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Rehe: In der Notzeit richtig füttern

Wenn füttern, dann richtig! Ansonsten – im Sinne der Wildtiere – besser gar nicht. © Michael Migos

Die Fütterung von Rehwild wurde in den vergangenen Jahren viel diskutiert, hinterfragt sowie teilweise auch rechtlich neu geregelt. Wenn in Diskussionen rund um die Notwendigkeit der Fütterung von Wildtieren Beispiele wie Graubünden oder Nationalparke angeführt werden, wo Wildtiere nicht gefüttert werden, so sollte mitbedacht sein, dass nicht nur Lebensräume und Witterungsbedingungen im Winter miteinander verglichen werden müssen, sondern auch Anteile von „Ruhezonen“.

Und solche ruhigen Rückzugsgebiete von entsprechender Größe gibt es in Mitteleuropa leider immer weniger, womit der natürliche Sparmechanismus der Wildwiederkäuer im Winter nicht mehr gewährleistet ist. Dessen ungeachtet ist es aus wildbiologischer Sicht aber auch nicht möglich, eine absolute Notwendigkeit der Rehwildfütterung zu postulieren.

Ein weiteres Argument in unserer Kulturlandschaft ist auch, dass mit Fütterungsmaßnahmen Wildtiere „gelenkt“ werden können, um z.B. Straßenfallwild zu minimieren oder Wild von schadensanfälligen Flächen wegzulocken.

Die Wildfütterung kann verloren gegangenen Winterlebensraum teilweise ersetzen und damit den extremen Unterschied zwischen dem Äsungsangebot im Sommer- und Winterlebensraum in der intensiv genutzten Kulturlandschaft verringern. Der einfache Schluss – ich muss füttern, damit ich keine Schäden habe – funktioniert allerdings nicht immer.

Übersicht rund um die Fütterung befriedigt das Sicherheitsbedürfnis der Rehe. Ist an der Fütterung durch mehrere Futterautomaten ausreichend Platz, gewährleistet das Ruhe. © Dr. Armin Deutz

Übersicht rund um die Fütterung befriedigt das Sicherheitsbedürfnis der Rehe. Ist an der Fütterung durch mehrere Futterautomaten ausreichend Platz, gewährleistet das Ruhe.

Der Pansen als Gärkammer

Das Vormagensystem der Wiederkäuer kann man sich wie eine Gärkammer vorstellen. Diese fasst beim Rehwild von 1,6 bis 2,5 Liter. Der Panseninhalt ist ein lebendes Medium, das eine Vielzahl von mikroskopisch kleinen Lebewesen beherbergt. Pansenbakterien und Einzeller schließen Pflanzen auf, die für andere Tierarten nicht verdaulich sind und liefern später selbst wertvolle Nährstoffe. Die Pansenflora/ -fauna ändert sich in Abhängigkeit von der aufgenommenen Nahrung (Äsung/ Futter). Kippt das Milieu des Pansensaftes, entsteht ein lebensbedrohlicher Zustand.

Neben dem Tagesrhythmus der Äsungsaufnahme gibt es einen Jahresrhythmus des Energiebedarfs. Von Oktober bis Dezember besteht ein erhöhter Nahrungsbedarf (Feistbildung). Ab Mitte Dezember bis Mitte Februar geht die Äsungsaufnahme zurück. Im Hochwinter sollten daher die Energiedichte und der Eiweißgehalt des Futters reduziert werden, um Verdauungsstörungen zu vermeiden.

Die Zukunft heisst "Totale Mischration"

Rehfutter als Totale Mischration (TMR), von dem Kraft- und Strukturfutter (hier Luzerne) gleichzeitig aufgenommen wird. Der wichtigste Rationsanteil ist geschnittenes Kleeheu bzw. Luzerne, der Rest kann z.B. aus Getreide, Pellets und getrocknetem Apfeltrester. © Dr. Armin Deutz

Rehfutter als Totale Mischration (TMR), von dem Kraft- und Strukturfutter (hier Luzerne) gleichzeitig aufgenommen wird. Der wichtigste Rationsanteil ist geschnittenes Kleeheu bzw. Luzerne, der Rest kann z.B. aus Getreide, Pellets und getrocknetem Apfeltrester.

