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Rebhühner in die Freiheit

Rebhühner waren einst in Deutschland ein häufiges, allgegenwärtiges Flugwild der Agrarlandschaften und von großer jagdlicher Bedeutung in den Niederwildrevieren. Eingeleitet durch den langen, schneereichen Winter 1978/1979 und die nasskalte Witterung während der Kükenaufzucht in den beiden Folge­jahren, nahm der Rebhuhnbestand im Vergleich zu den Jahren davor ausgesprochen stark ab. In diese Zeit fallen auch große Flurbereinigungs­verfahren, gesteigerte Effi­zienz in der Unkraut- und Schadinsektenbekämpfung sowie eine Reduzierung der örtlichen Feldfrucht-­Arten­-vielfalt. Seit damals ­haben die Rebhuhnbesätze nicht mehr die ehemals hohe Populationsdichte erreicht, sondern 'verharren' vielmehr auf niedrigem Niveau. In nicht wenigen Revieren wird das Aussetzen von Rebhühnern als Hegemaßnahme ­diskutiert oder mit unterschiedlichem Erfolg auch praktiziert. In einigen Revieren konnten so nach dem lokalen Aussterben, als Folge jenes extremen Winters, Rebhuhnvorkommen wieder neu begründet werden, in anderen Revieren schlug das Aussetzen fehl. Weiterhin wird das Aussetzen von Reb­hühnern zur Anhebung des ­Bestandes von einigen Liebhabern dieses Wildes betrieben. Im Folgenden werden diese ­Hegemaßnahmen kritisch ­betrachtet und wichtige Punkte für ein Gelingen der Rebhuhnhege aufgezeigt. Vieles davon lässt sich auch auf die Problematik der Auswilderung von Fasan und Birkwild übertragen.

Unsportliche Hühner

(Fotos: J. E. Tillmann)


Punkt für die Auswilderung von Rebhühnern ist ihre Herkunft, das heißt ihre genetische Zugehörigkeit, aber auch die Art der Aufzucht und Haltung. Bei einem Vergleich zur Anatomie und Physiologie von wild lebenden Rebhühnern und solchen, die in Volieren auf­gewachsen sind, finden die finnischen Wissenschaftler Putaala und Hissa (1995) bedeutende Unterschiede. Auf der Suche nach den Gründen für die schlechte Überlebensrate ausgesetzter Rebhühner zeigt sich, dass Volierenvögel schwe­rer sind und größere Brustmuskel haben. Dagegen sind Herzen und Lebern relativ leichter als die der Wildvögel. Diese anatomischen Unterschiede, kombiniert mit der Tatsache, dass wilde Reb­hühner­ eine höhere Glyko­gen­konzentration und Cyto­chrom-C Oxidase Aktivität in der Brustmuskulatur aufweisen (praktisch mehr ­'Energie im Tank' haben), belegt deren vergleichsweise bessere Flugausdauer. Für eine ausdauernde Flucht vor Fressfeinden sind Wildvögel klar im Vorteil.
Ebenfalls zeigen die Autoren, dass es anatomische Unterschiede im Verdauungstrakt gibt, wobei die wilden Hühner­ einen längeren Dünndarm und Blinddarm sowie einen vergleichsweise schwereren Muskelmagen besitzen. ­Damit können die Wildvögel Nahrung effizienter aufschließen und eine höhere Nährstoffausbeute erzielen.Diese Unterschiede kann man durch die Bedingungen in den Volieren erklären: Die Ernährung ist dort rohfaser­ärmer und energiereicher. Wildvögel haben dagegen ein ständiges 'konditionelles Training' durch die wenig ­üppige 'Naturnahrung'. Die mangelhafte Fähigkeit zur Feindvermeidung, reduzierte Effizienz in der Nutzung der natürlich vorkommenden Nahrungsressourcen und eine höhere Anfälligkeit für Krankheiten sind häufig das Resultat künstlicher Rebhuhnaufzucht. Bei abrupter Aussetzung ist bei Volierenvögeln von einer sehr geringen Überlebensrate auszu­gehen. Je nach Qualität der Aufzucht und der Haltung und somit der Qualität der Vorbereitung der Rebhühner auf die Freilassung gibt es entsprechende Unterschiede. Einige Anbieter bereiten die Rebhühner durchaus angemessen auf die Auswilderung vor, so gut wie die künstliche Aufzucht es eben erlaubt. Dennoch zeigten Prof. Sodei­kat und seine Mitarbeiter (1995) am Beispiel Fasan in ihrer vergleichenden Untersuchung zum Erfolg des Auswilderns aus Extensiv- und Intensivhaltung, dass ungeachtet der 'Produktionsform' beide Gruppen gleich schlechte Überlebensraten in der Feldflur aufwiesen. Gewöhnlich überleben beim Aussetzen von Flugwild weniger als 40 Prozent den ersten Monat.
Problematisch für das Auswildern von Rebhühnern ist auch die häufig über viele ­Generationen gehende Volierenhaltung ohne Austausch oder Einkreuzung von Wildfängen. In Gefangenschaft überleben nur diejenigen, die wenig Scheu aufweisen und nicht gleich bei jeder Störung auffliegen und verunfallen. Dies sind jedoch auch die­jenigen, die sich am wenigsten in der Wildbahn behaupten und kein ausreichendes in­stinktives Feindvermeidungsverhalten zeigen. Die Gefangenschaftshaltung von Rebhühnern über mehrere Ge­nerationen führt zu einer Selektion der Individuen, die am besten an die Gefangenschaft angepasst sind – sie sind quasi andomestiziert. Ihre Eignung für die freie Wildbahn muss bezweifelt werden.

