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Nachtjagd: Entfernungen und Größen bei Dunkelheit ermitteln

Thomas Bock © Thomas Bock
Thomas Bock
am
Sonntag, 08.11.2020 - 07:32
Mond-Kommt © Thomas Bock
Wer keine Technik hat ist in der Phase bevor der Mond hochkommt oft eingeschränkt. Hier lohnt es sich im Mondkalender über Stand und Uhrzeit (Auf- und Untergang) zu informieren.

Dank der neuen Wärmebildkamera entdecken wir die 4 Überläufer schon frühzeitig am oberen Ende des Stoppelackers. „Wart ok tied is all clock halbich twee“ brummt mir mein Sohn Carl ins Ohr. Nun aber Flott den Repetierer aus der Luke raus, die vier Schwarzkittel ziehen langsam aber sicher in unsere Richtung, Immer an der Waldkante entlang und brechen dort nach Eicheln. Während Carl mit dem „Wärmefuchs“ wie wir die Kamera immer nennen, die Sauen im Blick behält, richte ich mich ein und mache mich schussbereit. Der Mond ist fast voll, ist aber wegen der fortgeschrittenen Stunde schon wieder hinter den Baumkronen des gegenüberliegenden Waldes verschwunden.

Wo sind sie? Zische ich Carl an und drehe verzweifelt an der Vergrößerung des Zielfernrohrs rum. „Na da unter der dicken Eiche“ bekomme ich etwas flapsig zur Antwort. Klar die Sauen bleiben unter den Bäumen zum einen ist da die Äsung zum anderen bietet die Schlagschatten der Eichen beste Deckung. Dann zieht doch eine etwas weiter auf den Acker und steht frei auf der helleren Stoppelfläche. Ich frage nochmal zur Sicherheit „Frischlinge?“ „Nö“ sagt Carl. Denn los, ich packe die 9,3 noch fester und ziele auf das rechte Blatt der Sau. 35 Kilo, Entfernung rund 80 m, denke ich noch so bei mir und lasse dann fliegen. „Kabumm“ bricht der Schuss und die Sau quittiert mit einem langgezogenem „uuuiiieeeekkkk“. Während ich vom Mündungsfeuer geblendet bin und erstmal gar nichts mehr sehen kann, hat Carl dank Wärmebildtechnik alles im Blick. „Wat is nu?“ frage ich etwas verunsichert den Klagelaut der Sau noch im Ohr. „Alles gut, liegt, Waidmannsheil Vadder“.

Einweisung per Wärmebild

Jetzt erstmal alles sacken lassen und zurücklehnen. Der Junior fummelt derzeit an dem Wärmefuchs herum. „Willst du mal schauen? Ich hab ein Video gemacht.“ Über den kleinen schwarz-weißen Schirm flimmert bewegtes Bild. „Hier kommen die 4 Überläufer an, alle gleich groß, jetzt zieht der eine davon auf den Stoppel raus“ dann wird der Monitor der Kamera plötzlich komplett hell. „Der Schuss“ kommentiert Carl „die Hitze des Mündungsfeuers überstrahlt das Bild“. Dann sieht man einen hellen Klumpen auf dem Acker liegen, dessen Stoppeln sich deutlich von der kühleren Erde abzeichnen. „Sau tot.“

Nach einer kleinen Verschnaufpause baume ich zunächst alleine ab und gehe vorsichtig zum Stück. „Weiter links“ werde ich vom Turm her eingewiesen. Inzwischen konnte ich schon 124 Schritte zählen und es kommen noch 20 hinzu bis ich vor dem gestreckten Ferkel stehe. Sollte ich mich bei der Entfernung so verschätzt haben? Kurz darauf die zweite Überraschung. Der vermeintliche 35 Kilo Überläufer hat in kürzester Zeit sein Gewicht verdoppelt, denn vor mir liegt auf einmal eine stattliche Sau von gut und gerne 60 Kilogramm. „Na Vadder? Komplett verschätzt, weiter weg und dicker als erwartet? Frotzelt der Nachwuchs. „Sabbel nich, hol lieber das Auto“ brumme ich etwas unwirsch.

