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Schon Nachstellen ist Wilderei

(Illustration: Der Deutsche Jäger, Februar 1900)


Tathandlungen des § 292 Abs. 1 Satz 1 StGB sind das Nachstellen, Fangen, Erlegen oder, nicht und, das sich oder einem Dritten Zueignen von Wild. Doch zunächst einmal zu den recht eindeutigen Punkten Fangen und Erlegen.
  • Fangen ist das Sichbemächtigen eines lebenden Tieres. Verwirklicht zum Beispiel, wenn in wohltätiger Absicht verletztes Wild nur vorübergehend aufgenommen wird, um es gesund zu pflegen. Solche Maßnahmen müssen dem Jagdausübungsberechtigten überlassen werden, es sei denn, man handele im Rahmen des § 36 Abs. 2 Nr. 2 BJagdG, der eine Ermächtigung an den Landesgesetz­geber enthält, Regelungen zur Aufnahme, Pflege und Aufzucht verletzten und kranken Wildes in der Weise zu treffen, dass die Aufzucht gestattet ist. Die Zueignung ist nicht erforderlich, ist diese doch als eigene Tatvariante neben das Fangen gestellt. Zur Tatbestandsmäßigkeit genügt, wenn der Täter das gefangene Wild nur vorübergehend in seinem Gewahrsam behalten will, um es hernach wieder freizulassen.
    Grundsätzlich: Der Wilderer wird gemäß § 958 Abs. 2 BGB nicht Eigentümer der gewilderten Sache. Sich oder einem Dritten zueignen i. S. d. § 292 StGB bedeutet daher nur die Anmaßung von Eigenbesitz (i.S.v. § 872 BGB).
  • Erlegen heißt Töten, egal, ob waidmännisch oder nicht waidmännisch. Auch hier ist Zueignungsabsicht nicht vo­rausgesetzt.
    Strittig ist, ob die gute Absicht des Täters, krankgeschossenes oder schwer krankes Wild von seinen Qualen zu erlösen, die Strafbarkeit ausschließt. Weil am Verludern schwer geschädigten Wildes weder unter dem Aspekt des Aneignungsrechts noch unter dem Aspekt der Wildökologie irgendein vernünftiges rechtsgutsbe­zogenes Interesse bestehen kann, fehlt es in diesen Fällen ab ovo an jeder Strafwürdigkeit. Am einfachsten wird dies durch die restriktive Inter­pretation zur Geltung gebracht, dass unter 'Erlegen' nur die Tötung nicht bereits vorher todgeweihten Wildes verstanden wird. Es kommt dann weder auf die kom­plizierte Interpretation der außerordentlich verwickelten Regelungen über die Wild­folge noch auf eine Rechtfertigung durch rechtfertigenden Notstand oder mutmaßliche Einwilligung an.
    Rechtspflichten von am fraglichen Ort nicht Jagd­­­aus­übungsberechtigten zur Verhinderung vermeidbarer Schmerzen des Wildes bestehen nur insoweit, als eine Reihe von Landesjagdgesetzen jedermann, der Gewahrsam an lebendem oder verendetem Wild erlangt hat, so nicht zuletzt den Kraftfahrer, der Wild angefahren hat, dazu verpflichtet, dies dem Jagdausübungsberechtigten, der nächsten Gemeindeverwaltung oder der Polizeidienststelle anzuzeigen und ihnen das Wild abzuliefern. In Rheinland Pfalz (§ 2 Abs. 2 LJG) ist diese Pflicht gar jedermann auferlegt, der bewegungsunfähiges Schalenwild in der Natur wahrnimmt.
    Die Rechtsprechung tut sich schwer, denjenigen, der über die Grenzen der schriftlich vereinbarten Wildfolge hi­naus Wild in Notfallsitua­tionen von seinen Qualen erlöst, von dem Tatbestand der Jagdwilderei auszu­nehmen. Insbesondere den Kraftfahrer verweist es auf seine bußgeldbewehrte Anzeige- und Ablieferungspflicht nach den Landesjagdgesetzen. Das Erlegen, auch wenn damit ausschließlich die Absicht verfolgt wird, dem Wild vermeidbare Schmer­zen zu ersparen, sieht sie objektiv tatbestandsmäßig als Verletzung fremden Jagdausübungsrechts und damit als Wildereihandlung an.

