Home Praxis Wie viel Ricke braucht das Kitz?

Wie viel Ricke braucht das Kitz?

Im Frühherbst ist die Bindung zwischen Ricke und Kitz zwar nicht mehr sehr hoch, trotzdem ist sie Orientierungspunkt Nummer eins.


Wer kennt nicht die Situation: Auf der Strecke einer Drückjagd liegen vergleichsweise wenig Kitze und Schmalrehe, dafür aber umso mehr Ricken. Wie man beim Aufbrechen leicht feststellen kann, findet sich regelmäßig ein erheblicher Teil führender Ricken darunter, bei denen das Kitz ganz offensichtlich nicht miterlegt wurde. Es stellt sich die Frage, ob diese Problematik vor dem Hintergrund der gesetzlichen Verpflichtung des Jägers zu waid- einschließlich tierschutzgerechter Jagdausübung tragbar ist. Mittlerweile sollte jedem Jäger klar sein, dass beim Rotwild das Erlegen des Alttieres vor dem Kalb zu einer Katastrophe für das mutterlose Kalb führt, das entweder den Winter nicht überlebt oder aber ein Leben lang unterentwickelt bleibt.

Wie stellt sich die Situation aber nun beim Rehwild dar? Wildbiologisch gesehen ist das Reh als vergleichsweise alte Hirschart deutlich mehr durch instinktives, angeborenes Verhalten gekennzeichnet als etwa das lernfähige Rotwild. Die Entwicklung zur Selbstständigkeit verläuft beim Rehwild deutlich schneller als beim Rotwild.

Die Bindung zwischen Alttier und Kalb beim Rotwild ist extrem hoch.


Bereits im Juli oder August besteht die Äsung zu einem überwiegenden Teil aus Kräutern Himbeerblättern, sodass wir davon ausgehen können, dass die Muttermilch ab dem Frühherbst nicht mehr überlebensnotwendig ist, auch wenn das Kitz noch regelmäßig mit Muttermilch gesäugt wird. Wenn wir Rehwild in freier Wildbahn oder im Gehege beobachten, erkennen wir allerdings, dass das Rehkitz zu dieser Zeit sehr wohl noch der Führung durch die Ricke bedarf. Sein Verhalten zeigt noch eine deutliche Orientierung am Muttertier, es besteht ein enger Körperkontakt.

Diese sehr enge Mutterbindung wird erst zum Frühwinter hin, also bis November und Dezember, deutlich geringer. In der Zeit, in der sich das Rehwild langsam zu Sprüngen zusammenfindet, wird auch die Bindung an die Ricke erkennbar schwächer. Sie bleibt allerdings bis in das nächste Frühjahr hin bestehen. Oft beobachten wir ja im Mai unmittelbar nach Aufgang der Jagd, dass die Ricke jetzt ihr vorjähriges Kitz und nun Schmalreh recht vehement abschlägt. Dies ist übrigens eine der wenigen Fälle, in denen ein Schmalreh im Frühsommer auch für den weniger erfahrenen Jäger sicher ansprechbar ist.

"Klein vor Groß" und "Jung vor Alt"

Welche Schlüsse ziehen wir aus dieser Situation? Eine Konsequenz ist, dass es ab November oder Dezember für das Kitz durchaus und ohne offensichtliche Entwicklungsbeeinträchtigungen möglich ist, den Winter zu überleben. Dennoch besteht eine Bindung an die Mutter sehrwohl noch über den Winter hinweg. Wir können also davon ausgehen, dass eine versehentlich erlegte Ricke im Spätherbst und Winter für das Kitz nicht die katastrophalen Folgen hat, wie das beim Rotwild der Fall wäre.

Wir sollten diese Situation allerdings andererseits auch nicht leichtfertig provozieren oder gar absichtlich herbeiführen. Für den Jäger gilt nach wie vor die Grundregel „Klein vor Groß“ und „Jung vor Alt“ zu erlegen. Das bedeutet eben auch, nicht gleich das erste sich zeigende Stück zu beschießen, sondern kurz abzuwarten, ob und welche weiteren Stücke folgen. Erst wenn weitgehend klar ist, ob und wenn ja, welche weiteren Stücke folgen, ist das schwächste Stück zu erlegen.

Hier hat es mit der Dublette aus Ricke und Kitz geklappt.


Und wer dabei mit dem Ansprechen nicht so richtig hinterherkommt, der muss einfach den Finger gerade lassen. Auch der verbreiteten Unsitte, zunächst die Ricke zu erlegen, in der Hoffnung, dass das Kitz dann leichter erlegt werden kann, ist entschieden entgegenzutreten. Wer sich die Dublette in der richtigen Reihenfolge nicht zutraut, tut gut daran, sich zunächst auf das Kitz zu konzentrieren.

Abschließend noch ein weiterer wichtiger Aspekt, der nicht außer Acht bleiben sollte: Aus Tierschutzsicht stellt sich die Frage noch etwas komplexer dar. Auch wenn wir eine vergleichsweise normale körperliche Entwicklung eines Kitzes bei Verlust der Mutter im November oder Dezember beobachten, können wir nicht ausschließen, dass das psychische Wohlbefinden des Kitzes durch einen frühen Verlust der Ricke mehr oder weniger deutlich beeinträchtigt wird. Hierzu wären weiterführende Untersuchungen im Gehege mit exakten Untersuchungen zu Stressparametern erforderlich beziehungsweise wünschenswert.

In einer Zeit, in der mit der Begründung, Tierleid verhindern zu wollen, in einigen Bundesländern gesetzliche Einschränkungen der Jagd aufgrund deutlich schwächerer fachlicher Argumente erfolgen, erscheint es nicht angebracht, sich leichtfertig auf weiteren Feldern der öffentlichen Kritik auszusetzen. Die Frage der Waldverjüngung entscheidet sich nicht an einer erlegten oder nicht erlegten Ricke, sondern daran, ob wir es schaffen, in den Forstbetrieben intelligente waldbauliche und jagdliche Konzepte zu etablieren. Die Zukunft der Jagd hingegen, dazu braucht es keine prophetische Gabe, wird sich in den nächsten Jahren an der Frage des Umgangs mit unseren Wildtieren entscheiden. Dies sollten Jäger wie Forstleute nicht vergessen.