Lichter-Waldrand © Thomas Bock

In den lichteren Waldrandzonen sind die Chancen auf jagdliche Erfolg oft deutlich größer, zumal sich anwechselndes Wild auch akustisch durch den Blätterteppich ankündigt

Ich will es wissen

Am nächsten Tag will ich es dann genau wissen. Wir hängen das Schwein beim Wildhändler an die Waage, die digital 51 Kilo anzeigt (aufgebrochen). Später ist Arbeitseinsatz im Revier und ich klettere nochmal auf die Ansitzkanzel und peile mit dem Laserentfernungsmesser den Anschuss der vergangenen Nacht an. Auch der „Entfernungsfuchs“ blinkt mich mit digitalen Zahlen an und gibt den Wert 128 m aus. So gesehen lag ich mit meiner nächtlichen Schätzung um fast 50 m und 30 Kilo daneben. Da mich solche Unzulänglichkeiten extrem nerven, bin ich geneigt in Aktionismus zu verfallen.

„Wir messen jetzt alle relevanten Entfernungen von jeder Kanzel im Revier ein und schreiben die Ergebnisse mit Filzstift neben die Kanzelfenster“ versuche ich meine Mit-Jäger einzuschwören, ernte aber nur verhaltenen Beifall. „Sehr pragmatisch aber nur begrenzt tauglich, weil ortsgebunden“, bekomme ich zu hören. Die Herrschaften verlangen nach einem etwas wissenschaftlicheren Ansatz. "Warum verschätzt man sich bei Nacht viel häufiger und dazu noch eklatanter als bei Tageslicht?", kristallisiert sich die Frage heraus. Wir diskutieren angeregt und sind uns schnell im Klaren, das unter veränderten Lichtverhältnissen sich auch die scheinbaren Dimensionen von Dingen ändern und Entfernungen mangels Vergleichsmöglichkeiten schwerer einschätzen lassen. Hinzu kommt noch ein gewisses Fehlerpotential welches in den trotz Dunkelheit sichtbaren Gegenständen steckt. So ist bei Nacht von vielen Gegenständen nur ein dunkler Kernpunkt sichtbar, die bei Tageslicht sichtbare Peripherie verschwindet in der Dunkelheit. Damit verkleinern sich ihre Ausmaße dramatisch und verlieren so die Tauglichkeit für Größen- und Entfernungsvergleiche.

Entfernungsschätzung mit einem Stein

Wer einen sicheren Schuss in der Dunkelheit antragen will müsste genaugenommen vorher die Entfernung mit dem Laserentfernungsmesser kontrollieren. Das Problem dabei ist den richtigen Messpunkt durch die begrenzte Optik des LRFs zu finden und durch den Messstrahl des Geräts nicht das Wild zu vergrämen. Doch es geht auch anders. Die Nachtjagd ist ja kein Weidwerk was es erst seit Infrarot- und Wärmebildtechnik auf den Markt sind gibt. Unsere Vorväter sind mit Büchse und Fernglas losgezogen und mussten sich bei schwindendem Licht anders behelfen. Ich muss da immer an den dicken Stein denken den Opa in der Nähe der Kirrung platziert hatte. Der helle Feldstein mit seinen gut 80 cm Durchmesser lag 50 m von der Kanzel entfernt und war auch bei wenig Mondlicht immer noch gut zu erkennen. Durch seine bekannte Position diente er zum einen zur Entfernungseinschätzung. Wild vor dem Stein näher als 50 m, Stücke zwischen Stein und dem dahinter liegenden Waldrand waren 50 bis maximal 100 m Entfernt. Aber auch die Größe des Steines, der immer sorgfältig frei von Bewuchs gehalten wurde und von Zeit zu Zeit sogar einen weißen Anstrich erhielt, half beim Ansprechen. Da seine Abmessungen bekannt waren, Opa sagte immer: „der ist etwa so groß wie ein Rehbock“ ließen sich andere Stücke auf der Kirrung leichter größenmäßig einordnen.

