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Selektion - gewusst wie!


Bei der Rehwildbewirtschaftung ist es in erster Linie wichtig, den Bestand ausreichend zu regulieren und eine ausgewogene Populationsstruktur herzustellen. Wird eine gute Bestandsqualität angestrebt, müssen beim Abschuss auch qualitative Kriterien berücksichtigt werden. In vielen Jagdgebieten wird dies aber nur bei der Bejagung der ­Böcke umgesetzt, wobei oft einzig die Stärke des – biologisch ausgedrückt – Geweihs das entscheidende Abschusskriterium ist. Wie wenig zielführend dies ist, zeigen Erfahrungen aus manchen Jagdgebieten, in denen seit Jahrzehnten alle Böcke mit schwachem Geweih bevorzugt erlegt werden, ohne dass es zur deutlichen Verbesserung der Durchschnitts-Trophäenqualität geführt hätte.

Richtige­ ­Selektionkriterien

In Wirklichkeit ist für die Bestandsqualität der einseitig orientierte Selektionsabschuss der Böcke nicht so wichtig wie eine möglichst frühzeitige Entnahme aller schwachen Jungrehe ohne Rücksicht auf ihr Geschlecht und die selektive Erlegung von schlecht konditionierten Geißen. Die entscheidenden Beurteilungs­kriterien sind dabei der Körperbau in Relation zum Alter und die Kondition.

Wichtig: die starke Mutter

Welche Bedeutung die gute Kondition der Muttergeißen hat und wie wichtig die gute Ernährung für die körperliche Entwicklung und die Geweihbildung der jungen Böcke ist, zeigt sehr anschaulich ein Beispiel aus unseren Versuchseinrichtungen in Nitra (Tschechien). Dort wurde im Laufe eines gezielten Versuchs das Wachstum von männlichen Nachkommen von konditionell guten Rehgeißen mit den Körper­gewichten von 23 bis 32 Kilo­gramm und von einem in­folge mangelnder Ernährung während des ersten Lebensjahrs sehr schwachen Rehbock ermittelt. Dieser Rehbock hatte zu Beginn dieses Versuchs als Zweijähriger ein Lebendgewicht von nur 18,8 Kilogramm und sein Geweih wog nur 103 Gramm (Gewicht der Abwurfstangen). Die von ihm abstammenden Söhne, die alle innerhalb einer kurzen Zeitspanne im Juni eines Jahres von unterschiedlichen Muttergeißen gesetzt wurden, erreichten bei guter Ernährung im ersten Lebensjahr im Monat Juni des Folgejahrs das durchschnittliche Körpergewicht von 22,3 Kilogramm (Minimum 21,0 kg; Maximum 23,6 kg). Die Masse ihrer Jährlingsgeweihe lag im Durchschnitt bei 96 Gramm (Mininimum 74 g; Maximum 118 g). Im Juni des nächsten Jahres betrug das durchschnittliche Körpergewicht dieser zweijährigen Böcke 27,8 Kilogramm (Minimum 26,1 kg; Maximum 29,0 kg). So übertraf ihr Körpergewicht das ihres Vaters im gleichen Alter um fast die Hälfte (+ 47,5 %). Das Durchschnitts-Geweihgewicht dieser Böcke im zweiten Lebensjahr lag bei 200 Gramm (Minimum 146 g; Maximum 313 g). Besonders interessant: Das stärkste Geweih hatte mehr als das doppelte Gewicht als das geringste Geweih, obwohl die Körpergewichte der Böcke mit der Differenz zwischen dem Maximal- und Minimalwert von nur etwa elf Prozent nicht sehr unterschiedlich waren. Darüber hinaus hatte jener Rehbock, der als Zweijähriger das stärkste Geweih mit 313 Gramm trug, in seinem ersten Lebensjahr ein vergleichsweise schwaches Jährlingsgeweih.

Füttern zwingt zur Selektion

Ein gründlicher Selektionsabschuss ist für den Aufbau eines qualitativ guten Rehbestandes besonders wichtig, wenn die Rehe im Winter gefüttert werden. In den natürlichen oder naturnahen Lebensräumen stellt der saisonal bedingte Äsungsengpass im Winter für das Rehwild nicht nur einen wesentlichen bestandsregulierenden Faktor dar, sondern führt auch zu einer qualitativen Auslese in der Rehpopulation. In unserer Kulturlandschaft sind hingegen die natürlichen Regulationsmechanismen nicht so wirksam. Wird das Nahrungsangebot im Winter mit Futtervorlagen zusätzlich verbessert, hat dies zur Folge, dass auch die körperlich schwachen Rehe die Winterperiode überstehen. Insbesondere bei den Kitzen wird dadurch die natürliche Selektion aufgehoben. Deshalb macht die Winterfütterung, die bei richtiger Durchführung insbesondere im Hinblick auf die Vermeidung der Wildschäden oft eine sinnvolle Maßnahme darstellt, eine konsequente Bejagung dringend erforderlich. Es gilt der Grundsatz: Füttern zu wollen, bedeutet dementsprechend jagen zu müssen. Dies sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht.

