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Rehe mit Ohrmarke: Erkenntnisse aus 50 Jahren Rehkitzmarkierung

Christian Liehner © Christian Liehner
Christian Liehner
am
Donnerstag, 05.05.2022 - 09:24
Markiertes-Kitz-im-Feld © RW

Selbst in der Wildforschung sind 50 Jahre eine lange Zeit. Und doch werden in Baden-Württemberg jedes Jahr Kitze markiert und ihre Daten in der Wildforschungsstelle zusammengetragen – mit faszinierenden Erkenntnissen zu unserem heimischen Rehwild. „50 Jahre sind tatsächlich sehr viel“, bekräftigt auch Andreas Elliger von der Wildforschunsstelle in Aulendorf, der das Projekt seit Gründung der Forschungsstelle 1988 in seiner Obhut hat. Doch auch davor wurde schon von Vorgängerinstituten sowie privat markiert, sodass sich ein Datensatz mit mehr als 17.700 markierten Kitzen ergibt: Einzigartig in Deutschland.

Die Problematik der universitären Forschung liegt häufig darin, dass Projekte für die Dauer einer Doktorarbeit oder eines Forschungsprojekts laufen und dann eingestellt werden. Sei es, weil die Fragestellung beantwortet ist oder die Finanzierung des Projekts ausläuft.

Mammutaufgabe mit vielen Helfern

Nicht so bei der Kitzmarkierung. „Das Projekt funktioniert nur über das ehrenamtliche Engagement der Jäger“, die Wildforschungsstelle als Institution könnte die Abdeckung in der Fläche niemals alleine stemmen, lobt Projektkoordinator Elliger die engagierte Jägerschaft.

Trotzdem sei es gut, eine zentrale Organisationsstelle zu haben. Hier laufen alle Fäden zusammen – jeder Erleger, Markierer oder Melder einer Beobachtung bekommt ausführliche Informationen zum gesichteten oder erlegten Stück Rehwild. Großer Vorteil: Die Markierung ist eine relativ kostengünstige Maßnahme, bei gleichzeitig hohem Erkenntniswert.

Markiert werden die Kitze im Regelfall bei Kitzrettungsaktionen vor der Mahd, idealerweise in den ersten zehn bis 14 Lebenstagen. Sie haben dann noch einen ausgeprägten Duckreflex und drücken sich bei Annäherung an den Boden. Bei der Markierung wird jeweils das Datum der Markierung und Alter des Kitzes angegeben, als Indizien gelten Fellzeichnung und -färbung, Größe und Verhalten.

Setzzeitpunkte können bis auf Tage genau geschätzt werden

Mit Vorkenntnissen können sehr junge Kitze nach Setzzeitpunkt in Tagen, größere etwa auf die Woche genau geschätzt werden. Geschlecht und Standort sind ebenfalls wichtig für die Statistik. Etwa 95 % der aktuellen Meldungen gehen mit exakten Koordinaten ein, wodurch sich die Entfernung zwischen Markierungsort und späterem Auffindeort genau berechnen lässt.

Viele Erkenntnisse

Markiert werden die Kitze vor allem wenn sie vor den anrückenden Mähmaschinen aus den Wiesen gerettet werden.In Brandenburg wurde ein Verzeichnis zur Rehkitz-Rettung gegründet.Von Kitzrettung bis Umweltbildung: Die Projekte sind vielfältig.

Die Daten liefern Grunderkenntnisse zur Biologie des Rehwildes, konkrete Informationen zu Geschlechterverhältnis, Todesursachen, Ausbreitung und Wanderbewegungen, Alterstafeln, Durchschnittsgewichten oder Setzzeitpunkten. Und das im Zeitverlauf und unter sich verändernden Rahmenbedingungen. Gerade läuft eine Kooperation mit dem IZW in Berlin, wo untersucht wird, ob sich die Setzzeitpunkte im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung verändern. Alle Indizien deuten daraufhin, dass bereits eine Verschiebung nach vorne eingesetzt hat, denn: Sobald die Vegetation loslegt, findet das Rehwild sehr gute Äsungsbedingungen. Dann gilt, je eher die Kitze zur Welt kommen, desto stärker gehen diese auch in den Winter und kommen besser durch.

Für den Jäger besonders interessant dürften die Wanderbewegungen des Rehwilds sein. So mancher Jäger ist sich sicher, jeden Abend die selbe Ricke an der selben Stelle vorzuhaben. Das ist möglich, gleichzeitig ist Rehwild aber auch mobiler als häufig angenommen. Die mittlere Abwanderungsentfernung zwischen Markierungs- und Erlegungsort (bzw. Auffindeort) beträgt 1,2 Kilometer, wobei die weiblichen Stücke statistisch weiter ziehen als die männlichen. Gerade die „Weitwanderer“, immerhin gut 2% der Rehe – Stücke, die sich über zehn Kilometer aus ihrem Heimatrevier entfernen – sind überwiegend weiblich.

