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Stadtjäger in München: Schießen, Schützen, Schickeria

Rasso Walch © Markus Werner
Rasso Walch
am
Sonntag, 08.03.2020 - 15:26
Viele Wildtiere fühlen sich in der Stadt wohl. © jamiehall - stock.adobe.com
Viele Wildtiere fühlen sich in der Stadt wohl.

Rehe, Füchse, Gänse, Enten, Kaninchen, Tauben, … – die Liste der Wild­arten, die in der bayerischen Landeshauptstadt vorkommen, ist lang, und so manche Niederwildjagd wäre froh über ähnlich gute Besätze. Doch wo­rüber man sich auf dem Land freuen würde, führt in einer der größten und teuersten Städte Deutschlands spätestens dann zu Problemen, wenn Mensch und Tier aufeinandertreffen. Um diese Konfliktsituationen aus dem Weg zu räumen oder im besten Fall gar nicht erst entstehen zu lassen, hat die Stadt München mehrere Stadtjäger beauftragt. Ihre Aufgabe ist die Jagd im befriedeten Bezirk – egal ob mit der Waffe im Wohngebiet, dem Falken im Stadtpark oder der Falle im Kindergarten. Dabei geht es aber nicht ausschließlich darum, die „Störenfriede“ zu „beseitigen“. Der Schutz der Wildtiere vor dem Menschen steht dabei mindestens genauso im Vordergrund.

Harris Hawk „Gomez“ soll Krähen davon abhalten, auf dem Trainingsplatz des FC Bayern München zu Schaden zu gehen. Denn hier wird es sehr schnell sehr teuer. © Rasso Walch

Harris Hawk „Gomez“ soll Krähen davon abhalten, auf dem Trainingsplatz des FC Bayern München zu Schaden zu gehen. Denn hier wird es sehr schnell sehr teuer.

Stadtjagd als Teil des Lebensunterhals

Wolfgang Schreyer und Uwe König sind zwei der Stadtjäger. Beide bestreiten mit dieser Aufgabe mittlerweile seit vielen Jahren einen Teil ihres Lebensunterhalts. Schreyer, der sich besonders auf die Beizjagd bzw. die Vergrämung mit dem Beizvogel spezialisiert hat, meint: „Vor 20 Jahren hätte ich nicht geglaubt, einmal von der Stadtjagd zu leben.“ Dies sagt er vor allem in Hinblick darauf, dass er sich zu Beginn nicht hatte vorstellen können, wie selbstverständlich die Leute bereit sind, für seine Dienstleistung als Jäger zu zahlen. 

Die eventuellen Vorbehalte gegen der Jagd schienen verflogen, sobald Fuchs, Kaninchen oder Taube auf dem eigenen Grundstück zu Schaden gingen oder diesem zu nahe kamen. Heute bedienen sowohl Schreyer als auch König einen großen Kundenstamm. Voraussetzung für die Jagd dort ist neben der Ausnahmegenehmigung durch die Untere Jagdbehörde stets die Bewilligung durch den Grundstückseigentümer. Das heißt im Zweifelsfall: Wenn der zum Problem gewordene Fuchs einen Garten weiter beim Nachbarn sitzt, der den Abschuss nicht genehmigt hat, ist Reineke im Glück. Ausnahme ist natürlich, wenn Gefahr im Verzug besteht.

Als Wolfgang Schreyer angefangen hat, die Möwen im Klärwerk zu vergrämen, waren es rund 3.000 Stück, heute sind es noch etwa 100. © Rasso Walch

Als Wolfgang Schreyer angefangen hat, die Möwen im Klärwerk zu vergrämen, waren es rund 3.000 Stück, heute sind es noch etwa 100.

Die Endlose Suche nach geeignetem Kugelfang

Bevor die erfahrenen Stadtjäger allerdings zur Tat schreiten, gilt das Gleiche wie für den „normalen“ Jäger in seinem Revier – es wird ausgekundschaftet: Wo sind Einstände bzw. Baue, wo sind Nahrungsquellen, wo sind Wechsel und am allerwichtigsten – wo sind die notwendige Sicherheit und ist Kugelfang überall gegeben? Dass mit überall tatsächlich überall gemeint ist, wird vor allem deutlich, wenn man Uwe König begleitet, der sich neben der Fallenjagd auf die Jagd mit der Büchse in der Stadt spezialisiert hat.