Rechtfertigungsgründe

Hier wäre die Sachlage klar: Der Täter hat ein Stück Wild bereits im Visier. (Foto: K.-H. Volkmar)


Dass die Gerichte letztlich überwiegend doch nicht zu einer Strafbarkeit gelangen, ist auf das Eingreifen von Rechtfertigungsgründen zurückzuführen. Rechtfertigungsgründe jagdstrafrechtlicher Art, wie der Vorrang der Rücksichtnahme auf die leidende Kreatur oder die ­Beachtung der Grundsätze der Waidgerechtigkeit oder gemäß § 22 a Abs. 1 BJagdG sollen allerdings ausscheiden. Infrage sollen nur handfeste strafrechtliche Rechtfertigungsgründe, wie vor allem die mutmaßliche Einwilligung des Jagdausübungsberechtigten, kommen.
Das erste Merkmal, dass nämlich das tatbestandsausschließende Einverständnis des Berechtigten wegen der bestehenden Not des Wildes und der da­raus folgenden ­Eilbedüftigkeit des Handelns nicht ­rechtzeitig eingeholt werden konnte, ist dann, wenn krankgeschossenes oder schwerverletztes Wild vorgefunden wird, zumeist erfüllt. Beim Fehlen von Indizien für den entgegenstehenden Willen des Jagdaus­übungs­berechtigten kann der in die Rechtfertigungslage Geratene auch davon ausgehen, dass der Berechtigte der Erlegung des leidenden Wildes zugestimmt haben würde, wie es seiner jagdrechtlichen Verpflichtung entspricht.
Wenn allerdings der Wille des Berechtigten erkennbar entgegensteht, kann das Handeln des Erlegers immer noch als rechtfertigender Notstand gemäß § 34 StGB gerechtfertigt sein:
  • Der Schutz des Wildes vor vermeidbaren Schmerzen ist ein notstandsfähiges Rechtsgut.
  • Es liegt ein Fall der Nothilfe vor. Träger des
    bedrohten Rechtguts ist entweder vom ethischen Ansatz das Tier selbst oder die Allgemeinheit, genauer deren Interesse am Tierschutz.
  • Die Gefahr ist auch gegenwärtig.
  • Das Erlegen ist das mildeste Mittel zur Abwehr und damit erforderlich.
Der Schutz des Wildes vor vermeidbaren Schmerzen geht dem Jagdausübungsrecht überdies vor: Krank­geschossenes oder angefah­renes Wild würde sowieso verenden, der Jagdaus­übungsberechtigte wäre außerdem auch verpflichtet, den Fangschuss anzutragen.
Einen finanziellen Schaden erleidet er nur insofern, als dass das Tier eventuell nicht mehr verwertet werden oder zu einem wertvollen Trophäenträger heranwachsen kann. Wenn mithin wegen des entgegenstehenden Willens des Jagdausübungsberechtigten eine mutmaßliche Einwilligung als Rechtfertigungsgrund nicht eingreift, ist das Handeln des Erlegers in der Notsituation nach § 34 StGB gerecht­fertigt.

