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Niedersachsen: Schnepfenjagd im Moor

Glücklicher Schütze mit erlegten Schnepfen.


Vergessen sind Hase, Taube und Fasan. Die Gedanken drehen sich nur um eins – um dicke Moorschnepfen! Die Herbststürme treiben sie aus Skandinavien und dem Baltikum ins nördliche Niedersachsen. Dort rasten sie und stechen nach Würmern. Allein in Niedersachsen kommen in guten Jahren bis zu 10 000 Stück zur Strecke!

Wenn Jagdpächter Johann Gerdes über die Vögel mit dem langen Gesicht spricht, strahlen seine Augen, als hätte er einen Schatz gefunden. Seinen Mitjägern geht es nicht anders. Auch sie sind dem haustaubengroßen Federwild verfallen. Groß ist die Strecke bei der Moorjagd nie. In guten Jahren fallen schon mal 20 Schnepfen am Tag. „Danach machen wir immer ein gemeinsames Schnepfenessen“, berichtet Johann. „Es gibt nichts Besseres!“ Neben Flugwild werden bei der Streife auch Hasen und Kaninchen bejagt.

Doch wo Sonnentau und Pfeifengras wachsen, sind die Besätze gering. „Wer hier Strecke machen will, muss laufen“, sagt einer der Jäger und schultert seine Flinte. „Und über dutzende Gräben springen“, ergänzt ein anderer. Doch gerade das macht die Jagd hier aus: Viel laufen, viel sehen und am Ende vielleicht mit einem Stück Wild belohnt werden. Das ist Moorschnepfenjagd! „Wem es nur ums Schießen geht, der soll lieber zu Hause bleiben.“

Jagd für Kenner

Aufgepasst: Im hohen Gras ist immer mit Wild zu rechnen.


„Mal sehen, wie gut es Diana heute mit uns meint“, sagt Johann und startet seinen Traktor. Mit ihm – einem alten Mc Cormick 432 – bringt er die Vorstehschützen auf die andere Seite der mit Heidekraut bewachsenen Fläche. „Als sich mein Vater den Trecker 1963 gekaufte, hielt ihn mein Opa für größenwahnsinnig“, erzählt der Ostfriese, lächelt und streicht der 32-PS-Maschine übers rote Blech. „Heute ist es ein kleiner Floh“, sagt der Fahrer und tuckert er mit seiner wertvollen Fracht auf die andere Seite der moorigen Fläche.

Als die fünf Vorstehschützen ihre Stände erreicht haben, beginnt die Jagd. Schon hat der erste Labrador etwas in der Nase. Statt der erhofften Schnepfe streicht jedoch eine Bekassine im Zickzackflug ab. „Schnepf!“ ruft ein junger Treiber. Doch auf den zweiten Blick bemerkt er seinen Fehler und schaut verlegen zu Boden. Entfernt fallen zwei Schüsse. „Muss bei den Vorstehschützen gewesen sein“, mutmaßt Jan-Freerk Claus. „Vielleicht ein Fuchs.“ Ob er liegt? Der erfahrene Jäger glaubt es nicht. „Zwei so schnelle Schüsse bedeuten fast immer, dass vorbeigeschossen wurde“, erklärt er und hat am Ende Recht damit.

Labrador-im-Torfmoosgraben © Christian Schätze

Die Labradorhündin bewegt sich auf tückischem Untergrund.

Sprung ins Ungewisse

Fünfzig Meter weiter erreicht die Schützenkette den ersten Bewässerungsgraben, der die abgetorften Flächen mit dem lebensnotwendigen Nass versorgt. Überall wuchert Torfmoos. Das macht es schwer, die tatsächliche Breite abzuschätzen.

Während sich die Hunde durch die zähe Masse kämpfen, springen die Jäger hinüber. Schlamm spritzt, das Moor blubbert. Doch am Ende schaffen es alle, ihre Socken trocken zu halten.

„Hase nach rechts!“ ruft einer der Treiber. Das Langohr ist im Pfeifengras kaum zu erkennen. Schon ist Lampe im angrenzenden Birkenwäldchen verschwunden. „Lenja“, die schokobraune Labradorhündin, untersucht die Sasse im dürren Pfeifengrashorst. Ringsherum steht knöcheltiefes Wasser. „Ein guter Platz“, sagt Hermann Claus. „Hier würde ich mich auch vor dem Fuchs verstecken.“

Torhammer spricht

Mit Hilfe eines Traktors werden die Schützen ins Moor gebracht.


Wenige Schritte weiter streicht eine Schnepfe ab. Hermann backt an, schwingt vor und streckt sie gekonnt auf 30 Schritt. Mit einem Lächeln auf den Lippen zieht er die leere Hülse aus dem Lager und stopft den nächsten „Torhammer-Donnerblitz“ hinein. Nachdem er seine Beute begutachtet hat, steckt er sie vorsichtig in die Jackentasche. Nur die dünnen Ständer schauen noch heraus. „Mal sehen, ob hier noch so ein Schätzchen im Heidekraut sitzt“, sagt der Ostfriese und kontrolliert eine schlammige Stelle auf der Schnepfengeläuf steht.

Früher gehörte das Moor zu den besten Birkwildrevieren Niedersachsens. In den 1970er-Jahren sollen es noch 300 Raufußhühner gewesen sein. Johann Gerdes war einer der letzten, die damals noch einen Hahn freibekamen. Durch den Torfabbau ging es mit dem edlen Wild schnell bergab und versetzte ihm schließlich den Todesstoß. Der letzte Hahn wurde Erzählungen zufolge 1982 vom Habicht geschlagen. Auch wenn der Spielhahn nicht mehr balzt, gibt es im Moor das ganze Jahr über etwas zu entdecken – Kreuzottern, Ziegenmelker und Sumpfohreulen beispielsweise. Beim nächsten Treiben streicht tatsächlich einer der seltenen Greife mit nahezu lautlosem Schwingenschlag ab.

Streife im Zickzackkurs

An besonders aussichtsreichen Stellen gehen Jäger und Treiber im Zickzack, um ja nichts auszulassen. Julian, der jüngste Jäger im Bunde, ist dabei besonders lauffreudig und wird dafür glatt mit einer Schnepfe belohnt. Kurz darauf streckt er auch noch einen Hasen. Die Nachbarschützen nicken anerkennend und freuen sich mit dem jungen Jäger, der in diesem Jahr seinen ersten Bock – einen schwachen Spießer – im Moor gestreckt hat und tagelang auf Reineke ansaß.

„Wer viel läuft und gut schießt, bekommt auch was“, bringt es einer der älteren Weidmänner auf den Punkt. Treiberkumpel Juris eilt zum gestreckten Langohr und drückt es aus. Am gekonnten Griff erkennt man sofort, dass er das nicht zum ersten Mal macht. Seine zerschlissene Jagdhose ist ein weiteres Zeichen seiner Passion. Am Ende des Jagdtages liegen vier Moorschnepfen und ein Hase. Johann ist damit zufrieden, wenngleich er weiß, dass das Moor dieses Mal seine großen Schätze nicht hergeben wollte. „Für unser Schnepfenessen müssen wir also noch mal los“, sagt der Pächter schließlich. „Es gibt wirklich Schlimmeres“, flüstert einer der Weidmänner seinem Nachbarn zu, worauf der zufrieden nickt. CS


Christian Schätze Seit März 2011 Redakteur bei UNSERE JAGD, seit Mai 2013 Chefredakteur; Bankkaufmann, Jagdschein seit 1996
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