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Sieben Tipps zum Ansprechen von Rehböcken

Könnten Sie erkennen, wie alt dieser Bock ist?


Rehwild ist die häufigste Schalenwildart in Deutschland. Und obwohl es in nahezu allen Revieren vertreten ist und wir Jäger ihm regelmäßig begegnen, gehen die Meinungen über die Möglichkeiten und die Notwendigkeit einer Altersansprache weit auseinander. Anhand welcher Kriterien sich zumindest Rehböcke gut ansprechen lassen, zeigen folgende Tipps.

1. Haupt

Die Form des Hauptes verändert sich bis zum dritten Jahr. Dann ist das körperliche Wachstum abgeschlossen, der Unterkiefer voll gestreckt. Während junge Böcke ein eher schmales Haupt haben, wird es mit zunehmendem Alter breiter, kantiger und wirkt damit kürzer.

2. Gesichtsausdruck

Auch der Gesichtsausdruck kann zu Erkenntnissen verhelfen. Vom kindlichen, jugendlichen und neugierigen Gesichtsausdruck ändert er sich zu einem ernsten, männlichen bis zu einem argwöhnischen und mürrischen.

3. Maske

Die Gesichtsfärbung oder Maske kann Hinweise geben. Jedoch ist die Häufigkeit von Ausnahmen so groß, dass man von einer Regel kaum mehr sprechen kann. Relativ zuverlässig ist die durchweg dunkle Gesichtsfärbung beim Jährling. Der deutlich abgegrenzte weiße Muffelfleck erscheint meist erst ab dem zweiten Jahr, jedoch kann ihn auch der körperlich sehr starke Jährling aufweisen.

Bei mittelalten Böcken erscheint das Gesicht oft bunt, hat es doch meist den Muffelfleck, der sich über den Nasenrücken ausdehnt, aber auch dunkle Partien in der Maske. Nicht selten zieht sich der helle Muffelfleck so weit nach oben, dass das Gesicht schon „altersgrau“ erscheint. Also nicht täuschen lassen! Richtig alte Böcke haben meist viel graues Haar auf dem Haupt.

Es umrahmt nicht nur die Lichter („Brille“), sondern zieht sich weit nach unten und gibt dem Gesicht eine fahle, verwaschen wirkende, stumpfe Nuance. Eine kontrastreiche, scharf gezeichnete Gesichtsmaske spricht eher für einen Bock mittleren Alters, eine grau verwaschene mehr für den alten.

4. Rahmen

Die korrekte Altersansprache von Rehböcken gestaltet sich teilweise schwierig.


Ein weitaus aussagekräftigerer Hinweis auf das Alter liefert uns die Figur, der körperliche Rahmen. Wenn mehrere Stücke gleichzeitig zu sehen sind, fällt der Vergleich einfacher. Der junge Rehbock wirkt schlank, hochläufig mit gerader Rücken- und Bauchlinie. Hinterläufe, Rücken, Bauch und Vorderläufe bilden nahezu ein Quadrat.

Das seitlich spitz zulaufende Haupt wird fast auf senkrechtem, dünn und lang wirkendem Träger getragen. Mit zunehmendem Alter wird die Figur des Bockes rechteckiger, gedrungener und wirkt durch stärkere Muskelpartien an Träger, Blatt und Keulen kraftvoller.

Der muskulöse Träger erscheint kürzer, da er am Vorschlag deutlich breiter ist. Ein alter reifer Bock zeigt einen deutlich abgesetzten Widerrist, Senkrücken, ein nach vorn verlagertes Gewicht und eine hängende Bauchlinie.

5. Haarwechsel und Verfügen

Der Zeitpunkt für das Verfegen und den Haarwechsel vollzieht sich je nach Alter und individueller Verfassung zu unterschiedlichen Zeiten und eignet sich entsprechend mäßig zur Altersansprache. In unseren Breiten ist der 1. April aufgrund jahrelanger Beobachtung für mich eine Schallgrenze.

Wer jetzt noch Bast trägt, ist ein Jährling, zweijährig, deutlich überaltert oder krank. Viele gut entwickelte Jährlinge sind meist schon komplett rot, bevor sie fegen. Gehörnaufbau und Haarwechsel kosten viel Energie. Konstitutionell gute Individuen, egal welchen Alters, besitzen mehr Energie für diese Stoffwechselprozesse und sind folglich entsprechend früher dran.

6. Verhalten

Wie alt mag dieser Rehbock sein?


In den unterschiedlichen Altersklassen zeigen Rehböcke ein recht auffälliges Verhalten. Junge Böcke sind unbekümmert, spielerisch, häufig tagaktiv und neugierig. Sie suchen noch die Nähe von Mutter und Geschwistern und treten bei vollem Licht aus. Starke Jährlinge und zweijährige zeigen zudem Fluchtverhalten, wenn ältere Böcke zugegen sind. In unklaren Situationen schrecken sie leicht.

Mit zunehmendem Alter ändert sich das: Sie verlassen ihren Einstand oft erst nach Einbruch der Dunkelheit und ziehen morgens schon beim ersten Licht wieder ein. Sie sichern in ihrem Territorium nicht allzu häufig, da es ihnen niemand mehr streitig machen wird. Wenn sie auf die Äsung ziehen, verweilen sie lange unter dem Trauf, bevor sie dann schnell die Mitte der Äsungsfläche zu erreichen versuchen, um auch dort anhaltend zu sichern.

Bei geringstem Verdacht springen sie meist ohne zu schrecken oder zu verhoffen ab. Selbst in der Blattzeit gelingt ihre Überlistung meist nur in unmittelbarer Nähe ihres Einstands. Überalterte Böcke hingegen verlieren diese Anspannung wieder. Sie bewegen sich meist in einem sehr kleinen Territorium und erscheinen zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten, da sie aufgrund schlechter Zähne länger zur Äsungsaufnahme brauchen.

7. Gehörn

Das Gehörn eines Bockes eignet sich zur Altersansprache relativ schlecht. Der einjährige Durchschnittsspießer hat in der Regel keine richtigen Rosen, sondern max. Verdickungen oder einzelne Perlen an der Basis. Ganz anders sieht das bei stark entwickelten Jährlingen aus. Sie können knuffige Gabeln oder Sechsergehörne mit gut entwickelten Rosen tragen. Sie werden häufig nicht als Jüngling erkannt und als unbekannte Kapitalböcke erlegt!

Wer vorher genau hinschaut, erkennt die engen, parallel stehenden hohen Rosenstöcke und ein klares Missverhältnis zwischen Gehörn und Habitus. Im Zweifelsfall sollte ein unbekannter starker Rehbock am Leben bleiben, denn meist ist es ein kapitaler Jährling oder zugereister Zweijähriger. Bei alten, reifen Böcken sitzen die Rosen dicht und meist seitlich verrutscht am Schädel mit viel Platz zwischen den Stangen.

Dachrosen sind hingegen kein signifikantes Ansprechmerkmal für einen alten Bock – auch gute Jährlinge können Dachrosen haben! Mit zunehmendem Alter vergrößert sich der Rosenstockdurchmesser. Gleichzeitig verlagert sich die Gehörnmasse meistens mit zunehmendem Alter von oben nach unten, vorhandene Enden werden kürzer oder verschwinden ganz.


Wildmeister Matthias Meyer Als Berufsjäger leitet er den Jagdbetrieb in der Fürst zu Oettingen-Spielberg’schen Forstverwaltung in Oettingen/ Bayern. Er ist außerdem erfahrener Schweißhundeführer und langjähriger PIRSCH-Autor.
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