Home Praxis Waffe des Regenwaldes - Blasrohr & Giftpfeil

Waffe des Regenwaldes - Blasrohr & Giftpfeil

Auf der Mangkalihat-Halbinsel (Borneo) beherrschten die halbsesshaften Basap ihr Giftpfeil-Blasrohr meisterhaft.


Das Blasrohr ist eine ideale Waffe für die Jagd im dichten tropischen Regenwald. Der Schuss ist fast lautlos, und die gefährliche Giftladung des Pfeilchens wirkt tödlich, gleichgültig, welcher Körperteil des Tieres getroffen wird. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde diese gefährliche Waffe von Urwaldbewohnern Südostasien regional auch bei der Kopfjagd benutzt.

Im Prinzip sind die Blasrohre Langrohr-Hinterlader-Waffen, die meist aus Eisenholz (Eusideroxylon zwageri) gefertigt sind. Sie sind zwischen 1,80 und zwei Meter lang und enden vorne mit einer eisernen Lanzenspitze für einen möglichen Fangstoß. Darüber sitzt ein kleiner, meist hölzerner Zielstachel, eine Art Flintenkorn. Die Besonderheit bei den Basap-Blasrohren ist das abnehmbare Mundstück. Die Bohrung wird mit einem langstieligen Metallstößel durch das unbeweglich eingespannte Stück Holz gemacht und dauert viele Wochen. Es hat aber Blasrohre schon vor der Metallzeit gegeben. In meiner Sammlung habe ich antike Bambusblasrohre, die gespalten waren, um die Internodien zu entfernen. Anschließend wurden sie wieder zusammengefügt und dicht mit Rotan umwickelt. Sie sind über zwei Meter lang und stammen von indigenen Kubu, den früheren Jägern und Sammlern auf Sumatra.

Ich konnte von einem Basap ein uraltes Blasrohr erwerben, das wohl hergestellt wurde, als die Basap noch keinen Zugang zu Metallspitzen hatten. Die Lanzenspitze meines Blasrohrs ist noch aus Eisenholz.

Zur Blasrohrausrüstung gehört ein Bambusköcher, in dem bis zu hundert 20 bis 30 Zentimeter lange und maximal Zwei Millimeter dicke Pfeile Platz finden. Die vergifteten Spitzen zeigen nach unten. Im Köcher befindet sich auch eine Lehre, auf die Weichholzstücke gesteckt und konisch zugeschnitten werden: Das sind die Führungsfropfen, die hinten auf die Giftpfeile gesteckt werden und genau in die Blasrohrbohrung passen müssen. Am Köcher hängt daher eine ausgehöhlte Kalebassenfrucht, in der ein größerer Vorrat an Pfropfen mitgeführt wird. Der Köcherarm wird rechts in den Rattangürtel des Buschmessers gesteckt, das wie alle Schwerter links getragen wird. An der Spitze von Giftpfeilen für Schwarzwild, Muntjaks und Rusahirsche wird zusätzlich ein spitzes Tierzähnchen oder eine scharfe Bambusklinge angebracht. Diese Pfeile erhalten einen vermehrten, hochreichenden Giftauftrag. Der oberste Pfeil auf dem Bild ist mit einem spitzen Tierzähnchen ausgerüstet. Die zirka ein Zentimeter weite Blasrohrbohrung und die Führungspfropfen müssen präzisionsartig zusammenpassen, damit die Pfeile eine rasante, gradlinige und möglichst weite Flugbahn erhalten können. Zur Arretierung des Pfeils vor dem Schießen ist im Blasrohr kurz hinter dem Mundstück eine leichte Verengung für den Führungspfropfen vorhanden. Richtiges Anvisieren Nimmt man im dichten Tieflandsregenwald ein Stück Wild wahr, dann immer nur durch zufällige Lücken zwischen den Blättern, die den Blick auf einen kleinen Teil des Tieres freigeben. Durch diese Lücke zwischen den Blättern und Zweigen muss auch der Schuss mit dem Giftpfeil erfolgen, gleichgültig, welcher Körperteil des Tieres getroffen wird, denn das Gift wirkt schnell über alle Blutbahnen. Einäugig über Kimme und Korn oder mit dem Zielfernrohr durch eine Lücke in der Vegetation zu visieren, ist kein Problem. Aber das Blasrohr im Mund sitzt in der Mitte zwischen den Augen. Beide Augen müssen beim Schießen daher offen bleiben. Visiert man den Zielstachel am vorderen Ende des Blasrohrs an, erscheint das Ziel unscharf im Hintergrund doppelt, rechts und links vom Zielstachel. Fokusiert man das Ziel an, sieht man zwei unscharfe Blasrohre rechts und links vom Ziel. Um das Ziel exakt zu treffen, muss man daher einen sehr guten Sinn für Symmetrie zwischen diesen Doppelbilder haben. Eine Innovation Die heutigen waldarmen Verhältnisse machen es den Blasrohrjägern auf Borneo nicht einfach, 100 Meter Schussentfernung gilt es zu überbrücken.

