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Schussbilder richtig lesen

(Illustration: Pirsch)

Vor dem Auftakt der Jagdsaison steht – ungeachtet regelmäßiger Schießstandbesuche – das Überprüfen der Jagdwaffen auf deren reibungslose Funktion und Treffpunktlage. Hilfreich kann die aus der jetzt vorliegenden Ausgabe – zum Kopieren – heraustrennbare PIRSCH-Zentimeter-Prüfscheibe sein. Wer mit größeren Trefferabweichun­gen rechnet, sollte eine Scheibenkopie von vorn herein auf eine helle Pappe größeren Formats kleben. Denn sollen Waffe, Optik und Ladung kontrolliert werden, so müssen die Schusslöcher gut zu sehen sein, auch wenn beim Anschießen einer neuen Ladung oder beim Kontrollschießen nach einem Sturz nichts im Scheibenzentrum zu sehen ist.
Groß und übersichtlich muss die Scheibe sein, aber nicht mit Schnickschnack überladen, weil man sonst nicht einmal auf 100 Meter die Schusslöcher sieht und mit Hereinholen der Scheibe oder Hinlaufen zu viel Zeit vertrödelt. Diese Zeit, die ja auf vielen Ständen bares Geld kostet, ist besser in Munition zum Üben angelegt.
Ein häufiger, negativer Umstand gerade auf dem Schießstand: Der Jäger erscheint wie gehetzt am Stand, wartet unruhig auf den freien Platz, quetscht von der nervös zusammengefingerten Auflage einen einzigen Schuss hinaus und will beim Schusslochsuchen keine Zeugen haben. Dann ein verlegenes „passt schon“, obwohl das Loch bei „7; 10 Uhr“ liegt. Schnell abgeklebt, damit die Untat nicht noch ruchbar wird, und nichts wie weg. Es ist ja keine Schande, wenn jemand in selbst auferlegter Hast nur eine „7“ zustande bringt. Doch anstatt sich verschämt davonzustehlen, sollte man sich mit weiteren Schüssen überzeugen, wohin die Büchse wirklich schießt und warum.

Fünfer Gruppen

Das gilt natürlich auch bei einer besten „10“. Denn der einzige Schuss kann der schlechteste, aber auch der beste der Gruppe sein. Maßgeblich ist die Gruppenschusszahl: Drei Schuss sind das Minimum, was für eine ernsthafte Kontrolle getan werden kann. Aber selbst das kann zu wenig sein, wie man beim „Lesen“ großer Gruppen feststellt. Fünfer oder Siebener Gruppen dürfen (eingedenk der Standardabweichungen als statistische Fak­toren) als Mindestgröße angesehen werden.
„Kühlpause zwischen den Schüssen“ oder „Fertigschießen der Gruppe“ ist eine Frage der Jagdpraxis und der Waffentechnik. Waffen mit verlöteten Läufen sind anfällig gegen Warmschießen, ebenso viele Einsteckläufe. Gerade mehrläufige Waffen sind daher immer auf Warm­schussverhalten zu prüfen. Ansonsten darf man sich nicht wundern, wenn der zweite warme, schnelle Schuss nicht richtig sitzt.
Schlecht gebettete Repetier- und Selbstladebüchsen (das sind alle, bei denen Holz auf Laufmetall trifft) können sich durch Verziehen aufgrund wechselnder Feuchtigkeit ähnlich verhalten, sodass, bedingt durch Verspannung, weitere Schüsse jeweils „irgendwo anders hin“ treffen.
Keiner darf durch Ausreden der Pflicht aus dem Weg gehen, sich von der Leistung seiner Waffe mit der einen ganz bestimmten Ladung zu überzeugen. „Ich gebe auf der Jagd immer nur einen Schuss ab“ oder „Mein Büchsenmacher hat die Waffe eingeschossen“ sind fatale Gründe für programmierte Dilemmas, abgesehen davon, dass die Beschränkung auf nur einen Schuss in der Praxis gar nicht zu halten ist: Was passiert, wenn aus tierschützerischen Gründen weiter geschossen werden muss und die Fangschüsse danebengehen?

Selber überprüfen

Auch wenn der Büchsenmacher die Waffe justiert hat, muss der Besitzer sich damit die eigene Treffpunktlage „erschießen“. Zu groß sind die individuellen Einflüsse, wenn mehrere Leute ­eine Waffe benutzen. Auf meinen Seminaren beweise ich das von Mal zu Mal. Zum Erstaunen der Teilnehmer kann es Unterschiede bis zu 20 ­Zentimetern auf 100 Meter geben, was sich auf Großdistanz überproportional vergrößert.
Unterschiede in der Treffpunktlage können selbst beim gleichen Schützen auftreten, wenn dieser einmal mit Brille und einmal ohne schießt. Eine reine Fernsichtbrille statt einer Gleitsichtbrille schließt eine wesentliche Fehlerquelle aus: Denn wer schaut schon – zumal in Eile – exaktdurch die annähernd gleiche Fernschliffstelle? Da sie ganz am oberen Rand liegt, kann es zumindest beim Bergauf-Schuss vorkommen – oder wenn die Brille auf der Nase nach unten gerutscht ist –, dass plötzlich zwei Absehen und Zielbilder zu sehen sind: eins durch die Brille, eins mit freiem Auge.
Wir Jäger dürfen uns nicht einbilden, mit Absolvieren der Jägerprüfung bereits alle waffen- und schützentechnischen Finessen intus zu haben. Das gilt auch für die Aneignung von besten Schießtechniken, was mit den Grundpositionen „sitzend am Anschießtisch aufgelegt“ und „stehend freihändig“ beginnt und mit zusätzlichen Mitteln (Dreibein, angestrichen usw.) noch nicht endet.

Auf den Grundpositionen aufbauen

Nur wer Grundpositionen beherrscht, kann sie auch ausbauen. Weshalb ich es für ein Unding halte, dass Jagd­eleven lediglich auf das prüfungsrelevante „stehend angestrichen“ gedrillt sind und vom Sitzend-Schießen mit Auflegen unter Vorder- und Hinterschaft keine blasse Ahnung haben.
Die Abzugkontrolle macht den Löwenanteil ­guten Schießens aus, und gerade sie wird nur mit dem sauberen Direkt­abzug in der Grundposition „sitzend aufgelegt“ erlernt. Teilnehmer unserer einführenden Schießseminare sind immer wieder erstaunt, dass sie bei entsprechender Anleitung mit Direktabzug und ungestochen viel besser schießen als je zuvor. Auf den in Aufbauseminaren getesteten großen Distanzen verstärkt sich dieser Effekt noch. Stecherschützen finden sich kaum unter den Besten, das sind dann eher alt­gediente, die sich nicht mehr umstellen wollen.

Kugel und Flintenlaufgeschoss

Auch die Trefferauswertung auf den Laufenden Überläufer und das „Lesen“ des Schussbildes dienen der Verbesserung des eigenen Schießverhaltens. Schussbilder lesen muss man auch bei Schrot und Flintenlaufgeschossen. Zu wenig Jäger sind sich im Klaren darüber, wo die Garbe sitzt. Dazu kommt, dass eine kombinierte Waffe entweder für offene Visierung oder über das Zielfernrohr garniert werden kann – beides ist selbst in Form eines Kompromisses nicht möglich.
Das An- oder Einschießen kann auch mal im Revier geschehen; aber bitte stets „Mit Umsicht und Kugelfang“, wie der Verfasser seinen entsprechenden Beitrag in PIRSCH 6/ 2005, Seite 48 bis 51, nannte.