Ergänzende Telemetriestudien ergaben, dass Rehe teils größere Wanderungen unternehmen, aber auch an den Geburtsort zurückkehren können. Hier zeigt sich eine methodische Schwäche der Markierung, die für die meisten Stücke nur zwei eindeutige Orte (Markierung und Auffinden) nachweisen kann, das abenteuerliche Leben dazwischen aber nicht. Beide Forschungsmethoden kombiniert zeigen aber: Mein Revier, meine Rehe – so einfach funktioniert das nicht.

Rückgemeldet werden etwa 20% der markierten Stücke, was den Ergebnissen vergleichbarer Studien entspricht. Über den Verbleib der übrigen knapp 80% können oft nur Vermutungen angestellt werden. Gerade die Sterblichkeit der Kitze muss jedoch sehr hoch angesetzt werden.

Grafik-Alter-bei-Erlegung © Andreas Elliger 2019

Rückmeldungen nach Alter: Deutlich erkennbar ist, dass Rickenkitze bevorzugt erlegt werden und ab einem Alter von sieben Jahren mehr Ricken als Böcke zurückgemeldet werden. Dies hängt vor allem mit den jagdlichen Präferenzen der Revierinhaber zusammen.

Durchschnittliche Lebenserwartung: 700 Tage

Die durschnittliche Lebenserwartung eines Rehs in bewirtschafteten Revieren liegt bei 700 Tagen. Im ersten Lebensjahr fallen bereits 40% der Rückmeldungen an. Böcke werden tendenziell etwas älter als die Ricken, was v.a. daran liegt, dass Bockkitze im Herbst gerne geschont werden, um als Jährling geerntet zu werden. Nach zwei Jahren ist bereits der größte Teil zurückgemeldet. Das maximale Alter eines markierten erlegten Rehs lag bei 15 Jahren.

Grafik-Todesursachen-rehwild © Andreas Elliger 2019

Es werden deutlich mehr männliche als weibliche Rehe zurückgemeldet, obwohl das Geschlechterverhältnis anfangs nahezu ausgeglichen ist.

Die gängigsten Todesursachen beim Rehwild

Häufigste Todesursache ist mit etwa 2/3 die Erlegung, gefolgt von Verkehrsverlusten mit ca. 15%. Die früher deutlich zweistelligen Mähverluste sind auf knapp 6% Prozent zurückgegangen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und wenig untersucht.

Drohnensuche rettet Kitzleben

„Ich glaube nicht, dass mit den aktuellen Maschinen sehr viel weniger Mähverluste entstehen als in den 1970er- und 80er-Jahren, eher dass weniger Verluste gemeldet werden“, so Andreas Elliger von der Wildforschungsstelle. Andererseits könnten veränderte Bewirtschaftungsmethoden einen Unterschied machen. Wenn nasse Wiesen für die Silagegewinnung gemäht werden, liegen hier oft weniger Kitze. Auch frühe Mähtermine, bevor viele Kitze gesetzt sind, könnten sich auswirken. Auch nimmt die Kitzrettung mit der Wämbilddrohne zu.

Abgeschrieben ist das Projekt auch nach 50 Jahren nicht. „Wir arbeiten stetig daran, unsere Daten weiter zu verfeinern“, schildert Projektleiter Elliger die Zukunftsaufgaben. Geplant ist z.B. eine Online-Anwendung, in die die Daten eingetragen und leichter verarbeitet werden können. Offene Fragestellungen bleiben noch viele.

So ließe sich etwa untersuchen, wie sich die Reproduktion nach Trockenjahren verändert, jagdliche Entwicklungen Abwanderung beeinflussen oder sich die Lebenserwartung verändert. Eine „Corona-Delle“ in der Statistik erwarten die Forscher nicht. Die nur mit wenigen Personen im Freien stattfindenden Suchen per Drohne konnten durchgeführt und viele Kitze markiert werden. Die Markierung liegt übrigens fest in der Hand der Jäger: „Ich lege großen Wert darauf, dass die Markierung mit dem Einverständnis der Revierinhaber stattfindet. Markierungen z.B. seitens der Naturschutzverbände fände ich sehr kritisch“.

Markieren als Generationenprojekt?

Doch wie steht es um die Zukunft des Projekts, welchen Altersdurchschnitt haben die Markierer? „Diese Daten zum Projekt erheben wir tatsächlich nicht“, erklärt Elliger lachend. Er vermutet aber immer schon eine generationsübergreifende Zusammenarbeit im Revier. „Mit den Drohnenfliegern ist nun eine ganze Gruppe interessierter Ehrenamtlicher hinzugekommen“, blickt der Projektverantwortliche positiv nach vorne. Bei größeren Kitzrettungs-Vereinen kommen bereits hohe zweistellige Zahlen an Kitzen mit bunten Ohrmarken zusammen. Weiter so!


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