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Respekt und Liebe

Aldo Leopold und Kurzhaar Gus bei der Jagd in Wisconsin, 1943<br>(Foto: Aldo Leopold Foundation)


Am 21. April 2008 jährt sich der Todestag von Aldo Leopold zum 60. Mal. Sein Einfluss und seine Bedeutung für die Naturschutz-Bewegung, nicht nur in den USA, sondern weltweit, sind ungebrochen – ja er ist heute aktueller denn je! Kein Wunder, denn er war im Denken und Handeln seiner Zeit weit voraus!
Was bewirkt die Faszination, die von dieser Persönlichkeit ausgeht? Der Forstmann, Naturschüt­zer, Jäger, Wild­biologe, Professor, Farmer, Dichter Aldo Leopold war zeitlebens nicht nur ein Vordenker, viel mehr auch die ökologisch-moralische Instanz einer Nation, die noch lange Zeit dem Denken und dem Stolz des Pioniergeistes verhaftet war.
Für eben diese Haltung gibt es kein besseres Zeugnis als eine Bemerkung, die der seinerzeitige Präsident der USA, Theodore Roosevelt, 1910 in seinen „Afrikanischen Wanderungen“ über Lord Delamere, den damaligen Gouverneur von British Ost-Afrika, gemacht hat: „Delamere war ein bekannter Großwild-Jäger gewesen, aber anstatt ein bloßer Jäger zu bleiben … wurde er einer der Führer bei der Aufgabe, die Wildnis urbar zu machen und die Wüsteneien der Welt für die Kultur zu erobern. Es gibt keine bessere Lebensarbeit, der man sich zuwenden könnte!“
Doch bereits zehn Jahre später kam nach dem Rausch der Eroberung eines Kontinents die Ernüchterung vieler nachdenklich gewordener Amerikaner und die Einsicht, dass auch ihr Land nicht unendlich ist – nicht zuletzt auch angesichts der verheerenden Staubstürme, die den bloß­gelegten Boden „urbar“ gemachter Prärien in die Städte trugen.
Keiner hat diese Erkenntnis so eindrücklich, häufig geradezu poetisch formuliert wie Aldo Leopold. Und er hat seine Überzeugung nicht nur in Worten dargelegt, sondern in einem praktischen Beispiel in die Tat umgesetzt. Die ­„Renaturalisierung“ einer devastierten und aufgelassenen Farm in Wisconsin hat er 1948 in seinem Buch „A Sand County Almanach“ beschrieben. In millionenfacher Auflage verbreitet, ist es noch heute so etwas wie eine Bibel für seine Schüler und Anhänger. Im Laufe seiner beruflichen Tätigkeit und gerade auch bei der praktischen Arbeit auf seiner Farm hat Aldo Leopold eine Grundeinstellung des Verhältnis der Menschen zur Natur – zum „land“ – entwickelt, die er in seiner „land-ethic“ mit der lapidaren Forderung formulierte: „Harmonie zwischen den Menschen und der Umwelt“!
In der Einleitung zu „A Sand County Almanac“ schrieb er 1948 unter anderem:
„Es gibt Menschen, die ohne die Natur („Wild Things“) leben können und andere, die das nicht können. Meine Essays bezeugen die Freude und die Nöte von einem, der das nicht kann. ,Wild Things‘ wurden als ebenso selbstverständlich angesehen wie der Wind und der Sonnenuntergang, bis der Fortschritt begann, sie zu bedrohen. Jetzt stehen wir vor der Frage, ob ein immer höherer Lebensstandard den Verlust dieser freien und wilden Natur wert ist. Für uns, die Minderheit, ist die Möglichkeit, den Zug der Gänse am Himmel zu beobachten, wichtiger als das Fernsehen, und das Glück, eine seltene Blume zu finden, ist ein ebenso unveräußerliches Recht, wie die Redefreiheit. Wir missbrauchen die Natur, weil wir sie als Ware betrachten, die uns gehört. Wenn wir sie als eine Lebensgemeinschaft sehen, zu der wir selber gehören, könnten wir anfangen, sie mit Liebe und Respekt zu nutzen! Die Natur als Lebensgemeinschaft, das ist die Grundidee der Ökologie, aber dass man sie lieben und respektieren muss, das ist eine Frage der Ethik.“ „Wir sind verantwortlich für eine Entwicklung, die sich der Rechte der eigenen Generation­ allzu sicher ist! Aber unsere Gesellschaft ist wie ein Hypochonder, so besessen von ihrem ökonomischen Wohlergehen, dass sie ihre Gesundheit ­verloren hat.“ „Liebe und ­Respekt gegenüber der Natur“, das war es, was Leopold seinen Studenten und Landsleuten vermitteln wollte, und dabei wurde ihm zunehmend die Bedeutung umfassender ökologischer Zusammenhänge klar, in die auch der wirtschaftende Mensch einbezogen wird.

