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Unendlich weites Land

Flach in den Hang geduckt, gilt es für die beiden Jäger, die günstige Chance zu nutzen.<br>(Foto: G. Seilmeier)




Der erste Jagdtag ist immer etwas aufregender als der zweite und die weiteren. Alles ist nur halb so schlimm, wenn die wichtigste Frage nach der Zuverlässigkeit von Waffe und Zieloptik (nach Flug und Transport) geklärt wurde. Deshalb trafen wir uns gleich morgens zu einem liegend aufgelegten Probeschuss, bevor sich unsere Gruppe von sechs Jägern und ­einer Jägerin mit ihren drei Jagdführern („Stalker“) nebst Jagdhelfern für den ganzen Tag auf die Pirsch machten. Verteilt auf drei Defender-Landrover, ausgestattet mit jeweils zusätzlich noch einem achträdrigen Argo-Geländefahrzeug auf einem Anhänger, ging es in alle Himmelsrichtungen hinauf auf die Hochebenen. Zuerst musste aber noch eine mehr oder weniger lange Wegstrecke zurückgelegt werden, bevor das speziellere Geländefahrzeug in Aktion trat. In Motocross-Manier ging es über Gräben, Bäche, durch Moor­löcher und dann wieder steil bergauf. Irgendwann war auch diese Geländetour zu Ende und es begann das eigentliche Stalking, das Pirschen.
Zu Fuß liefen wir nun stundenlang durch die in allen herbst­lichen Farben prangenden, mit den interessantesten Pflanzen ­bestückten Moor- und Heide­flächen, bergauf und bergrunter. Manchmal hätte man gerne noch eine Flinte dabei gehabt, wenn plötzlich Moorhühner flach wegpurrten. Es ging durch Bergbäche und Moorlöcher. Man kam ins Schnaufen und Schwitzen, genoss die Weite dieser schottischen Landschaft, nachdem der grau verhangene Himmel sich mal wieder kurz blau zeigte und man der Sonne einige wärmende Minuten entlocken konnte. Schottland ist ja bekannt für sein wechselhaftes Wetter. Aber wir waren gut ausgerüstet mit wetterschützender Bekleidung sowie unseren festen Bergschuhen und den Gamaschen. Alle unsere schottischen Jäger tragen sie.

Der Jagdführer und sein Helfer glasten inzwischen mit ihren Spektiven die baumlosen weiten Berghänge ab. Ein großes Rudel mit mehreren Hirschen („stags“) konnten sie unten in einem Talkessel ausmachen. Jetzt – Ende September und zum Brunft­beginn – hörten wir auch das Röhren, trotz des starken Windes. Wegen ungünstiger Witterung hat sich unser Stalker eine Strategie überlegt, die von uns dreien – Herbert, Günter und Gerhard – einiges an Geschicklichkeit, was „stalking“ anging, abverlangte. Wir mussten von unserer Höhe wieder runter und dies möglichst kriechend und manchmal auch robbend durch sumpfiges Moor, über Bergbäche und hartes Beerenkraut.

