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Ungeheuere 'Strahlkraft'

Medien von A (alle Zeitungen) bis Z (ZDF) berichteten Anfang Februar über die geplante 'Auswilderung einer Wisentherde in Wittgenstein' (Nordrhein-Westfalen). Auslöser dafür war eine hochkarätig besetzte internationale Expertentagung am 8. und 9. Februar, zu der die Vereine 'Taurus Naturentwicklung e. V.' und Large Herbivore Foundation (LHF) sowie die Wittgenstein Berleburg'sche Rentkammer, der Kreis Siegen-Wittgenstein und die Stadt Berleburg eingeladen hatten. Dabei sollte das Wisentprojekt im Rothaargebirge den politischen Entscheidungsträgern nahegebracht werden.

Geringer Genpool

Dies war innerhalb von drei Jahren bereits die 18. Infor­mationsveranstaltung zum Thema Wisent. Rund 130 Experten aus den Niederlanden, Polen, Lettland, Litauen, Schweden, Frankreich und Deutschland sowie geladene Gäste beleuchteten aus Europäischen Blickwinkel das Vorhaben „Auswilderung einer Wisent­herde in Wittgenstein“. Alle Experten ­hoben hervor, dass dieses Auswilderungsprojekt einer weltweit vom Aussterben ­bedrohten Tierart längst eine Europäische Dimension mit ungeheurer Strahlkraft an­genommen habe.
Bei aller Euphorie jedoch, so Wanda Olech-Piasecka von der Warsaw Agriculture University, Polen, müssten aber auch die möglichen Gefahren definiert werden. Anschließend müsse man versuchen, diese von dem Projekt fernzuhalten: So sei zum Beispiel der Genpool beim Wisent extrem klein (alle euro­päischen Wisente gehen auf eine Herde von zwölf Tieren zurück) beziehungsweise quasi gar nicht vorhanden. Somit sei der Inzuchtkoeffizient sehr hoch, was eine ungeheure Verantwortung bei der Auswahl und Zusammenstellung der Auswilderungsherde mit sich bringe.
Besondere Bedeutung kam den Ausführungen von Tommy Svensson vom Wildgehege Eriksberg, Südschweden, zu. Dort, in einem rund 1000 Hektar großen gezäunten Wildgatter unweit der Stadt Karlshamn leben 25 Wisente mit 450 Stück Rot- und 600 Stück Damwild, 175 Sauen sowie 100 Mufflons zusammen. Das Gatter ist im Sommer für Besucher geöffnet, die allerdings das Gehege nur befahren sowie an wenigen Beobachtungsplätzen aussteigen dürfen. Dort wird im Herbst und Frühwinter intensiv auf alles Schalenwild – außer Wisente – gejagt.

Virtueller Zaun

Slogan mit Bumerang-Effekt? Nicht alle sehen die „Weiten der Wälder“ in unserem zersiedelten Land noch gegeben. (Foto: W. Martin)


