Zur Untermiete


Zufällig beobachtete ich im April 1995 in einem unserer ein Meter tiefen Keller­lichtschächte eine einheimische Erdkröte (Bufo bufo), die wahr­scheinlich bei ihrer nächtlichen Wanderung durch eines der 3,2 Zentimeter großen quad­ratischen Gitterrostabstände gefallen war. Zunächst wollte ich die Kröte aus ihrer misslichen Lage be­freien, entschied mich dann aber anders, nachdem die Erdkröte sich recht gut an die neue Um­gebung angepasst hatte.
Der im Halbschatten befindliche Lichtschacht, mit feuchter Erde angefüllt, erwies sich für sie als idealer Lebensraum. Ein Ahornsämling bot mit seinen großen Blättern genügend Versteckmöglichkeiten. In diesem natürlichen Terrarium fühlte sich die Kröte bald sehr wohl und wurde vertrauter.
Ihr eindeutiges Identifikationsmerkmal waren zwei größere weiße Flecken auf der warzigen Haut an der rechten Körperseite zwischen dem Unterkiefer und dem Körper. Erwachsen war die Erdkröte acht Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit. Das Gewicht pendelte zwischen 70 und 93 Gramm.
Nach den letzten Nachtfrösten im Frühjahr, wenn die wechsel­warmen Tiere aus ihrer Win­terstarre erwachen und ihre ­Winterquartiere verlassen, er­warteten wir all­jährlich unseren „Untermieter“. Die Kröte verließ – zwölf Jahre in Folge – ­ihren Erdbau zwischen dem ­2. Februar und dem 27. April. Eine Über­raschung für uns war ihr Er­scheinen am 23. März 2006: Sie befand sich in der Häutung, zahlreiche transparente Haut­fet­zen hingen von ihrem Körper.
Wenn sich der Januar wie der April anfühlt, dann gerät auch die „innere Uhr“ der Amphibien durcheinander. Im 13. Lebensjahr, ihrem letzten, erschien unser Gast witterungsbedingt schon am ­Neujahrstag. Einige Tage später verspeiste sie sogar einen größeren Regenwurm.
Als die Temperaturen sich 22 ­Tage später erneut der Frostgrenze ­näherten, suchte unsere Erdkröte nochmals für drei weitere Wochen ihr Winterlager auf. Die jährlichen Gewichtskontrollen nach der inaktiven ­Ruhephase sind aus der Tabelle ersichtlich.
Unsere Erdkröte war sehr ge­fräßig. Sie legte sich mit allem an, was sich bewegte und sie ­bewältigen konnte. Meist hockte sie regungslos in einer Ecke und ­lauerte Beutetieren auf. Durch plötzliches Zuschnappen fing sie Mauerasseln, Ohrwürmer, Laufkäfer, Schnurfüßler, Spinnen und Fliegen: „Von wegen schwerfällig.“ Bisweilen hüpfte sie auch den ­Insekten nach und schnappte sie mit großer Zielsicherheit. Manchmal vertilgte sie bis zu 20 ­Mauer­asseln oder zwei Regenwürmer pro Mahlzeit.
Einmal konnte ich sogar beobachten, wie sie blitzschnell eine Wespe von einem Ahornblatt holte. Gegen die Stiche dieser wehrhaften Insekten schien sie unempfindlich zu sein. In kühleren Perioden hungerte sie oft wochenlang, holte aber bei ­Temperaturanstieg das Nahrungsdefizit schnell wieder auf. Lautäußerungen oder Quaktöne vernahmen wir nicht.
Im Spätherbst, wenn die Temperatur nachts unter 4 °C fiel, grub sie sich selbst ihr Winterlager im Boden des Lichtschachts. Anfangs war ihr Kopf noch in der trockenen Erdhöhle sichtbar, doch sobald die Nachtfröste ­einsetzten, verschloss sie ihren Höhleneingang mit Erde. Dann verschlief sie regungslos und erstarrt viereinhalb Monate den Winter. Mit einigen Handvoll Laub bedeckte ich das Winterlager noch zusätzlich vor Austrocknung. Zwölfmal wiederholte sich Ende Oktober bis Anfang November dieser Vorgang.
Im Januar 2007 verließ die Kröte ihr Winterquartier zum letzten Mal. Ende Juni beobachtete ich einen fingernagelgroßen Abszess an ihrer Bauchhaut. Zugleich war ein deutlicher Vita­li­tätsverlust zu erkennen. Sie verweigerte die Nahrungsaufnahme, verlor weiter an Gewicht und ging schließlich am 18. Juli ein. Mit dem Ableben unserer Erdkröte verloren wir einen lang­jährigen Mitbewohner. Rechnet man ihr Anfangs­alter, beim Lichtschacht­sturz auf etwa drei Jahre, so erreichte sie in unserer Obhut ein Alter von 15 Jahren. Ihr kleiner ­Lebensraum, in dem sie sich sehr wohl fühlte, bewahrte sie vor Fressfeinden wie Iltis und Graureiher und manchen Gefahren menschlicher Zivili­sation.