Die im PIRSCH-Beitrag (Heft 2/2013, S. 81) fragend als „Ist es eine Giftpfeile abschießende Armbrust mit Gummizug-Katapult oder ist es ein Gummizug-bewehrtes Luftgewehr für Giftpfeile?“ umschriebene Konstruktion ist raffiniert einfach: Der Lauf besteht aus einem etwas konisch zugeschnitzten Blasrohrabschnitt von rund 60 Zentimetern Länge, das hinten mit einem einzölligen Eisenrohr von etwa 37 Zentimeter Länge dicht verbunden ist. Das Luftvolumen dieses Zylinders ist etwa das Fünffache der Blasrohrbohrung. In diesen Rohrzylinder passt ein ganz exakt gearbeiteter Kolben aus Eisenholz (Eusideroxylon zwageri) hinein, der hinten zwei horizontale Stifte hat, die aus den beidseitigen Führungsschlitzen rechts und links im Schaft herausragen. Mit diesen Stiften, an denen die sehr strammen Gummizüge eingehängt werden, kann der Kolben aus dem Rohr zurückgezogen und arretiert werden.Die Arretierung wird durch einen einfachen Gewehrabzug gelöst. Die Gummizüge schleudern dann den Kolben in den Zylinder. Dessen Luftinhalt wird schlagartig in das Blasrohr gepresst und schießt den Giftpfeil heraus. Nach den Regeln der Hydraulik dürfte dessen Vo das Fünffache der Geschwindigkeit des Kolbens sein. Der Anschlag der Stifte am vorderen Ende der beidseitigen Führungsschlitze verursacht einen Knall, der dem eines Luftgewehrs gleichkommt. Dies ist ein unvermeidbarer Nachteil im Vergleich zum beinahe lautlosem Schuss aus dem traditionellen Blasrohr. Im Gegensatz zum traditionellen Blasrohr ist diese neue Waffe ein Vorderlader. Eine weitere Innovation: In die Blasrohrbohrung war ein Drall eingearbeitet! Mein Schießversuch überzeute mich von der angegebenen Schießleistung. Pfeilgift Der Latex von Antiaris toxicaria im malesianischen Raum beinhaltet mehr als 30 komplexe Cardenolide (Herzgifte). Die wichtigsten sind Antiarine, Antioside, Malayosid, Convallatoxin und Rhamnoside. Alle sind Monoglykoside, die als Zucker meist Rhamnose enthalten. Dadurch sind sie gut wasser- und blutlöslich. Alle sind Herzgifte. Alkaloide sind kaum beteiligt. Das Molekül des Hauptwirkstoffes Beta-Antiarin besteht aus zwei Gruppen. Eine ist das komplex mit Ringverbindungen aufgebaute Antiarigenin, das den hochwirksamen Giftstoff darstellt. Die andere Gruppe ist der Rhamnosezucker, der mit dem Antiarigenin über eine Sauerstoffbrücke verbunden ist. Diese Glykosidbindung ist nicht hitzestabil. Bei zu starker Erwärmung des Latex beim Dehydrieren bricht diese Brücke auseinander, der Zucker wird selbständig und der Latex schmeckt dann nicht mehr bitter, sondern süß. Die Masse ist dann nicht mehr toxisch und nicht mehr wasser- und blutlöslich. Beim Eindicken oder Dehydrieren über einem Feuerchen darf der Latex also nicht zu sehr erhitzt werden - die Blasrohrjäger wissen das seit Jahrtausenden. Dieses peinlich genau überwachte Eindicken dauert denn auch eine Woche. Dazu ist ein Behälter nötig, der nicht anbrennen darf. Dieser feuerfeste Behälter ist das Geheimnis der Giftherstellung. Es ist ein junges Blatt einer kleinen Fächerpalme (Licuala spinosa), das sich noch nicht geöffnet hat.

Es wird wie eine Zieharmonika auseinander gezogen und zu einem kleinen Schiffchen geformt. Hierin kann der Latex wochenlang über dem Feuer dehydrieren, bis eine schwarze Paste übrig bleibt. In diese Paste werden die Pfeilspitzen hineingedreht. Das Gift ist über viele Jahre wirksam. (Ich habe ein solches Blatt lange in eine heiße Gasflamme gehalten. Es verformte sich nicht, es geschah nichts. Es wurde nicht einmal heiß.) Beta-Antiarin ist eins der stärksten Gifte, viel giftiger als z.B. Curare. Frühere Tierversuche haben gezeigt, dass die letale Dosis LD50 pro kg Katze nur 0,1 mg beträgt, eine Menge, die man kaum sieht. (übertragen auf einen Menschen von 70 kg wären das 7 mg). Die tödliche Wirkung Der schnelle Herzstillstand wird verursacht durch die Blockade des membranständigen Enzyms ATP-ase, das die sogenannte Natriumpumpe im Herzmuskel reguliert. Hierbei werden Na-Ionen aus den Herzmuskelzellen heraus transportiert und K-Ionen hineingepumpt. Ohne K-Ionen können die Herzmuskelzellen nicht arbeiten. Letale Dosen des Pfeilgifts, intravenös oder intramuskulär verabreicht, wurden bei einigen Tierversuchen bekannt: Kaninchen: 0,3 mg, Hund: 1,0 mg (Tod in 3 bis 9 Minuten), Katze LD50 : 0,1 mg pro kg. Dieses Gift wurde „The Chief of Poison“ genannt.
Alles über den Giftbaum, seine Biologie, Physiologie, Anatomie, seine Gifte, die Giftherstellung, die Giftwirkung, die tödlichen Dosen und noch viel mehr in der: EZYKLOPÄDIE DER HOLZGEWÄCHSE, 49. Ergänzungslieferung III-4 Antiaris toxicaria Lesch., S. 1 - 12. Autor: Herwig Zahorka. Verlag WILEY-VCH, Weinheim
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