'Scharf' und kinderlieb?

Die wesensfeste DK-Hündin genießt das Spiel mit 'ihren' Kindern – alle haben den Umgang mit­einander gelernt. (Foto: Katharina Passberger)


'Schärfe = Angriffslust und Kampfbereitschaft von Hunden' – so steht es im BLV-Jagdlexikon. Unter dem Stichwort 'Wildschärfe' wird auf die Erläuterung des Begriffs 'Schärfe' verwiesen und keine spezielle Interpretation angeboten. Scharfe – wildscharfe – Jagdhunde brauchen wir für viele jagdliche Einsatzbereiche, vor allem für die Nachsuchen auf krankes Schalenwild, aber auch für die Bodenjagd und den Einsatz bei Bewegungsjagden auf Schwarzwild. Meistens ist die geforderte Schärfe mit einem stabilen Wesen verbunden, aber eben nicht immer. Es gibt Hunde, die Schärfe vortäuschen, deren Basis aber nichts weiter ist als Angst. Für diese Spezies wurde der Begriff 'Angstbeißer' erfunden.
Meist ist die Anlage zur Schärfe ererbt. Wächst der Hund in einem Zwinger auf und hat nur einmal am Tag beim Füttern und beim Reinigen des Zwingers Kontakt zum Menschen, dann wird er gewiss keine positiven Kontakte zu seinem Führer und dessen Familie aufbauen können. Einen solchen Hund ­später mit kleinen Kindern zusammenzubringen, die ­natürlich nicht immer konsequent mit ihm umgehen, ist ein großes Risiko.

Pascha passt auf!

'Rotkäppchen' in der sicheren Obhut des 'bösen Wolfes' Pascha: Der wildscharfe Hund hat seine Rolle in der Familie verstanden. (Foto: B. Krewer)


Ganz anders sieht es aus, wenn ein von seinen Anlagen her durchaus 'scharfer', aber absolut wesensstabiler Hund in der Familie aufwächst. Wenn die Kinder respektieren, dass auch der Hund ­einen Rückzugsplatz hat, an dem er nicht gestört und dass er beim Fressen ebenfalls nicht be­lästigt werden sollte, dann braucht man sich um die körperliche Unversehrtheit der Kinder sicher keine Sorgen zu machen.
Wir hatten einmal einen sehr wild- und verteidigungsschar­fen, aber absolut ­wesensfesten Hannoverschen Schweißhund­rüden 'Pa­scha' genannt, in dessen Lebenszeit unsere drei Kinder geboren wurden. Ihnen gegenüber war 'Pascha' auch nicht andeutungsweise aggressiv. Nur wenn sich 'Fremde' (zu denen auch die nähere Verwandtschaft gehörte) allzu hektisch und lautstark mit den Kindern beschäftigen wollten, dann drängte er sich schon mal leise grollend dazwischen und machte unmissverständlich klar, dass die Kinder seine Schutzbefohlenen waren und er ein solches 'Theater' überhaupt nicht schätzte. Waren die Kinder im 'Laufställchen' im Vorgarten, legte sich der Rüde unaufgefordert davor. Wir hatten es verschiedentlich ausprobiert – näher als etwa zehn Meter durfte sich kein Fremder dem Kind nähern. Dann stand er langsam und steifbeinig auf und grollte wie ein Löwe bei Hagenbeck.
Unsere älteste Tochter, gleich alt wie dieser Rüde, verkleidete sich einmal an Karneval als Rotkäppchen und ging mit 'Pascha' als Wolf spazieren. Sie krallte sich an der Halsung fest, die genau in ihrer Augenhöhe war, und marschierte los. Wir hatten keine Sorge um unsere Tochter, wohl aber die Befürchtung, dass 'Pascha' es missverstehen könnte, wenn einer der Nachbarn unsere Ulrike freundlich auf den Arm ­nehmen wollte.

„Sinnlos“ scharf

Das genaue Gegenteil erlebten wir mit einem Jagdterrier. Ich hatte diesen Rüden im Alter von etwa einem dreiviertel Jahr übernommen – er hatte bis dahin noch kein Haus von innen gesehen. 'Alf zwo' biss alles, was ihm nicht passte: andere Hunde, natürlich auch Sauen und alles ­ohne jede Rücksicht auf das eigene Leben. Unser zweijähriger Enkel wohnte damals bei uns. An einem Sonntagvormittag joggte unsere Tochter mit eben diesem 'Alf zwo' über die Felder und ihr begegnete eine Frau mit einem Schäferhund. Dem wollte nun der Jagdterrier an den Kragen, er tobte an der Leine wie ein Verrückter. Als er merkte, dass er dabei zu keinem Erfolgserlebnis kommen konnte, drehte er sich blitzschnell um und biss seine Führerin so in die Beine, dass diese im Krankenhaus genäht werden musste.
Nun war uns klar, dass hier eine nicht kalkulierbare Zeitbombe tickte, vor allem für unseren Enkel, und trennten uns von diesem Hund.
Vielleicht wäre es mit diesem Terrier anders verlaufen, wenn er in engem menschlichen Kontakt, vor allem auch mit Kindern, aufgewachsen wäre.
Es ist eben sehr wichtig und auch später nicht mehr nachzuholen, wenn man in der Prägephase des Hundes versäumt hat, ihn mit allen denkbaren Lebens­situationen zu konfrontieren.

Kinderkontakt

Dazu ­gehört aber auch, dass man den jungen (Jagd-)Hund nicht den Kindern als reines Spielobjekt überlässt. Kinder sind selten oder nie konsequent, ich sag­te es schon. Wenn der Führer seinem Hund unerwünschte Verhaltensweisen 'verunannehmlicht' und der Hund genau das bei den Kindern ungestraft tun darf, überfordert man dessen Auffassungs­vermögen. Gewöhnen an Kinder – auch gelegentliches Spielen mit ihnen – ja, aber nur unter Aufsicht. Dann – und nur dann – ist sichergestellt, dass es keine Probleme zwischen Hund und Kindern geben wird.