Lokale Anpassung

Rebhühner kommen in Europa­ in acht verschiedenen in der zoologischen Systematik anerkannten Unterarten vor. Diese Unterarten lassen sich sowohl in ihrem Aussehen als auch genotypisch, das heißt in ihrer Genetik, unterscheiden. Zur Ausprägung der Unterarten kommt es durch großräumige geografische Isolation in Kombination mit unterschiedlichen Auslesemechanismen, die charakteristisch für eine bestimmte Umwelt sind. Das Ergebnis der Selektion sind etwa farbliche Unterschiede im Federkleid, die sich ­beispielsweise in einem ­bestimmten Landschaftstyp bewährt haben, oder auch physiologische und anatomische Anpassungen an das vorherrschende Klima oder die Nahrung, aber auch ­Unterschiede im Verhalten. Dieser Auslese-Mechanismus, der großräumig zur Ausprägung von Unterarten führt, wirkt auch kleinräumig als Anpassung an eine lokale Umwelt. Bei der Standorttreue des Rebhuhns kommt dies im Vergleich zu anderen Vogelarten besonders zum Tragen, da raumgreifende Wanderungen und damit umfangreiche, genetische Austauschprozesse seltener sind. Die lokale Evolution führt zu geografischen Rassen, welche als Ergebnis der Auslese die beste An­passungsform an diese spezielle Umwelt darstellen. Sie sind jedoch nicht als Unterart beschrieben, da die ­Unterschiede nur schwer darzustellen sind.
Hieraus folgt, dass die beste Anpassung an die örtliche Situation des Revieres immer die autochthonen, in der Region angestammten Rebhühner besitzen. Sie haben unter dem lokalen 'Ausleseregime' überlebt, Erfahrungen gesammelt und können diese an ihren Nachwuchs weitergeben. Seien es noch so ­wenig Individuen, so sind sie von ihrer Genetik her durch ­keine andere Herkunft zu ersetzen oder zu 'ergänzen', geschweige denn zu verbessern. Alles sollte daran gesetzt werden, die natürlich vorkommenden Restbestände zu hegen. Aussetzungen anderer Herkünfte – ausgenommen sind hier natürlich die Rebhühner, die aus ausgemähten Gelegen aufgezogen wurden – können durch Durchmischung des Genoms sogar den Fortbestand der Restpopulation infrage stellen! Darüber hinaus stellen ausgesetzte Rebhühner, wenn sie nicht angemessen auf die freie Wildbahn vorbereitet sind, nicht selten eine leichte Beute für Fressfeinde dar. Sobald Rebhühner konzentriert in einem Revier ausgesetzt werden, zieht diese leichte Beute in der Regel Fressfeinde an und schult diese auf das Reißen oder Schlagen von Rebhühnern. Dadurch erhöht sich auch auf andere Wildarten der Prädationsdruck.

