+++ Afrikanische Schweinepest bisher bei 1.338 Wildschweinen nachgewiesen (Stand 18.6.2021) +++
Home Praxis Rehwild: Machen Fütterungen krank und schaden dem Gehörn?

Rehwild: Machen Fütterungen krank und schaden dem Gehörn?

Univ. Doz. Dr. Armin Deutz © dlv
Univ. Doz. Dr. Armin Deutz
am
Sonntag, 28.03.2021 - 07:33
Wildfütterung im sommerlichen Wald. © ©imfotograf - stock.adobe.com
Die Fütterung von Reh- und anderem Wild ist nicht unproblematisch und kann schwerwiegende Folgen für das Wild haben.

Bei der (Winter-)Fütterung lässt sich viel falsch machen – gerade beim Rehwild. Zu diesem eindeutigen Ergebnis kommt eine Studie aus Österreich. Bei der Aufnahme von leicht verdaulichem, stärkereichem, nicht strukturiertem oder gemahlenem Futter (wie z.B. Getreideschrot oder Maisbruch) wird wenig gekaut und danach wenig bis gar nicht wiedergekäut. Das bewirkt eine deutlich reduzierte Speichelproduktion und – zumindest in Revieren mit geringem Feldanteil – verbunden mit dem raschen Abbau dieses Futters eine Pansenübersäuerung (Pansenazidose).

Durch den rasanten Stärkeabbau entstehen außerdem große Mengen flüchtiger Fettsäuren und Milchsäure im Pansen, die das Pansenmilieu und damit die Pansenmikroben schwer schädigen und zur Entzündung der Pansenschleimhaut führen. Weitere Folgen sind die Störung des Säure-Basen-Haushalts des Blutes, was zahlreiche Beeinträchtigungen (Fressunlust, Zähneknirschen, Festliegen, Koma) verursacht. An akuter Pansenazidose verendete Rehe findet man häufig gleich in Fütterungsnähe.

Schwächere Trophäen als Folge

Neben dem akuten Verlauf ergibt sich aus länger anhaltenden zu hohen Kraftfuttergaben die wesentlich häufigere chronische Form der Pansenübersäuerung. Die Folgen können hier Verhornungen und Entzündungen der Pansenschleimhaut, Mineralstoffwechselstörungen, verminderte Infektionsabwehr, Nierenschäden, Hirnrindennekrose, Leberabszesse und andere Anzeichen sein. Zu hohe Futtergaben von leicht verdaulichen Kohlenhydraten führen über eine chronische Pansenübersäuerung unter anderem zur Störung des Mineralstoffwechsels und damit in der Folge auch zu schwächeren Trophäen.

Überhöhte Eiweißgaben z.B. durch Soja, Sesam oder Erbse können zusätzlich Leber- und Nierenschäden und in Extremfällen ebenfalls Auswirkungen auf Geweihwachstum und Knochenmineralisierung nach sich ziehen.

Übersäuerung erhöht Stresshormone im Blut

Interessant: Die länger anhaltende metabolische Übersäuerung fördert auch die erhöhte Ausschüttung von Cortisol, einem Stresshormon im Blut, sowie eine verminderte Bewegungsaktivität der Abwehrzellen. Dies hat einen Einfluss auf die körpereigene Immunabwehr und damit auf die Krankheitsanfälligkeit (Parasitosen!). Von einer subklinischen Pansenazidose spricht man bei einer über längere Zeit bestehenden oder regelmäßig wiederkehrenden Übersäuerung des Vormageninhalts mit schubweise erhöhter Milchsäurebildung ohne von außen wahrnehmbaren Symptomen.

Futtermix verhindert das schlimmste

In der Literatur existieren nur wenige Angaben zu Normalwerten für den pH-Wert des Pansensaftes beim Reh. Die Werte werden zwischen 5,5 bis 6,3 angegeben. Ein pH-Wert unter 5,5 spricht für eine chronische Azidose (Übersäuerung), Werte unter 5,0 für eine akute azidotische Stoffwechselsituation. Die anhaltende Vormagenübersäuerung hat Organerkrankungen und Stoffwechselstörungen zur Folge, die sich im fortgeschrittenen Stadium durch deutliche Symptome auswirken können.

