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So geht's nicht!

Jeder Fallenjäger weiß, dass diese schmerzhaften Fehlfänge unter dem schweren Falltor beim Gruppenfang nicht zu ­verhindern sind.
(Foto: G. Wandel)

Jeder Fallenjäger weiß, dass diese schmerzhaften Fehlfänge unter dem schweren Falltor beim Gruppenfang nicht zu ­verhindern sind. (Foto: G. Wandel)


Vor nicht allzu langer Zeit wurde mir ein großer Saufang in einem ost­euro­päischen Nachbarland gezeigt, in dem ganze Schwarzwildrotten erschossen werden. Mit pani­scher Todes­angst versuchen die starken Sauen, die be­rindeten Rundholzpalisaden (Kugelfang) von 2,5 Meter Höhe zu überspringen. Einzelne Sauen schaffen den Sprung über die hohen Pa­lisaden, doch um das zu ­verhindern, wurden unten ­schmale, breite Fenster in die Rundhölzer geschnitten und mit Gitterstäben verschlossen. An diesen Löchern erleiden die Sauen beim Fluchtversuch schwere Verletzungen an Wurfscheibe und Kiefer.
Den Jägern vor Ort habe ich gesagt, dass in Deutschland der Tierschutz im Grund­gesetz verankert und für ­unsere Jagd das Rechtsgut 'Schutz des Tieres' von ­hoher kultureller und politischer Bedeutung ist.
Der Saufang ist im Bundesjagdgesetz § 19 Sachliche Verbote (Abs. 1 Nr. 7) geregelt: 'Verboten ist...Saufänge, Fang- oder Fallgruben ohne Genehmigung der zuständigen Behörde anzulegen'. Die Konsequenz: Mit der Zulassung von Sau- ­beziehungsweise Frischlingsfängen tragen die Jagd­behörden somit auch die Verantwortung.
Der Frischlingsfang wurde 1979 in der DDR entwickelt. Heute genehmigen den Fang in einer Frischlingsfalle die Bundesländer Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Meck­len­burg-Vorpommern. Zum Sau­fang unterscheidet sich die Falle nur in der Größe und der begrenzten Einlaufhöhe von zirka 25 Zentimetern unter dem Falltor. Das weit offene Falltor wird in der langen Ankirrphase langsam abgelassen, bis am Fangabend oder in der Nacht nur noch die Frischlinge in den niedrigen, breiten Schlitz einschlüpfen können. Die Größe von 200x200 Zentimeter reicht zum Fang von Frischlingsrotten bis zu 30 Stück aus. Größere Frischlingsrotten kann man komplett nur mit der Handauslösung fangen. Mit der richtigen Fallen­stellung werden von einzelnen Bachen immer alle Frischlinge gefangen. Beispiel: Von drei groben Bachen und zwei geringen Bachen wurden alle 27 Frischlinge gefangen.
Nun entsteht ein unlösbares Prob­lem, das in der Jagdliteratur oder in Fanganleitungen verschwiegen wird: Werden alle Frischlinge der Bache ­gefangen, so wird diese in wenigen Tagen wieder rauschig, beschlagen und frischt zum ­zweiten Mal! In der Monografie 'Schwarzwild' von Lutz Briedermann (Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin, 1990) ist das zweimalige Frischen der Bachen, nach dem Verlust ­aller säugenden Frischlinge, zwar nachzulesen – aber leider nicht im Zusammenhang mit dem Frischlingsfang!
Der Rausch- oder Brunstzyklus von 21 Tagen ist bei Wild- und Hausschweinen gleich. Die Brunst tritt etwa fünf bis neun Tage nach dem Absetzen der Ferkel (oder Fang der Frischlinge) erneut auf und wiederholt sich bei erfolglosem Decken nach ­jeweils 21 Tagen. Der Landwirt im Schweinezuchtbetrieb nutzt dies: Er setzt frühzeitig und gleichzeitig ­alle Ferkel ab, um eine erneute Befruchtung ­anzuregen. Gleiches erreicht der Jäger mit dem Frischlingsfang im Jagdbetrieb!
Um den erneuten Beschlag zu verhindern, solle man zwei männliche Frischlinge nach der Fangnacht wieder freilassen – so der zweifelhafte Rat eines namhaften Wildbiologen. Aber: Wie sollen die kleinen Frischlinge, mit ihrer noch schlechten Nasenleistung und nach dieser langen Trennung, den Anschluss zur säugenden Bache finden? ­Jeder erfahrene Schwarzwild­jäger weiß, dass schon nach minutenlanger Trennung die Bache nicht auf die Nach­zügler wartet. Vor allen die Schweißhundeführer kennen dieses Elend, die verlorenen Frischlinge haben keine Überlebenschance. Freigelassene, markierte, männliche Frischlinge haben den Anschluss zur säugenden Bache nicht gefunden. Selbst wenn die zwei männlichen Frischlinge ihre Bache (Zitzentreue ab 3. ­Lebenswoche) wiederfinden, könnten sie die erneute Rausche anderer Bachen, die ihre Frischlinge im Fang verloren haben, nicht ­verhindern!

