar durch eine Art angeborenen „Frühwarnmechanismus“ - gefährdete Waldbestände meidet. In der Nacht, in der „Kyrill“ tobte, wurde zum Beispiel Rotwild zahlreich auf waldangrenzenden Freiflächen beobachtet.

Konzept planen

Die rasch aufkommende Vegetation auf Sturmflächen bietet dem Wild schnell vielseitige Äsung - und Deckung! Foto: Wald & Holz NRW

Bieten ungeräumte Windwurfflächen gerade Reh- und Schwarzwild zunächst sehr viel Deckung, stellt sich auf den später geräumten Flächen schnell ein reichhaltiges und attraktives Äsungsangebot ein. Die Erfahrung hat gezeigt, dass mit zunehmender Nahrung hinsichtlich Qualität und Quantität auch eine zum Teil drastische Zunahme der (wiederkäuenden) Schalenwildbestände einhergeht.Aus jagdpraktischer Sicht können große Windwurfflächen jedoch schnell zu Problemen führen: Auf der einen Seite muss der Jäger sicherstellen, dass das Schalenwild keinen zu negativen Einfluss auf sich verjüngte oder gepflanzte Baumarten nimmt, zum anderen wird die Jagd spätestens nach dem Dickungsschluss zu einer Herausforderung. Denn zu diesem Zeitpunkt besteht meist ein Missverhältnis zwischen Äsungsangebot und Wildbestand, das ein hohes Wildschadensrisiko (vor allem Schälschäden durch Rotwild) mit sich bringt, wenn nicht zuvor der Wildbestand herabgesetzt wurde. Um diesen Problemen schon im Vorfeld entgegenzuwirken, ist ein gut durchdachtes Konzept notwendig, das sowohl die jagdliche Infrastruktur wie aber auch die Anlage von ausreichend Äsungsflächen im Revier berücksichtigt.
Aus eigener Erfahrung ist man zunächst entsetzt, betritt man nach einem Orkan sein eigenes Revier. Liegen nicht nur ganze Waldbestände zu Boden, so haben die Windhosen oder umstürzende Bäume meist auch einen Großteil der jagdlichen Einrichtungen zerstört. Ungeachtet der existenziellen Auswirkungen für Waldbesitzer, kann ein solches Schad-ereignis jedoch auch als Chance für Wild und Natur betrachtet werden.Vollkommen unangebracht ist dabei eine zu voreilige Reaktion auf die veränderten Verhältnisse vonseiten des Revierinhabers. Dieser sollte in jedem Fall zunächst die Aufarbeitung der Windwurfflächen abwarten, eh er sich etwa zum Bau jagdlicher Einrichtungen entschließt. Denn häufig sind angrenzende Waldbestände durch den Sturm in Mitleidenschaft gezogen und fallen schon bei leichteren Böen nachfolgend zeitnah ebenfalls um.

Wechsel freihalten

Während der Aufarbeitungsphase kann der Revierpächter in Absprache mit dem Waldbesitzer oder Förster vermeiden helfen, dass die Hauptwechsel von kilometerlangen Holzpoltern am Wegesrand zerschnitten werden. Von Drück- oder Bewegungsjagden ist in dieser Zeit strikt abzuraten, da krankgeschossenes Wild, das sich in Windwurfflächen flüchtet, wegen zu hoher Gefahr für Mensch und Hund (Einklemmen, keine Rückzugsmöglichkeit bei annehmenden Sauen) nicht ordnungsgemäß nachgesucht werden kann. Dass gar ein „Durchdrücken“ solcher Flächen ebenfalls unterbleibt, ist selbstverständlich. Somit sollte sich die Jagd -zunächst auf den Ansitz, möglichst weit abseits dieser Flächen, beschränken.
Schaut man auf Orkan „Kyrill“ zurück, so hat die Aufarbeitung des geworfenen und gebrochenen Holzes zum Teil noch bis Mitte 2008 (also etwa anderthalb Jahre!) gedauert. Eine zum Teil (nötige) flächige Befahrung mit schweren Forstmaschinen und dadurch bedingte Bodenverdichtung oder örtlich notwendige Schlagraumbeseitigungen ermöglichen eine künstliche Wiederbewaldung vermutlich erst in den kommenden Jahren, wird nicht ohnehin auf eine natürliche Ansamung gesetzt.
Um nicht zu sehr auf die forstliche Behandlung dieser Flächen einzugehen, sei nur am Rande erwähnt, dass „Wildschäden“ bei flächiger Naturverjüngung weniger ins Gewicht fallen als bei Pflanzungen. Künstlich eingebrachte, ungeschützte Jungpflanzen haben dagegen häufig einen besonders schweren Stand und werden vom Wild bevorzug verbissen oder gefegt. Daher sollte zunächst eine Schwerpunktbejagung auf solchen Flächen erfolgen, auf denen teure Pflanzen (Laubholz möglichst > 120 cm) in den Boden gebracht wurden.

