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Wärmebild: Wildschweine bejagen bei Nacht

FLIR-Kamera © SN

Immer dranbleiben: Mit dem FLIR LS-X bleibt Christian Teppe im Bilde und den sechs Überläufern auf den Fersen.


Alles begann mit einem Telefonat, an dessen Ende Christian Teppe und ich mal wieder zur Jagd abschweiften, dabei das Thema Wildschadensverhütung streiften und auch auf die verbohrte Haltung einiger Jagdfunktionäre zu sprechen kamen und uns einig waren, dass die wohl selbst nur ein Gams- oder Rehwildrevier bewirtschaften und nie mit den harten Fakten des Schwarzwildes konfrontiert werden. „Kommen Sie doch mal nach Uelzen, dann gehen wir mit der Wärmebildkamera mal auf nächtliche Wildschweinpirsch“, schloss sich eine Einladung an.

Wasserspritzen © SN

Die Sandböden halten kaum Wasser zurück. Bleiben rund um Uelzen die Niederschläge aus, übernimmt die künstliche Beregnung.

Eine charakteristische Landschaft

Am 10. Juni nun ging es hoch nach Norddeutschland. Uelzen liegt am Rande der Lüneburger Heide und ist von starkem Ackerbau geprägt, der immer wieder durch üppige Waldungen unterbrochen wird. So charakteristisch die Wohnwagen für einsame Herzen an den Bundestraßen durch die Waldgebiete sind, so typisch ist auch die künstliche Beregnung der Felder. Schließlich hält der Sandboden in trockenen Zeiten einfach zu wenig Regen zurück, weshalb die Pumpstationen oft 24 Stunden laufen. „Früher brummten nächtelang die Diesel-Aggregate im Feld“, erinnert sich Christian Teppe, als wir an einem der riesigen Schlauchwagen stehen.

Bei einer ersten Rundfahrt kommen wir auf die Revierfakten zu sprechen. Seit 13 Jahren hat er diese Gemeindejagd mit 950 Hektar und einem Feld-Wald-Anteil von zwei Drittel zu einem Drittel. Eine kilometerlange Forstgrenze sorgt dafür, dass viele kritische Felder eben direkt am Waldrand liegen. „Dazu kommt, dass insgesamt drei Bäche und einige Feuchtgebiete im Revier liegen, die von extrem dichtem Wald eingefasst sind und dort die Sauen tagsüber das ideale Rückzugsgebiet finden“, zieht Teppe die Augenbrauen hoch. „In den Feldern ist dann nachts natürlich der Tisch reich gedeckt“, fügt er zähneknirschend an. Deshalb wird bei Teppe auch während der Milchreife im Wald durchgekirrt, und folglich heißt es natürlich dort „Hahn in Ruh“– die Jagd auf die Schwarzkittel findet dann mit Nachdruck nur draußen im Feld statt.

Waldrand © SN

Mit zwei Drittel Feldanteil sind die gefährdeten Waldrandbereiche lang.


Leckereien im Feld

Kein Wunder, denn dort gibt es allerlei Schmakazien – Speisekartoffeln, Zuckerrüben, Mais, Weizen und Gerste. Dabei fällt mir auf, dass vor allem die Kartoffeln häufig mit Elektrozaun geschützt sind. „Das machen die Bauern schon von allein. Und ich bin sehr dankbar dafür, denn für den Totalausfall eines Hektars Speisekartoffeln stehen bis zu 8000 Euro Wildschaden an“, weiß Christian Teppe aus seiner Praxis als Fachanwalt für Agrarrecht zu berichten. Dagegen ist Mais mit 2000 Euro fast schon ein Schnäppchen, denke ich so bei mir. Bei Getreide ist’s zwar billiger, aber immer noch ärgerlich. „Auf den seltener angebauten Hafer sind die Sauen aber mindestens genauso scharf“, gibt Teppe zu bedenken. Die Sauwechsel und Schadstellen im Feld entdecken wir dann bei einem nachmittäglichen Drohneneinsatz unseres Filmers Matze Haack, der mit der Drohne einen Gersten- und einen Weizenschlag abfliegt. Aus der Vogelperspektive betrachtet, bekommt das plötzlich eine ganze andere Brisanz.

Wildkamera © SN

Dank der Wildkameras weiß Christian Teppe, was im Revier los ist, ohne durch persönliche Anwesenheit stören zu müssen.