Erstmals wurde den Experten der „virtuelle Zaun“ der Firma Lácme, Frankreich, vorgestellt, der die Wisente davon abhalten soll, in den benachbarten Hochsauerlandkreis abzuwandern. Dieser Zaun, nach Expertenmeinung eigentlich überflüssig und die „Charmebremse“ des Projektes, diene, so Landrat Paul Breuer (Kreis Siegen-Wittgenstein), ohnehin nicht den Wisenten, sondern den benachbarten Hochsauerländern. Deren politische Entscheidungsträger und andere Lobbyisten stünden dem Projekt immer noch skeptisch bis ablehnend gegen­über. Diese Skepsis und Bedenken teile man, so Breuer weiter, zum Teil auch im ­Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (MUNLV) des Landes Nord­rhein-Westfalen in Düsseldorf, das sich im Wesentlichen auf eine Bewertung der Wildforschungsstelle zu der erfolgten Machbarkeitsstudie berufe.
Die wichtigsten Kritikpunkte und die Gegenargumente dazu:
  • „Das Gebiet ist zu klein“ – geplant sind rund 5000 Hektar für maximal 25 Tiere; polnische Experten nennen hingegen eine mögliche Höchstgrenze von 40 Tieren auf dieser Fläche.
  • „Keine Erfahrung mit dem virtuellen Zaun“ – dieser besitzt nach Auskunft der Befürworter längst Serienreife.
  • „Gefährdungspotenzial für Waldbesucher“ – Expertenmeinung: Wisente nicht gefährlicher als Sauen.
  • „Mögliche Absicht des Abschusses geschlechtsreifer Stiere“ – Abschuss derzeit nicht vorgesehen.
  • „Zu aufwändiges Mana­gement“ – nach Meinung eines Projektbeteiligten nicht aufwendiger als beim Rotwild.
Alle diese angeblich noch offenen Fragen, so der engagierte Landrat, habe man schon geklärt. Man werde, nachdem die Anträge gestellt, das Auswilde­rungs­gatter gebaut und die ersten Tiere eingebracht sind, „am Objekt studieren und klären.“ Die kleine Wisent­herde werde kommen, auch wenn das Heer der ­Bedenkenträger außerhalb Wittgensteins noch groß ist! Aus seiner Sicht gab er damit grünes Licht für das Projekt.
Am zweiten Tag gingen die Experten unter Leitung von Forstdirektor Johannes Röhl, Rentkammer Bad Berleburg, auf Exkursion ins geplante Wisent­gebiet, um insbesondere auch die Örtlichkeiten des vorgesehen Auswilderungsgatters von rund 80 Hektar Größe in Augenschein zu nehmen.
Röhl erläuterte, dass das Fürstliche Haus Sayn-Wittgenstein samt 30 weiterer Familien auch trotz der Wisente weiterhin vom Wald (zirka 13 000 Hektar Eigenbesitz) leben wollen und müssen. Auch das Schloss sei zu erhalten. „Wisente sind für uns kein Waldersatz – und auch die Jagd wird bei uns weiterhin ein Wirtschaftsfaktor bleiben!“ Er zeigte den Besuchern, dass die Freiflächen, verursacht durch Sturm Kyrill, zunächst nicht bepflanzt werden sollen, was den Wisenten möglicherweise ent­gegenkomme und betonte, dass man auch in Bezug auf die Freihaltung der zahlreichen, engen Wiesentäler mit dem Wisent als „Grasfresser“ rechne.
Dr. Michael Petrak, der erst am zweiten Tag zur Tagung stieß, erläuterte zum wiederholten Male die Bedenken, die in seiner eigenen Studie dokumentiert sind und ar­tikulierte die Befürchtung, dass die Wisente der Rotwildpopulation insofern schaden könnten, als Rotwildbrücken unterbrochen und die Leitwildart Rotwild nicht mehr von jenem großen Rotwildpool partizipieren könnte wie bisher. „Wir befinden uns hier im Zentrum des mitteleuropäischen Rotwildverbreitungsgebietes. Wenn die Wisente kommen, muss der Raum auf jeden Fall weiter für das Rotwild offen sein“, lautete seine Forderung. Weiterhin habe man zu wenig Erfahrung zum Umgang zwischen Wisenten und Waldbesuchern mit Hunden.

Unverständnis

Forstdirektor Johannes Röhl ­äußerte gegen­über der PIRSCH Enttäuschung und Un­verständnis über diese Studie, weil man, wenn man die darin enthaltenen Befürchtungen und Sicherheitsbedenken ernst nehmen würde, „als Konsequenz auch das gesamte Schwarz- und Rotwild eliminieren müsste.“
Auch die Rolle des Landesjagdverbandes kritisierte Röhl, da man hier nicht ehrlich und aufrichtig, offen oder öffentlich seine Meinung kundtue, sondern sich vage und verschwommen hinter Studien und Standpunkten anderer verstecke.
Sollten die Anträge von den zuständigen politischen Entscheidungsträgern in Düsseldorf noch dieses Jahr ge­nehmigt werden, könnte Ende 2008/Anfang 2009 mit der Auswilderung im Gewöhnungsgatter begonnen werden.