Vorausschauend

Bei der Anlage einer Jagdschneise, sollte diese zumindest bei zwei Windrichtungen abgesetzt werden können. Foto: CL

Neben einer jagdlichen Planung (Ansitzeinrichtungen, Schussschneisen) und einem Äsungsflächenkonzept kann auch die Besucherlenkung, gerade in stadtnahen Revieren, nötig sein. Alle Analysen und daraus entwickelte Planungen beziehen im Idealfall auch die Nachbarreviere beziehungsweise die Hegegemeinschaft, die Forstbehörde und gegebenenfalls den Tourismusverband ein. Dies ist besonders dann relevant, wenn zum Beispiel Rotwild vorkommt, das bekanntlich nicht an Reviergrenzen gebunden ist.
Falls der Jagdausübungsberechtigte nicht selbst Eigenjagdbesitzer ist, setzt eine erfolgreiche Konzeptplanung und -umsetzung vor allem ein gutes Verhältnis zu dem oder den Grundeigentümern voraus. Um die „Ruhe nach dem Sturm“ abzuwarten, empfiehlt es sich, die Planung eines Jagd- und Äsungskonzepts nicht unbedingt gleich in den ersten Tagen der Aufarbeitungszeit anzusprechen, da der Waldbesitzer verständlicherweise zunächst mit der Holzvermarktung beschäftigt sein wird.
Im Sinne eines guten Miteinanders von Pächter und Verpächter sollte des Weiteren eine Forderung zur Senkung des Pachtpreises (dazu -wurden nach „Kyrill“ erste Stimmen laut) mehr als gut überdacht werden: Denn zum einen hat der Grundeigentümer das Sturmereignis nicht verursacht, zum anderen wird - bei guter Vorausplanung - der Jagdwert des Reviers (zumindest über zwei oder mehrere Pachtperioden) in der Regel ansteigen oder zumindest nicht verringert.
Sind also die Rahmenbedingungen gegeben, kann mit der Revierplanung begonnen werden. Diese bezieht sich insbesondere auf die Zeit nach dem Dickungsschluss, wenn die Jagd durch zu viel Deckung Schwierigkeiten bereitet. Vor diesem Zeitpunkt wird sich die Bejagung auf den äsungsreichen Freiflächen in der Regel verhältnismäßig problemlos gestalten. Abzuraten ist jedoch auch davon, geräumte Windwurfflächen sofort mit zahlreichen Kanzeln und Leitern zu „umzingeln“. Je größer solche Schadflächen sind, desto größer ist selbstverständlich auch die Lebensraumveränderung für das Wild. Große Freiflächen nutzt dieses nicht immer komplett und bevorzugt zum Beispiel windgeschützte Bereiche und solche Orte, an denen es die attraktivste Äsung findet. Hier hat sich zunächst (ähnlich wie in Feldrevieren) der Einsatz von mobilen Leitern am Rand dieser Flächen bewährt. Stellt sich der ausgewählte Platz als „fängisch“ heraus, kann dort jederzeit eine feste Ansitzeinrichtung erbaut werden.