Wildkameras sorgen auch für die nötige Ruhe im Revier

Während unserer Revierrunde bestücken wir drei Wildkameras an den Kirrungen mit neuen Akkus und bewundern den einen oder anderen Wildacker. Dabei fällt in den Waldungen auf, dass viele Grenzertragsböden stillgelegt sind, wofür die Bauern 600 bis 700 Euro pro Hektar als Prämie kassieren. Bis auf einen Hauptweg, der sich durch den Waldteil zieht, enden fast alle Wege als Sackgasse.

„Dadurch haben wir kaum Durchgangsverkehr“, berichtet Teppe. Und für weitere Ruhe im Revier sorgen die Wildkameras, die die Bilder direkt auf sein Handy senden. „So sehe ich, was im Revier los ist, und muss nicht selbst dauernd stören. Denn der Jäger ist auch ein nicht unerheblicher Störfaktor“, unterstreicht er. Zur Bestätigung sehen wir an der nächsten Kirrung tagaktives Rotwild, das sich langsam verzieht, als es uns gewahr wird.

Effektive Jagd mithilfe der Wärmebildkamera

„Als ich das Revier bekam, habe ich erstmal überall Schlafkanzeln hingestellt, um gerüstet zu sein“, erinnert sich Christian Teppe zurück. Nach der dritten Jagdreise ins südliche Afrika und besonders intensiven Pirsch-Erlebnissen mit afrikanischen Buschleuten hat er die Jagd daheim komplett umgestellt.

Und ist noch einen Schritt weiter gegangen: Die Wärmebildtechnik kannte Teppe noch von seiner Bundeswehrzeit aus dem Spähpanzer „Luchs“. Und so eine Wärmebildkamera hat er dann gekauft und losgelegt. „Die 20 bis 30 Sauen, die ich heute auf diese Art erjage, sind zwar nicht unbedingt mehr als früher, aber ich jage effektiver und muss nicht tagelang ansitzen und dabei das Wild stören“, ist er sich nach rund sechs Jahren mit dieser (nacht)aktiven Jagdstrategie sicher. „Ich pirsche eigentlich nur noch und komme im Jahr vielleicht auf eine Handvoll Ansitze“, resümiert Christian Teppe zufrieden.

Waermebildkamera-im-Einsatz © SN

Die Wärmebildkamera enträtselt die Geheimnisse der Nacht.


Seine Ausrüstung für die Nachtpirsch

Als wir wieder daheim sind und erstmal Wildschwein-Bratwürste auf den Grill werfen, will ich es genauer wissen und frage nach seiner Ausrüstung. „Die beste Ausrüstung nutzt nichts, wenn man keine Empathie und keinen Jagdinstinkt hat. Man muss sich schon ins Wild reinversetzen können“, wirft er mir hin. Die Gerüche, die sich in einem dreckigen Jägerauto festgesetzt haben, der Hund, der auf der Jagdjacke liegt, der Raucher, der seine Klamotten einnebelt – all das trägt man auch ans Kirrgut, mit auf den Hochsitz und damit in den Wald.

Teppe achtet deshalb stets auf eine frische Dusche, gewaschene Kleidung, verwendet maximal unaufdringliches Deo – und sprüht seine Outfox-Jagdklamotten zusätzlich mit dem Enzymreiniger „Biokat-S“, den auch Tatortreiniger benutzen, vor jeder Jagd ein. „Jagd- oder Gummistiefel funktionieren ebenfalls nicht, die steifen Sohlen und Schäfte machen zu viel Lärm. Lieber Turn- oder Bootsschuhe mit weicher Gummisohle“, weiß er nach jahrelanger Erfahrung zu berichten.

„Ich muss im Feld bei guten Lichtverhältnissen auch mal bis 150, 180 Meter rauslangen können. Das ist zwar selten, dafür ist das Kaliber aber dann ideal. Zudem wirkt es in der Regel augenblicklich ohne lange Nachsuchen.“ Die will Teppe sowieso vermeiden, schließlich ziehen regelmäßig einzelne Wölfe durch sein Revier, die sich in der Nachbarschaft auf dem Truppenübungsplatz „Munster“ häuslich niedergelassen haben. Denen ist er auch schon mehrfach begegnet. „Ich will nachts nicht lange nachsuchen müssen, denn erstens ist im Sommer das Wildbret am nächsten Tag hin, und zweitens möchte ich mit Isegrim in der Dunkelheit nicht um Beute konkurrieren“, erklärt Christian Teppe seine Kaliberwahl.