Auf einer der vielen von ihm betreuten Sportanlagen, wo besonders Fuchs und Kaninchen ihr Unwesen treiben, wird während einer morgendlichen Kontrollfahrt klar: Er kennt hier jeden Winkel. Dort ein stark frequentierter Fußweg hinter einer Hecke, da eine betonierte Bodenplatte und wieder woanders ein Zaun – alles kein geeigneter Kugelfang. Dass auf das umzäunte Sportgelände zusätzlich immer wieder Menschen kommen, die dort eigentlich nicht sein sollten, erschwert die Sache zusätzlich.

Ein zweites Paar Augen oder auch moderne Technik wie Wärmebildgeräte helfen da enorm. Doch noch viel wichtiger ist unendliche Geduld und absolute Selbstdisziplin. Denn nichts wäre fataler als ein unkontrolliert umherfliegendes Geschoss in so dicht besiedeltem Raum. Hier darf nichts schiefgehen oder dem Zufall überlassen werden.

Im Schatten der Öffentlichkeit

Dass Selbstdisziplin nicht nur für die Schussabgabe gilt, sondern auch im Zusammenhang mit Anfeindungen durch Tierschützer oder Jagdgegner, ist für die beiden selbstverständlich. Dabei ist es vor allem Schreyer, der den ständigen Blicken der Öffentlichkeit ausgesetzt ist, denn mit seinen Greifvögeln geht er weit weniger in der Masse unter. 80 % der Menschen, so schätzt er, seien ihm gegenüber positiv eingestellt, 10 % würden sich gar nicht für ihn interessieren, aber die verbleibenden 10 % stören sich an dem, was er tut. Angefangen von verachtenden Blicken bis hin zu Beleidigungen ist da alles dabei. Dass jemand handgreiflich wurde, hat der Falk­ner bisher glücklicherweise nicht erlebt. Zweimal sah er sich allerdings in all den Jahren gezwungen, selbst die Polizei zu rufen. Jagdgegner hatten ihn massiv bedrängt. Unter anderem deshalb ziehen es die beiden Stadtjäger vor, mit Begleitung unterwegs zu sein. Das hat zudem Vorteile, wenn wegen ihnen die Polizei gerufen wird – auch wenn man bei den Ordnungshütern natürlich bekannt ist. Für beide gilt im Zweifelsfall weghören und zusammenpacken. König, der regelmäßig mit der Waffe – vorzugsweise einem Repetierer im Kaliber .17 HMR mit Schalldämpfer – unterwegs ist, legt viel Wert darauf, erst gar nicht bei seiner Arbeit gesehen zu werden. Er nutzt daher vor allem die Dämmerung. Schüsse würden durch das allgemeine Grundrauschen der Stadt und durch die Tatsache, dass keiner mit seiner Anwesenheit rechnet, untergehen.

Das wohl der Tiere stets im Blick

Mit seinem Weimaraner sucht Uwe König regelmäßig Tiefgaragen nach Mardern ab. Schließlich sind die kleinen Räuber dafür bekannt, Autos heftig zuzusetzen.

Dass den beiden Jägern „ihre“ Wildtiere sehr am Herzen liegen, fällt besonders dann auf, wenn es um das Thema Wildkrankheiten geht. Spätestens dann wird auch klar, dass es, wie schon beschrieben, nicht um die reine Bekämpfung von Schädlingen geht. Schreyer und König haben stets den Blick dafür, wie sich die Besätze entwickeln, an welcher Ecke des „Reviers“ Räude und Staupe beim Fuchs auf dem Vormarsch sind oder Myxomatose beim Kaninchen.

Wenn keine Gefahr für Menschen oder andere Tiere besteht und wenn sich die Schäden in Grenzen halten bzw. anderweitig vermeiden lassen, versuchen die Stadtjäger auch unter den erschwerten ­Bedingungen, die dieses besondere Revier zu bieten hat, eine gewisse Art von Hege zu betreiben. Das fängt schon damit an, die Bevölkerung entsprechend aufzuklären. Denn etwas ist beiden während ihrer langjährigen Tätigkeit aufgefallen: Das Problem ist in aller Regel der Mensch und unüberlegtes Handeln seinerseits. Wolfgang Schreyer bringt es auf den Punkt, wenn er ­erzählt, wie eine Frau ihren Hund immer wieder in eine Hecke mit Fasanen laufen ließ, weil das ja nicht nur dem Vierbeiner, sondern auch den ­Vögeln Spaß machen würde: „Den Städtern fehlt vollkommen der Bezug zur ­Realität, wenn es um ­unsere heimischen Wildtiere geht.“

Streckenliste für die befriedeten Bezirke der Stadt München

Streckenliste für die befriedeten Bezirke der Stadt München.