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Nur ein kleiner Stich…

Nur dreimal in ihrem Leben braucht eine
Zecke Blut: Jedesmal der Start zum
Übergang in ein neues Lebensstadium. (Foto: Bayer HealthCare)

Zeckensaison ist eigentlich immer – schon an warmen Tagen können die Spinnentiere im Laubstreu aktiv werden. Auch wird die Liste der Erreger, mit denen sich Mensch und Hund durch einen Zeckenbiss anstecken können, immer länger. Wird die Pirsch im Wald aber tatsächlich immer gefährlicher? Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten und beschäftigt Epidemiologen, Klimaforscher und Zeckenspezialisten weltweit.

GEFAHRENLAGE

Nach wie vor ist die Lyme Borreliose in Europa die häufigste durch Zecken übertragene Krankheit: Pro Jahr infizieren sich hier bis zu 150 000 Menschen. Das ist um eine Größenordnung mehr als durch die Viren der Frühsommer- Enzephalitis (FSME) erkranken (siehe Kasten). Borreliose ist heute gut zu diagnostizieren und auch in späteren Stadien noch erfolgreich zu behandeln - von sehr seltenen Spätschäden mit substanziellen Organschäden abgesehen. Schwere chronische Verläufe sind die Ausnahme und 90 Prozent der Borreliose- Infektionen nehmen einen leichten Verlauf. Je nach Vorkommen können über ein Drittel der Zecken Borrelien in sich tragen – Nymphen weniger als erwachsene Zecken. Vom Frühjahr bis zum Herbst nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass die Zecke an einem befallenen Vogel oder Säugetier Blut „geleckt“ hat. Herbstzecken haben also eine etwas höhere Durchseuchung. Auch die Dauer, mit der eine Zecke an ihrem Wirt hängt, trägt noch zum Infektionsrisiko bei.

BABESIEN AUF DEM VORMARSCH

Wesentlich seltener sind dagegen nachgewiesene Infektionen durch Babesien. Diese Bakterien gelangen vom Speichel der Zecke direkt in die roten Blutkörperchen des Wirtstiers. Dort vermehren sie sich und zerstören auf diese Weise die Blutzellen. Immer weiter fortschreitende Blutarmut ist die Folge und schließlich der innere Erstickungstod, wenn kein Sauerstoff mehr zu den Zellen transportiert werden kann. Die Infektion kann aber auch ganz anders verlaufen – wenn das Immunsystem des Wirtstieres die Eindringliche rasch und radikal tötet. Das ist bei vielen Tierarten der Regelfall, in denen Babesien oft als „eigene“ angepasste Typen vorkommen. Nur wenn fremde Babesien eindringen, kommt es zu Symptomen. Richtig gefährlich wird es jedoch, wenn das Tier – oder der Mensch – in seiner Immunabwehr geschwächt ist. In den Tropen und Subtropen sind Babesien bei Haus- und Wildtieren nichts Neues. Die Hauptreservoire der Parasiten sind Rinderherden, in unseren Breiten mittlerweile auch das Rehwild. Fast alle möglichen Wirtstiere in den Endemiegebieten werden jung befallen und entwickeln schon früh eine Immunität gegenüber der Erkrankung. Dort, wo Babesien selten sind, kann die Infektion bei „unerfahrenen“ Wirtstieren aufflammen. Unter Hunden hat Babesiose mittlerweile stark zugenommen. Symptome sind Fieber, Blutarmut und zum Teil Nierenschäden. Viele Infektionen verlaufen aber, genauso wie beim Menschen, eher unerkannt und ohne größere Probleme. Die Kontaktrate mit Babesien schwankt regional in Deutschland. Bis zu einem Zehntel der Bevölkerung hatte nach aktuellen Untersuchungen bereits Kontakt mit dem Blutparasiten. Es gibt sogar ausgewiesene Babesien-Endemiegebiete, in denen schon seit längerer Zeit regelmäßig Menschen, vor allem Forstarbeiter oder Jäger, Antikörper in ihrem Blut tragen. Nun wurde in West- und Mitteleuropa eine neue Babesien-Art beim Rehwild entdeckt. Die befallenen Tiere selbst zeigen praktisch keine Anzeichen einer Erkrankung. Sie sind an „ihre“ Parasiten bereits von frühester Jugend an gewöhnt und angepasst. Das gilt aber zum Beispiel nicht für Gamswild. Diese Wildart reagiert deutlich empfindlicher beim Kontakt mit den Parasiten. Über die Ursachen des Auftretens und die unterschiedlichen Krankheitsverläufe wird noch gerätselt.