Deer and Dauerwald

So verwundert es nicht, dass er 1935 eine dreimonatige Studienreise nach Deutschland, in das Land seiner Vorfahren, unternahm. Hier hatten nämlich ein Jahrzehnt zuvor die Forstleute Möller, Krutsch, Weck, von Kalitsch und andere die Idee des „Dauerwaldes“ ent­wickelt, nicht zuletzt als Gegenpol zu der zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschen­den Doktrin der Boden­reinertragslehre. Der Wald als „Organismus“ – heute sagt man ganz selbstverständlich „Öko­system“ – das war eine Idee, die Aldo Leopold aufgrund seiner eigenen Überzeugung faszinierte und die er unbedingt kennenlernen wollte. Im Dritten Reich wurde jedoch das neu erlassene Reichsjagdgesetz in einem ­begeisterten Missverständnis als Aufforderung zu zahlenmäßiger und Trophäen-orientierter Überhege interpretiert.
Das Dilemma einer „natur-gemäßen“ Waldbewirtschaftung bei überhöhten Wildbeständen hat Aldo Leopold, unbelastet von den forstlichen und jagdlichen Traditionen des „alten Europa“, mit dem klaren Blick des Ökologen erkannt und in einem Aufsatz im „Journal of Forestry“ mit eindrucksvoller Deutlichkeit beschrieben. Es hat ­Jahrzehnte gedauert, bis die ­logischen Schlüsse eines ­„Außenseiters“ auch hierzulande zur Selbstverständlichkeit wurden – und teilweise dauert es noch heute! Deshalb ist der Artikel mit der Überschrift „Deer and Dauerwald“ noch immer lesenswert! ­Bereits im ersten Absatz heißt es: „Der Betrachter ist rasch zu der Schlussfolgerung gezwungen, dass eine bessere Waldwirtschaft nur bei einer radikalen Reform des Wild-Managements möglich ist. Später, wenn er erkennt, was die Forstwirtschaft dem Lebensraum des Schalenwildes zugefügt hat, kommt er zu der entgegengesetzten Schlussfolgerung, dass ein besseres Wild-Management nur mit einem radikalen Wechsel in der Waldbewirtschaftung möglich ist. Kurz ­gesagt, Deutschland bietet ein perfektes Beispiel der gegenseitigen Abhängigkeit von Wild und Forstwirtschaft.“
Leopold beschreibt dann für seine ­amerikanischen Leser ausführlich die historische Entwicklung von Wald, Forstwirtschaft und Jagd in Deutschland. Erwähnenswert ist ­seine Feststellung, dass der ­ursprüngliche Laubholz-Urwald mit Sicherheit eine hohe Wilddichte tragen konnte: „sonst wären unsere Vorfahren, die weder Gewehre noch Äcker hatten, verhungert!“ Der Zustand der Wälder nach ihrer Umwandlung in Nadelholz- Monokulturen im 19. Jahrhundert („Wood-Factory“) und das folgende Anwachsen der Wildbestände, der Versuch, die Probleme mit Fütterung und Zaunbau zu lösen, führten unter anderem dazu, dass bevorzugte Äsungs­pflanzen nur noch im Zaun vorkommen. Außerdem brauchen sie Licht, aber das dichte Kronendach der Fichten-Reinbestände lässt nur Moos gedeihen – der Waldboden ist eine „ökologische Wüste“! Bei einem Umtrieb von 100 Jahren kann höchstens zehn Prozent der Fläche überhaupt Äsungspflanzen hervorbringen. Doch es ist klar, dass dies nicht allein dem Wild und nicht ausschließlich dem Waldbau anzulasten ist, ­sondern einer aktiven und destruktiven gegenseitigen Interaktion zwischen beidem! So weit das wichtigste Ergebnis von Leopolds Beobachtungen.
Auch das Motiv, weshalb die verantwortlichen Forstleute diese Zustände ­tolerieren, wird von ihm angesprochen: die Leidenschaft für die Jagd bei den deutschen Forstbehörden! Immerhin gesteht er den Deutschen zu, dass eine solche emotionale Einstellung zur Natur auf lange Sicht ein Aktivposten ist, der die gegenwärtige Verantwortung für das Wild-Problem ausgleichen könnte. Außerdem stellt er fest: „Es wäre töricht, würde man übersehen, in welchem Ausmaß neue und umfassendere Konzepte die Idee der ,Holzfabrik‘ verdrängen. Die Deutschen ­merken jetzt, dass Produk­tions­steigerung auf ­Kosten der Bodenfruchtbarkeit, der Schönheit der Landschaft und der wild lebenden Tiere armselige ökologische und politische Ansätze sind!“
Für die Verhältnisse in Amerika empfiehlt Aldo Leopold:
  • Intensive Forstwirtschaft nur auf der besseren Hälfte der Standorte, „überlasst die andere Hälfte dem Wild und der Schönheit der Landschaft!“ („Scenery“),
  • Erhaltung, gegebenenfalls auch der besondere Schutz der Prädatoren,
  • Respekt vor den natürli­chen Mischbeständen und gründliches Misstrauen gegen Reinbestände.
  • Intensives Nachdenken über die Zuständigkeiten für Wald und Wild.
Zum Schluss der Kernsatz: „Grundsätzlich plädiere ich für einen großzügigen Aufbau der Biotop-Kapazität und für Zurückhaltung beim Aufbau des Wildbestandes. Glücklich ist, wer einen komfortablen Sicherheitsabstand zwischen beidem hat!“ Diese vorurteilsfreie Diagnose und ihr logisches Ergebnis bedarf keiner weiteren Kommentierung – außer der wichtigen Feststellung, dass der Ökologe und Wildbiologe Leopold nicht eine einseitige Reduktion des Wildbestandes fordert, sondern gleichzeitig eine Verbesserung der Biotop-Kapazität – und zwar großzügig!
Was würde Aldo Leopold wohl über den deutschen Wald sagen, wenn er seine Studienreise nach Deutschland heute, 73 Jahre später, noch einmal unternehmen könnte? Zwar ist die Idee des Dauerwaldes in der klassischen Form, wie er von Möller und seinen Mitstreitern gefordert wurde, nur auf einer kleinen Fläche realisiert. Aber in allen Bundesländern besteht mittlerweile der eindeutige politische Wille „Naturnahe Waldwirtschaft“ zu realisieren. Die Grundidee wurde schon im 19. Jahrhundert von vorausdenkenden Forstleuten wie Gayer und Rebel formuliert. Heute ist sie unbestrittener Teil der forst­lichen Zielsetzung.

