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Spargelanbau in Deutschland: Auswirkungen auf Wild und Jagd

Crossmedia-Redakteur der dlv-Jagdmedien, verantwortet das Magazin "Bergjagd". Hat Forstwissenschaften an der TU München und Wildtierökologie an der BOKU Wien studiert. © Robin Sandfort
Martin Weber
am
Sonntag, 18.04.2021 - 07:32
Spargelfeld-Luftbild © imago/Jochen Tack

Wäre Spargel ein Mensch, wäre er definitiv Mitglied der Geissens aus der RTL-Reality-TV-Sendung: nicht wegzudenken aus der deutschen Gesellschaft, sofort beleidigt, wenn er nicht genügend Aufmerksamkeit bekommt, und protzig im Umgang mit Ressourcen, vor allem mit Platz. Denn wie sein Pendant aus Fleisch und Blut, der mehrere große Villen und Grundstücke besitzt, schätzt es das Stangengemüse sehr, viel Freiraum um sich herum zu haben. Es kommt schließlich nicht von ungefähr, dass Spargel trotz seiner Exklusivität und jahreszeitlich abhängigen Verfügbarkeit die Gemüseart mit der größten Anbaufläche – immerhin 23.000 Hektar im Jahr 2019 – in Deutschland ist. Damit verweist er locker Möhren und Karotten mit 13.700 und Speisezwiebeln mit 12.000 Hektar auf die Plätze 2 und 3. Zieht man jedoch die Erntemenge mit in Betracht, zeigt sich die vergleichsweise schlechte Flächenbilanz von Spargel: 133.000 Tonnen Stangengemüse stehen da 791.000 Tonnen Möhren/ Karotten und 521.000 Tonnen Speisezwiebeln gegenüber.

Spargelanbau – tote Flächen im Jagdrevier

Die Produktion von Spargel ist aufwendig, kosten- und arbeitsintensiv. Erst nach drei Jahren kann der Bauer zum ersten Mal ernten. Nach zehn bis spätestens nach 15 Jahren sind die Pflanzen übernutzt. Das Feld muss dann gerodet werden, die Fläche fällt die kommenden zehn Jahre für den Spargelanbau aus. Neben den charakteristischen Erdhaufen, den Spargeldämmen, sind die Planen auf den Feldern maßgebendes Indiz dafür, dass Spargel angebaut wird. Die Beplanung der Spargeldämme hat dabei für den Landwirt vor allem zwei Vorteile: Er schiebt den Erntezeitpunkt nach vorne, was mehr Umsatz bedeutet. Denn der letzte Stichtag ist seit jeher am Johannistag, also der 24. Juni.

Spargelfeld-Herbst-Bluehflaeche © Steffen Meyer

Im Herbst leuchten die Spargelfelder goldgelb. Deren Ränder hat Steffen Meyer in der Regel mit einem bunten Blühstreifen versehen. Das freut Mensch und Tier.

„Zeit ist beim Spargel Geld, da die Preise gerade zu Beginn der Saison am höchsten sind. Und das ist katastrophal fürs Wild“, berichtet Maria Grepmair aus dem oberbayerischen Schrobenhausen. Die Jägerin und Kreisgruppenvorsitzende der dortigen Jägervereinigung im Bayerischen Jagdverband bejagt ein 950 Hektar großes Revier, in dem etwa 20 Hektar Spargel wachsen. „Bei uns geht das ja noch. Unser Nachbarrevier besteht zu 30 Prozent aus Spargelflächen.“ Besonders gravierend wirkt sich dabei Marias Eindruck nach die ständige Folierung aus. Bereits Mitte Oktober wird das Spargelkraut – also die nach der Ernte ausgetriebenen Spargelpflanzen – wieder gemulcht und die Spargeldämme mit Folie zugedeckt. Im Februar kommen noch Folientunnel hinzu, die für einen Treibhauseffekt sorgen. Manche Landwirte beheizen angeblich sogar ihre hofnahen Felder ab Anfang Januar mittels Warmwasser, das durch Rohre geleitet wird. Folglich verbleiben Wildtieren nur etwa 18 Wochen, um die Flächen als Lebensraum zu nutzen. Und währenddessen werden jene Grepmair zufolge auch noch alle 14 Tage bearbeitet. Mechanisch und mit Chemie. „Im Prinzip geht keine Sau, kein Hase und kein Reh auf diese Flächen. Sie sind quasi tot.“

Nach Auskunft des Geschäftsführers des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer e.V. Simon Schumacher liegt der Grund für das Abdecken der Felder bereits im Herbst an zwei Dingen: „Bei schweren Böden kommen die Landwirte nur in einen sehr begrenzten Zeitraum auf ihre Felder. Das Risiko für zu nasse Felder ist einfach zu groß. Deshalb machen sie es bereits im Herbst.“ Der andere Grund liege laut Schumacher in der Größe mancher Betriebe. Aufgrund der vielen Arbeit fangen sie früh mit dem Abdecken an.

Spargelanbau – Kombi aus Hege und Ertrag

Auf den ersten Blick eine Einöde unter Plastik. Ein zweiter genauerer Blick offenbart aber die kleinen Geheimnisse der Spargelfelder.