Das Nachstellen

(Foto: Der Deutsche Jäger, Februar 1900)


Etwas diffiziler ist das Nachstellen zu sehen. So ist bereits versuchtes Erlegen immer vollendetes Nachstellen. Der Schuss, der nicht trifft, unterfällt der Tatbestandsalter­native des Nachstellens. Das Nachstellen erfasst nämlich alle Handlungen, die auf Fangen, Erlegen oder Sichzueignen von Wild gerichtet sind, ohne Rücksicht darauf, ob der erstrebte Erfolg erreicht wird oder nicht. Das Delikt ist bereits mit dem Aufsuchen oder Verfolgen des Wildes vollendet. Der straflose Versuch der übrigen drei Begehungsmodalitäten ist im Nachstellen zur vollendeten Strafbarkeit erhoben; die Tat­alternative gleicht die in § 292 StGB fehlende Versuchsstrafbarkeit aus.
Weil die eigentlichen Verletzungshandlungen des Fangens und Erlegens und schließlich die Zu­eignung die weitaus kürzere Schlussphase des Delikts bilden, die zudem in unübersichtlichem Gelände schwer kontrolliert werden kann, erfasst das Gesetz deren Versuch als Nachstellen und legt die Jagdwilderei in diesem Punkt als 'Unternehmens­delikt' an. Den Begehungsweisen des Fangens, Erlegens und Sichzueignens kommt selbständige Bedeutung nur dann zu, wenn es zur Tatverwirklichung keines vorangehenden Nachstellens bedarf. Somit dann, wenn der Wilderer den Tatentschluss spontan aus einer guten Gelegenheit heraus fasst, etwa einen unerwartet in der ­Angelschnur verstrickten ­Erpel unvermittelt tötet.
Um ein Ausufern der Tat­bestandsmäßigkeit zu verhindern, verlangt die Literatur, dass der Täter, unter Beisichführen der zum Fangen oder Erlegen notwendigen Ausrüstung, in den Lebensraum des Wildes eindringt, um es bei ungestörtem Fortgang zu fangen oder zu erlegen. Da das Wild sehr plötzlich und unverhofft auftaucht, soll es in Abkehr zu der unter Menschen geltenden Regelung, dergemäß die Straftat nur unter sehr besonderen Umständen be­ginnt, bevor das Opfer sich dem Tatort nähert, nur darauf ankommen, dass der Wilderer den Lebensraum des Wildes betritt. Ohne ­Bedeutung ist, ob das gesuchte Wild oder überhaupt Wild im Revier ist.
Die Rechtsprechung legte den Tatbeginn zuweilen ziemlich großzügig aus. Für ein 'Dem-Wild-Nachstellen' soll bereits genügen, dass der Täter bloß auf dem Anstand steht, obwohl noch überhaupt kein Wild in Sichtweite ist, dies selbst dann, wenn der Wilderer nur ein ungeladenes ­Gewehr bei sich führt.

Weiterhin soll Nachstellen sein:
  • das Anlocken mit Blatten,
  • das Aufstellen von Fallen und Schlingen,
  • das Aufscheuchen,
  • das Jagenlassen des abgerichteten Hundes,
  • das Sichzutreibenlassen durch einen Treiber aus einem fremden Revier, um es im eigenen Revier umgehend zu erlegen,
  • das Auslegen vergifteter Köder.
Noch weitergehend soll Nachstellen vorliegen, wenn
  • der an sich nur frei laufende Hund bewusst nicht zurückgerufen wird, wenn er zu jagen beginnt,
  • wenn Treiber zum Aufspüren von Wild ausgesandt werden,
  • wenn ein zum Legen der mitgeführten Schlinge geeigneter Ort ausgesucht wird.
Verneint wurde ein Nachstellen, weil sich ein Erlegen nicht unmittelbar anschloss: Beim Anlocken von Wild aus anderen Revieren durch Anlegen verlockender Äsungsflächen oder Schaffung ­günstiger Einstandsmöglichkeiten. Beim Mitführen von Schusswaffen beginnt die Tatbestandsmäßigkeit beim Betreten des Reviers mit jeder­zeit ladbarer Waffe.

In der nächsten Folge wird der Grundsatz erörtert, dass man nur bei Verletzung fremden Jagdrechts/Jagdaus­übungsrechts wildert.