Zukunftsfähige Natur

Ein Redwood ­Urwald im gemä­ßigten Klima des Westens der USA.<br>(Foto: A. San Román)


Immerhin hat die Bundes-Waldinventur gezeigt, dass 75 Prozent des deutschen Waldes aus mehreren Baumarten gemischt sind; 80 Prozent der Jungbestände stammen aus natürlicher Verjüngung. Das Gleichgewicht zwischen Schalenwilddichte und Biotop-Kapazität ist aber keineswegs schon überall erreicht (oder gewollt?). Aber dieses Ziel muss bei den für den Wald und/oder für die Jagd Verantwortlichen auch anerkannt werden. Die Vegetationsgutachten, so umstritten die Methodik im Detail und mancherorts die Praxis sein mögen, sind ein wichtiger Teil der Grundidee, dass nicht irgendwelche theoretischen Popu­lations-Schätzungen entscheidend sind, sondern allein der tatsächliche Zustand des Wirkungsgefüges „Wald-Wild“. Zahlreiche Beispiele beweisen, dass diese Art der Waldbewirtschaftung ein Ökosystem schafft, das wesentlich unempfindlicher auf den Einfluss des Wildes reagiert als gleichaltrige Monokulturen, weil auf großer Fläche erreichbare Äsung produziert wird.
Und was bedeuten die Ideen des „Öko-Propheten“ für die Einschätzung der Zukunft? Der Kampf um nachhaltige Umwelt, in der menschliche Zielsetzungen und Aktivitäten nicht den Lebensraum von Tieren und Pflanzen zerstören, ist nicht ausgestanden. Im Gegenteil: Land- und Rohstoffhunger fressen die Waldressourcen der Welt – obwohl gerade sie für die Veränderung des Weltklimas noch nie so bedeutend waren. Auch unsere Generation scheint „sich der eigenen Rechte allzu sicher“ – und lebt auf Kosten der kommenden Generationen!
„Liebe und Respekt vor der Natur“ wird angesichts der weltweiten Entwicklung für die Menschheit existenziell bedeutender denn je!