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So klappt's mit dem Keiler

Alte Keiler sind ein wichtiger Bestandteil der Schwarzwildpopulation.


Über das spätere Schicksal eines Keilers wird zum Teil bereits vor seiner Geburt entschieden. Denn die körperliche Verfassung seiner Elterntiere beeinflusst, welchen Start er ins Leben nimmt. Von wesentlicher Bedeutung ist dabei, wie hoch das Geburtsgewicht ist und ob er zum rechten Zeitpunkt gefrischt worden ist. Sind beide Dinge gewährleistet, ist die Chance hoch, dass es zu einer günstigen körperlichen Entwicklung kommt. Aber auch die Erfahrungen der Eltern sind von Bedeutung. Denn wie es auf dem Weg zum Keiler weitergeht, ist auch vom Verhalten seiner Mutter abhängig. Durch soziales Lernen werden Verhaltensweisen der Mutterbache aber auch anderer Bachen des Verbandes übernommen. Verhält sich das Muttertier also zu arglos, kann das Leben eines Frischlingskeilers bereits früh beendet sein.

In einer österreichischen Verhaltensstudie wurde deutlich, dass der Aufzuchterfolg von „schüchternen Bachen“ unter günstigen Nahrungsbedingungen höher ist als der von aggressiven Tieren (Vetter et al. 2014). Der Grund wird darin gesehen, dass diese Tiere vorsichtiger sind und deshalb mehr Nachkommen durchbringen können. Da auch Feindvermeidungsstrategien tradiert (vererbt) werden, haben Söhne von erfahrenen Bachen später die größeren Aussichten einmal alt zu werden.

Der hohe Jagddruck auf Schwarzwild führt dazu, dass Keiler das Reifealter oft nicht erreichen und bereits als Überläufer erlegt werden. © CS

Der hohe Jagddruck auf Schwarzwild führt dazu, dass Keiler das Reifealter oft nicht erreichen und bereits als Überläufer erlegt werden.

Abwanderung in neue Reviere

Die erste große Herausforderung beginnt für den Überläuferkeiler mit dem Verlassen seiner Rotte. Durch die adulten Bachen wird nun aktiv Druck ausgeübt und auf diese Weise die sogenannte Dispersion (Abwanderung) herbeigeführt. Die Tiere sind zu diesem Zeitpunkt das erste Mal auf sich allein gestellt. Allein oder in kleinen Überläufertrupps ziehen sie nun ihre Fährte. Anders als in den Rotten, existieren hier auch Gruppen aus nicht verwandten Stücken. Diese Verbindungen sind jedoch längst nicht so stabil und langlebig wie weiblich dominierte Rottenverbände (Podgorski et al. 2014). Wie groß die Abwanderungsdistanzen sind, differiert stark. Untersuchungen haben gezeigt, dass die durchschnittliche Abwanderungsdistanz bei Überläuferkeilern acht Kilometer betrug (Stubbe 1987). Es sind jedoch auch Entfernungen von 30 oder 40 Kilometer bekannt. Die größte dokumentierte Abwanderungsdistanz betrug über 250 Kilometer!

Auf der Suche nach einem neuen Territorium lauern viele Gefahren auf die Abwanderer. Etwa 60 Prozent aller jungen Keiler haben bis zum Überläuferalter ihr Leben gelassen. Wie groß die Gefahr ist, auf der Suche nach einem neuen Streifgebiet erlegt zu werden, ist – wie bereits erwähnt – auch eine Frage des Charakters. Erst in der jüngeren Vergangenheit hat man verschiedene Persönlichkeitstypen bei Wildtieren der gleichen Art festgestellt.

Wie unterschiedlich Schweine sein können, ist mir selber bereits als junger Mensch aufgefallen. Rollte ein Ball beim Spielen in den Schweinestall, gab es Ferkel, die sich vor Angst in die Ecken drückten. Andere dagegen trauten sich schnell an diesen ungewöhnlichen Gegenstand heran und nahmen ihn in Augenschein. Auf das Revier übertragen, so wurde mir erst später klar, musste es konservative Typen geben, die in der Nähe des Geburtsortes bleiben und den Vorteil genießen, die örtlichen Verhältnisse gut zu kennen und sich dem Jäger zu entziehen.

Kämpfe zwischen gleichaltrigen Tieren zeigen früh, wer der Dominantere ist. Solche Erfahrungen sind für die Zukunft wichtig.


Eroberertypen dagegen haben die Chance, einen neuen Lebensraum zu besetzen. Gleichzeitig tragen sie dafür aber eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, erlegt zu werden. Für die Spezies Schwarzwild ist die „Produktion“ verschiedener Typen sehr wichtig. Auf diese Weise können alle Lebensräume schnell und erfolgreich besiedelt und alle Ressourcen umfänglich ausgenutzt werden. Da unsere Kulturlandschaft sehr dynamisch ist, stehen sozusagen für jede Situation und jeden Lebensraum die richtigen Typen zur Verfügung. Das ist ein wesentlicher Grund, warum unser Schwarzwild so erfolgreich ist.

Mittelalte Keiler müssen sich behaupten

Hat ein Keiler das Überläuferalter überstanden, muss er schnell an Gewicht zulegen. Neben der Nahrungsverfügbarkeit im Lebensraum ist dies wiederum auch eine Typfrage. In einer Untersuchung der Universität Hohenheim erforschte man die Gewichtszunahme. Dabei zeigte sich, dass ein besonders vorwüchsiges Exemplar bereits nach 351 Tagen ein Gewicht von 90 Kilogramm erreichte, während ein anderes fast ein halbes Jahr länger dazu benötigte. Gewicht ist im Leben eines Keilers sehr entscheidend, denn Fortpflanzungserfolg von Keilern ist stark von den Körperdimensionen abhängig. Schwere Stücke haben einen signifikant höheren Erfolg, sich gegen ihre Widersacher durchzusetzen und zum Beschlag zu kommen.