Jeder Buckel und Felsen wurde als Deckung genutzt in dieser baum- und strauch­losen Landschaft. Ein Hut am Kopf wäre hier fehl am Platz. Die schottischen Hochlandjäger tragen nicht umsonst die eng am Kopf anliegenden in sich gemusterten Schafwollkappen. Unser vo­rauspirschender Stalker gab uns ein Zeichen zum Warten, robbte selber bis zu einer Hangkante vor, erkundete die Lage und hat Stefan links und Herbert rechts neben sich ­herangewunken. Liegend wur­den die Rucksäcke für eine Unterlage an der Hangkante positioniert, beide Schützen richteten sich ein. Unten in einem weiten Talkessel äste und ruhte das große Rotwild­rudel mit den beiden Hirschen, die der Stalker für ­Stefan und Herbert ausgemacht hatte. Minuten wurden für die zwei jetzt in Anschlag Liegenden zur Ewigkeit.
Um keine Panik in das Rudel zu bekommen, war des Stalkers Vorstellung, dass beide Hirsche möglichst mit einem gleichzeitigen Schuss auf sein Kommando gestreckt werden sollten. Nur fast hörten sich die zwei Schüsse wie ein Schuss an, als beide Hirsche am Platz zusammenbrachen. Das Rudel sicherte in alle Richtungen ohne auszubrechen. Während ich noch mit der Kamera im Hintergrund beschäftigt war, dieses Bild festzuhalten (siehe vorherige Seite), forderte mich der Jagdführer auf, zügig zu ihm zu robben. Ganz rechts abseits des Rudels standen mehrere Hirsche, darunter ein Eissprossenzehner mit auffallendem grauen Haupt. Ein sehr alter Hirsch, den könnte ich schießen. Es sei aber schon sehr weit – gut geschätzt etwa 250 bis 280 Meter! Auf seinem Rucksack richtete ich meine Blaserbüchse ein und kam gerade noch zu Schuss, bevor diese Chance vertan gewesen wäre. Tiefblatt von der .308 Win. getroffen, zog er schwerfällig dem sich jetzt im Gegenhang wegtrollenden Rudel nach. Wir verfolgten den Hirsch durch ein steil abfallendes Bachbett und konnten ihn mit einem zweiten Schuss in einem Moorbett zur Strecke bringen.
Während des Versorgens der drei Geweihten holte der Jagdhelfer das Spezialgeländefahrzeug, um mittels einer Seilwinde das Wild zu bergen und auf die Ladefläche zu ziehen. Es war später Nachmittag, als wir in unserem gemütlichen und geschmackvoll neu eingerichteten Jagdhaus erschöpft, aber glücklich ankamen: Dort erfuhren wir, dass Ingrid und ihr Mann auch schon ihren ersten Hirsch strecken konnten. Als Herbert bei völliger Dunkelheit eintraf, er musste die weiteste Strecke zurücklegen, war sein Bruch am Hut nicht zu übersehen. Die Freude über den ersten erfolgreichen Jagdtag ist groß!

Nur Udo setzte als Gentleman einen Jagdtag aus, nachdem das Gepäck seiner Frau sich bei Ankunft in Edinburg nicht an Bord des Flugzeugs befand und er sich tagsüber darum kümmerte. Dafür klappte es bei ihm auch gleich am nächsten Tag mit seinem ersten Hirsch, und bei allen anderen mit ihrem zweiten.


Nachdem die meisten der „im Preis enthaltenen“ Abschüsse im professionell eingerichteten Kühlhaus hingen, stand eine kleine Zugreise durch das schottische Hochland anderntags auf dem Programm. Vorbei an Seen wie Fjorden und unzähligen Schafweiden, war der Zielort Fort William eine nette und willkommene Abwechselung. Auch der Besuch einer Whisky-Destillerie durfte nicht fehlen.

Aber immer mehr erfasste nun die Gruppe das Jagdfieber nach einem ­zusätzlichen dritten Hirsch. So nutzten ­alle PIRSCH-Leser erfolgreich die dazu noch verbliebenen restlichen Tage. Das günstige Wetter hat auch einen wesentlichen Teil dazu beigetragen.
Der letzte Tag galt dem Verpacken unserer Trophäen mit Klebebändern, luftgepolsterten Plastikhüllen und Gartenschlauchabschnitten, bevor es am nächsten Tag im Kleinbus zum Flughafen nach Edinburg ging. Die Fliegenfischer unter den ­Jägern konnten während der Fahrt entlang so berühmter Flüsse wie River Spey oder Tay gedanklich in die andere Fakultät abgleiten und bei viel Fantasie die Landung eines Mordslachses miterleben (nächstes Mal nehme ich die Angelausrüstung mit!).

Die sehr gelungene PIRSCH-Leserreise mit dem Liechtensteiner Jagdreiseunternehmen Globus ist vor allem der ­guten und professionellen Orga­nisation vor Ort durch Peter Swales zu verdanken, der sich neben der Jagd um unsere ­Besichtigungstouren bemühte und auch von schottischer Küche viel verstand.