Mehr statt weniger

Frischlingsfang (Rück­seite, offenes Abfanggitter) mit hochgeklappten Brettschieber. Das große, breit Falltor (hinten) wird in der langen Ankirrphase langsam ­abgelassen, bis in der Fangnacht nur noch die Frischlinge in den breiten, niedrigen Schlitz von zirka 25 Zentimeter Höhe einschlüpfen ­können.
(Foto: G. Wandel)

Frischlingsfang (Rück­seite, offenes Abfanggitter) mit hochgeklappten Brettschieber. Das große, breit Falltor (hinten) wird in der langen Ankirrphase langsam ­abgelassen, bis in der Fangnacht nur noch die Frischlinge in den breiten, niedrigen Schlitz


Der Frischlingsfang ist ­folglich kontraproduktiv für die Reduzierung der Schwarzwildpopulationen! Die nur scheinbaren Fangerfolge im Vergleich zur Jagdstrecke sind ernüchternd. Beim Einsatz von Frischlingsfallen in Rheinland-Pfalz im Jagdjahr 2003/04 kamen 26 Fallen zum Einsatz (19 in der staatlichen Regiejagd, 7 in nicht staat­lichen Jagdbezirken). 302 Frischlinge wurden gefangen. Im gleichen Jagdjahr wurden aber 66 000 Sauen erlegt. Die Fangstrecke beträgt also nur 0,5 Prozent davon! Auch die neuesten Fangzahlen aus den Regiejagden dieses Bundeslandes in den Jagdjahren 2005 bis 2008 liegen im ­Vergleich zur Jagdstrecke im Durchschnitt unter zehn ­Prozent. Auf eine Petition gegen den Frischlingsfang hin erklärt das zuständige Minis­terium: '…dass die Anzahl der gefangenen Frisch­lin­ge, die in gemeinschaftlichen Jagdbezirken gefangen wurden, nicht bekannt sei' (Aktenzeichen: E 1815/07 II. 8.2). Folglich genehmigen die Jagdbehörden Fallen, ohne deren Fangergebnisse und damit die ­Probleme zu kennen.
Aufschlussreich ist ein kurzer ­Exkurs in die Geschichte: Im seinerzeitigen 'Wild­­­-
for­schungs­­gebiet Wriezen' (DDR) wurde der Frischlingsfang entwickelt und in den 80er Jahren eingesetzt. In jener Zeit lag im Wildforschungsgebiet der Anteil der Frischlinge an der Gesamtstrecke gerade mal bei 50 Prozent (Soll = 75 %). Mit solch einem schlechten Anteil von Frischlingen an der Gesamtstrecke kann man einen Schwarzwildbestand nicht reduzieren – da hilft auch kein Frischlingsfang! In den Jagdgesellschaften der damaligen DDR lagen die Fangzahlen (mit ­wenigen Ausnahmen, z. B. Kreis Cottbus mit 20 %/1989), bei 1,5 bis sieben Prozent der Strecke. Angeblich wurden jährlich 10 000 Sauen gefangen und getötet. 'Die Aufwärtsentwicklung der Schwarzwildpopulation wurde aber dadurch ins­gesamt nicht gebremst' (Ch. Stubbe, 2008).