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Mit sanftem Druck gegen Blockaden

Hunde-Osteopathin Kristin Schulte versucht vorsichtig die Blockaden bei Flat-Coated-Retriever Hündin Becassine zu lösen.


Nur ganz kurz hebt Ayax seinen Kopf und schaut hoch, dann senkt er seine Nase wieder tief auf den Waldboden. Die zweijährige Ardennenbracke und sein Führer Michael Bentler sind auf Nachsuche. Ein angefahrener Überläuferkeiler muss gefunden werden. Dabei wird er von Revierpächter Wolf Rickes und Jägerin Kristin Schulte unterstützt. Die 34-Jährige bietet nicht nur jagdliche Hilfe, sie hat auch heilende Hände. Vor einigen Monaten hat die Hunde-Osteopathin Rüde Ayax wieder gesund gemacht.

Nach der Jagd hatte seine Ardennenbracke Probleme mit dem Rücken. „Er hat sich immer eingedreht“, erzählt der 28-Jährige Forstwirtmeister, „aber der Tierarzt hat nichts gefunden, keiner wusste, was er hat“. Als es nicht besser wurde, hat er Jagdfreundin Kristin Schulte um Rat gebeten. Beim Abtasten der Wirbelsäule hat sie schließlich etwas gefunden.

„Er hatte massive Blockaden in der Brustwirbelsäule, die ich dann gelöst habe. Zusätzlich habe ich Akkupunktur eingesetzt“, erinnert sich die gebürtige Ostwestfälin. Drei Behandlungen waren aufgrund der massiven Blockaden bei Ayax nötig. Bei geringeren Beschwerden kann bereits ein Besuch bei der Hunde-Osteopathin ausreichen.

Was er von Osteopathie halte? Der junge Sauerländer fragt etwas ungläubig: „Ach, so nennt man das?“ und zuckt mit der Schulter: „Na ja, so viel Erfahrung habe ich damit noch nicht.“ Es gab bisher nur einen Besuch, und der war ein voller Erfolg. „Wir haben keinen Tierarzt und keine Medikamente mehr gebraucht, nur eine gesunde Menschenhand. Und ich denke“, sagt er und lacht: „Besser geht‘s nicht!“

Wie Michael Bentler geht es fast jedem. Kaum jemand hat schon einmal etwas über Osteopathie für Hunde gehört. Wenn Beschwerden auftreten, geht man zum Tierarzt. „Im Humanbereich hat die Osteopathie schon lange ihren festen Platz und ist nicht mehr wegzudenken. Bei Pferden gewinnt sie auch von Jahr zu Jahr mehr an Anerkennung. Nur im Hundebereich wird ihr noch nicht viel Beachtung geschenkt“, so Kristin Schulte. Dabei sieht sie vor allem bei Jagdhunden einen großen Bedarf für diese Form der Behandlung.

„Bei der Nachsuche besteht zum Beispiel die Gefahr, wenn der Hund die Sau stellt und die ihn annimmt. Oder, wenn er fluchtartig weg will und sich dabei verdreht. In diesen Situationen können schnell Blockaden entstehen“, erklärt die passionierte Jägerin, die bereits als Kind mit ihrem Vater auf die Pirsch ging. Eine weitere Gefahr ist, wenn der Hund nach der Jagd erhitzt im kalten Auto zu rasch abkühlt. Dabei entstehen ebenfalls häufiger Muskelverhärtungen.

An folgenden Punkten kann man Verspannungen und Blockaden erkennen:

  • Der Hund wurde auf der letzten Drückjagd geschlagen
  • Nach dem letzten Jagdeinsatz lahm der Hunde oder braucht sehr lange, um sich zu erholen
  • Der Hund ist nicht mehr so leistungsbereit wie sonst
  • Der Hund hat Probleme ist Auto zu springen

Jagdhunde sind Leistungssportler! Und so sollte man sie auch behandeln, empfiehlt die Hunde-Osteopathin, die weiß, wovon sie spricht. Denn bereits als kleines Mädchen wollte Kristin Schulte „etwas mit Tieren machen“. Um so gut wie möglich ausgebildet zu sein, schlug sie nach der Schule zunächst einen Umweg ein und absolvierte eine dreijährige Ausbildung zur Human-Physiotherapeutin.