Eigene Erfahrungen haben gezeigt, dass die gemeinsame Vorlage von Heu mit Kraftfutter sehr gut in einer Totalen Mischration (TMR) funktioniert, bei der unter das Kraftfutter (30 bis 50 Prozent) geschnittenes, gutes Klee- oder Luzerneheu (20 bis 40 Prozent) in einer Länge von 2 bis 4 cm gemischt wird. Ergänzt wird das ganz noch mit etwa 20 Prozent getrocknetem Apfeltrester.

Damit wird vermieden, dass wie bei einer separaten Futtermittelvorlage nur Kraftfutter aufgenommen wird. Die geforderte Faserlänge von 2 bis 4 cm rührt daher, dass „Rohfaser“ beim Wiederkäuer nur dann strukturwirksam oder wiederkäuergerecht ist, wenn Pflanzenfasern von mindestens 1 cm vorliegen, die auch im Wiederkaubissen mit aufgewürgt und wiedergekäut werden können.

Da nach wie vor akute und chronische Pansenübersäuerungen zu den häufigsten Krankheits- und Fallwild­ursachen zählen, soll über eine Steigerung der Wiederkäuergerechtigkeit in der Rehwildfütterung diesen Auswirkungen entgegengewirkt werden.

Rehe in milden Lagen und bei keiner oder nur geringer Schneedecke sowie beiäsungsreicheren Winterlebensräumen können mehr natürliche Beiäsung aufnehmen als in schneereichen, rauen und vielfach fichtendominierten höheren Lagen. Wenn Rehe die Möglichkeit haben, mehr Beiäsung aufzunehmen, kann das Futter auch eine höhere Eiweiß- und Energiedichte (z.B. höherer Pellets- oder Getreideanteil) aufweisen, muss aber unbedingt auch strukturwirksame Rohfaser beinhalten.

So nicht! Da sind verendete Rehe vorprogrammiert. © Dr. Armin Deutz

So nicht! Da sind verendete Rehe vorprogrammiert.

Der Nährstoffbedarf schwankt

Der Nährstoffbedarf von Rehwild ist während der Fütterungsperiode nicht gleichbleibend, sondern er verändert sich recht stark. Dem physiologischen Bedürfnis von Wildtieren kommt man deshalb mit einer Phasenfütterung am nächsten.

Dabei sind die drei Phasen Spätherbst (ca. 3 Wochen vor dem ersten Schneefall) bis Winter-Sonnenwende (21. Dezember), Winter-Sonnenwende bis Tag-Nachtgleiche (19. bis 21. März) und die dritte Phase ab der Tag-Nachtgleiche im Frühjahr zu unterscheiden. Diese Einteilung ist nicht zufällig, sondern sie stellt einen Einklang zwischen den sich ändernden Lichtverhältnissen und dem damit zusammenhängenden, hormonell gesteuerten Stoffwechsel, der letztlich auch den Bedarf bestimmt, dar. 

Zu Beginn der Fütterungsperiode ist aufgrund eines erhöhten Bedarfs eine energiereichere Versorgung zum Aufbau der wichtigen Feistdepots anzustreben. In der 2. Phase soll die Versorgung vorwiegend über Grundfuttermittel (= höherer Luzerne- bzw. Kleeheuanteil in der TMR) abgedeckt werden, wodurch auf die natürliche Drosselung des Stoffwechsels der Wildtiere reagiert wird. In der 3. Phase sollte sich die vorgelegte Ration wieder der Zusammensetzung nähern, wie sie in der 1. Phase bestanden hat.

Das Fazit: Rehe müssen nicht unbedingt gefüttert werden. Wenn man sich dazu entscheidet, dann muss eine Fütterung art- und wiederkäuergerecht, zeitlich richtig, mit heimischen Futtermitteln bester Qualität und durchgehend stattfinden. Ansonsten sollte man es – im Interesse des Wildes – besser lassen!


Univ. Doz. Dr. Armin Deutz Er ist Amtstierarzt in Murau in der Steiermark und Fachtierarzt für Wild- und Zootiere. Der langjährige PIRSCH-Autor ist natürlich auch ein passionierter Jäger.
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