Herbstzeit = Selektionszeit

Der erforderliche Selektionsabschuss sollte in erster Linie in der Jugendklasse durch­geführt werden, wobei der ­konsequenten Bejagung der Kitze im Herbst eine besonders wichtige Rolle zukommt. Manche Jäger neigen jedoch vor allem beim Abschuss der Bockkitze im Herbst zu einer gewissen Zurückhaltung mit der Begründung, dass diese im folgenden Frühjahr als Jährlinge leichter beurteilt und somit besser qualitativ selektiert werden können. Selbstverständlich hat die Erlegung eines Jährlings im Mai meist einen höheren Erlebniswert als der herbstliche Kitzabschuss. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass die rechtzeitige Entnahme aller schwachen Kitze aus dem Bestand ohne Rücksicht auf das Geschlecht (und womöglich gleich auch die ihrer Muttergeißen) im Spätsommer und im Herbst der Grundstein einer qualitäts­orientierten Rehwildhege ist. Die Frühjahrsbejagung sollte aus hegerischer Sicht den Reh­abschuss vom vorherigen Herbst nur mehr als ein ­zusätzliches Regulativ ergänzen, wobei die Jährlings­böcke nicht ausschließlich anhand des Geweihs, sondern nach ihrem gesamten Erscheinungsbild beurteilt werden müssen. In Wirklichkeit ist das Geweih im Jährlingsalter kein zuverlässiger Indikator für die Trophäenstärke in den folgenden Jahren. Denn diese ist unter anderem auch von den Lebensbedingungen und dem sozialen Status des jeweiligen Rehbockes abhängig. Oft werden gerade die besonders gut entwickelten jungen Böcke (potenzielle Zukunftsböcke) von den territorialen Altböcken stark unterdrückt, falls sie bei einer hohen Rehbestandsdichte im Lebensraum nicht ausweichen können.
In der Jagdpraxis werden oft auch der Verlauf und das Stadium des Haarwechsels im Frühjahr als wichtiges Beurteilungskriterium für die Durchführung des Se­lektionsabschusses heran­gezogen. Wie unsere Untersuchungen an gleichaltrigen Rehen zeigten, bestehen beim zeitlichen Ablauf des Haarwechsels bestimmte ­individuelle Unterschiede. Doch im Allgemeinen ist ein wesentlich verzögerter Haarwechsel bei den einjährigen Rehen (im Herbst auch bei Kitzen) tatsächlich ein deutlicher Hinweis auf schwächere Kondition und meist gleichzeitig auch einen schlechteren Gesundheitszustand (z. B. erhöhter Parasitenbefall). Dazu aber eine Anmerkung: ­tragende sowie führende Geißen verfärben auch bei bester Kondition und gutem Gesundheits­zustand meist ­wesentlich später als andere Rehe.

Etwa keine Frage der Vererbung?

Zusammenfassend sagt das Gewicht eines Bocks nichts über die Kondition der Nachkommen aus: Die Söhne eines schwachen Rehbocks (Körpergewicht im zweiten Lebensjahr 16,5 kg) und starken Rehgeißen (Körpergewicht 20 bis 32 kg) übertrafen bei optimaler Ernährung ihren Vater bei den Körpergewichten bereits im ersten Lebensjahr; im zweiten erreichten sie fast die doppelten Geweihgewichte wie der Vater. Auch für die Geweihbildung sind der körperliche Zustand und die Kondition der Böcke von großer Be­deutung.
Das Geweih der Jährlinge hat keinen wesentlichen Aussagewert über die Geweih­stärke im späteren Alter. ­Einige Jährlinge mit schwächerem Geweih wurden ­im folgenden Jahr besser als ­andere Böcke, die im Jährlingsalter ein stärkeres ­Geweih hatten. Die entscheidenden Selektionskriterien beim qualitätsorientierten Abschuss sollten daher die körperliche Konstitution und Kondition sein.