Fahrspur © Thomas Bock

Auch die Fahrspuren der landwirtschaftlichen Gerätschaften können zur optischen Unterteilung der Ackerflächen (hier Kartoffeln) genutzt werden.

Hell-dunkel Kontraste nutzen

Lediglich als hell-dunkel Kontrastpunkt durfte man den Stein nicht benutzen. Auf meinen jugendlichen Vorschlag hin in Richtung Stein zu schießen, wenn er von einem dunklen Schatten (vermutlich Sau) verdunkelt würde, hielt Opa mir einen lang nachhallenden Vortrag über die Gefahren von Geschosssplittern. Doch den Trick mit dem helleren Unter- beziehungsweise Hintergrund gab es in Großvaters Trickkiste natürlich auch. Wenn den Sauen an der Kirrung während der Mondphase partout nicht beizukommen war, fuhren wir hellen Sand oder zwei bis drei Ballen Stroh auf die Kirrung. Großflächig verteilt bildeten diese von Natur aus hellen Materialien eine Art hellen Teppich auf dem sich die Konturen der im Gebräch stehenden Stücke abzeichneten. Nur wo Wurf und wo Pürzel waren, musste man durch sehr genaues Ansprechen noch herausfinden.

Mittel der Wahl bei Jagd in Maisschneise

Bejagungsschneisen im Mais sind oft die einzige Möglichkeit an die Sauen heranzukommen. Für eine bessere Orientierung vor dem Schuß, sollte das dunkle Band mit helleren Fixpunkten unterteilt werden

Die hell-dunkel Methode ist noch heute bei mir noch das Mittel der Wahl, wenn es um die Jagd in der Maisschneise geht. Auch wenn ein gezielter Schuss durch die vorhandene Technik heute auch bei völliger Dunkelheit möglich ist, wer sich nicht vorher orientiert hat wo und in welcher Entfernung das Stück in etwa steht hat nach dem Schuss erhebliche Probleme den Anschuss zu finden. Die gilt besonders wenn die Schneise frisch gegrubbert und ohne nennenswerten Bewuchs ist. Hier behelfe ich mich mit der oben genannten Sand Methode. Einfach zwei drei Sandstreifen quer zur Schneise ausbringen, schon lässt sich das monotone dunkle Band zwischen den Maisreihen in Abschnitte einteilen.

Erste Versuche mit an Pflöcken befestigten Reflektoren, waren effektiver, haben aber nach meiner Einschätzung das Wild zu sehr vergrämt. Besonders die hochsensiblen Wildarten wie zum Beispiel das Rotwild lassen sich durch funkelnde Reflektoren nachhaltig abschrecken. Ein Grund warum ich inzwischen mein Auto im Revier mit einem Überwurf aus Stoff verblende, bevor ich zur Kanzel gehe (mehr dazu im Beitrag „Nachtjagd: „Ausrüstung und Vorbereitung“).

Größenvergleich mit Birkenstämmen

Ein weiterer Trick Entfernungen und Größen bei besser Nacht besser einschätzen zu können sind abgelängte Birkenstämme. Die helle Rinde der Bäume leuchtet ähnlich gut durch die Dunkelheit wie der geweißte Stein. Wer nun genau weiß in welcher Distanz der oder besser noch die Stämme liegen und welche Länge sie haben hat eine perfekten Größenvergleichsmöglichkeit. Wer die Stämme etwas höher lagert (dicke Baumscheiben drunter) hat zusätzlich noch eine Möglichkeit geschaffen Stücke (besonders Schwarzwild) nach ihrer Wiederrist Höhe zu beurteilen und die Birkenstämme rotten auch nicht so schnell weg.


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