KLIMAFOLGEN

Die große Auwaldzecke Dermacentor ist in
vielen Arten auf der ganzen Welt verbreitet.
Sie bevorzugt warme, teilweise
trockene Lebensräume, wie sie zum
Beispiel im Süden von Baden-Württemberg
oder Brandenburg vorkommen. Auch
weiter im Osten und Südosten Europas
trifft man immer wieder auf Vorkommen
von Auwaldzecken. Nachgewiesenermaßen
beherbergt nur ein kleiner Teil dieser Tiere
Q-Fieber-Viren. Dennoch genügt das, um in
eng begrenzten, sogenannten Endemie-
Gebieten, Menschen regelmäß

Die große Auwaldzecke Dermacentor ist in vielen Arten auf der ganzen Welt verbreitet. Sie bevorzugt warme, teilweise trockene Lebensräume, wie sie zum Beispiel im Süden von Baden-Württemberg oder Brandenburg vorkommen. Auch weiter im Osten und

Liegt es vielleicht am Klimawandel, dass wir von immer mehr Erregern und Zecken bedroht werden? Ehrlichien, Rickettsien, Anaplasmen und Wohlbachien tauchen plötzlich in den Schlagzeilen und im Speichel von Holzbock, Auwald- und Hundezecke auf. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat nicht nur die Liste der von Zecken übertragenen Krankheiten zugenommen. Auch die Gebiete, in denen FSME und Borreliose auftreten, haben sprunghaft zugenommen. Zecken lieben es feucht und warm (am besten mehr als 85 Prozent Feuchte und über sechs Grad Celsius). Bei diesen Bedingungen und vielen warmblütigen Wirtstieren sind sie in Topform! Und genau diese Faktoren haben sich in der Vergangenheit zum Vorteil der Spinnentiere verändert. Trotzdem ist der einfache Zusammenhang „wärmeres Klima – mehr und gefährlichere Zecken“ umstritten. Denn ganz so geradlinig und eindeutig ist die Beziehung zwischen Umwelt, Vektor (Überträger eines Parasiten) und Erreger eben doch nicht.

NEUER RHYTHMUS

Die mittleren Frühjahrs- und Wintertemperaturen sind in den vergangenen 40 Jahren deutlich gestiegen, aber gleichzeitig auch die Trockenheit, vor allem im Frühjahr. Außerdem zeigen Regionen mit neuen Infektionskrankheiten die gleichen Klimatrends, wie Gebiete, in denen Zecken und Infektionen nicht zugenommen haben. Entscheidend ist auch das „Timing“ der Zeckenentwicklung mit der von Säugetieren. Je wärmer es ist, desto schneller wachsen die Zecken. Je trockener es ist, desto schneller sterben sie ab, aber desto mehr fressen sie auch an Kleinsäugern, deren Populationen ihrerseits wieder mit Temperatur und Feuchtigkeit der Umwelt schwanken. Es gibt einfach zu viele Variablen, um irgendwelche Vorhersagen über die künftige Zeckenentwicklung zu treffen. Eine bekannte Zeckenspezialistin, Sarah E. Randolph, Professorin an der Universität Oxford, vermutet, dass noch weitere Faktoren für die Ausbreitung von Krankheitserregern und ihren Überträgern entscheidend sind. Sie hat die Klimadaten der vergangenen Jahrzehnte und die Entwicklung und Verbreitung von Zeckenarten detailliert untersucht. Wahrscheinlich spielen – so ihr Verdacht – Veränderungen in der Landnutzung und die europaweite Zunahme von Schalenwild als bedeutende Wirte für Blutsauger und Parasiten eine bedeutende Rolle bei der Zunahme von „neuen“ Krankheiten und ihren Überträgern. Diese Fährte werden Wissenschaftler in der nächsten Zeit verstärkt unter die Lupe nehmen müssen. Sarah E. Randolph

FSME weiter auf dem Vormarsch

Die Risikogebiete für FSME nehmen
weiter zu. (Foto: www.zecken.de)

Die Risikogebiete für FSME nehmen weiter zu. (Foto: www.zecken.de)

Die Gefahr, sich mit Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) zu infizieren, hält europaweit an. Während sich die FSME-Risikogebiete ausbreiten, schwankt die Zahl der Infektionsfälle stark. Nach wie vor fehlen Behandlungsmethoden und schwere gesundheitliche Folgen von FSME treten immer wieder auf: 35 bis 38 Prozent der Patienten im Erwachsenenalter leiden langfristig an neurologischen Spätschäden, knapp zwei Prozent der Erkrankten sterben. Es gibt nur eine effektive Vorsichtsmaßnahme gegen die durch Zecken übertragene Viruserkrankung: die Impfung. Zu diesem Schluss kam kürzlich eine Expertentagung in Wien. In der jüngsten Vergangenheit erweiterten sich die bereits in 27 Ländern bekannten FSME-Risikogebiete sowohl in den Norden Europas als auch in höhere Lagen. Mittlerweile sind auch Regionen bis rund 1500 Meter Höhe betroffen – eine Entwicklung, die von vielen Wissenschaftlern unter anderem dem Klimawandel zugeschrieben wird. Im Jahr 1996 meldeten Europa und Russland 12 733 Fälle von FSME – die höchste jährliche Zahl an Neuerkrankungen zwischen 1990 und 2007. Obwohl im Jahr 2007 in ganz Europa nur 5462 Neuerkrankungen gemeldet wurden, berichteten manche Länder, wie etwa Schweden, im Jahr 2008 sogar von den meisten FSME-Fällen, die dort jemals registriert wurden (224 Fälle). In Norwegen erkrankten zwölf, in Deutschland 285 Personen neu an FSME. Daten aus Österreich zeigen, dass die Wirksamkeit der Impfung zur Verhinderung von Infektionen bei 99 Prozent liegt. Eine Teilnehmerin der Tagung berichtete, dass sie insgesamt 3,5 Jahre benötigte, um sich von der Infektion zu erholen. Allein in Österreich haben sich solch tragische Fälle jährlich allerdings von 700 auf 100 reduziert. BHA