Hunderte Kilometer weiter nördlich sitzt Steffen Meyer gerade im Auto, als sein Handy klingelt. Der 30-Jährige aus dem niedersächsichen Böhme ist selbst Spargelbauer und Jäger – und sieht Spargelfelder alles andere als wildfeindlich. Die Genossenschaftsjagd, in der auch seine 300 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche liegen, hat er selbst gepachtet. Im Gegensatz zu den Flächen seiner Berufskollegen aus dem Süden sehen seine Felder aber anders aus. Auf eine Doppelreihe Spargeldämme folgt bei ihm eine drei Meter breite Schneise, bis sich das nächste Damm-Paar anschließt. Das erhöht die Zahl an Pflanzen je Hektar und verringert die Laufmeter an benötigter Plane und Mitarbeiterkraft. „Ich erhöhe damit die Wirtschaftlichkeit der Felder – und habe gleichzeitig die Möglichkeit, dem Wild und der Tierwelt generell was Gutes zu tun“, erzählt er am Telefon.

Steffen-Meyer-Spargelpflanzen © Steffen Meyer

Nach der Ernte pflanzt der Landwirt und Jäger Steffen Meyer zwischen seine Spargelreihen eine Ölrettich-Senfmischung als Zwischenfrucht. Das tut dem Boden gut, schützt seine Spargelpflanzen und dient dem Wild als einstandsnahe Äsung.

Auch in der Lüneburger Heide am Rande der Aller benötigt der Spargel die Folie zum Wachsen. Auch dort liegen die Felder etwa von Mitte Januar (Tunnel) bis zum Ende der Stichzeit des weißen Spargels unter Plane. Sind aber alle Folien weg, entwickelt sich laut Steffen Meyer ein interessanter Wildlebensraum. „Hat das Spargelkraut eine gewisse Höhe, finden das Rehe und Damwild als Einstand total klasse“, sagt Meyer. Auch Fasane, Rebhühner und Hasen nehmen die Deckung gerne an. Sauen ebenfalls. „Das Schwarzwild sucht diese Flächen extrem gerne auf, sie suchen dort Engerlinge. Für uns Spargelbauern sind sie also sogar Nützlinge.“ Bis auf die kritischen vier Wochen des Austriebs des Oberflächengrüns (Hasen und Rehe verbeißen sie gerne) sieht Meyer den Spargel als relativ wildschadenirrelevant. „Besonders spannend sind die Flächen vor allem auch für Fasane, wenn das Kraut runtergefroren ist. Sie nutzen dann diese ‚Krautkegel‘ sehr gerne als Deckung“, erzählt Meyer weiter. Dass dies so vergleichsweise wildverträglich abläuft, scheint jedoch vor allem an der 3-Meter-Doppelreihen-Bewirtschaftung Meyers zu liegen.

Ist das Spargelstechen abgeschlossen, sät er die Zwischenräume mit einer Ölrettich-Senfmischung als Zwischenfrucht ein. Die Ränder der Felder zieren Blühstreifen aus Phacelia, Rotklee und Sonnenblumen. „Man muss ehrlicherweise sagen, dass wir auch das hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen machen. Die Zwischenfrucht lockt viele nützliche Insekten an, die mir die Blattläuse im Spargel kurz halten. Im Sommer brummt es in den Feldern richtig.“ Außerdem wird der Humusgehalt erhöht, es schützt vor Erosion und Meyer kann durch die Beschattung des Bodens auf jegliche Art von Herbiziden verzichten. „Dass das Wild auch noch profitiert, ist natürlich eine schöne Sache.“

Was Meyer jedoch auch betont: „Wer Spargel konventionell anbaut, hat immer einen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Auf Herbizide können wir dank Zwischenfrüchte und Düngung von Kalkstickstoff unterhalb der Pflanze (Kalkstickstoff ist während der Zersetzung sehr scharf und zerstört damit das Unkraut unterhalb der Spargelpflanze, Anm. d. Red.) zwar verzichten. Dennoch müssen auch wir auf Schadinsekten und Pilze ein Auge haben, das aber mit Maß und nach Bedarf.“

Fazit: Wie in vielen anderen Bereichen scheint es also auch beim Spargelanbau ein gewisses Nord-Süd-Gefälle und ausgeprägte regionale Unterschiede zu geben. Nicht von der Hand zu weisen bleibt der teils enorme Aufwand an Pflanzenschutzmitteln. Außerdem sind große Flächen für mehrere Monate im Jahr durch die Folien quasi versiegelt und damit für das Wild unbesiedelbar. Und zu guter Letzt ist die Flächeneffizienz von Spargel schlecht und der Aufwand des Anbaus sehr groß – Stichwort Nachhaltigkeit.

Wie auch bei anderen Landbewirtschaftungsformen wie Intensiv-Grünland, Mais- oder Weizenanbau scheint es im Hinblick auf die ökologischen Auswirkungen dennoch vor allem darauf anzukommen, was der heimischen Fauna drumherum an Äsungs- und Deckungsflächen geboten wird. Denn nichts schadet der Natur so sehr wie Eintönigkeit.


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