Sich gegen Widersacher durchsetzen können ist wichtig für einen Keiler, um alt zu werden.

Starke Hauptschweine wichtig für Population

Wirklich alt und zum Hauptschwein geworden ist ein Keiler im Alter von acht Jahren. Der Anteil dieser alten Bassen in der Population ist außerordentlich gering. Diese Stücke haben aufgrund ihrer Körpermasse und Erfahrung in Auseinandersetzungen mit anderen Keilern während der Rausche oft einen deutlichen Vorteil. Nicht selten können sie sich aufgrund ihrer körperlichen Überlegenheit sogar kampflos durchsetzen. Im letzten Lebensdrittel geht das Gewicht der Stücke allerdings wieder zurück. Die Jahre haben ihre Spuren hinterlassen.

Die Zähne sind stark herabgeschliffen oder ausgefallen, die Gewehre infolge vieler Auseinandersetzungen nicht selten abgebrochen. Mit dem körperlichen Verfall sinkt auch ihr Reproduktionserfolg. Die Lebenserwartung liegt bei Gefangenschaftshaltungen bei 21 Jahren. Die natürliche Lebenserwartung beträgt dagegen lediglich etwa zwölf Jahre, die jedoch nur von einem Bruchteil der Population erreicht wird. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt bei uns gerade mal ein Jahr. Der hohe Jagddruck auf Schwarzwild führt bei den Keilern dazu, dass sie das Reifealter oft nicht erreichen. Ging man in der ehemaligen DDR davon aus, dass auf 1000 Stück Schwarzwild ein Medaillenkeiler zu erreichen sei, werden heute 2000 bis 4000 erlegte Schweine „benötigt“, um einen Keiler der Medaillenklasse zu erlegen.

Die Möglichkeit Keiler alt werden zu lassen, besteht auch schon auf kleinen Flächen. © Erich Marek

Die Möglichkeit Keiler alt werden zu lassen, besteht auch schon auf kleinen Flächen.

Riesige Streifgebiete

Dass die Erlegung eines Medaillenkeilers ohnehin reine Illusion sei, weil diese Tiere riesige Streifgebiete hätten und unstet übers Land ziehen, ist allerdings durch den Einsatz moderner Technik widerlegt. Auch wenn die Zahl an Keilern in den bislang durchgeführten Raumnutzungsstudien nicht sehr hoch war, widerlegen sie das Bild unendlich großer Streifgebiete.

So wurden in einer polnischen Untersuchung mehrere Keiler gefangen und mit GPS-Ortungssendern ausgestattet. Dabei ergab sich eine Streifgebietsgröße von 620 Hektar. Das bedeutet, dass 90 Prozent aller Ortungen innerhalb dieser Fläche gemacht worden sind. Gleichzeitig wurde jedoch auch herausgefunden, dass Keiler immer wieder Ausflüge unternahmen. Sie können innerhalb weniger Stunden erhebliche Strecken überwinden. Besonders in der Rausche stellten die polnischen Wissenschaftler Exkursionen von 10 bis 20 Kilometer fest (Podgorsky mündliche Mitteilung 2017). Die Tiere kehrten jedoch in der Regel schnell wieder in die heimischen Gefilde zurück. In welchem Maß Keiler Exkursion durchführen, scheint dabei sehr individuell zu sein. Während einige regelmäßig Ausflüge unternehmen, verlassen andere offenbar kaum oder nie das heimische Revier.

Für die Jagd leiten sich daraus wesentliche Konsequenzen ab. Die Möglichkeit, Keiler alt werden zu lassen, besteht demnach selbst auf kleinen Flächen. Schon der Zusammenschluss von zwei oder drei Gemeinschaftlichen Jagdbezirken kann erfolgversprechend sein. Da praktisch jedes Revier über mittelalte Keiler verfügt, können Erfolge schon nach kurzer Zeit verbucht werden. Es gibt keine andere Hochwildart, bei der dies in einer vergleichbaren Zeit realisierbar ist. Wichtig ist dabei jedoch, dass der Jagddruck auf alle anderen Stücke unvermindert hoch bleiben muss. 
Dr. Konstantin Börner

dlv Sonderheft Keiler © dlv Jagdmedien

Sonderheft Keiler

Das zweite Sonderheft aus der Reihe Schwarzwild hat die Überschrift „Hege und Jagd: Den Bassen auf der Fährte“. Hier erfährt der Leser auf 132 Seiten, wie die alten Keiler leben und welche Gewohnheiten sie haben. Erfahrene Praktiker verraten, was im Jagdrevier zu tun ist, um reife Keiler im Revier anzutreffen.
Vorgestellt werden die wichtigsten Keilerkaliber und Laborierungen inklusive Schwarzwildbüchsen und Nachtsichtoptiken. Wie wird das Keilergewaff gezogen, was ist beim Abschwarten zu beachten und wie entsteht ein Trägerpräparat? Die beiliegende Fährtenschablone hilft die Trittsiegel des Schwarzwildes zu deuten und die Gewichtsklasse richtig zu schätzen.

Sonderheft KEILER mit Fährtenschablone: Info und Bestellmöglichkeit


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