Schussschneisen

Der Krähenfuß bietet eine ideale Möglichkeit, die Fläche einzusehen. Dabei kann der Jäger, ohne sich zu bewegen, meist alle drei Schneisen beobachten. Foto: CL

Mit Zunahme der Vegetation (höherer Deckungsanteil) werden solche Flächen für das Wild schnell als Tageseinstand attraktiv. Daher sollte der Zugang zu Leitern und Kanzeln möglichst lautlos erfolgen können, da das Wild nicht selten unmittelbar beim Besteigen der Ansitzeinrichtung in den Flächen liegt oder äst. Die Errichtung eines „Wachturms“ inmitten einer solchen Windwurffläche verbietet sich nicht zuletzt schon aus ästhetischen Gründen. Werden massive, langlebige Ansitzeinrichtungen gebaut, sollte eine spätere jagdliche Infrastruktur mit Schussschneisen in der einzusehenden Windwurffläche bereits geplant und mit dem Grundeigentümer abgestimmt sein (siehe Skizzen).
Schussschneisen können dabei entweder von vornherein freigelassen oder erst später in die Dickungen (Oberhöhe ca. 5 m) hineingelegt werden. Dies kann bei der ersten Läuterung oder durch große Forstmulcher geschehen. Im Idealfall stellen die Schussschneisen sogar einen Teil des Feinerschließungssystems (Rückegassen) zur späteren Holzbringung auf der Fläche dar.

Ausreichend Äsung

Daueräsungsflächen werden zweckmäßigerweise so angelegt, dass diese vom Wild auch über Tag aufgesucht werden können. Um nicht unnötig Spaziergänger „anzulocken“, sollte eine direkte Sicht auf die Fläche vom Weg aus vermieden werden. Foto: CL

Vor allem im Gebirge hat sich die Anlage von Pirschsteigen bewährt, von denen aus äsendes Wild auf Windwurfflächen angepirscht werden kann. Diese Steige befinden sich idealerweise im Gegenhang und ermöglichen ein lautloses Pirschen in Schussentfernung parallel zur jeweiligen Schadfläche hangaufwärts. Da der Jäger gerade im Gebirge auf gute Wetterverhältnisse angewiesen ist und gute Witterungsbedingungen nutzen muss, sollten Sturmflächen nach Möglichkeit von verschiedenen Seiten (bei unterschiedlichen Winden) aus bejagbar sein.
Wo Wald großflächig durch Sturm geworfen wurde, empfiehlt sich die frühzeitige Einplanung und Anlage von langfristigen Äsungsflächen im Umfang von etwa drei Prozent der Holzbodenfläche. Etwa weitere sieben bis acht Prozent sollten als sonstige Freiflächen (Ausweichäsung, Brunftplätze) zur Verfügung stehen. Bei Daueräsungsflächen ist eine Größe von etwa 0,2 bis 0,3 Hektar günstig. Kaltluftlagen, Nebel- und Raureifgrenzen und Orte, an denen es häufig zu Nebelbildung kommt oder sich Schnee und Eis lange halten, sind als Äsungsflächen generell nicht geeignet. Bei angepassten (Rot-) Wilddichten genügt eine Einsaat mit Klee- und Kräutermischungen. Eine Aufkalkung dieser Flächen auf pH 5 sowie eine Grunddüngung kann notwendig sein. Äsungsflächen sollten des Weiteren abseits der Wanderwege angelegt werden und dem Wild einen Zugang auch über Tag ermöglichen. Somit ist die Nutzung von Rändern an Forstwegen als Äsungsfläche nur bedingt zu empfehlen. Für die äsungsarme Zeit nach dem Dickungsschluss sollten die verbliebenen Altholzbestände von forstlicher Seite, wo möglich, durch Auflichten des Kronendachs äsungsreich gestaltet worden sein.
Eine weitere förderliche Maßnahme zur Äsungsverbesserung ist die sogenannte Stecklingsvermehrung, bei der daumendicke 30 Zentimeter lange Weidenstecklinge (mit einer Gartenschere schräg abgeschnitten) zu zwei Drittel (Pflanzverband etwa 0,6 x 0,2 m) in den Boden eingebracht werden. Ein vorheriges Mulchen und Grubbern ist bei größeren Flächen vorteilhaft, ebenso eine Startdüngung mit einem Volldünger.
Auch wenn das Aufkommen von Ginster auf den meisten Windwurfflächen natürlich geschieht, kann unter Umständen mit einer Aussaat (3 g/m2) im Erstfrühling (April/Mai) nachgeholfen werden. Das Saatgut muss jedoch zuvor für fünf Sekunden in Baumwollsäckchen in kochendes Wasser getaucht werden.