Diese Auswirkungen treten oft erst Wochen oder Monate nach den Fütterungsfehlern auf. Dabei spielen folgende Faktoren eine Rolle: die Art der leichtverdaulichen Futtermittel und ihr Zerkleinerungsgrad, die Futtervorlage (Rau- und Kraftfutter separat oder Mischration), das Wasserangebot, der Anpassungsgrad der Vormagenmikroben und der Pansenschleimhaut sowie das Angebot an natürlicher Beiäsung. Bei ausreichender Beiäsung sind die negativen Auswirkungen einer kraftfutterbetonten Fütterung geringer als in kargen Lebensräumen oder bei hohen Schneelagen, wo fast keine Beiäsung zusätzlich aufgenommen werden kann.

Osteoporose als Folge von Übersäuerung

Deutlicher Knochenfraß an einer abgebrochenen Gehörnstange.

Kalzium in den Knochen stellt eine der wichtigsten alkalischen Pufferreserven dar. Bei chronischer Störung des Säure-Basen-Haushaltes mit „Übersäuerung“ des Organismus wird dieses Puffersystem aktiviert und Kalzium aus dem Blut und Gewebe mobilisiert. Bei chronischer Azidose reicht dieser Puffer nicht mehr aus, womit dann Kalzium auch aus dem Knochen abgebaut wird. Eine Demineralisierung der Knochen ist die Folge. Diese Osteoporose ist durch Verlust von Knochenmasse, -struktur und -funktion gekennzeichnet. Folgen dieser Ausdünnung der Knochensubstanz sind beispielsweise ein gesteigertes Frakturrisiko sowie geringeres Trophäenwachstum und -gewicht.

Aktuelle Untersuchungen

Untersucht wurden vier Rehbockschädel von Böcken mit fütterungsbedingter chronischer Pansenazidose mit äußerlich erkennbaren Anzeichen einer Osteoporose. Als Kontrollgruppe dienten acht Böcke und sieben Geißen aus Gebieten, in denen Rehe nicht gefüttert werden. Neben einer Altersschätzung erfolgte bei den Kontrollrehen auch eine pH-Messung des Panseninhaltes. An jedem Schädel wurde an drei Stellen jeweils oberflächlich und in der Tiefe mittels Computertomografie die Knochendichte gemessen.

3D Darstellung eines Bockschädels mit Anzeichen von Osteoporose im Comuptertomographen.

Die sogenannte CT-Densitometrie ist ein Verfahren zur Dichtemessung von Geweben und heute ein Standardverfahren in der humanmedizinischen Osteoporosediagnostik. Der Vorteil dieser Technik ist die Tatsache, dass sie bereits im Frühstadium der Erkrankung eine Minderung des Mineralisierungsgrades von Knochen messen kann. Das Bleichen der Rehtrophäen hatte, wenn überhaupt, höchstens einen Einfluss auf die äußerste Knochenschicht, der Mineralisierungsgrad des Schädels an den Messstellen bleibt unbeeinflusst.

Der Vergleich der Knochendichtemessung an den Schädeln der gefütterten Rehböcke und ungefütterten Kontrollrehen zeigte, dass über alle Gruppen die Dichte der Kortikalis (äußere, kompakte Knochenschicht) im Stirnbereich, bei den Böcken vor dem Rosenansatz am höchsten war. Hier lieferten die ungefütterten Böcke die höchsten Dichtewerte. Die Messwerte der gefütterten Böcke waren signifikant niedriger als die der ungefütterten Böcke und nur wenig höher als die der Rehgeißenschädel. Diese Untersuchung mit kleinem Untersuchungsumfang könnte Anlass für weitere Studien aus anderen Regionen und mit unterschiedlicher Fütterungsintensität sein. Jedenfalls sprechen die signifikant niedrigeren Werte aus der Dichtemessung vor allem im Bereich der Kortikalis und speziell im mechanisch bei den Böcken belasteten Stirnbereich für die Diagnose „Osteoporose“.

Bei (verbotener) Sommerfütterung dürfte sich dieser Einfluss auf den Knochenstoffwechsel verstärken. Zu berücksichtigen ist aber, dass Rehe oft ganzjährig Mais an den Sauenkirrungen finden oder Mais und Getreide aus ihrem Lebensraum oder von Ernterückständen aufnehmen. Nicht alle Probleme lassen sich also auf Fütterung zurückführen. Zusammengefasst stellt die „Überfrachtung“ des Rehpansens mit kohlenhydratreichen Futtermitteln jedoch einen hohen Risikofaktor zur Entwicklung einer Osteoporose dar.


Kommentieren Sie