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Nachsuche auf Wolf: Das sagt ein Hundeführer

Eva Grun mit Drahthaar. © Laura Grun
Eva Grun
am
Samstag, 13.11.2021 - 11:02
Ein BGS bei einer Nachsuche © MEISTERFOTO - stock.adobe.com
Eine Nachsuche auf einen verletzten Wolf könnte es künftig häufiger geben (Symboldbild).

PIRSCH: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie den Anruf zur Nachsuche bekommen haben?

Nachsuchenführer: Auf dem Weg dorthin habe ich über alles Mögliche nachgedacht: „Ist es das Richtige, die Nachsuche zu machen“, „Der Wolf ist nicht im Jagdrecht“ oder „Was ist, wenn der Wolf meinen Hund oder mich attackiert“. Aber die eigentlichen Gedanken kamen erst danach. Ich wusste ja nicht, was auf mich zukommen könnte.

PIRSCH: Wie hat Ihr Schweißhund die Krankfährte gearbeitet?

Nachsuchenführer: Ich habe den Hund angesetzt und musste selbst erst schauen, ob er die Fährte überhaupt anfällt. Meine Hündin hat die Krankfährte anschließend gearbeitet, wie bei jedem anderen kranken Stück. Das war genau die gleiche Arbeitsweise – strukturiert und langsam. Je näher wir an das Wundbett gekommen sind, umso zügiger wurde sie am Riemen.

PIRSCH: Über welche Entfernung ging die Riemenarbeit?

Nachsuchenführer: Laut GPS habe ich 800 Meter bis zum Wundbett gearbeitet. Anschließend waren es nochmal rund 800 Meter Hatz.

PIRSCH: Gab es irgendwelche Unterschiede bei der Hatz?

Nachsuchenführer: Nein, absolut keinen Unterschied. Meine Hündin hat den Wolf genau so gestellt wie jedes Stück Schalenwild. Der einzige Unterschied war nur, dass sie etwas irritiert war, warum ich nicht sofort geschossen habe. Ich musste schließlich erst auf die Schießberechtigung vom Wolfskompetenzzentrum warten.

PIRSCH: Wie schwer waren die Verletzungen des Wolfes?

Nachsuchenführer: Beide Vorderläufe waren gebrochen – Trümmerbruch. Da hätte man nichts mehr schienen können. Für den Wolf war es das einzig Richtige, ihn zu erlösen. Der Tierarzt vor Ort hat das später auch bestätigt.

Eine Nachsuche auf einen verletzten Wolf ist ohne Genehmigung nicht möglich.

PIRSCH: Macht es aus Ihrer Sicht Sinn, dass Polizei, Tierarzt, Kompetenzzentrum usw. vor Ort sind?

Nachsuchenführer: Fakt ist, das wildlebende Tier hat Schmerzen und schiebt sich so ein, dass es schnell Wind bekommt und flüchten kann. Je mehr Leute dabei sind, desto mehr Wittrung wird verbreitet – umso schneller kann das Wild dann flüchten…

PIRSCH: Nach welchen „Spielregeln“ sollte eine Nachsuche auf den Wolf ablaufen?

Nachsuchenführer: Im Prinzip muss der rechtliche Umgang mit dem Wolf erst geklärt werden. Er steht bei uns nicht im Jagdrecht, wodurch wir ihn (Anm. Red.: ohne Genehmigung) nicht nachsuchen dürfen und schon gar nicht schießen.

PIRSCH: Es müssten also gesetzliche Richtlinien her, die die Arbeit für Nachsuchenführer erleichtern?

Nachsuchenführer: Was heißt erleichtern? Wenn ein Hundeführer eine Nachsuche übernimmt, dann ist er der „Chef am Platz“. Der Nachsuchenführer entscheidet, ob ein Tier so schwer verletzt ist, dass man einen Fangschuss antragen muss – und wenn, dann schießt nur er! Beim Wolf würde ich es nicht anders machen.

PIRSCH: Was haben andere Hundeführer zu Ihnen gesagt?

Nachsuchenführer: Manche haben gesagt: „Wie bescheuert warst du und hast den Hunde auch noch geschnallt.“ Einige hätten den Wolf gar nicht nachgesucht, solange keine Gesetzesgrundlage geschaffen wurde. Doch die Wolfspopulation wird immer größer, und damit steigt die Wahrscheinlichkeit eines Wildunfalls. Daher ist es wichtiger denn je, dass eine gesetzliche Grundlage geschaffen wird.

PIRSCH: Würden Sie eine Nachsuche auf einen verletzten Wolf wieder machen?

Nachsuchenführer: Ich würde es wieder tun – zugunsten des angefahrenen Wolfes. So blöd, wie es klingt.

PIRSCH: Würden Sie auch Ihren Schweißhund wieder in dieser Situation schnallen?

Nachsuchenführer: Ja! Ich war mir in jeder Sekunde bewusst, was ich nachsuche und dass es gefährlich werden könnte. Ich hätte es nicht gemacht, wenn ich die Schwere der Verletzung nicht erkannt hätte.

PIRSCH: Waren Sie während der Wolfsnachsuche als Nachsuchengespann versichert?

Nachsuchenführer: Da kommen wir zu dem Thema, das jedem Schweißhundeführer stinkt. Das Problem bei uns ist, dass wir generell nicht versichert sind. Im Gesetz steht zwar, dass angeschossenes bzw. verunfalltes Wild so schnell wie möglich nachgesucht werden muss und soll – um das Tier von den Qualen und Leiden zu erlösen. Aber die Berufsgenossenschaft sagt: Es ist eine Dienstleistung, die honoriert werden muss. Eine Honorierung ist aber nirgendwo festgeschrieben. Ich persönlich habe daher eine zusätzliche Unfallversicherung.

PIRSCH: Die Nachsuche auf den Wolf wurde schnell medial bekannt. Wie waren die Reaktionen einige Tage danach?

Nachsuchenführer: Ein bisschen Angst hatte ich schon, was jetzt passiert. Malen sie mir das Haus an? Und was ist, wenn jemand meine Handynummer rausbekommt? Einige Schweißhundeführerkollegen sind im Nachgang negativ belästigt worden. Ich persönlich nicht. Aber da sieht man, wie schnell man heutzutage an Telefonnummern kommt und man anderen das Leben schwer machen kann. Sowas braucht niemand – auch kein Nachsuchenführer.

PIRSCH: Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft?

Nachsuchenführer: Ja. Derjenige, der die Nachsuche auf einen Wolf durchführt, sollte selbst entscheiden und handeln dürfen. Und diese Entscheidungen müssen anschließend auch von jedem akzeptiert werden. Der Wolf ist ein wildlebendes Tier, und wie jedes andere wildlebende Stück, will er natürlich flüchten. Je länger sich ein möglicher Fangschuss also hinauszögert, umso schlimmer ist es für den Wolf oder das Stück Schalenwild. Wir Nachsuchenführer können für die Situation nichts. Wir versuchen alles – und da sind alle Schweißhundeführer gleich –, um das kranke Stück zu stellen und zu erlösen. Man macht die Nachsuche eigentlich nur für die Wildtiere. Genauso für den Wolf.