Jagdruhezonen

Kann das Wild nicht auf der ersten Schneise beschossen werden, ergibt sich vielleicht auf der nächsten eine Gelegenheit. Foto: DIT

Ganz entscheidend ist, dass eine klare Trennung zwischen Äsungsfläche und Bejagungsfläche erfolgt! Nur so können auf Dauer Wildschäden in den Dickungen und Stangenhölzern vermieden werden. Auf und in den unmittelbaren Bereichen (Einständen) um Daueräsungsflächen ruht (mit Ausnahme bei -Bewegungsjagden) die Jagd! Dadurch kann das Wild auch tagsüber seinem natürlichen Äsungsrhythmus folgen und wird (wenn alle Bedingungen stimmen) nicht „gezwungen“ junge Bestände zu schälen. Reviere, in denen diese wenigen „Spielregeln“ beherzt und konsequent umgesetzt werden, weisen (bei lebensraumangepassten Wildbeständen) keine oder wenn überhaupt nur vernachlässigbare Verbiss- und Schälschäden auf.
Die Jagd in Revieren mit flächigen Windwürfen wird sich, wie eingangs erwähnt, in den ersten Jahren, sobald sich eine üppige und für das Wild attraktive Vegetation eingestellt hat, zunächst relativ einfach gestalten. Dies gilt allerdings nur so lange, bis der Pflanzenwuchs so weit fortgeschritten ist, dass er Reh und Rothirsch sprichwörtlich verschlingt. Vor dem Dickungsschluss sollte die Bejagung verschärft und der Wildbestand der veränderten Situation (soweit möglich) angepasst werden, da spätestens zu diesem Zeitpunkt die vorher so üppige Äsung schlagartig abgenommen hat oder sogar fast gänzlich verschwunden ist. Ebenfalls zu diesem Zeitpunkt sollte das geplante Jagd- und Äsungsflächenkonzept bereits umgesetzt worden sein, um erhebliche Wildschäden erst gar nicht entstehen zu lassen.
Die folgende jagdliche Behandlung sturmgeschädigter Reviere muss stark den örtlichen Verhältnissen angepasst werden. Gerade dort, wo großflächig Wälder geworfen wurden und nun riesige, kaum unterbrochene Dickungen gewachsen sind, wird der Ansitzjagd die weitaus größte Bedeutung zukommen.

Hoher Aufwand

Mit einem Forstmulcher können noch vor dem Dickungsstadium Schussschneisen in die Sturmflächen gelegt werden. Foto: M. Meyer

Großräumige Bewegungsjagden werden dort in der Regel, wenn überhaupt, nur mäßige Erfolge bereiten, da es eines massiven, kaum zu leistenden Hundeeinsatzes bedarf, um das Wild aus den Dickungskomplexen zu drücken. Schussschneisen für die Ansitzjagd auch bei Bewegungsjagden zu nutzen, eignet sich nur bedingt, da diese vom Wild häufig hochflüchtig überfallen werden und sich das Ansprechen und die sichere Schussabgabe daher äußerst schwer gestaltet. Unter Umständen können bessere Erfolge beim Durchdrücken kleinerer Dickungskomplexe (so weit dies die Verhältnisse zulassen) mit weit abgestellten Schützen erzielt werden. Während vor allem das wiederkäuende Schalenwild vom Äsungsreichtum vor dem Dickungsschluss profitiert hat und dessen Bestände dadurch bedingt angestiegen sind, profitiert Schwarzwild hingegen häufig erst mit zunehmender Deckung und daraus resultierender schwierigerer Bejagbarkeit von Windwurfereignissen.
Neben Drückjagden (ggf. Kreisen bei Neuschnee) wird die Kirrungsjagd einen unverzichtbaren Bestandteil zur Regulation der Sauen in den betroffenen Revieren darstellen. Kirrungen sollten dabei aber nicht direkt inmitten oder am Rand der Einstände platziert werden, da ein (meist tägliches) Beschicken dieser Stellen eine Störung verursacht, welche oft die Sauen dazu bewegt, ruhigere Orte aufzusuchen. Nicht zuletzt die Schussabgabe im „Sauen-schlafzimmer“ wird selbst dem unerfahrensten Frischling signalisieren, dass dieser Ort über Tag kein sicheres Plätzchen darstellt.
DIT