Nach dem Staatsexamen ließ sie sich zwei Jahre lang zur Pferde-Osteopathin ausbilden und arbeitete nebenbei weiter als Human-Physiotherapeutin. Neben ihrer Arbeit als selbstständige Physiotherapeutin bildete sie sich jahrelang weiter und eröffnete schließlich 2011 ihre eigene Praxis im ostwestfälischen Halle. Mittlerweile pendelt die junge Mutter zwischen Brilon und Halle. Die Liebe hat sie ins Sauerland gelockt.

Ein so fundiertes Wissen wie bei Kristin Schulte ist eher selten anzutreffen. „Es ist generell kein geschützter Beruf, jeder darf sich Osteopath oder Chiropraktiker nennen. Egal, ob er eine Ausbildung gemacht hat oder nicht“, ärgert sie sich, „Es gibt viele Kollegen, die machen einen vierwöchigen Lehrgang oder vielleicht sogar zwei Jahre, aber haben aber natürlich nicht so viele Vorkenntnisse.“

Ihre Kompetenz wird spätestens deutlich, wenn ihre vierbeinigen Patienten schon schwanzwedelnd zur Praxistür hereinkommen und gleich auf den niedrigen Behandlungstisch springen wie Becassine. Die siebenjährige Flat-Coated-Retriever-Hündin weiß, wie gut ihr das tut. „Seit der letzten Entenjagd zeigt sie im Rücken Schmerzen und ist an der Hinterhand klemmig“, beschreibt Besitzerin Christiane Müller die Beschwerden.

Millimeter für Millimeter drückt Kristin Schulte zuerst die Dornfortsätze an den Wirbeln, dann die Rückenmuskeln durch das pechschwarze lange Fell vorsichtig ab. Damit stellt sie fest, wo die Muskulatur verhärtet ist und Wirbel blockiert sind, die anschließend gelöst werden. Zum Abschluss der Behandlung setzt die Osteopathin Akkupunkturnadeln zur muskulären Lockerung.

Jägerin Christiane Müller ist erleichtert: „Die Osteopathie erspart meinem Hund viele Medikamente, somit bleibt die Belastung für ihn niedrig. Becassine kommt gerne hierher und es geht ihr danach immer sehr gut.“ Nach zwei Tagen Ruhe ist sie immer wie ausgewechselt.

Regelrecht freudig kommt auch der kleine Borderterrier auf Osteopathin Schulte zugelaufen. Die beiden kennen sich ebenfalls schon länger. Dieses Mal hat die dreijährige Jagdhündin Lotta eine Wirbelblockade im Nackenbereich. Durch die untypische Stellung des linken Ohres ist der Besitzerin Margret Scholz aufgefallen, dass etwas nicht stimmt. Schnell ist das Problem behoben.

Bei den meisten Hunden reicht eine Behandlung aus. Die Erstbehandlung kostet zwischen 30 und 60 Euro, jede weitere zwischen 15 und 60 Euro. Kristin Schulte kennt jedoch auch ihre Grenzen, und die der Osteopathie: „Bei Knochentumoren oder einer vorangeschrittenen Arthrose.“ Das Alter des Hundes spielt auch eine Rolle. Bis zum zehnten Lebensjahr könnte man noch mit der osteopathischen Erstbehandlung beginnen: „Bei älteren Tieren sollte man allerdings nicht mehr versuchen die Hüfte gerade zu stellen, bei ihnen hat sich der Körper im Laufe des Lebens darauf eingestellt.“


Heike Parakenings Journalistin, lebt in Wiesbaden und arbeitet als freie Mitarbeiterin für den dlv.
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