Traditionen

(Fotos: J. E. Tillmann)


Die heimischen Rebhühner haben zusätzlich den Vorteil, dass sie sich in ihrem Verhalten an die Bedingungen in dem Revier angepasst haben. Sie wissen genau, wie, wann und wo sie die örtlichen Ressourcen mit dem geringsten Energieaufwand nutzen können – besonders wichtig im Winter – und unter Vermeidung der immerwährenden Gefahr durch Prädatoren. Ihr Tages­ablauf, ihr Raum-Zeit-Verhalten ist das Abbild ihres Bedürfnisses nach Äsung, Ruhe und Sicherheit. Sie wissen in ihrem 'Beritt', ihrem Revier, genau, wo der Habicht zu erwarten ist, und wissen in diesem Zusammenhang, dass Ansitzwarten wie hohe Bäume und anderes zu meiden sind. Auch haben sie gelernt, dass sie entlang ortsnaher Graswege häufig durch Spaziergänger mit ihren vielfach frei laufenden Hunden aufgescheucht werden und der Bereich somit allenfalls zu kurzfristigem Äsen taugt, aber keinesfalls zur Anlage des Geleges geeignet ist. Die Erfahrung, das Überleben von Fehlern, hat die Rebhühner klug im Umgang mit den örtlichen Gefahren und Möglichkeiten gemacht. Ihr räumlich optimiertes Verhalten wird von Generation zu Generation weitergegeben und ergänzt. Die Existenz von Tradition bei Vögeln bleibt im Gegensatz zu der bei Säugetieren bei der Interpretation ihres Verhaltens häufig unberücksichtigt – ein gravierender Fehler, wie sich herausstellt. Hält man sich aber vor Augen, dass das Rebhuhnpaar mit seinen Nachkommen von Anfang Juni nicht selten bis Anfang März, das heißt knapp zehn Monate lang, als Kette im engen sozialen Verband lebt, so kann man sich leicht vorstellen, dass die Erfahrungen der Altvögel an die Jung­vögel weitergegeben werden. Die Führung der Kette, das heißt die Auswahl des Äsungs-, Deckungs- und Schlafplatzes, wird ausschließlich von den Altvögeln übernommen und prägt den Nachwuchs. Lokales Aussterben, zu dem es in dem schneereichen Jahrhundertwinter 1978/79 in nicht wenigen schwächer besetzten Revieren gekommen ist, bedeutet neben dem Verlust der Tiere auch, dass die lokale Tradition in der Raumnutzung und im Umgang mit Gefahren ausgestorben ist. Auch wissen die ortsan­sässigen Rebhühner, welche Nahrung aufgenommen werden kann und wo sie zu finden ist. Ausgesetzte Hühner müssen sich diese Kenntnisse erst 'erarbeiten'.