Nur das Nötigste

Nachdem wir abends den zweiten Grilldurchgang beendet haben, ziehen wir um 23.45 Uhr los. Schnell wandern noch ein elektro-akustischer Gehörschutz, ein dreibeiniger Schießstock und eine Bergehilfe aus Edelstahl ins Jagdauto – und los geht’s. Allerdings zieht Teppe auch manchmal mit minimalem Gepäck auf dem Klapprad los – „ein leises Fortbewegungsmittel, mit dem man nah rankommt und das auch noch gut für die Gesundheit ist“, zwinkert er mir zu. Nachdem wir die Hauptwindrichtung – in dieser Nacht aus Norden kommend – überprüft haben, fahren wir erstmal per „Pirelli-Pirsch“ von Süden an und schauen grob, was im Revier so los ist. Christian Teppe und Matze verlassen das Auto und pirschen los, nach 20 Minuten kommen sie zurück.

Aus Matze sprudelt es heraus: „Sieben Meter vor mir stand plötzlich ne Sau, und ich habe mich so erschrocken, dass ich das laut gesagt habe, und weg war sie.“ Diese Jagdart ist natürlich mittendrin statt nur dabei – man kommt auf Tuchfühlung mit dem Wild anstatt stundenlang in die dunkle Leere aus dem Kanzelfenster zu glotzen. Beim nächsten Gang bin ich dabei, und auf dem großen Wildacker stehen und liegen insgesamt zwölf Stück Rotwild, ein starker Geweihter dabei.

Die Schleichfahrt im Dunkeln, bei der man seitlich mit der Wärmebildkamera aus dem Fenster schaut, offenbart Ungewöhnliches: Erstens sieht man, wie viel Wild tatsächlich draußen unterwegs ist, und zweitens bleibt Rehwild teilweise zehn oder sogar nur fünf Meter neben dem Auto stehen. Es scheint sich im Bewuchs und in der Dunkelheit einfach sehr sicher zu fühlen.

Anlegen-auf-Dreibein © SN

Auf gut 40 Meter ist er ran gepirscht, gleich bricht der Schuss.

Die Wärmebildkamera offenbart sechs Sauen

„Stopp“, haucht Christian Teppe plötzlich. Bremsen, Motor aus, gucken. Rund 400 Meter entfernt stehen im Weizen sechs Sauen im Gebräch. Jetzt gilt’s! Mit Wärmebildkamera, Büchse und Dreibein heißt es ran an die „Weizenkrokodile“. Mittendrin, wir sind schon auf gut 150 Meter rangekommen, küselt der Wind, und plötzlich wird die Rotte unruhig, bläst, zieht hektisch weiter, um sich nach 50 Meter wieder zu beruhigen. Wir setzen nach, ganz leise, Teppe hat sogar die Schuhe im Auto gelassen und ist in Socken unterwegs.

Nach einer halben Stunde haben wir uns bis auf 40 Meter rangearbeitet – ein wahres Kunststück zu dritt. Christian Teppe spekuliert ein letztes Mal durch die Wärmebildkamera, die ihm immer noch keine Frischlinge offenbart hat. Die Waffe liegt bereits auf dem Dreibein im Halbanschlag, und nachdem rechts außen ein Überläufer freisteht, zerreißt der Knall der .300er die Stille. Ein kurzes Klagen ist zu hören – nach rechts und links spritzen die anderen fünf Überläufer auseinander, und das Rascheln im Getreide verliert sich mehr und mehr in der Ferne. Durchatmen, warten und langsam Richtung Anschuss gehen: Da liegt die Überläuferbache, die mit Hochblattschuss im Knall verendet ist.

Sau-liegt © SN

Die zirka 50 Kilogramm schwere Überläuferbache lag im Knall der .300 Winchester Magnum.

Erfolgreiche Pirsch

War das eine Jagd, so auf Tuchfühlung mit dem Wild. Christian Teppe grinst und ist sichtlich zufrieden: „Diese Überläufer hätten in dem Bereich richtig zu Schaden gehen können. Gut, dass wir einen bekommen haben. Die Gegend ist vor denen erstmal sicher.“ Nach dem Versorgen daheim lassen wir die Nacht nochmal Revue passieren, trinken Kaffee, und während die beiden anderen um 5.30 Uhr ein Bett suchen, bin ich noch so aufgewühlt von dem Erlebten, dass ich stattdessen die 700 Kilometer heimwärts ins Allgäu antrete. Mit der festen Absicht, mich mit dem Thema Wärmebildkamera künftig näher zu befassen!


Sascha Numßen Seit Mai 2011 PIRSCH-Chefredakteur. Geboren 1971 in Frankfurt (Hessen), Jagdschein seit 1994, Studium in München, Diplom-Forstwirt.
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