Das Aussetzen

Die Neubegründung einer Population ist selbst bei optimal auf das Aussetzen vorbereiteten Rebhühnern durch eine vergleichsweise hohe Verlustrate gekennzeichnet. Beim 'Kennenlernen' des Unbekannten, bei der Erschließung des neuen Lebensraumes ist das Risiko, von einem Fressfeind erwischt zu werden oder auf der Straße umzukommen, ungleich höher. In der Natur kommt es bekanntlich auch zu natürlichen Ausbreitungswanderungen von Individuen oder Gruppen verschiedenster Tierarten; es ist belegt, dass auch solche natürlichen 'Einwanderer' in ihrem neuen Lebensraum zunächst einem höheren Prädations­risiko oder Verunfallungs­risiko unterliegen.
Rebhühner sollten daher ausschließlich dann ausgesetzt werden, wenn eine lokale Population ausgestorben ist. Dabei muss berücksichtigt werden, dass meist nur in suboptimalen Lebensräumen – also, wenn keine oder eine nur mehr geringe Kapazität für Rebhühner vorhanden ist – Populationen erlöschen. Agrarlandschaften, in denen das Rebhuhn ausgestorben ist, haben häufig schlichtweg nicht mehr die notwendige Ausstattung des Lebensraums in der Qualität und Quantität zu bieten, die erforderlich ist, um eine überlebensfähige, geschweige denn jagdlich nutzbare Population zu tragen. Rebhuhnpopulationen muss man in allererster ­Linie über Lebensraum verbessernde Maßnahmen aufbauen und hegen. Um einer Restpopulation 'unter die Schwingen zu greifen', sollte mit Priorität alles daran ­gelegt werden, den Lebensraum so zu gestalten, dass er sich den Ansprüchen des Rebhuhns wieder annähert. Beispielsweise ist es Erfolg versprechend, Stoppeläcker über den Winter liegen zu lassen (Tillmann 2006), Senf als Zwischenfrucht anzubauen oder Äcker etwa im Rahmen der freiwilligen Flächenstilllegung oder im Rahmen von Agrarumweltprogrammen brachzu­legen und rebhuhnfreundlich zu gestalten. Ein dichter Winterweizen­bestand ist, insbesondere, wenn das Gesperre geführt wird, versiegelter Lebensraum und nur am Rand ­nutzbar. Solche Flächen können gezielt mit Ansaat­mischungen für mehrere ­Jahre begrünt werden, wie in dem Projekt 'Lebensraum Brache' (www.lebensraum-brache.de) praktiziert und bestätigt wurde. Wichtig für das Rebhuhn als Lauf­vogel sind auch schüttere und lückige Vegetationsbestände, damit es sich frei auf dem Boden bewegen kann. Brachen mit dicht aufge­laufenem Bewuchs müssen aufgelockert werden, indem ­man außerhalb der Brutzeit Schneisen mulcht oder besser grubbert.

Fester Wohnsitz

Von großer Bedeutung ist die Mehrjährigkeit von Brachen, die somit einen 'verlässlichen' Lebensraum darstellen. Ohne Bodenbearbeitung können diese Flächen von Erdameisen besiedelt werden, die außerordentlich wichtig für die Ernährung der Küken sind. Permanente, möglichst breite Ackerränder sowie Grabenböschun­gen, Altgrasstreifen und Ruderalflächen werden gerne als Nistplatz genutzt und spielen ebenfalls eine große Rolle bei der Kükenaufzucht. Diese sind genau wie auch offene landwirtschaftliche Wege und Graswege zu erhalten oder zu erweitern.
Bei Hecken ist darauf zu achten, dass sie regelmäßig auf den Stock gesetzt werden. Durchgewachsene Hecken mit höheren Überhältern meiden die Rebhühner bewusst, da dort Gefahr durch ansitzende Greifvögel droht. Eine Verbesserung des Lebensraums wird ebenfalls durch die Schaffung von ­Ruhezonen in der Feldmark erreicht. Wie oben bereits beschrieben, bedeutet Störung etwa durch frei laufende Hunde immer Stress für die Rebhühner und führt besonders im Winter zu Energieverlust, der in der kargen Winterlandschaft mühevoll wieder ausgeglichen werden muss. Freier Boden, lückige, niedrige Vegetation und ­Ruhe im Revier: So einfach verschafft man Rebhühnern den Himmel auf Erden.